Höhepunkte einer Studienfahrt in die Bukowina (I)

Dr. Steffen Schlandt mit Prof. Walter Kindl (rechts), Domkapellmeister aus Temeswar der die Gruppe musikalisch begleitet hat, auf der Orgelempore in der Schwarzen Kirche. Foto: die Verfasserin

Vom 8. - 18. Mai besuchte eine interessierte Teilnehmergruppe die Nord- und Südbukowina, also die Kirchenburgen im Buchenland, die Moldauklöster in der Nordbukowina, und in der Ukraine Czernowitz, eine Stadt mit Vergangenheit, ‘wo Menschen und Bücher lebten’ wie Paul Celan es einmal nannte.

 

Die mehrtägige Rundreise begann in Kronstadt, mit dem Besuch der Schwarzen Kirche: Dr. Steffen Schlandt empfing die Teilnehmer auf der Empore, um nicht nur die 1836 bis 1839 fertig gestellte Buchholz-Orgel  mit Musikbeispielen vorzustellen, sondern auch, um die wechselvolle Geschichte der Kirche zu benennen. Die Schwarze Kirche ist der bedeutendste gotische Kirchenbau in Siebenbürgen, stellt ein Wahrzeichen der Stadt Kronstadt dar und ist die Stadtpfarrkirche der Evang. Kirche A.B., der Honterusgemeinde. Nach Erweiterung und Umgestaltung zweier Vorgängerkirchen, den Erdbeben im 16. und 17. Jh., folgte 1689 der Stadtbrand, bei dem die Kirche voll- ständig ausbrannte. Bis 1772 erfolgte der Wiederaufbau, so dass der Innenraum stilistisch barock-gotisch geprägt ist. Seit 1999 erstrahlt das Äußere, nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten wieder in hellem Sandstein! Die an den Emporen angebrachten orientalischen Teppiche sind die größte europäische Sammlung außerhalb der Türkei.
Mit der Buchholz-Orgel, erstellt von dem Orgelbauer Carl August Buchholz (1796-1884), der stets auf Qualität Wert legte, verfügt die Schwarze Kirche mit dieser früh-romantischen Orgel über die größte mechanische Orgel Rumäniens, deren Klang jedes Jahr zahlreiche Organisten aus dem In- und Ausland nach Kronstadt zieht.
Es sei angemerkt, dass der Reiseleiter und Veranstalter dieser Studienreise, Dr. Wolfgang Sand, seine Dissertation über „Kronstadt – das Musikleben einer multiethnischen Stadt bis zum Ende des Habsburgerreiches“ schrieb. Ebenso erwähnenswert ist seine Magisterarbeit „Die evangelische Kirchenmusik in Kronstadt auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert, besonders im Hinblick auf Leben und Werk Rudolf Lassel’“. Dieser Rudolf Lassel (1861-1918), ein gebürtiger Kronstädter, wurde nach seinen Studien in Leipzig und beruflichen Jahren in Bistritz Organist und Kantor in Kronstadt. 1907 führte er erstmals in Kronstadt eine Bachkantate auf. Seine Verehrung für Bach ist an einigen Orgelwerken abzulesen, vor allem jedoch an seiner unvollendeten Matthäus-Passion, op. 26.
Nach einem anschließenden Stadtrundgang ging es zu einem Besuch der Törzburg, wobei unterwegs immer wieder die Störche und ihre Nester bewundert wurden.
Die Törzburg errichtete der Deutsche Ritterorden, zunächst als hölzerne Wehranlage. 1357 wurde sie erstmals urkundlich als Törzburg erwähnt. Der ungarische König Ludwig der Große erlaubte 1377 die Errichtung einer steinernen Grenz- und Zollburg, die zwar von Kronstadt verwaltet wurde, aber bis 1427 unter ungarischer Herrschaft blieb. 1498 kam die Burg ganz in den Besitz Kronstadts und wurde zu einer wichtigen Einnahmequelle der Stadt. Die Törzburg wurde vom 16. bis zum 18. Jh. immer wieder belagert, letztmalig erfolglos 1789 durch die Türken. Nachdem sie im 19. Jh. ihre Bedeutung als Grenzposten verlor, wurde die Anlage vom Kronstädter Forstamt verwaltet, und entging somit dem Verfall. Nach dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien, schenkte Kronstadt 1921 das Schloss Königin Maria, der Gattin König Ferdinands I. Deren Tochter, Prinzessin Ileana, erbte es nach dem Tod Marias. Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten übernahm der rumänische Staat die Törzburg. Staatspräsident Ceau{escu ordnete den Ausbau zu einer Touristenattraktion an, die bis heute jährlich ca. 560.000 Besucher anzieht. Natürlich trägt auch der 1897 veröffentlichte Vampir-Roman „Dracula“ des irischen Schriftstellers Bram Stoker, zur Popularität der Törzburg bei, obwohl die Romanfigur, der walachische Fürst Vlad III, Draculea, das Schloss wohl nie betreten hat.
