„Hier weißt du, wer du bist“

Ein Karrierepaar aus Bukarest fand sein neues Glück auf dem Dorf in Siebenbürgen

Sonntag, 20. Oktober 2013

Kein Schild verunziert die Fassade des alten Sachsenhauses, hinter der sich heute eine moderne Pension verbirgt.

Raluca Grigore mit ihren Söhnen Petru und Iosif

Der Abenteuerspielplatz im hinteren Garten

Mihai Grigore serviert den kleinen Gästen gefüllte Tomaten und Auberginenauflauf.

Petru zeigt die sächsischen Kirchenmäntel, die seine Eltern beim Entrümpeln des Ferienhauses auf dem Dachboden fanden.

Aus der alten Scheune entstand ein uriges Restaurant.
Fotos: George Dumitriu

Wir sitzen auf der Terrasse vor der alten Scheune, heute ein lichtdurchfluteter Raum. Dicke Eichenbalken mit viel Glas dazwischen laden die Sonnenstrahlen zu jeder Tageszeit ein. Fröhlicher Kinderlärm dringt vom Abenteuerspielplatz jenseits des Baches, vermischt sich mit dem Gezwitscher der Vögel. Links ein verwilderter nachbarlicher Garten, rechts ein ziegelgedeckter alter Stall. Bunte Blumen, üppige Gemüsebeete - Idylle pur, als wären wir hier allein auf der Welt. Die junge rotblonde Frau lächelt. Sie sieht aus wie eine Fee, die der Herbstwind aus einem Nebelwald auf die sonnige Wiese geweht hat. Nur dass es der Wind des Lebens war: die Suche nach mehr Sinn und Erfüllung, nach Werten und Lebensqualität. Es gab keine langgehegten Aussteigerpläne, keinen angestauten Großstadtfrust... Was ist anders am Leben in dem siebenbürgisches Dorf als in der brodelnden Hauptstadt? „Hier bin ich näher an meiner eigentlichen Lebensphilosophie“, erklärt Raluca Grigore schlicht.

Deutsch-Weißkirch/Viscri – für viele Menschen ein Begriff. Längst hat sich das sächsische Dorf zum Touristenmagneten entwickelt. Zum Musterbeispiel für guten Geschmack mit liebevoll restaurierten Häuserfassaden, für authentisches Landleben ohne Kitsch, für kreatives Mit-einander der alten und neuen Bewohner: verbliebene und zurückgekehrte Sachsen, Aussteiger aus dem Ausland, Sommerfrischler, rumänische Bauern und sockenstrickende Zigeunerinnen. Unasphaltierte Straßen, Pferdewägen, Kühe. Fast vergißt man, die stolze Kirchenburg zu erwähnen – immerhin im Welterbe der UNESCO – die mitten im Dorf thront. Im Rinnsal neben der Hauptstraße tummeln sich Gänse, Enten, Hühner. Ach, und der blaugetünchte einfache Hof – gehört der nicht sogar seiner Hoheit, dem Prinzen von Wales?

„Das Dorf ist anders“

Von all dem wussten Mihai und Raluca Grigore nicht viel, als sie der Zufall 2007 in das siebenbürgische Deutsch-Weißkirch verschlug. Viel zu weit weg von der Hauptstadt für ein Wochenend-Domizil, das war klar. Doch für das entzückende alte Sachsenhäuschen, in das sie sich hier verliebt hatten, lohnten sich die fünf Stunden Fahrt vielleicht... Schon am zweiten Wochenende kamen sie wieder – und entschlossen sich zum Kauf. Am dritten waren schon die Akten unterschrieben. „Wir sahen, das Dorf ist anders“, erklärt Raluca den schnellen Entschluss. „Hier könnte nicht übermorgen ein Block vor dem Bauernhaus stehen, weil es doch diese Projekte von Caroline gibt“, bezieht sie sich auf die Aktivitäten zur Bewahrung des Dorfbildes durch den Mihai-Eminescu-Trust.

Die folgenden Wochenenden gab es dann erst mal Arbeit: Generalreinigung, Keller entrümpeln, Spinnennetze entfernen. In einer Aussteuertruhe am Dachboden fanden sie alte sächsische Kirchenmäntel. „Wir kamen uns vor, wie die Schatzsucher“, begeistert sich Raluca.

