Hermann Pfaffs Donbass

Eine Neuerscheinung im Schiller Verlag Hermannstadt

Freitag, 24. März 2017

Jaques Sandulescu (Hermann Pfaff): „Donbass: Deportation und Flucht eines jungen Kronstädters“, aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Henkel, erschien vor kurzem im Schiller Verlag

„Donbass: Deportation und Flucht eines jungen Kronstädters“ von Jaques Sandulescu, Autorenpseudonym des in Kronstadt geborenen Hermann Pfaff, erschien dieses Jahr im Schiller Verlag, Hermannstadt und Bonn, nun endlich auch auf Deutsch, aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Henkel. Im autobiografischen Buch erzählt der Autor die Geschichte seiner Deportation in ein Arbeitslager der Sowjetunion im Donbass nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus dem Titel des Buches erfährt man bereits, dass es auch um eine Flucht geht. Allerdings schließt dieses Detail in keiner Weise die Spannung des in Ich-Form geschriebenen Buches aus. In der Wirklichkeit des Alltags im Lager gibt es keine Aussicht auf ein gutes Ende, aber mit dem Autor immer wieder die Aussicht auf ein Durchhalten unter den schweren, schier unerträglichen Lebensbedingungen. Seite für Seite kann man das Buch immer weniger aus den Händen lassen.
Das Buch wurde 1968 in den USA unter dem Titel „Donbas. A true Story of an escape across Russia“ veröffentlicht. Mit mehreren Neuauflagen feierte es großen Erfolg und wurde zuweilen in den Schulen als Lektüre empfohlen. Letztes Jahr erschien auch die Übersetzung ins Rumänische von Michael Petrescu und Mihaela Albu im Nemira Verlag unter dem Titel „Donbas: Povestea adevarat˛ a unui evadat român din lagărul sovietic“. In der Zeitung „Ziarul Metropolis. Cotidian Cultural“ schrieb zu diesem Anlass Monica Săndulescu, dass der Autor ein Unbekannter in Rumänien, hingegen ein Held in den USA sei, der späteren Wahlheimat des Schriftstellers.

Für die Kronstädter ist Hermann Pfaff allerdings kein Unbekannter. Am 6. Juli 2011 veröffentlicht Werner Kuchar in der Publikation der Heimatgemeinschaft Kronstadt „Neue Kronstädter Zeitung“ einen Leserbrief, in dem er Hermann Pfaff als Schulfreund in Rosenau gedenkt und auf eine frühere Veröffentlichung vom 31. März 2011 in derselben Zeitung verweist, als ein Nachruf auf den am 19. November 2010 verstorbenen Autor Jaques Sandulescu, aus dem Rumänischen ins Deutsche übertragen, erschienen war. Mit dieser Veröffentlichung auf Deutsch dürfte der Autor nun auch weiteren Kreisen des deutschsprachigen Raumes bekannt werden – voraussichtlich mit der Verwunderung derjenigen, die bislang nichts von ihm gewusst haben. Von seiner Deportation in den Donbass erzählt der Autor mit der Kühnheit eines guten Beobachters, die gerade einem jungen Geist entspricht, ohne weitere Werturteile oder moralisierende Stellungnahmen. Gerade dadurch nimmt er den Leser unmittelbar mit und gönnt ihm keinen Abstand eines verarbeiteten Erlebnismaterials. Was den Lagerhäftling beschäftigt, beschäftigt unmittelbar auch den Leser – bis die Geschichte zu Ende erzählt wird.

Anfang des Jahres 1945 wird Hermann Pfaff als 16-Jähriger jäh aus seinem Leben gerissen: Frühmorgens in Kronstadt, auf dem Weg zur Schule, wird er verhaftet und wenig später, ohne vorher zu Hause noch vorbeisehen zu dürfen, um etwa Proviant oder Kleidung zu holen, zusammen mit vielen anderen arbeitskräftigen jungen Männern und Frauen – die Verschleppten über 40 galten schon als alt – in einen Zug gebracht. Vor der Abfahrt des Zuges hat er noch kurzen Augenkontakt mit seinem Vater, den er später nie wieder sehen wird. Auch wenn den Verschleppten nichts mitgeteilt wurde, wusste doch jeder, woran sie waren: „Trotz allem schien es immer noch einen Funken Hoffnung zu geben, dass das Ziel des Zuges nicht irgendein sowjetisches Arbeitslager sein sollte. Aber Hoffnung ist Hoffnung und Vernunft ist Vernunft.“

Der junge Deportierte sieht die Lage nüchtern, eine Nüchternheit, die ihn immer begleiten wird, auch wenn er von Anfang an zu flüchten gedenkt: „Wo auch immer sie uns hinbrachten, es würde dort Menschen geben, die lebten und arbeiten. Ich würde mich eben anpassen müssen.“ Er ist sogar neugierig auf die Sowjetunion, da zu jener Zeit „viele gute Dinge über dieses Land“ gesagt wurden. Die Enttäuschung darüber lässt nicht lange auf sich warten, und auch nicht die Erkenntnis, dass er als Gefangener im fremden Land nicht gerade wohlwollend empfangen werden würde. Anstatt des in der kommunistischen Propaganda gelobten „Arbeiterparadieses“ sieht er bei den verschiedenen Stationen des Zuges „nichts außer zerlumpten Menschen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf uns spuckten“. In kurzer Zeit, nach der Ankunft im Donbass, „einer der größten Anthrazitkohleregionen der Welt“, wo das Lager jenseits von einigen Baracken noch darauf wartete von seinen Insassen errichtet zu werden, sollte er auch erfahren, dass das Zwischenmenschliche auch unter den Gefangenen zerrüttet war, als ein Vater seinem Sohn das Brot mit Gewalt wegnahm: „Jeder war für sich selbst. Es gab hier keine Beziehungen mehr, keinen Raum für das Herz.“