Ein Höhepunkt war der  Besuch der wohl schönsten Kirchenburg des Burzenlandes, Tartlau, sowie das Gespräch mit der Organistin Ursula Philippi, die auf der Wegenstein - Orgel die Toccata in d-moll und die Fuge in D-Dur von Max Reger spielte. Die Kirchenburg von Tartlau besaß über Jahrhunderte eine besondere strategische Bedeutung, da sie am Ausgang des Buzau-Passes liegt, über den der Haupteinfallsweg nach Siebenbürgen verlief. Daher wurde die Kirchenburg besonders stark befestigt. Das Dorf wurde zwischen dem 13. und 17. Jh. über 50 Mal angegriffen und zerstört, die Kirchenburg hingegen konnte nur wenige Male eingenommen werden. Wenn Tartlau, als östlichste Kirchenburg Siebenbürgens, Angriffe abwehrte, kam dies den anderen Kirchenburgen  zugute!
Der Bau der Kirche wurde 1211 bis 1225 vom Deutschen Ritterorden begonnen, und nach dessen Ausweisung von den Zisterziensern fortgesetzt. Die Kirche selbst wurde nie befestigt, sondern durch die umgebende Burg geschützt. In das Innere der Anlage gelangt man durch einen 30 Meter langen Eingangstunnel, der mit Fallgittern und starken Eichentoren gesichert ist. Eine 14 Meter hohe Mauer mit 5 Türmen wurde durch einen Zwinger und einen Wassergraben ergänzt. Eine Besonderheit sind die bis heute vollständig erhaltenen viergeschossigen Etagen mit den über 270 Wohn- und Vorratskammern und dem dahinter gelegenen Wehrgang. Im Falle eines Angriffs boten sie Platz für ca. 1600 Dorfbewohner.
Im schlichten Innenraum der Kirche haben sich keine frühen Wandmalereien erhalten; Ausmalung-en aus dem 19.Jh. wurden bei der Restaurierung entfernt. Demnach ist der gotische Flügelaltar das ‘Highlight’ der Kirchenausstattung. Von einem Burzenländer Meister gemalt, stammt er ursprünglich aus dem 15. Jh. und gilt als ältester Wandelaltar Siebenbürgens. Die 4 Tafeln sind beidseitig bemalt und wurden an Festtagen umgedreht. Chor- und Pfarrgestühl stammen aus dem Jahr 1526.
Die erste Orgel wird 1676 gekauft. 1803 übernimmt der Orgelbauer Andreas Eitel die Herstellung einer neuen Orgel, die hinter dem Altar aufgestellt wird. Durch den Kronstädter Orgelbauer Schneider, wird die Orgel 1837 umgebaut, und mit einem neuen Manual und 20 Registern versehen.
Dann, 1929, erstellt die Temeswarer Orgelwerkstatt Wegenstein eine neue Orgel, wobei das barocke Gehäuse beibehalten wird. Im Rahmen der Kirchenrestaurierung 1964 – 1970 wird die Wegenstein Orgel vom Kronstädter Orgelbauer Otto Einschenk vollständig überholt, und auf die Empore über dem Westportal gesetzt.
Von Tartlau kommend, ist die Honigberger Kirchenburg nicht zu übersehen!
1211 verlieh der ungarische König Andreas II dem Deutschen Ritterorden das Burzenland. Der Orden ließ sich dort nieder, holte deutsche Siedler ins Land, gründete Dörfer und baute Burgen. Nach Auseinandersetzungen mit dem König, wurde der Orden 1225 aus dem Burzenland wieder vertrieben, aber die deutschen Siedlungen blieben bestehen. Die erste urkundliche Erwähnung der Kirchenburg erfolgte 1240, mit der Bezeichnung Mons Mellis (Berg aus Honig). Zu der Zeit verlieh König Bela IV dem Zisterzienserorden das Patronat über die Kirchen – u.a. - von Honigberg und Tartlau. Die Honigberger Kirchenburg zählt mit ihren 7 vorspringenden Wehrtürmen, den eindrucksvollen und bis zu 12 Meter hohen Mauern sowie dem massiven Turm zu den Kleinoden unter den siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen. Einzigartig in Vollständigkeit und Erhaltungszustand sind die Innenmalereien des Kapellenturms aus dem 15. Jh., die die Wirren und Zerstörungen der Reformationszeit überstanden haben. Im Mittelpunkt der Burganlage steht die Kirche St. Nikolaus mit dem Orgelprospekt von Johann Prause aus Schlesien, der eine Werkstatt in Kronstadt unterhielt. 1889 wurde die Orgel von den Kronstädter Orgelbauern Karl Einschenk und Josef Nagy neu gebaut. Ähnlich wie in der Schwarzen Kirche, schmücken auch in Honigberg orientalische Teppiche die Chorwände und Empore. Die Führung durch Anlage und Kirche durch Dan Ilica-Popescu muss hier unbedingt erwähnt werden: sie erfolgte mit viel Engagement und einer tiefen Zuneigung zu der gesamten Anlage! Nach vielen Jahren im Ausland kehrte er nach Siebenbürgen zurück, und sieht in der Betreuung der Kirchenburg seine Lebensaufgabe.
Die Erlebnisse der ersten Tage wollten verarbeitet werden! Dazu trug auch das Konzert der Kronstädter Philharmoniker, mit Musik von Brahms, Tschaikowski und Sibelius bei.


