Hirtendasein im Ausverkauf

Eindringliches Filmdokument über den Preis des Fortschritts: „Abseits aller Pfade“

Sonntag, 26. Januar 2014

Regisseur des Film „Abseits aller Pfade - off the beaten track“ (goodmovies Gmfilms, ISBN 4-260065-523968) ist der aus Mediasch stammenden Dieter Auner, der 1990 nach Deutschland auswanderte und seit 1994 in Irland lebt. Sein Debüt gab er 2001 mit „Ein Siebenbürger Abschied“, der im Astra Film Festival in Hermannstadt/Sibiu Premiere hatte. Produzent ist der rumänische Regisseur Cristian Mungiu, bekannt durch seinen mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Europäischen Filmpreis ausgezeichneten Spielfilm „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“.

Unbarmherzig hält der sogenannte Fortschritt Einzug. Auch in dem einst größten Schäferdorf der Region, irgendwo in Bistritz-Nassod – abseits aller Pfade. Seit Urzeiten hütet Familie Creta dort Schafe und führt ein hartes, entbehrungsreiches Leben. Doch seit Rumänien EU-Mitglied ist, müssen sich die Schafbauern einem erbitterten Preiskampf stellen. Ihre Produkte sind im Vergleich zu den Importen nicht mehr konkurrenzfähig.

Fern von jeder Dorfidylle zeigt der Film „Abseits aller Pfade“ Aspekte dieser bislang heilen Welt. So empfanden es zumindest die Brüder Albin und Mirel, bis das Fundament ihrer traditionellen Lebensgrundlage Stein für Stein unter ihren Füßen wegbrach. Sollen sie bleiben? Oder im Ausland ein ungewisses Glück suchen? Weder das eine, noch das andere scheint eine wahre Perspektive...

„70 Lei“, brüllt der Vater ins Handy, die Stirn sorgenvoll in Falten gelegt. „Morgen bieten sie uns 60“, murmelt Petruc Creta resigniert. Albin und Mirel schweigen betreten. Draußen wartet das ganze Dorf. 5000 Lämmer sind zu verkaufen, die auf einmal keiner mehr haben will. Doch solange die Lämmer nicht weg sind, gibt es auch keinen Käse. Ein Zahnrad greift ins andere in diesem Getriebe: Weideland – Schafe – Lämmer – Milch – Käse. Wer hat auf einmal den Knüppel hineingeworfen?

Die Oma strickt einen Pulli für Albin. Außer ihr sieht man keine Frau im Haus. Kochen, Putzen, Waschen – der Vater und die Jungs erledigen alles selbst. Das Leben ist einfach, doch was braucht man schon, wenn man täglich mit den Schafen hinauszieht? Intensive Gefühlsmomente gehen nahtlos ineinander über: Freiheit in der Natur, Vertrautheit mit den Tieren, Geborgenheit – und immer mehr der Überlebenskampf gegen das kommende Ungewisse. Seit die Straße asphaltiert ist, nimmt auch der Verkehr zu. Im Gemeindehaus gibt der Dorfpolizist Anweisungen, wie die Herden dort zu führen sind. Autos zischen an den Schäfern vorbei, viele hupen. Die ganze Welt scheint sie zu überholen. Nicht nur die Cretas versuchen verzweifelt, mit den Veränderungen Schritt zu halten. Petruc sieht sich auf dem Automarkt um.

