Hohes Unabhängigkeitsniveau, tiefe Konzentration und Selbstdisziplin

Eine alternative Form der Pädagogik / Die Montessori-Schule in Bukarest

Montag, 22. Oktober 2012

Fröhlich bunte Lernmaterialien sollen die natürliche Neugier der Kinder anregen.

Selbstständiges Lesen als wichtiger Bestandteil des Unterrichts

Mariana Uliţă und Ana Maria Brezniceanu
Fotos: Archiv der Schule

Leistungsdruck, Konkurrenzdenken, Zensur, Noten. Viele kennen den traditionellen Unterricht, wo all dies im Mittelpunkt steht. Die Montessori-Pädagogik hat einen alternativen Weg zur Erziehung der Kinder gefunden und ihn mutig begangen. Schon vor hundert Jahren beobachtete die italienische Wissenschaftlerin Maria Montessori, dass Kinder sich besser entfalten, wenn ihnen Freiheiten erlaubt werden, die ihren Bedürfnissen entsprechen.

Wenn die Kinder sich auf eine Aktivität konzentrieren, die sie selbst ausgewählt haben, erreichen sie Selbstdisziplin und inneren Frieden. „Dieses Verfahren heißt ‘Normalisierung’ und ist das wichtigste Ergebnis unserer Arbeit“, schreibt Maria Montessori in einem ihrer Bücher. Die Montessori-Schüler beschäftigen sich ungefähr drei Viertel der Zeit, die sie in der Schule verbringen, mit solcher individueller Arbeit. Auf diese Weise enwickeln sie einen Sinn für Ordnung und pflegen gleichzeitig ihre natürliche Neugier.

Ein Tag in der Schule

Nachdem der erste private, vom Bildungsministerium anerkannte Montessori-Kindergarten  im Jahre 2007 von Ana Maria Brezniceanu gegründet worden war, wurde 2011 auch die „Montessori School of Bucharest“ gegründet.

Gemäß der Montessori-Pädagogik läßt sich der Entwicklungsprozess von Kindern in drei Phasen einteilen: Das Alter bis zu 6 Jahre, 6-12 Jahre und 12-18 Jahre. Die Kinder in einer Gruppe sind daher nicht alle gleichaltrig.
Die Schule in Bukarest besteht aus einer einzigen Gruppe von 20 Kindern zwischen sechs und neun Jahren. Mariana Uliţă, Mitbegründerin und Vorsitzende des Vereins für die Entwicklung der Montessori-Erziehung in Rumänien erklärt, wie der Unterricht hier funktioniert: „Alles ist sehr gut organisiert. Das Kind wählt allein aus, was es über den Tag macht, es organisiert und notiert seine geplanten Tätigkeiten in einem Heftchen“. Es wird ermutigt, so weit es kann, im eigenen Rhythmus zu lernen. Der Lehrer überwacht den Zeitplan der Kinder, die selbstständig lesen und schreiben.

Dabei sollen sie nicht gestört werden, denn wenn das Kind seine tiefe Konzentration verliert, kann es lange dauern, bis es diesen Zustand wieder erreicht. Nachdem der Schüler morgens ausgewählt hat, woran er arbeiten will, beschäftigt er sich mit der ersten Aktivität drei Stunden ohne Pause. Nach der Pause, gegen Mittag, hält der Lehrer üblicherweise eine Präsentation, um neue Begriffe einzuführen. Diese benutzt das Kind später im Umgang mit den Lernmaterialien, ohne sich dessen konkret bewusst zu sein.

