Heiz mal wieder

Donnerstag, 06. Dezember 2012

Symbolbild: sxc.hu

Und da ist sie wieder, die kalte Jahreszeit, wo man einheizen muss. In Rumänien ein Albtraum –  nicht nur für Bewohner der bequemen städtischen Blockapartments, und zwar wegen der horrenden Nebenkosten, die in den Wintermonaten ein kleineres Gehalt mit einem einzigen gierigen Happs verschlingen. Auch nicht wegen der ständigen Vollbremsungen neben beladenen Pferdewägen auf dem Land, den ganzen lieben Herbst lang. Hektisch Fenster runtergekurbelt und rausgebrüllt: „Wieviel?“ Halsabschneider! Ohnehin entspricht die gefühlte Holzmenge auf dem Karren nie und nimmer den Angaben des potenziellen Verkäufers. Fenster gleich wieder hoch! Wird schon noch einer kommen, der billiger ist. Dann die Frage, wer das Holz sägen und hacken soll, was das nun wieder alles kostet, ob es auch schön trocken ist und wie lange der Winter diesmal dauern mag, damit es auch bis zum Frühling reicht. Nein, mit all dem hat man selbst als ausländisches Greenhorn irgendwann zu leben gelernt.

Woran man sich hingegen nur schwer gewöhnt, sind winterliche Temperaturschwankungen, die natürlichen Ganzjahresextremen in nichts nachstehen, nur dass einem keine Anpassungszeit bleibt, wenn man von Minus 26 Grad auf der Straße auf einmal eine Bank, eine Arztpraxis oder ein Kaufhaus mit plus 30 Grad betritt. Nicht, dass es ein Problem wäre, sich in letzterem mit hochrotem Kopf die Kleider vom Leib zu reißen und in Unterhemd, Boxershorts und dicken Fellstiefeln (weil strumpfsockig lebensgefährlich) die Rolltreppe hochzufahren. Doch wohin mit dem Himalaya aus Mantel, Pulli, Bluse, Hose, Strumpfhose, Schal, Mütze, Handschuhe..., der einem auch auf dem Arm noch vulkanartige Schweißausbrüche beschert?

Oder aber man kommt eisig betröpfelt vom Schmelzwasser des lecken Vorstadtkleinbusses in eine von Elektroheizkörpern nur leicht überschlagene Redaktion, wo man zitternd ausharrt bis zum Feierabend, pausenlos heißen Tee trinkt und bei den unzähligen Toilettengängen feststellt, dass sogar DORT geheizt ist, nur bei uns in den Büros nicht. Vielleicht sollten wir Laptops anschaffen? Doch wehe, wenn der Winter erst mal richtig zugeschlagen hat! Dann garen wir auch dort in unseren dicken Pullis auf einmal wie Truthähne in Bratfolie, weil nämlich der Zimmerheizkörper keinen Knopf zum Regeln hat.
Was klingt wie eine Schote aus der Kommunistenzeit, ist tatsächlich in manchen alten Blocks bis heute noch gang und gäbe. Statt von vorneherein energiesparend zu heizen, öffnet man mangels besagtem Drehknopf ganz einfach die Fenster: Stickige Fernwärme raus, sibirische Kälte rein, solange, bis die Mischung stimmt. Auf diese Weise erfreuen sich auch die Tauben und Krähen der Stadt an ein paar Grade mehr, und auf Balkonien treiben die Kartoffeln aus, weil sie meinen, es sei schon Frühling.

Den Knopf gibt es übrigens nur deswegen nicht, weil ihn ohnehin keiner benutzen würde. Denn bei den Einheitsstrompreisen in Apartments ohne Zähler läuft man lieber in der Unterhose durch die Wohnung, als den Nachbarn am eigenen Stromsparen mitprofitieren zu lassen. Das macht doch jeder, hört man dann als Argument. Überhaupt beginnt sich der Durchschnittsblockbewohner erst bei 25 Grad aufwärts so gaaanz langsam wohlzufühlen. Im Gegensatz zum Sommer, wo auf mindestens 16 Grad runtergekühlt wird, soferne man es sich leisten kann, bis straßenweise der Strom ausfällt wegen all der hektisch pustenden Klimaanlagen.

Im Winter brütende Hitze, im Sommer klirrende Kälte – das erst beschert dem kommunismusgeschädigten Rumänen das Gefühl von aufkeimendem Wohlstand. Eine Faustregel, die vor allem im Auto deutlich zu spüren ist: Winters beginnen die Insassen bei 20 Grad hemmungslos zu schlottern, während bei gleicher Temperatur im Sommer verzweifelt am Gebläseknopf gedreht wird. Vielleicht könnte ja ein kleiner Trick helfen, das rumänische Temperaturgefühl den natürlichen Jahreszeiten langsam wieder anzupassen? Dafür klebe man ganz einfach auf Fenster von Wohnung und Wagen zwischen Mai und September eine Schneelandschaft, winters hingegen Sonne, Strand und Meer. Dann werden vielleicht irgendwann 20 Grad endlich wieder einfach nur 20 saisonunabhängige Grad!

Kommentare zu diesem Artikel

Peter, 11.12 2012, 13:59
Sehr schön Frau May. Ich liebe Ihre Texte und habe ähnlich Erfahrungen gemacht, auch wenn Sie natürlich einen hauch überspitzt sind. Hier in Neumarkt habe ich eine eigene Gasuhr mit Termostat. Und die heizt auf ausreichende 19 Grad. Und das nur, wenn ich zuhause bin. Nur habe ich neulich die Balkontür offen gelassen ... da ist die Heizung bei 15 Grad dann doch angesprungen. Ich erwarte mit Hochfreude die nächste Gasrechnung :))

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