Hellenische Liebe

Der neueste Film von Geo Saizescu seit Kurzem in den rumänischen Kinos

Samstag, 02. Juni 2012

Am 18. Mai dieses Jahres hatte der neueste Film „Iubire elenă“ (Hellenische Liebe) des 79-jährigen Regisseurs, Drehbuchautors und Schauspielers Geo Saizescu in den rumänischen Filmtheatern Premiere. Das kinematografische Werk, eine griechisch-rumänisch-italienische Koproduktion, wurde in Athen und Nafplio, auf der Insel Spetses, zum Teil auch in Florenz, Rom und Neapel gedreht. In den Hauptrollen sind Maia Morgenstern und Mircea Rusu, Georgiana Saizescu und Adrian Păduraru zu sehen. Das Drehbuch stammt von Geo Saizescu nach dem Werk „Ellenike agape“ des griechischen Schriftstellers, Regisseurs und Filmproduzenten Kostas Asimakopoulos.

Der Film erzählt die Lebensgeschichten zweier Frauen aus zwei verschiedenen Jahrhunderten, die sich beide für ein Leben in Selbstbestimmung entschieden, dafür kämpften und litten, und dabei zugleich nach einem Leben in Liebe strebten. Da ist zunächst die Geschichte Elenis, die als junge Frau ihrer Berufung als Malerin folgen möchte und dafür aus dem ihr im 19. Jahrhundert vorgezeichneten traditionellen Geschlechtsrollenmodell ausbrechen muss.

Sie begibt sich, unterstützt von ihrem Vater und gegen den Widerstand ihrer Mutter, zu dem italienischen Maler Altamura in die Lehre, in den sie sich sogleich verliebt, der sie seinerseits aber zunächst nur als Schülerin betrachtet. Irgendwann trennen sich ihre Wege, weil sich Altamura, mit dem Schlachtruf „Garibaldi“ auf den Lippen, in die Kämpfe des Risorgimento stürzt.


Nach Vollendung der künstlerischen Lehrjahre Elenis begegnen sich die beiden wieder, wobei Eleni ihrem Meister gleichsam als Gesellenstück ein Porträt Paganinis überreicht (der Regisseur verwendet dabei die berühmte Zeichnung von Ingres aus dem Jahr 1819). Nun entbrennt auch Altamura in Liebe, Meister und Schülerin werden ein Paar, haben gemeinsam drei Kinder, bis sie die Untreue Altamuras wieder auseinander bringt. Eleni verlässt ihn, muss danach den Tod all ihrer Kinder miterleben, und verbrennt in einem Anfall von Wahnsinn schließlich alle ihre Bilder bis auf ein einziges.

Dieses Bild, ihr allerletztes, verbindet den Handlungsstrang aus dem neunzehnten Jahrhundert mit demjenigen aus dem zwanzigsten, denn dieses Bild, ein Seestück, wird eines Tages einem Athener Kunstgeschichtsprofessor, der gerade ein Buch über Eleni Altamura schreibt, zum Verkauf angeboten. Er reist daraufhin nach Nafplio, um das Bild zu begutachten, und trifft dabei auf dessen Besitzerin in Gestalt eine Dame mittleren Alters, die offenbar von einem schweren Schicksal gezeichnet ist.

Während der täglichen Begegnungen öffnen sich die beiden allmählich und beginnen einander ihre Geschichte zu erzählen. Beatrice hat lange Jahre als Reiseführerin gearbeitet, bevor sie ihr Geliebter mit einem Kind sitzen ließ, dem sie dann ihr ganzes späteres Leben opfert. Doch der Sohn macht für die Abwesenheit des Vaters die Mutter verantwortlich und rächt sich für die von ihm durchlittene Vaterlosigkeit, indem er die Mutter täglich anruft und dabei beharrlich ins Telefon schweigt.