Der Präsentation folgen daher Gruppenaktivitäten – zum Beispiel Geschichten erzählen – und am Nachmittag wieder eine individuelle Tätigkeit, zum Beispiel Lesen. Anschließend liest der Lehrer vor. „Ein Junge, der schon mit sieben die Multiplikationstabelle beherrscht, arbeitet problemlos mit einem Achtjährigen, der erst jetzt dasselbe erlernt. Oft bringt ein Kind einem anderen etwas bei. Auf diese Weise lernen sie sich auch besser kennen,“ erklärt Frau Uliţă. Dem Lernen liegt die Zusammenarbeit zugrunde anstelle von Rivalität. „Da es kein Konkurrenzdenken gibt, helfen die Kinder einander, ohne zu beurteilen. Sie respektieren sich und jeder von ihnen erkennt, dass der andere verschiedene Stärken hat“, fügt die Pädagogin an. Die Schüler sind alle Freunde – wenn der eine seinen Fehler nicht alleine entdeckt, dann korrigiert ihn eben ein anderer.

Der Montessori-Schüler

In der Montessori-Schule steht das Kind mit seinen spezifischen Bedürfnissen und Begabungen im Mittelpunkt. Das didaktische Material ermöglicht selbstständiges Lernen und eigenverantwortliches Arbeiten.

Die Kinder lernen oft allein, indem sie die ihnen zur Verfügung gestellten Gegenstände benutzen. „Ihre Fantasie braucht konkrete Anreize, sodass sie sich Dinge vorstellen können, zu denen sie keinen unmittelbaren Zugang haben“, meint Frau Uliţă. Ihrer Aufgabe als Montessori-Assistentin ist sie sich sehr bewusst und sie versteht, dass es besser für die Kinder ist, alleine mit den Lernmaterialien zurechtzukommen. Das macht sie klüger.

Aufgabe des Lehrers ist hingegen die Betreuung der Aktivitäten des Schülers. Das Kind bedarf Förderung und Unterstützung zugleich. Die Lehrer setzen sich zum Ziel, dass die Kinder, ihren eigenen Interessen folgend, spielerisch autonomes Handeln entwickeln. So wird das Gelernte am besten verinnerlicht,  Selbstvertrauen und Selbstständigkeit entwickeln sich.
Ein weiteres Kennzeichen der Montessori-Schüler ist, dass die Kinder selbstständig Entdeckungen machen und ständig Fragen stellen. Sie sind daran gewöhnt, ununterbrochen zu überprüfen, zu untersuchen und zu hinterfragen.

Durch die Montessori-Methode wird das Kind nicht nur verantwortlich und unabhängig, sondern auch Bescheidenheit und freundlicher Umgang miteinander werden ermutigt. Der Spaß am Lernen ist aber das Wichtigste.
Auf die Frage der Montessori-Lehrerin, wie lange die Bewegung des Mondes um die Erde dauert, antwortet ein Kind ganz spontan: „Was für eine Frage ... Das sagt doch das Wort – einen Monat.“

Als ein Kind sich mit verschiedenen Dreiecken beschäftigte, fiel ihm, auf, dass alle drei Seiten eines Dreieckes gleich waren. Da es jedoch noch nichts über das gleichseitige Dreieck gelernt hatte, taufte es seine Entdeckung spontan „das super-gleichschenklige Dreieck“! 

Disziplin, Freiheit und Aufmerksamkeit

Dem Schüler erlaubt man, seinen Werdegang zu bestimmen, dabei bekommt er natürlich Unterstützung. Wichtig ist die Beseitigung der Hindernisse, die der harmonischen Entwicklung von Körper und Geist im Weg stehen. „Die Schulbank zum Beispiel“, verdeutlicht die einfühlsame Frau Uliţă. Ein Instrument des Stilstands. Diese sogenannte schulische Disziplin braucht eher der Lehrer und nicht das Kind, das dazu gezwungen wird, sich nicht zu bewegen und zu sprechen. Disziplin sollte aktiv sein – sonst assoziiert das Kind das Gute mit Bewegungslosigkeit und das Böse mit  Aktivität! Diszipliniert ist es, wenn es sich selbst beherrschen, aber auch über sich verfügen kann, wenn es will.

Genauso kritisiert sie die in traditionellen Schulen übliche erzwungene Aufmerksamkeit. Oder aber die überlegene Rolle des Lehrers, die zu Unterwürfigkeit und Unfähigkeit führt. Man kann sich nicht frei entfalten, wenn man nicht unabhängig ist. Die Rolle des Lehrers sollte diskret sein, ohne direkt zu belohnen oder zu bestrafen, denn das würde dieselbe Wirkung haben, wie die zuvor erwähnte Bank.