Wer überlebte, musste in Schichtarbeiten schwerste Zwangsarbeit in den Kohleminen leisten, begleitet von Hunger und Kälte. Stets unzureichende Brotrationen, Läuse, äußerst prekäre Waschanlagen, Angst vor dem lauernden Erschöpfungstod und zuweilen die Grobheit und Derbheit der Wächter im Lager füllen den Alltag der Gefangenen aus. Wanja, wie Sandulescu noch in den ersten Wochen von einem der Offiziere genannt wurde – einen Namen, den er auch später, als „Jaques“ übersetzt, beibehalten wird – gelingt es trotz der grausamen Lebensbedingungen, ein guter, ja sogar begehrter Arbeiter zu sein, was ihm in schwierigen Situationen weiterhelfen wird. In den Minen arbeiten die Gefangenen Seite an Seite mit russischen Arbeitern. Wanja wird ein paarmal in die umliegenden Dörfer zum Essen eingeladen, von Mädchen aus der Mine oder auch einem alten Mann, was zumindest gelegentlich den Magen füllt. Auch der eine oder andere Vorgesetzte bei der Arbeit oder auch im Lager erweist sich als nicht unmenschlich, was die Lage erträglicher macht – oder gar rettet. Sirienko, ein „Bewegungsmeister“, der „das Kommando über alles hatte außer der eigentlichen Kohleförderung“, wird sogar zum „Freund und Beschützer“, wie er im Epilog genannt wird.

Erschreckender Weise scheinen sich Wanjas notdürftige Lebensverhältnisse fast schon zu normalisieren. Dass die Gefangenen jedoch stets schutzlos und ausgeliefert waren, nicht nur dem Hunger und der Krankheit, sondern auch der Willkür der Wächter und Offiziere im Lager, dass viele der Gefangenen nicht überlebten, tritt immer wieder jäh in den Vordergrund. Wanja wird grundlos von einem neuen Wächter, „der schrecklichste Sadist“, angeschossen, was zu unüberschaubaren Eskalationen führt, die ihn fast das Leben kosten. Mit dem wortkargen Omar, der aus einem Dorf in der Nähe von Kronstadt stammt, und Puri, einem Bekannten aus Kronstadt, mit dem er im gleichen Zug gesessen hatte, schmiedet Wanja Fluchtpläne, die sie allerdings nie durchführen werden. Erst ein schrecklicher Unfall, in dessen Folge er in ein naheliegendes Krankenhaus gebracht wird, führt letztlich zur Flucht. Bei einem Einbruch in der Mine wird Wanja verschüttet und seine Beine werden zerquetscht. Im Krankenhaus gibt es keine ordentliche medizinische Versorgung und als er wenig später mitbekommt, dass ihm die eiternden Beine abgenommen werden sollen, rettet er sich mit offenen Wunden auf einen Zug.

Es scheint unmöglich, die lange Reise, die ihn letztlich nach Deutschland führen wird, zu überleben. Aber Wanja reißt sich immer wieder zusammen und trifft auch auf Menschen, die ihm weiterhelfen, jedes Mal noch ein Stückchen weit durchzuhalten und dem Unheil knapp zu entkommen. Im Transitlager Buchholz angekommen, werden seine Beine geheilt. Er erfährt von zu Hause, dass seine Schwester im Lager umgekommen ist. Sein Vater bekräftigt ihn darin, erst mal nicht nach Rumänien zurückzukehren, da die Lage unsicher sei, und Wanja beschließt, nach Amerika zu gehen. Im Epilog erfahren wir, dass er es 1949 zunächst nach Kanada schafft und später dann tatsächlich in die Vereinigten Staaten, wo er später als Jaques Sandulescu unter anderem Barbesitzer, Profiboxer, Schauspieler und Schriftsteller sein wird.
Erst Mitte der sechziger Jahre, als „Tauwetter“ im Kalten Krieg einsetzte und so auch zwischen Rumänien und den USA diplomatische Beziehungen geknüpft wurden, konnte Hermann Pfaff, alias Jaques Sandulescu, seine Mutter – sein Vater war zwischenzeitlich verstorben – im Heimatland besuchen.

Auch seinen Freund Omar, der ihn aus dem Schutt in der Mine gerettet hatte und von dem er lange Jahre nichts wusste, sieht er wieder, ebenso den Freund Getz aus Kronstadt, mit dem er eine Zeit lang das Leid im Lager geteilt hatte. Auch einige der Menschen im Donbass, die ihm ehedem geholfen hatten, wird er bei einem späteren Besuch aufsuchen. Dem Leser bleibt allerdings, trotz Epilog, das Gefühl der Unmöglichkeit einer Wiedergutmachung. Die hellwache Erzählung ohne Bitterkeit, ohne Ressentiments, bringt dem Leser ein Stück gelebter Geschichte näher. Fast nichts lenkt von den knallharten Fakten ab, aber gerade wenn sie unerträglich zu werden scheinen, ermutigt die Besonnenheit des Autors zum Weiterlesen. Zweifelsohne ist dies ein Buch, das einem bleibt.


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