Auf einmal zerreisst ein markerschütterndes Brüllen die Stille und unterbricht ihre Erzählungen. Der vierjährige Petru wurde von einer Biene gestochen. Trost kann jetzt nur Mamas Schoß bieten – und da will der kleinere Iosif natürlich auch gleich mit hinauf. Mit sanften Worten wiegt die junge Mutter beide Buben im Arm. Als Petru beruhigt wieder zur Spielwiese humpelt, dicht gefolgt vom kleinen Bruder, schleichen wir uns in einem unbeobachteten Moment durch das Scheunen-Restaurant ins Haus. „Die Kinder sind gewöhnt, dass ich immer erreichbar bin“, lächelt Raluca Grigore, während sie sich nach einem ruhigen Ort umsieht. Im Restaurant ist es zu laut, die Gästezimmer sind belegt. Wir schleichen ins alte Sachsenhaus, dasselbe, das die Familie vor sechs Jahren liebevoll restauriert und zwei Jahre lang als Ferienhaus genutzt hatte. Bis sie den endgültigen Schritt wagten und alle Zelte in Bukarest abbrachen...

Raus aus der Stadt

Es war ein Sprung ins kalte Wasser, als das beruflich erfolgreiche Paar 2010 kurzentschlossen die brodelnde Hauptstadt gegen die beschauliche Abgeschiedenheit des siebenbürgischen Dorfes tauschte. Ein gewagter Schritt ohne Sicherheitsnetz, den Kopf voller Pläne und Ideen. Es gab keinen angestauten Großstadtfrust, keinen Karriereknick, keine langgehegten Aussteigerpläne. Die Suche nach mehr Sinn und Erfüllung hatte die beiden auf diesen Weg geführt. „Ich hatte eine sehr interessante Tätigkeit bei einer Immobilienfirma, Mihai arbeitete im Finanzbereich“, erzählt die heute 34-Jährige. „Wir beide verdienten ausgezeichnet.“ Wie selbstverständlich hatte das junge Paar seine ganze Zeit und Energie in den Beruf investiert. Ein spannendes Leben, zumindest für eine Weile. Doch immer öfter fragten sie sich, soll das alles gewesen sein? „Unserer Tätigkeit fehlte der höhere Sinn“, gab Raluca zu bedenken, „oder zumindest das Gefühl, dass sich irgend jemand darüber freut!“

Die zwei Jahre des Pendelns zwischen Job und Wochenendhaus, aber auch die Geburt der Jungs hatten den Ausschlag gegeben, ihre beruflichen Aktivitäten nach Deutsch-Weißkirch zu verlagern. „Ich wollte meine Kinder nicht nur morgends und abends sehen“, erklärt Raluca.

Zuerst hatten die frischgebackenen Eltern an das Naheliegendste gedacht: Mit EU-Geldern wollten sie das Ferienhaus zu einer Pension umbauen und dort Kinderferienlager organisieren. Doch weil die frühere Innenarchitektin nicht ganz von ihrem Metier lassen konnte und beiden der sächsische Landhausstil gefiel, entwickelte sich ihr Projekt unversehens zu einem Schmuckstück mit bemalten Möbeln und kostbaren Antiquitäten. Im Restaurant hängen nun die einst gefundenen Sachsenmäntel. In den Gästezimmern fanden sich Stickereien, Webteppiche, Schubladenbetten und andere Kostbarkeiten ein. Eigentlich nichts für Kinder, mussten sie schließlich feststellen.

Neue Pläne

Manchmal muss man einfach zu Laufen beginnen. Und erst der Weg gibt den Blick frei auf das eigentliche Ziel. So war es auch bei den Grigores. Heute finden Gäste aus aller Welt den Weg in die schmucke Pension, die sich von anderen Angeboten in Deutsch-Weißkirch dadurch absetzt, dass sie ein wenig teurer ist. Edles Landhausambiente, gesunde Bio-Kost, interessante Kreativ-Workshops und Aktivitäten in fast unberührter Natur, mit diesem Angebot profiliert sich die junge Familie bereits mit Erfolg im Internet (www.viscri125.ro). Ob Trüffeljagd oder Kochkurse – alternativ mit der sächsischen Gerda oder mit Starkoch Daniel Wendorf, ob Heumachen mit einer Bauernfamilie, Pferdewagenfahrt und Picknick, Brotbacken, Töpfern, Kürbis-Kunst oder Foto-Workshops, langweilig wird es ihren Gästen nicht. Selbstverständlich sind in alle Aktivitäten Kinder eingebunden oder mit einem eigenen Programmteil bedacht.

