„Hier spürt man Kultur in der Luft, nichts Übernatürliches!“

Über Dracula und „Gothic Studies“ mit William Hughes, Professor an der Bath Spa Universität in Großbritannien

Samstag, 11. Juli 2015

Prof. Dr. William Hughes
Foto: Zoltán Pázmány

Im 19. Jahrhundert schockierte ein Roman und entbrannte die Fantasie der Menschen. Bram Stoker hatte mit „Dracula“ ein Denkmal der Schauerliteratur erschaffen, doch dass gut über 100 Jahre später eine richtige Vampir-Mode erscheinen würde, hätte er nicht erahnen können: in Filmen, Animationen und Videospielen, ja auch in der Spielzeugindustrie (man denke nur an die Monster-High-Puppen, die Barbie in Rente geschickt haben). Zu Recht hat sich in den letzten Jahrzehnten auch ein neuer Wissenschaftszweig entwickelt, der sich „gothic studies“ nennt. „Gothic Studies“ befassen sich mit dem Studium des Schauerromans, suchen das Thema aber zunehmend auch in anderen Medien.

Vor Kurzem hat an der West-Universität Temeswar die Tagung „Beliefs and Behaviours in Education and Culture“ („Meinungen und Verhalten in Bildung und Kultur“) stattgefunden, die zahlreiche Vertreter der „gothic studies“ aus ganz Europa zusammengebracht hat, darunter William Hughes, einen namhaften Professor an der Bath Spa Universität, Mitglied und ehemaliger Vorsitzender des Internationalen Vereins für „Gothic Studies“ IGA. Prof. Dr. William Hughes ist auch der Herausgeber der Zeitschrift „Gothic Studies“, die seit 1999 existiert. Das Interview führte ADZ-Redakteurin Ştefana Ciortea-Neamţiu.


Sie sind jetzt sehr nahe an Siebenbürgen. Fühlen Sie ein Kribbeln?

Ich bin keine besonders kribbelige Person. Was ich auf jeden Fall an Siebenbürgen möge, ist, dass man die Kultur in der Luft spürt, es liegt etwas in der Umgebung, das über Geschichte spricht, das spüre ich, aber nichts Übernatürliches. Was ich fühle, ist ein sehr reiches Geschichtsbewusstsein, sowohl der jüngsten Geschichte wie auch einer sehr, sehr langen Geschichte und ich glaube, es ist ein Land, das unglaubliche Wurzeln und einen großen Stolz innerhalb seiner Geschichte bewiesen hat, das beeindruckt mich.

Was versteht man heute unter „gothic studies“?

„Gothic studies“ ist heute ein Forschungsbereich, der sich im Aufwind befindet. Er bewegt sich aus seinem traditionellen Bereich der Literatur hin zum Film, zu den Comicromanen und auch zu den Computerspielen, um einige der Schwerpunkte zu nennen, die in der Tagung besprochen wurden. „Gothic“ als Genre ist eben eine medienorientiertere Produktionsform der schriftstellerischen und anderer Kreativität geworden. Ich denke, es ist ein sehr dynamischer Bereich der Kultur- wie auch der Literaturwissenschaften.

Wo kommen die meisten Gestalten her?

Die Antwort auf diese Frage würde mir drei Tage nehmen!

Sie müssen es aber zusammenfassen.

Ja, zusammenfassen! (Lacht) Viele meinen, dass diese Figuren aus der Psychologie der Autoren stammen. Ich glaube, dass sie aus den Kulturen herrühren. Die freudianische Perspektive sieht sie als Ausdruck der persönlichen Traumata, ich sehe die Fiktion als einen Ausdruck der Teilnahme einer Nation, Kultur oder Person an den Bewegungen in der Geschichte, der Politik, an den Gender-Bewegungen und so weiter. Die Art und Weise, wie sich die Gesellschaften und die Individuen und die Individuen innerhalb der Gesellschaft ausdrücken, ich glaube also, dass die Fiktion von dort herrührt.

Warum besteht großes Interesse für diesen Bereich?

Ich glaube, weil er nie ernst genommen wurde. „Gothic“ war immer betrachtet als etwas, das zur Popkultur gehörte. Jetzt merkt man aber, dass Schauerromane von sehr ernsten Autoren verfasst wurden, man muss nur an Mary Shelley denken, die eine sehr ernste Autorin war. Die Leute, die Schauerromane geschrieben haben waren Menschen ihrer Zeit. Bram Stoker kannte sich auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft aus, er kannte viele europäische Denker, Vertreter der britischen Politikszene, aus der amerikanischen Politik, er kannte Präsidenten, Gouverneure. In seinem Schreiben entpuppt er sich als ein sehr gebildeter Mann, in einem Raum und in einer Kultur, die sehr dynamisch und international waren.