 „...aus der Wiege fiel mein Augenaufschlag auf den Pruth...“

Am vierten Tag stellte sich die Gruppe zu einer langen Fahrt in die Ukraine, nach Czernowitz ein,  einer Stadt, die in der Vergangenheit ‘Klein Wien’ oder ‘Jerusalem am Pruth’ genannt wurde.
Von Kronstadt fuhren wir über Bac²u, Roman und Suceava an die rumänisch-ukrainische Grenze, nahe der Ortschaft Siret. Nach knapp zweistündiger Wartezeit und Abfertigung durch Pass- und Zollbeamte, war Czernowitz nach knapp 30 Km schnell erreicht. Aber eine Spazierfahrt war es insgesamt nicht.
Wie nähert man sich der Stadt, die 2008 ihre 600-Jahrfeier beging? Durch einen Gang zur Altstadt, die automatisch an die wechselvolle Geschichte erinnert: 1775 begann mit der Einführung der österreichischen Militärverwaltung die Kultivierung und Zivilisierung des Landes. Es wurden Volksschulen gegründet, und 1808 ein deutsches Gymnasium, welches nach der 1848er Revolution seine Blütezeit hatte. Zu Beginn des 20.Jh. gab es in Czernowitz ein blühendes gesellschaftliches Leben. Man war mehrsprachig und konnte 10 Zeitungen lesen: 6 deutsche, und je eine jiddische, polnische, rumänische und ukrainische!
Wien war das Vorbild für die „Buko-Wiener“, wie sie sich selbst ironisch verspotteten. Dies spiegelt sich in der Anlage der Stadt, aber auch in zahlreichen ihrer Bauten wieder. Mykola Kuschnir, Historiker, der seit 2010 das Czernowitzer Museum für jüdische Geschichte und Kultur leitet, machte uns bei einem Stadtrundgang mit der Stadt vertraut.Zum Beispiel der neue Bahnhof, der vom Wiener Architekten Otto Wagner entworfen wurde, oder die griechisch-orthodoxe Residenz des Metropoliten, die nach Plänen des Architekten Josef Hlavka, auf dem damaligen Dominikberg errichtet wurde. Die gesamte Anlage bezaubert mit Backsteinornamenten und ihren farbigen Dachziegeln. Für den Bau wurde viel Geld gesammelt, und da alle Religionen friedlich mit- und nebeneinander lebten, gab seinerzeit auch der Rabbi viel Geld. Nach 18 Jahren war die Anlage auf der ‘Habsburger Höhe’ fertig gestellt, und ist heute Sitz der Nationalen Universität, die 1875 gegründet wurde mit damals drei mehrsprachigen Fakultäten: Philosophie, Jura und Theologie. Die derzeit 20.000 Studenten können heute außerdem Anglistik, Germanistik und Romanistik studieren. Das Czernowitzer Stadttheater, 1904/1905 von dem Wiener Architekten H. Helmer und F. Fellner entworfen, erfuhr ein wechselhaftes Schicksal: Während der rumänischen Verwaltung wurde das Theater im Dezember 1921, während einer Vorstellung von Schillers „Räuber“ mit Alexander Moissi in der Titelrolle, durch rumänische Studenten erstürmt! Auch das davor stehende Schiller- Denkmal wurde demoliert. Heute steht vor dem Theater das Denkmal der ukrainischen Nationaldichterin Olga Kobyljanska. Der Theaterplatz ist ein habsburgisch-barockes Ensemble, ein Juwel! Ja, Czernowitz hat unverkennbar jenes altösterreichische städtebauliche Gepräge, das trotz der kriegerischen Vorgänge zum großen Teil erhalten blieb. Hier steht auch das 1908 fertig gestellte Jüdische Haus, in dem sich heute das Jüdische Museum und Konferenzräume befinden, und wo uns der Museumsdirektor Kuschnir im Anschluss der Stadtbegehung die ständige Ausstellung erläuterte.