Großen Wert legen die Grigores auf gesunde Ernährung. Das Angebot der Restaurantküche wächst möglichst im eigenen Garten. Die Eier stammen von ihren „glücklichen Hühnern“, Marmelade wird selbst eingekocht und die Milchprodukte sind zumindest aus dem Dorf. Die Reste aus dem Restaurant fressen die eigenen Schweinchen, die dann wiederum... Nein, daran muss man jetzt nicht denken!

Albträume inbegriffen

Ihre Geschichte klingt wie im Bilderbuch. Gab es denn so gar keine Schwierigkeiten? Raluca Grigore seufzt. An die EU-Finanzierung möchte sie am liebsten nicht erinnert werden! Für sie war es die schlimmste Erfahrung seit dem Umzug. Die Hälfte des Geldes für ein Projekt muss man selbst einbringen, erklärt die junge Frau. Die andere Hälfte bezahlt zwar der Staat, doch müsse man sie vorstrecken. Bei der Rückerstattung mit viel Bürokratie erlebt man dann seine blauen Wunder... Die entstandenen Lücken mussten mit einem Kredit ausgeglichen werden. Ein Albtraum!
Schwierig war aber auch, gutes Personal zu finden, das zuverlässig und täglich zur Arbeit erscheint. „Die Leute auf dem Land leben in einer anderen Welt“, musste die junge Frau erkennnen. Auch das Beschaffen von Bio-Produkten gestaltet sich nicht immer leicht. Das Angebot der lokalen Erzeuger ist klein und schwankt. „Die Adept-Stiftung hatte eine Buttermaschine gekauft, doch nun ist sie kaputt und nicht mehr in Gebrauch“ klagt Raluca Grigore. „Man hat hier nicht weniger Probleme als in der Stadt“ resümiert sie. „Aber dann gehst du raus in die Natur – und wirst sofort aufgeladen mit neuer Kraft!“

Herausforderungen

Die Herausforderungen verändern sich mit der Zeit. War es anfangs die Frage „Was tu ich auf dem Dorf, wenn ich mal Zeit für mich habe?“ - hier gibts ja kein Büchercafe, kein Kino, keine alten Freunde, so stellt sich für die Zukunft eher die Frage nach Schule und Ausbildung. „Wenn die Kinder klein sind, hat man mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, sie entwickeln sich schneller auf dem Land“, beobachtet die zweifache Mutter. Doch die hiesige Schule sei nicht geeignet aus ihrer Sicht. „Vielleicht ziehen wir unter der Woche nach Kronstadt, wenn Petru und Iosif ins Schulalter kommen“, überlegt sie laut. Auch Homeschooling sei eine mögliche Perspektive, entsprechende Modelle gibt es.

Was wohl Eltern und Freunde vom Ausstieg aus der alten Welt halten? „Die Eltern hatten erst Angst, als wir beide unseren Jobs kündigten, doch jetzt akzeptieren sie es und helfen uns viel“, meint Raluca. Freunde nahmen ihre Aussteigerpläne zuerst gar nicht ernst. Von denen, die sie heute noch besuchen, genießen zwar viele das Ambiente, doch selbst wären sie nicht bereit zu einem solchen Schritt. „Die erfolgreichen jungen Karrieristen“ lächelt Raluca, „sie wollen unter Strom stehen, Cafes, Malls. Und immer und überall Lärm! Es macht ihnen Angst, sich selbst zu hören,“ fügt sie leise hinzu. „Aber hier – hier weißt du, wer du bist.“

Kommentare zu diesem Artikel

Heinrich, 27.10 2013, 13:25
Der Bericht ist sehr gut. Die Pension sicherlich auch. Die Preise halte ich jedoch für weit überzogen. Nur wehr wenige Rumänien können diese bezahlen. Ob ausländische Touristen sich auf ein Dorf wie Deutsch-Weißkirch "verirren", das nicht einmal über geteerte Zufahrtsstraßen verfügt, ist zu bezweifeln. Wenn ich die Preise mit Hotelpreisen in Deutschland vergleiche, wird das Utopische noch deutlicher.
herby, 20.10 2013, 16:53
Guter Bericht!!

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