Heltauer Kodizes im Teutsch-Haus

Klausenburger Schriftforscher bot zur Vernissage einen Streifzug durch siebenbürgische Pfarrbibliotheken

Mittwoch, 06. November 2013

Dinca stellte die restaurierten Heltauer Kodizes erstmals im Mai im Rahmen der Heltauer Tage vor.
Foto: Holger Wermke

Hermannstadt - Das jüngste Projekt im Hermannstädter Teutsch-Haus sei etwas Besonderes, schwärmte Dr. Adinel Dincă. Zum ersten Mal überhaupt würden mittelalterliche Handschriften in Rumänien einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt – im Rahmen einer Ausstellung, aber auch mit einem informativen Begleitprogramm. Den Auftakt gestaltete der Klausenburger Experte für mittelalterliches Schriftgut selbst: Dincă gab zur Vernissage von „Mittelalterliche Schriften im Dialog mit der Gegenwart – Restaurierung, Forschung, Bildung“ einen Einblick in die siebenbürgischen Pfarrbibliotheken.

Dass Dincă ein Kenner der Materie ist, davon konnten sich die etwa 20 Besucher überzeugen. Er nahm die Zuhörer mit auf einen kurzweiligen, kenntnisreichen Streifzug durch die Geschichte des Buches in Siebenbürgen. Mittelalterliche Schriften erlebten derzeit unter Forschern eine zweite Jugend, nachdem sie jahrhundertelang ob ihrer obsolet gewordenen Funktion wenig Beachtung fanden. Den einstmals privilegierten Stellenwert schriftlicher Kommunikation illustrierte Dincă anhand von Grafiken und Fotos, beispielsweise der Fresken von lesenden Messdienern in der Mediascher Margarethenkirche.

Die in der Ausstellung gezeigten Handschriften stellten eine ganz eigene Kategorie mittelalterlichen Schriftgutes dar, das sich einst in mehr oder minder großer Zahl in allen siebenbürgisch-sächsischen Pfarrbibliotheken fand. Die dort in Kodizes gebundenen Handschriftensammlungen seien in der Regel Schenkungen gewesen und wurden im Alltag rege genutzt. Produziert wurden die Schriften ausschließlich in Westeuropa, von wo sie beispielsweise durch siebenbürgische Studenten in die Heimat gelangten. Über eine herausragende Sammlung mit über 150 Büchern verfügte die Hermannstädter Gemeinde, nicht zuletzt dank der Übernahme des Bestandes des aufgelösten Dominikanerklosters, wobei dieses Phänomen europaweit ebenfalls sehr selten sei, so Dincă.

Zehn bis zwanzig solcher Kodizes habe es durchschnittlich in der  Pfarrbibliothek gegeben, so auch in der Heltauer, von deren 13 erhaltenen Kodizes neun restaurierte Handschriften in der Ausstellung gezeigt werden – darunter auch das berühmte „Missale Heltensis“ aus dem 13. Jahrhundert. Außerdem ist auch ein Manuskript aus der Mühlbacher Pfarrbibliothek zu sehen. Details aus den unter Glas ausgestellten Kodizes werden auf etwa 30 Fotografien dargestellt. Weiterführende Informationen gibt es in der im Teutsch-Haus erhältlichen Begleitbroschüre.

Leider kamen nur vergleichsweise wenige Besucher in das Begegnungs- und Kulturzentrum der evangelischen Kirche, obschon der Vortrag eigens in rumänischer Sprache angeboten wurde. Das rumänische Publikum tut sich weiter schwer mit Veranstaltungen in deutschen Institutionen, gleichzeitig blieb das deutschsprachige Publikum der Veranstaltung fern. Die Organisatoren müssen sich die Frage stellen, wie man diesen – zugegeben schwierigen Spagat – in Zukunft besser meistert, um niveauvolle Veranstaltungen nicht vor einem halbleeren Auditorium abzuhalten.

Bis zum 12. Dezember folgen noch weitere Vorträge: Am 11. November spricht um 17 Uhr Dr. Dana Dogaru über „Hermannstädter deutsche Schriften aus dem 16. Jahrhundert“, am 18. November bietet Archivarin Monica Vlaicu von 10 bis 12 und 15 bis 17 Uhr einen Paläografie-Workshop, am 25. November präsentiert Friedrich Philippi um 17 Uhr die Schulbuchsammlung des Teutsch-Hauses und zur Finissage am 12. Dezember wird um 17 Uhr ein Rundtischgespräch über die Bedeutung der Schrift für die Bildung der heutige Generation organisiert.

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