Die Rumänen sind nicht sehr glücklich über Dracula. Oft werden die Rumänen mit Dracula assoziiert und bekommen so etwas zu hören wie: „Also Sie kommen aus Rumänien, oh Dracula!“

Das würde ich selber nie sagen, weil ich einen sehr großen Respekt für die rumänische Kultur und die Rumänen hege. Das Problem ist, dass Stoker einen Namen gestohlen hat und nichts über die Person wusste, vielleicht hat er ein bisschen über Vlad Ţepeş (Vlad den Pfähler) gelesen, er hat mit Sicherheit nicht gewusst, wie sein Roman in Rumänien rezipiert werden würde. Das ist eine kulturelle Ignoranz, die heute unverzeihlich wäre, im 19. Jahrhundert war es wahrscheinlich viel weniger auffallend. Aber ich beschuldige die Menschen in Rumänien nicht, dass sie über den Roman verärgert sind, da er einen Nationalhelden in einer unglaublichen Art und Weise porträtiert. Es ist die Übertragung des alten Vampir-Mythos auf einen politischen Mythos, was etwas ganz anderes ist. Ich glaube, in England wären wir genauso verärgert, wenn das ein Schriftsteller mit Sir George oder mit Churchill machen würde!

Andererseits lässt sich Dracula gut vermarkten. Wenn man die Törzburg/Schloss Bran besucht, ist man, noch bevor man zum Schloss kommt, von zahlreichen Verkaufsständen mit Souvenirs mit Dracula umgeben. Vor Jahren gab es sogar ein Projekt eines Dracula-Freizeitparks in Rumänien und das Publikum hat sich sehr stark dagegen gestemmt. Was meinen Sie, wäre es gut oder schlecht gewesen?

Ich glaube, dass man dadurch etwas hätte machen können, um das Unrecht zu beheben, das der geschichtlichen Figur angetan wurde. Wenn auch nicht in einem Freizeitpark. Man nehme den Mythos und stelle ihn der Wirklichkeit gegenüber. Ein Mythos, den ein irischer Autor, der in London wohnte, 1897 kreiert hat gegenüber der Geschichte, die diese Figur ganz anders darstellt. Was ich denke über Rumänien, wie es sich Dracula gegenüber verhält, ist, dass die Rumänen im Grunde vorsichtig genug in der Annäherung an diesen Text sind, um ihn zum eigenen Vorteil zu nutzen. Wenn er Arbeitsplätze verschafft, wenn er einem Land Geld bringt – und jedes Land braucht Geld – dann sollte Rumänien den Roman benutzen, um Arbeitsplätze zu schaffen. Wir leben in einer finanziell furchtbar eingeschränkten Zeit in ganz Europa und das ist ein Punkt, den man sich bewusst machen sollte: Wir müssen unsere Menschen beschützen.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 13.07 2015, 00:34
Bram Stoker hat seine Inspiration übrigens von Hermann Vámbéry gekommen, es lohnt sich diesen Namen einmal zu googlen.
dan, 12.07 2015, 09:00
Dieser Professor ist ein Beispiel für den Gelehrten im Elfenbeinturm, der nicht in der Realität lebt.

Rumänien schadet der Dracula-Mythos mehr als er nutzt. Denn Dracula ist ein negativer Charakter, der Böses tut, nichts Gutes.
Verbunden mit den in der internationalen Presse meist weitverbreiteten einseitigen negativen Berichterstattung über Rumänien ergibt dieser Dracula-Run für Rumänien nur ein seit Jahrzehnten traditionell schlechtes Bild im Ausland: ein armes Land mit armseligen Menschen, welches von Blutsaugern schon immer ausgebeutet bzw. beherrscht wurde.

Es wäre an der Zeit, daß die Elite Rumäniens endlich ein aktuelles Selbstbild Rumänien umsetzt: eines von Natur aus reichen europäischen Landes an der Grenze zum Orient, welches endlich die Fesseln der totalitären Vergangenheit, die Korruption und Armut, Unfreiheit und Dummheit, abschütteln will und deswegen z.B. einen Präsidenten hat, der vom Volk und nicht von den Parteien gewählt wurde...und der aus Siebenbürgen und nicht aus Südrumänien kommt.
Daß er aus der Mitte und nicht dem Süden kommt, ist auch eine Premiere!
Doch da leider die Marketingleute, welche die Landesdarstellung nach außen kommunizieren sollen, meist Bukarest sind, die wenig Ahnung von der Geschichte des Rest des Landes haben, ist die Selbstdarstellung Rumäniens immer noch miserabel.

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