Filipos wird Zeuge dieser täglichen Foltertelefonate und hält dagegen: Er beschwört den stummen Sohn, nach Hause zu kommen, und zwar mit der gezielten Lüge, seine Mutter liege im Sterben. Nun beginnt der Sohn plötzlich bei seinen Telefonaten zu sprechen, und jetzt ist es die Mutter, die ihn durch ihr Schweigen quält. In der Schlussszene fallen sich Mutter und Sohn schließlich miteinander wieder versöhnt in die Arme, zur Melodie von Temistocle Popa nach den Versen von Cornel Constantiniu mit dem Titel „Iubirea ta“ (Deine Liebe).

Nicht das besagte Bild ist es aber, das die leidgeprüfte Mutter Beatrice schließlich vor dem Selbstmord bewahrt, sondern eine Traumerscheinung Elenis, die von Filipos tags darauf Beatrice gegenüber folgendermaßen gedeutet wird: Während Elenis Kinder gestorben und damit unwiderruflich von ihr gegangen seien, lebe Beatrices Sohn noch, und für dieses Leben lohne es sich, die Sehnsucht nach dem eigenen Tod zu überwinden. Am Ende triumphiert also die Liebe, die man im doppelten Sinne als hellenische und Elenische Liebe deuten kann.

Die Höhepunkte dieses Films liegen gewiss in den Dialogen zwischen Beatrice und Filipos. So wie es Maia Morgenstern gelingt, allmählich die Maske der Trauer abzulegen, die ihr spätestens seit ihrem Auftritt als schmerzensreiche Maria und Mater dolorosa in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ ins Gesicht geschrieben ist, so gelingt es auch Mircea Rusu, im Laufe ihrer gemeinsamen Begegnungen seine Manierismen abzulegen und schauspielerisch zu einem Gespräch der Seelen vorzudringen.

Mit sparsamsten theatralischen Mitteln, dem Anflug eines Lächelns auf dem Antlitz der Mater lacrimosa, dem verständnisvollen Zunicken eines in seiner Einsamkeit Gefangenen, werden wirkungsvolle filmische Effekte erzielt, die der mimischen Kunst großartiger Theaterschauspieler zu verdanken sind, welche nicht selten bereits miteinander auf der Bühne gestanden haben, jüngst etwa in Dürrenmatts Drama „Der Besuch der alten Dame“ im Bukarester Nationaltheater.

Das historische Filmpaar, Georgiana Saizescu als Eleni und Adrian Păduraru als Altamura, reicht dagegen nicht an das Kaliber des Filmpaars der Gegenwart heran, sodass die historische Handlung, die von der dramatischen Anlage her die gegenwärtige tragen oder zumindest beflügeln sollte, zu einem bloßen Appendix gerinnt. Dieser Eindruck wird noch unterstützt durch die historischen Kostüme, die eine gewisse Künstlichkeit erzeugen und letztlich operettenhaft wirken.

Fehlbesetzungen (die Eltern Elenis sind de facto im Großelternalter, die Brüder Elenis wirken seltsam leblos) tun ein Übriges, um den Film in die Nähe einer Telenovela zu rücken, deren Handlung nicht durch wirkliche Spannung und Dramatik, sondern durch Blässe und Betulichkeit und durch die immer wiederkehrende Erkennungsmelodie „Iubirea ta“ zusammengehalten wird.

Da wirkt schon der kurze Cameo-Auftritt des Regisseurs wie eine Erlösung, weil die Tauben, die dem alten Herrn auf dem Kopf herumflattern, nicht so einfach zu kontrollieren sind, wie die aufgesetzten Gesten und abgezirkelten Bewegungen der ins 19. Jahrhundert versetzten Schauspieler, die die Fremdheit ihrer Zeit gegenüber auch auf die Zuschauer übertragen.

Tröstend wirkt bei alldem das scheinbar Zeitlose, die griechische Landschaft, das Weichbild Athens, der Dom von Florenz, die Fontana di Trevi in Rom, die Großstadt Nafplio und auf der dieser vorgelagerten Insel die Festung Bourtzi. Was aber den Film im eigentlichen Sinne ausmacht, ereignet sich weder draußen im Freien noch zurück in der Geschichte, sondern drinnen in jenem Zimmer in Nafplio, in dem sich zwei fühlende Menschen begegnen, an der Schwelle zu einem neuen Lebensalter, voller Hoffnung und mit der Möglichkeit der Liebe.

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