Hermannstadt mal anders

Weniger bekannte Sehenswürdigkeiten für Langzeittouristen

Sonntag, 21. April 2013

Der Hermannstädter Hauptplatz ist das Herz der Stadt.

Interessante Architekturbeispiele neben dem Erlenpark.

Der Ratsturm – das Wahrzeichen von Hermannstadt.

Die Residenz der orthodoxen Bischöfe trotzt dem Wetter und der Zeit.
Fotos: Andrey Kolobov

Unlängst forderte mich ein Freund via Facebook auf, an einer Abstimmung teilzunehmen. Thema war, welche Stadt der Welt ein Blogger denn besuchen solle. Im Finale standen zwei rumänische Städte: Bukarest und, zumindest für mich selbstverständlich, Hermannstadt/Sibiu. Wahrscheinlich muss ich nicht sagen, welche Stadt meine Stimme bekommen hat. Die Zustimmung, welche Hermannstadt von den Wählern erhalten hat – sechs Mal mehr als die Hauptstadt – überraschte mich gar nicht.

Hermannstadt gehört nun seit fast 14 Jahren zu meiner alltäglichen, gewohnten Umgebung. Am 18. Oktober 1999 trug mich eine menschliche Welle aus dem Zug auf den Bahnhofsplatz. Es war ein warmer, sonniger Samstagnachmittag und die Stadt fast menschenleer. Die Erkundung der Stadt begann am frühen Sonntagmorgen und endete fast mit einem Desaster: Ich habe es geschafft, mich in den engen Gassen der Unterstadt zu verlaufen.

Nur der Turm der evangelischen Stadtpfarrkirche, der sich wie ein Zeigefinger über der Stadt erhebt, konnte mir damals die Richtung weisen. Heute wundert es mich, wenn ich gefragt werde, wie man zu dem einen oder anderen Ort gelangen kann. Und doch finde auch ich immer wieder etwas Neues in dieser altehrwürdigen, bezaubernden und ein wenig süchtig machenden Burg.
Für die meisten Besucher der Stadt ist Hermannstadt kein Enigma mehr.

Zumindest nicht für jene, die soziale Netzwerke und das Internet im Allgemeinen nutzen. Oder aber die stetig steigende Präsenz von Hermannstadt bei den Tourismusmessen im Inland und Europa verfolgen. Besucht man Hermannstadt auf eigene Faust und nur für kurze Zeit, beschränkt sich das Gesehene meistens auf die drei Plätze der Oberstadt und vielleicht die Fußgängerzone. Die meisten organisierten Touristengruppen haben ebenfalls nicht sehr viel Zeit für die Erkundung der Stadt.

Eine ganz normale Tour durch die Oberstadt dauert gute drei Stunden und dabei sieht man nur die „klassischen“ Sehenswürdigkeiten: Großer Ring/Piaţa Mare, Kleiner Ring/Piaţa Mică, die Lügenbrücke, den Huetplatz mit der evangelischen Stadtpfarrkirche und dem Brukenthalgymnasium, die Fleischergasse/Str. Mitropoliei, und dann gibt es eventuell noch einen Schnelldurchlauf durch die Heltauergasse/Str. Bălcescu mit einem Abstecher zu den Wehrtürmen und -mauern. Die Stadt hat aber viel, viel mehr zu bieten. Doch dafür braucht man Zeit und ein wenig mehr Ortskenntnisse.

Viel mehr zu bieten

Nur unweit vom Gewusel des Stadtzentrums, ein wenig versteckt und doch sehr zentral, liegt die Franziskanerkirche. Sie gab sogar der Gasse ihren Namen: Franziskanergasse/Str. Şelarilor. Die Kirche selbst stellt eine Mischung aus gotischem Baustil und  spätbarocker Innenausstattung dar. Leider ist der Zugang in die Kirche fast immer durch ein Gitter versperrt, jedoch kann man einen Blick hinein werfen und sich zumindest im Sommer im Vorraum abkühlen.

Die angenehmsten Überraschungen verstecken sich jedoch in den Innenhöfen. Am nördlichen Rand des Großen Rings erhebt sich die für Hermannstädter Verhältnisse relativ junge katholische Dreifaltigkeitskirche mit dem erheblich älteren Jesuitenkonvent daneben. Der Letztere verbirgt den einzigen „gefangenen“ Heiligen der Stadt. Im Innenhof steht die Statue des heiligen Johannes von Nepomuk. Es gab Zeiten, da schmückte diese den Hauptplatz, wie es die alten Bilder beweisen. Ebenfalls am Großen Ring und genau so gut versteckt, kann man den einzigen noch erhaltenen Wohnturm am Platz finden. Der versteckt sich hinter dem Renaissance-Portal des Haller-Hauses.

Auch der Kleine Ring hat seine Geheimnisse. Das wahrscheinlich Interessanteste ist der verwilderte Garten des Hauses Nr. 22. Will man diesen sehen, muss man mit einem sehr unhöflichen Hauswächter rechnen. Da sich der hintere Hausteil im fortgeschrittenen Verfallsstadium befindet, betritt man ihn auf eigene Gefahr. Die meisten Bewohner des Hauses neben der Lügenbrücke reagieren aber auf die Besucher gar nicht. Es ist ein kleines Universum voller Kinder, Wäscheleinen und Schwalbennester. Auf einem der Schornsteine nisten seit Jahren Störche. Sie kann man auch von der Lügenbrücke aus beobachten.

