Hausgemachter Ärztemangel

Sie sitzen auf gepackten Koffern: Von rumänischen Ärztinnen, die es nach Deutschland zieht

Mittwoch, 14. Mai 2014

Ärztin Andreea Gîtan möchte so bald wie möglich im Ausland arbeiten.

Zwei Frauen, Mitte 20, treffen sich im „Barock“, ein stilvoll eingerichtetes Café am Domplatz, dem historischen Zentrum der Stadt Temeswar/Timisoara. Dunkle Möbel – ein Kronleuchter verbreitet dämmriges Licht: Hier treffen sich  regelmässig Hassan Mervat und Andreea Bianca Gîtan, zwei Frauen Mitte 20: „Lass uns so schnell wie möglich aus Rumänien verschwinden“, sagt Andreea auf Rumänisch. „Wenn Du Dich spezialisiert hast, dürfte das eigentlich gar nicht so schwer sein“, entgegnet Hassan.

Sie trägt einen weißen Pullover und  Jeans, Andreea ein schlichtes Kleid. Beide sind dezent geschminkt. Andreea und Hassan  arbeiten als Ärztinnen in einer städtischen Klinik.  Die Frage ist: Wie lange noch?  

„Ich will in ein anderes Land gehen zu arbeiten. Aber ich weiß nicht genau, ob gleich jetzt oder nach einem Monat oder einem Jahr. Weil: Ich sehe leider keine Änderungen“.  Hassan, die ein wenig Deutsch gelernt hat, zieht an ihrer Zigarette; ihr Gesichtsausdruck wird ernst; Andrea auf dem Stuhl gegenüber nickt zustimmend. Wie viele junge Ärztinnen und Ärzte sehen die beiden in Rumänien keine Zukunftsperspektive mehr.

„Ich bin in meinem zweiten Jahr. Und ich verdiene 400 Euro. Und es ist alles sehr teuer hier. Aber wenn Du keine Wohnung hast und Du musst eine Miete zahlen, ist das ungefähr 300 Euro pro Monat. Und dann hast Du nur 100 Euro für das Essen und alles andere“. Doch der bescheidene Verdienst nach dem aufwendigen Studium ist nicht der einzige Grund für den Plan der beiden, Rumänien den Rücken zu kehren. „In kleineren Krankenhäusern müssen die Patienten ihre eigenen Medikamente kaufen. Und nicht nur die Medikamente. Alle Verbände, Hygienematerial - sie müssen alles kaufen. Alles ist unterfinanziert im Gesundheitswesen“.

Die schlimmen Zustände in vielen rumänischen Krankenhäusern halten bereits seit Jahren an, berichten die beiden jungen Ärztinnen. Sie wissen ebenso: Viele ihrer Kollegen lassen sich von Patienten und Angehörigen Geldscheine zustecken;  Korruption ist im rumänischen Gesundheitssystem weit verbreitet. Diejenigen unter den Ärzten, die das nicht mitmachen wollen, sehen häufig nur einen Ausweg: Raus aus Rumänien. „Ich glaube, so etwa 50 Prozent, ja vielleicht mehr, 60 Prozent von uns, gehen in ein Deutsches Kulturzentrum und lernen Deutsch. Und danach ist alles leicht. Deutschland ist die erste Wunschposition, Deutschland, und dann Frankreich“.

Erzieherinnen, Ärzte, aber auch Krankenschwestern, Altenpfleger, Bauarbeiter, junge Informatiker: In Scharen verlassen die jungen Rumäninnen und Rumänen ihr Land. Viele sind verbittert. Etwa zur selben Zeit, als ich mit den beiden jungen Ärztinnen zusamnmensitze, haben sich auf dem zentralen Platz vor der Temeswarer Oper (aus heutiger Sicht: ironischerweise, „Pia]a Victoriei“ - „Platz des Sieges“, genannt) über 100 Menschen zu einer Demonstration gegen die Regierung getroffen.  „Via]a noastr² – unde  este?“ zu Deutsch: „Unser Leben – wo ist es geblieben?“, lautet die Aufschrift auf einem großen Transparent, das ein alter Mann mit Hut und abgetragenem Sakko hochhält. Häufig ist von der grassierenden  Korruption im Land die Rede – und davon, dass sich daran seit Jahren nichts geändert hat.

Darüber reden ein paar hundert Meter weiter, im schmucken Café „Barock“, auch die beiden Ärztinnen Hassan und Andreea. Hassan erinnert sich an ihr Studium – und darüber, wie seinerzeit manche unter den besser betuchten Studierenden an ihr Examen gekommen sind: „Mit Geld. Geld geben – und Du bekommst Dein Zertifikat. Das ist alles“. Dass sich auch daran seit Jahren nichts geändert hat, raubt den beiden Ärztinnen jegliche Hoffnung auf Besserung. Und aufs Hierblieben. Deshalb wird ihr Abschied aus Rumänien wohl schon bald ein endgültiger sein. „Ich kenne keinen Mitarbeiter oder Kollegin, die nach Deutschland gegangen ist und zurückgekommen wäre, nein. Nein, alle, die dorthin gegangen sind, sind dort geblieben“.

Die Folge: In so manchen Krankenhäusern tun sich große personelle Lücken auf. Und solange die rumänische Regierung ihren Bürgern keine bessere Lebensperspektive bietet, wird diese Lücke laufend größer.

 

Kommentare zu diesem Artikel

Anonymous, 14.05 2014, 12:03
Budgetminister Liviu Voinea: "Die Krise ist vorüber."

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