Historische Gobelins und moderne Tapisserien

Bukarester Doppelausstellung mit Bildwirkereien aus vier Jahrhunderten

Freitag, 13. Januar 2012

Gérard Schlosser: „Ca sent bon“, 1987

In Zusammenarbeit mit der Französischen Botschaft in Rumänien, dem Institut Français in Bukarest und Le Mobilier National in Frankreich zeigen zwei Bukarester Museen derzeit gemeinsam eine Doppelausstellung, die der Handwerkskunst der Bildwirkerei in Frankreich gewidmet ist: Das Nationale Kunstmuseum Rumäniens in Bukarest präsentiert zwanzig kunstvoll gewobene historische Wandbehänge aus der Nationalen Gobelin-Manufaktur in Paris, und das Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst in Bukarest stellt moderne Tapisserien aus, deren Motive von Künstlern wie Matisse, Le Corbusier, Picasso oder Miró entworfen wurden. Die Doppelausstellung kann noch bis zum 26. Februar 2012 in den beiden genannten Bukarester Museen besucht werden.

Die Handwerkskunst der Bildwirkerei erfuhr in Frankreich unter den Bourbonenkönigen eine breite ökonomische Förderung. Unter dem französischen König Heinrich IV. wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Paris eine Gobelin-Manufaktur gegründet, die der Dominanz der niederländischen Manufakturen wirtschaftlich und künstlerisch Paroli bieten sollte. Die zunächst als privates Unternehmen geführte Manufaktur wurde über ein halbes Jahrhundert später unter Ludwig XIV. als Königliche Tapisserie-Manufaktur weitergeführt. Über eintausend der historischen Gobelins, die in der Pariser Manufaktur entstanden sind, befinden sich heute unter staatlicher Verwaltung von Le Mobilier National.

Zu den ältesten der in der Bukarester Gobelin-Ausstellung gezeigten Werke zählt eine Tapisserie mit dem Koloss von Rhodos, der zu den Sieben Weltwundern der Antike gerechnet wurde. Breitbeinig steht die Kolossalstatue über der Hafeneinfahrt der von einer mächtigen Stadtmauer umfassten Inselhauptstadt, in der rechten Hand hält das Helios-Standbild einen Bogen, in der linken einen Herrscherstab, auf dem Rücken trägt es einen Köcher und auf der Brust einen Spiegel als Medaillon. Unter seinem Schritt passieren mächtige Kriegsschiffe den Zugang zum Hafen, während die monumentale Stadtarchitektur von der einstigen Bedeutung der Handelsmetropole zeugt.

Die nach 1607 gewobene Tapisserie basiert auf Entwürfen von Antoine Caron (1521-1599) und Henri Lerambert (1540-1608): Schon in der Frühzeit der Gobelin-Manufaktur waren also sowohl Künstler, von denen die Entwürfe stammten, als auch Kunsthandwerker, die diese Entwürfe technisch umsetzten, gemeinsam an der Produktion der jeweiligen Einzelstücke, Bildfolgen oder Behänge beteiligt.

Das Material, aus denen die in Bukarest gezeigten Tapisserien gefertigt sind, ist Wolle und Seide, wobei nicht selten auch Silber- und Goldfäden in die Gobelins eingewirkt sind. Die monumentalen Wandbehänge, die kaum in die hohen Ausstellungsräume passen, sind durch ihre schiere Größe für heroische und mythologische Themen geradezu prädestiniert, wobei die Kuratoren der Ausstellung sich ausschließlich für Einzelstücke entschieden haben, nie aber für mehrere Teile einer Bildfolge.

Themen der Bildfolgen, denen die gezeigten Werke entstammen, sind beispielsweise: Göttertriumphe, Götterliebschaften, Geschichte der Artemis, Ilias, Alexander der Große, Altes Testament, Neues Testament, Geschichte der Könige, Königliche Residenzen. Die einzelnen Bildsequenzen wurden in zahlreichen Exemplaren seriell gefertigt, was zu einer starken nationalen wie internationalen Verbreitung der wertvollen Gobelins führte.

