„Hier läuft alles viel langsamer als in China“

ADZ-Gespräch mit Cheng Wenjuan, Chinesisch-Lektorin an der West-Universität Temeswar

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Seit einem Jahr unterrichtet Cheng Wenjuan an der West-Universität Temeswar. Foto: privat

Vor einem Jahr war die West-Universität mit Plakaten mit Orangen vollgespickt. Aus der Nähe betrachtet, erkannte ich, dass es sich nicht um Orangen, sondern um Mandarinen handelte und dass es keine Werbung für die leckeren Vitamin-C-Bomben, die man so gerne in der Vorweihnachtszeit und auch danach genießt, war, sondern Werbung für Mandarin, den Pekinger Dialekt, der die heutige Standardsprache in China ist und den man nun auch an der Temeswarer Uni erlernen kann. Wenn man sich noch unschlüssig ist, ob Chinesisch überhaupt erlernbar ist oder ob es sich lohnt, die Sprache zu erlernen, sollte man sich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg anschauen, der vor Kurzem vor Studenten in Beijing eine Rede in Mandarin gehalten und darauf auch eine halbe Stunde lang auf Fragen in dem chinesischen Dialekt geantwortet hat. Der gewiefte Geschäftsmann versteht etwas von einer gelungenen Verbindung: Eine Fremdsprache, die man sich aneignet, bricht Barrieren. Das Nicht-Können jedoch wird leicht zum Handicap.

Seit einem Jahr schon unterrichtet Cheng Wenjuan Chinesisch an der West-Universität Temeswar. Sie bietet die Sprachkurse für Studenten wie auch für die Kinder der Angestellten der West-Uni an. Mit ihr führte die ADZ-Redakteurin Ştefana Ciortea-Neamţiu ein Interview. Das Frage- und Antwortspiel erfolgte allerdings auf Englisch.

Was hat Sie veranlasst, Chinesisch in Rumänien zu unterrichten?

Es ist die chinesische Regierung, die mich nach Rumänien geschickt hat. In China werden Freiwillige nach einer Prüfung von der chinesischen Regierung in andere Länder geschickt, um Chinesisch zu unterrichten. Es sind anfangs viele Absolventen mit einem Magisterabschluss, die sich bewerben. Wir waren zunächst in Beijing für die Prüfung, dann in Shanghai für ein Training. Es ist eine Herausforderung, in ein anderes Land geschickt zu werden.

Es ist nun schon Ihr zweites Jahr hier. Wie sind die Studenten?

Vergangenes Jahr hatte ich nicht so viele. Sie glaubten auch, dass ihnen Chinesisch besonders schwer fallen wird. Dieses Jahr aber sind es schon viele Studenten und sie sind sehr gut.

Warum sollten junge Leute in Rumänien Chinesisch erlernen?

Als ich meine Studenten fragte, warum sie das machten, antworteten sie mir: Weil China die Zukunft ist! Viele sind überhaupt sehr interessiert an China. In meinem Kurs sitzt auch eine Englischlehrerin, sie erklärte mir von Anfang an, dass sie sehr neugierig ist, über China zu lernen, und neulich sagte sie mir, dass sie den Kurs sehr interessant fände.

Sie unterrichten sowohl Erwachsene als auch Kinder. Wie kam das?

Die Leiterin des Departements für Internationale Beziehungen, Andra Mirona Dragotesc, kam auf mich zu und fragte mich, ob es für mich in Ordnung sei, auch Kinder zu unterrichten. Ich sagte zu, weil mir die Zeit das erlaubte und nun bringt mir das viel Genugtuung.

Wie schwierig ist es für Ihre Studenten, Chinesisch zu erlernen? Wie lange braucht ein mittelmäßiger Student, um auf ein Konversationsniveau zu kommen?

Für die meisten ist es schon schwierig. Aber ich übersetze viel ins Englische. Jede Stunde wiederholen wir auch alles. Also brauchen die Studenten sich außerhalb des Kurses nicht unbedingt vorzubereiten. Mit den Schülern mache ich viele Spiele, damit sie lernen und alles fixieren.

Bieten Sie auch zusätzliche Aktivitäten an?

Nur während des Sprachunterrichts. Ich lehre sie nicht nur die chinesischen Zeichen, ich erzähle ihnen auch über die chinesische Kultur, über unsere Festivals, die Bedeutung des Neuen Jahres bei den Chinesen und Ähnliches. Die Stunden sind modular aufgebaut, dauern 90 Minuten lang, da könnte ich nicht nur die chinesischen Zeichen vortragen, das wäre zu langweilig für sie. Ich bringe auch chinesische Witze in meine Kurse mit.

Würden Sie mir auch einen erzählen?

Viele Witze handeln über die Beziehungen zwischen jungen Leuten in China. So werden an junge Männer sehr hohe Ansprüche gestellt, wenn sie heiraten wollen: Sie sollen hoch, reich und schön sein. Von diesen drei Ansprüchen ausgehend, unterrichte ich die chinesischen Schriftzeichen für die drei Adjektive.

Welches ist Ihre Meinung über die West-Universität Temeswar im Vergleich zu den Unis in China?

Ich glaube, dass die Leute hier sehr glücklich sind, weil hier alles so viel langsamer abläuft als in China. In China muss man sehr viel und sehr schnell arbeiten, hier ist es angenehm, behaglich. Das gilt innerhalb und außerhalb der Uni. Man macht hier einen Termin für sechs Uhr aus und vielleicht kommt die Person um halb sieben. In China würde sie versuchen, vor sechs Uhr zu kommen, weil Zeit Geld ist. Was die Studenten betrifft: Uns wurde in China gesagt, dass die westlichen Studenten, die wir unterrichten werden, sehr aktiv sind, aber aus meiner Erfahrung sind sie ein bisschen schüchtern. Das hat sich gezeigt, als ich ihnen ein paar Spiele vorgeschlagen habe, sie waren dann nicht so aktiv. Aber sie lernen schnell und sind sehr intelligent.

Ihr Vertrag läuft im Sommer ab. Möchten Sie wiederkommen?

Der Vertrag wird tatsächlich jährlich erneuert. Es hängt jetzt davon ab, ob an der West-Universität ein Konfuzius-Institut eingerichtet wird oder nicht. Dann könnte ich hier volle Lehrkraft sein, zurzeit bin ich nur eine Freiwillige.

Was bedeutet das Konfuzius-Institut konkret?

Das Institut würde einen chinesischen und einen rumänischen Leiter haben und mehrere Freiwillige würden aus China kommen, um Chinesisch zu unterrichten. In Rumänien gibt es nur vier solche Einrichtungen, an den Universitäten in Bukarest, Hermannstadt/Sibiu, Klausenburg/Cluj und Kronstadt/Braşov. Ich hoffe, dass bald auch in Temeswar ein solches Institut funktionieren wird.

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