Die Reste des ersten Verteidigungsrings kann man in einem Innenhof neben dem evangelischen Pfarrhaus betrachten. Man gelangt dahin, indem man unter dem Sagturm in den schattigen Hof abbiegt. Von dort hat man auch einen schönen Ausblick auf den Turm der Spitalskirche/Biserica azilului. Und wenn man Glück hat, findet man auch einen Platz in dem dort befindlichen Restaurant. Der Ort heißt übrigens Bußwinkel. Das kleine Plätzchen vor dem Westportal der evangelischen Kirche bietet einen guten Ausgangspunkt, um die unzähligen Dächer der Unterstadt zu betrachten. Während der warmen Jahreszeit kann man das mit einer Kaffeepause verbinden.

Der Innenhof des Altemberger-Hauses, das jahrhundertelang den Sitz des Hermannstädter Bürgermeisters beherbergte, lockt die Touristen ebenfalls an. Jedoch sind auch hier die Wächter sehr unfreundlich. Man kann nicht hinein, ohne eine Eintrittskarte für das Geschichtsmuseum zu kaufen, das sich im Gebäude befindet. Dasselbe gilt übrigens auch für das Brukenthalmuseum: Auch hier gibt es Zank mit den Wächtern, will man nur die beiden Innenhöfe ansehen.

Die älteste Herberge

Das Restaurant des Hotels „Römischer Kaiser“, der ältesten Herberge der Stadt (manche behaupten sogar, des Landes), ist einen Besuch wert. Weniger wegen der Speisen, sondern wegen seines überdimensionierten Schiebedachs. Wann und ob es geöffnet wird, kann man leider nicht sagen. Im Winter sicherlich nicht. Das Michael-Brukenthal-Haus in der Heltauergasse Nr. 12 übersieht man meistens. Kein Wunder, da der Eingang zum Innenhof durch zu viele Werbetafeln verstellt ist. Vom alten Besitzer ist auch wenig übriggeblieben: nur ein Familienwappen erinnert noch an ihn.

Verlässt man die geschäftige Hermannstädter Fußgängerzone, kann man vom Dach des neuen Gebäudes der Kreisbibliothek im Astra-Park die ganze Altstadt, die Unterstadt und bei schönem Wetter sogar bis ins Land hinaus sehen. Der Ausflug in die Josephstadt bis hin zum Erlenpark/Parcul sub Arini lohnt sich ebenfalls. Neben den zahlreichen gut erhaltenen und renovierten Gebäuden wird man die ehemalige Sommerresidenz des orthodoxen Bischofs von Hermannstadt nicht übersehen. Noch immer stolz erhebt sich das fensterlose, den Wetterkapriolen preisgegebene Haus inmitten einer ehemals gepflegten Parkanlage. Man soll sich aber beeilen, denn niemand kann sagen, wann dieses über 100 Jahre alte Haus endgültig verschwindet.

Nicht weit entfernt davon befindet sich der größte Park der Stadt, der Erlenpark/Parcul sub Arini. Im Sommer ist er der wahre Magnet für die Hermannstädter und zahlreiche Gäste. Der Trinkbach, der durch den Park fließt, bietet besonders im Sommer angenehme Kühle und die vielen Bäume sorgen für den nötigen Schatten. Geht man die Allee am nördlichen Rand des Parks, kann man sehr schöne Gebäude betrachten – im besseren oder schlechteren Zustand. Der Weg durch den Park führt bis zum Zoo und dem Freilichtmuseum im Jungen Wald/Pădurea Dumbrăvii. Aber der Spaziergang bis hin kann zu einem Tagesausflug werden. Auch am anderen Rand der Altstadt, in der Salzgasse/Str. Constitu]iei, schräg gegenüber der Synagoge und neben einer neuen orthodoxen Kirche, verfällt ein verlassenes Gebäude im Neo-Brâncoveanu-Stil inmitten eines kleinen Parks.

Hat man noch Zeit und Lust, kann man die Unterstadt erforschen. Keine einfache Aufgabe im Gewirr der engen Gassen. Ein Abstecher zum Zibinsmarkt, die eingesessenen Hermannstädter nennen ihn „Platz“, ist besonders im Sommer empfehlenswert. Und wenn man meint, alles gesehen zu haben, sollte man die Augen weit öffnen und die Stadt von Neuem erkunden. Ich gebe mein Wort, man findet immer etwas Interessantes, was übersehen wurde, was einem entgangen ist. Man wird nicht anders können, als immer wieder nach Hermannstadt zu kommen, um Neues zu entdecken. Diese Jahrhunderte alte Stadt gibt ihre Geheimnisse nicht jedem preis. Und wer des Suchens müde wird, kann genießen, sich ausruhen, sich bei Festivals austoben oder einfach nur staunen.

Übrigens, die Internetabstimmung, von der ich am Anfang gesprochen hatte, stellte keine einfache Hürde für Hermannstadt dar. Die Suche nach einem neuen Reiseziel gestaltete der Blogger und so genannter „Digital Nomad“ Anil Polat nach dem Prinzip einer Meisterschaft. Anfangs standen 64 Zielorte zur Auswahl. Hermannstadt „besiegte“ Shanghai, Barcelona, Florenz, Paris und Dublin. Im Finale standen eben zwei rumänische Städte, Bukarest und Hermannstadt, einander gegenüber. Die Burg am Zibin gewann mit 2630 Stimmen gegen nur 599 für die Hauptstadt. Meines Erachtens ist dieser Sieg ehrlich verdient. Kommen Sie und entscheiden Sie selbst.

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