Besonders eindrücklich ist der Gobelin mit dem Motiv der Opferung Iphigenies in Aulis aus den Jahren 1733-36 nach einem Entwurf von Charles-Antoine Coypel (1694-1752): Über dem Opferaltar schwebt, mit einer Hirschkuh als Ersatzopfer, die Göttin Artemis, die Iphigenie nach Tauris entrücken wird, aber hoch über der Göttin thront ein Medaillon mit den Lilien der Bourbonen und über diesen die Krone des französischen Königs, als laute das Bildprogramm ketzerisch „rex supra deos“!

Im angrenzenden Saal der Rotunde werden dann auch kleinformatigere Tapisserien, vornehmlich aus dem 18. und 19. Jahrhundert, gezeigt, darunter die sehenswerte „Entführung Proserpinas durch Pluto“ (1772-1774) oder der „Raub Orithyas durch Boreas“ (1802-1803). Aus dem Zyklus „Die Türkische Botschaft“ kann man den farbenprächtigen „Auszug des Türkischen Botschafters aus den Tuilerien-Gärten“ (1734-1737) bewundern und sich dabei gedanklich in die Zeit des Rokoko zurückversetzen.

Gleichsam als moderne Fortsetzung dieser historischen Gobelin-Schau lässt sich die Ausstellung betrachten, die parallel dazu im Bukarester Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst unter dem Titel „Die Erneuerung der zeitgenössischen Tapisserie, von 1950 bis in unsere Tage“ gezeigt wird. In den beiden Teiletagen des ersten Museumsobergeschosses sind insgesamt 35 großflächige Bildwirkereien ausgestellt, die während der vergangenen fünf Jahrzehnte geschaffen wurden und die sich allesamt auf künstlerische Vorbilder beziehen, gemäß der Überzeugung, die einer der ehemaligen Direktoren des Museums für Moderne Kunst der Stadt Paris folgendermaßen formuliert hat: „Ohne Künstler gibt es nur mittelmäßige Tapisserien, ohne talentierte Bildwirker keine schönen Tapisserien, aus dieser intimen Verbindung entsteht erst die Tapisserie.“

So finden sich bekannte Werke der klassischen Moderne (Picasso, Matisse, Miró, Le Corbusier), seien es Collagen, Gouachen, Lithografien oder Tuschezeichnungen, in dieser Ausstellung in Form von kunstvoll gewobenen Tapisserien wieder, die zum Teil mehrere Jahrzehnte nach dem originalen Vorbild entstanden sind.

Die im Bukarester Museum für zeitgenössische Kunst gezeigten Exponate wirken dabei wie eine Auffächerung der wichtigsten Kunstströmungen der vergangenen Jahrzehnte: der Vertreter der Op-Art Victor Vasarely ist mit einer Farbserigrafie in Tapisserieform vertreten, Pierre Buraglio steht für die französische Kunstströmung Supports/Surfaces, Repräsentanten der Konzeptkunst finden sich neben Vertretern der figurativen und non-figurativen Malerei.

Besonders beeindruckend ist die Tapisserie nach einer Tuschezeichnung von Mario Prassinos, der sich in seiner abstrakten Malerei ausführlich mit dem Grabtuch von Turin auseinandergesetzt hat. Seine Zeichnung „Leichentuch Nr. 2“ aus dem Jahre 1975 wurde 1990 von französischen Meistern kongenial in eine zweifarbige Tapisserie verwandelt. Ein Ölbild von Philippe Cognée mit breiten polychromen Pinselstrichen, das eine Straßenszene mit fahrenden Autos zeigt, besteht in seiner aus Wolle und Seide gewirkten Version aus sage und schreibe 51 Farben, während die Tapisseriemeister, die Werke von Matisse oder Miró nachschufen, mit einem halben bis einem Dutzend Farben auskamen.

Ein in den Ausstellungsräumen ausliegendes instruktives Begleitblatt der Kuratorin Marie-Hélène Massé-Bersani führt, neben gelehrten Anmerkungen zur Art und Weise der Umsetzung eines originalen Modells in eine Tapisserie, auch in verschiedene Webtechniken ein, die von den französischen Manufakturen, etwa von der Manufacture-Beauvais-Nationale, bis auf den heutigen Tag angewandt werden.

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