Verhandelt: „Nein, das ist zu teuer.“ Das andere passt nicht für die Viehzucht. Irgendwann wird er fündig. Albin darf als Jüngster den Führerschein machen und kurvt mit vor Aufregung roten Wangen mit dem Fahrlehrer durch Bistritz.
Vor den Feiertagen kommen endlich auch die Frauen nach Hause! Gelächter, Umarmungen, für ein paar Tage erwacht das Dorf zum Leben – ein Glück auf Zeit. Lebhaft schildern sie ihre Erlebnisse bei der Zucchiniernte in Deutschland: „Bis zu 4000 Euro kann man verdienen“, begeistert sich Schwester Angela, „aber nur als Mann, wenn man 20 Stunden am Tag arbeitet“, fügt sie bedauernd hinzu. „Sie arbeiten bis abends, bis zum Umfallen, dann zehn Minuten Pause und weiter so bis morgens um drei oder vier. Aber es ist gutes Geld!“ Ob sie auch Deutsche gesehen haben? „Die gehen nicht raus“, lacht die Mutter, „nur frühmorgens, wenn sie den Hund ausführen!“

Zu Weihnachten kommt der Pfarrer persönlich in jedes Haus. Auch die Schafe auf der Weide werden feierlich gesegnet. Kurz darauf müssen die Frauen schon wieder packen. Flüchtige Umarmungen am Bus, verdrückte Tränen. Was sind schon ein paar Monate? Wer nicht um den Fortschritt kämpft, ist zum Untergang verdammt.

Zum Schluss des Films erneut eine Wiedersehensszene. Diesmal hat Mutter groß eingekauft! Fünf Gläser Nutella, eine Flasche Lenor, „das macht guten Geruch für die Wäsche“... „In zwei Wochen ist es leer,“ liest Mirel lakonisch von der Packung. „Warum hast du so viel Kaugummi mitgebracht?“ fragt er beiläufig, während er den neuen Staubsauger zusammenbaut. „Du hast ein Vermögen ausgegeben!“ schimpft der Vater. Albin öffnet im Hintergrund stumm eine Röhre Chips. Die teure Sorte, die man hier nicht überall findet. Andächtig erforscht er den fremden Geschmack. Dann drückt er nachdenklich den Deckel wieder drauf. Als wolle er sagen: Genug! Lasst mich endlich aufwachen aus eurem merkwürdigen, verwirrenden Traum...

Kommentare zu diesem Artikel

Schorsch, 27.01 2014, 12:07
Da ist aber einiges falsch, lieber Alexander: die Billiglämmer im Westen sind nicht Ergebnis dessen, dass dort einfach produktiver gearbeitet wird, sondern v. a. ein Ergebnis der Agrarindustrie und ihrer Massenproduktion mit chemisch verseuchter Kunstnahrung und Antibiotikaspritzen fürs schnelle Wachstum. Da ist mir noch jeder Hammel aus den siebenbürgischen Bergen tausend mal lieber als der Massenfraß, den wir im Westen vorgesetzt kriegen, genauso wie der nicht verpackte Käse der rumänischen Hirten und Schäfer aus den Dörfern und Bergen vom Gemüsemarkt jedem eingeschweißten Massenprodukt vorzuziehen ist, weil besser im Geschmack, natürlicher in der Herstellung und gesünder. Nicht umsonst hat die Lebensmitttelindustriemafia ganz im Sinne von METRO & Co vor ein paar Jahren versucht, die Hirten aus dem Geschäft zu drängen mit ihren eingeschweißten Fabrikkäse. In Deutschland haben übrigens die Regionalproduzenten und Biobauern längst schon wieder Aufschwung. Und können sehr gut davon leben
Alexander, 26.01 2014, 04:44
"... seit Rumänien EU-Mitglied ist ..." - so so - das wird wohl der Grund sein - oder nicht vielleicht der Wunsch nach einem neuen Haus, einem Auto, einem höheren Lebensstandard, den man mit der Schafszucht eben nicht erwirtschaften kann? Man kann schleicht nicht mehr Einkommen erwarten, wenn man die Produktivität nicht erhöht. Arbeiten wie vor 20 Jahren in Rumänien, aber verdienen wie in heute Mitteleuropa? Das passt nicht. Zumal die Konkurrenz aus der EU: Wie kann es nur sein, dass man in anderen EU-Ländern, wo die Einkommen höher sind, Lämmer billiger anbieten kann? Der EU-Beitritt hat vor allem dazu geführt, dass modern im Konsum geworden ist.

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