Dem Kind soll auch nicht zu viel geholfen werden – übertriebene Hilfe ist ein Hindernis gegen die Entwicklung der natürlichen Energien. Konzentration und Aufmerksamkeit sind wesentliche Voraussetzungen für eine gesunde geistige und motorische Entwicklung. Wenn die Kinder sich in eine Tätigkeit versenken und alles andere ausblenden, soll keiner sie unterbrechen, denn genau in dieser Zeit finden sie ihre innere Ruhe und Frieden. Der Mensch, der sich alleine zurechtfindet und seinen Kopf benutzt, erobert sich selbst, vermehrt seine Kräfte und vervollständigt sich. Die Freiheit des Kindes hat natürlich auch Grenzen: Beleidigungen, Erniedrigungen, Verletzungen und Respektlosigkeit werden nicht toleriert.

Kosmische Erziehung

Der Montessori-Lehrer respektiert das Kind als individulle, geistige, kreative Person und schützt es vor Stress. Die psychologische Entwicklung des Kindes wird berücksichtigt und es wird unterstützt, seine inneren Fähigkeiten zu entdecken, die Begeisterung für Lernen und Wissen zu vervollkommnen, die Einzigartigkeit jeder Person zu erkennen und die Bedeutung der Beziehung zu den anderen wertzuschätzen.

Als Montessori-Lehrer muss man Geduld haben, man sollte nicht gleich dazwischenfahren, um zu korrigieren, sondern dem Kind auch Fehler erlauben. Auf diese Weise entsteht eine ausgeglichene, ganzheitliche, in sich ruhende Persönlichkeit. Ein solches Kind wird selbstständig denken und prinzipiell Aggressivität vermeiden. Alle diese sind Ideen, die dabei helfen sollen, eine bessere Welt aufzubauen. Kosmische Erziehung, so nennt Frau Uliţă den Untericht an der Montessori-Schule: fächerübergreifendes Lernen in vier Disziplinen – die Geschichte des Universums, die Geschichte des Menschen, die Geschichte der Sprache und der Mathematik.

Dadurch wird dem Kind ein Überblick geboten, damit es die Welt besser versteht. Es erkennt, dass die Welt, die Menschheit, ein Ganzes repräsentieren, das von jedem Einzelnen als verantwortlicher Teilnehmer verändert werden kann.

Den Weg alleine finden

Nach dem Gespräch, das wir am kindgerecht kleinen Tisch auf noch kleineren Stühlen im Klassenraum geführt haben, zeigt Frau Uliţă die Montessori-Lernmaterialien, die in den Niederlanden gekauft wurden. Allerlei kleine Objekte in verschiedenen Formen aus buntem Holz, von einer fürsorglichen Hand liebevoll angeordnet, warten brav darauf, dass die Kinder die Rätsel der Welt Schritt für Schritt mit ihrer Hilfe entschlüsseln.

Nach dieser Diskussion sehe ich  Frau Uliţă und den Raum, wo ich mich befinde, auf einmal mit anderen Augen: Liebevoll wirkt die schlanke Brillenträgerin, so dass mir der Gedanke kommt, wie schön es doch wäre, selbst wieder ein Kind zu sein, dass hier – zum Beispiel mithilfe der glänzenden Perlen vor mir  –  die Geheimnisse der Welt entdeckt. Doch der  Zauber des Augenblicks währt nicht lange. Nachdem Frau Uliţă mich durch den Hof bis zum Ausgang mit ihrer zarten Stimme und bewundernswerten Gedanken begleitet hat, schließt sich die Tür hinter mir. Ich bin wieder auf der Straße: Ein Erwachsener in einer sorgenvollen, hektischen Welt, der versucht, sich zu orientieren und die nächste Bushaltestelle zu finden...

In Rumänien ist die sanfte Montessori-Methode wenig verbreitet. Es scheint, die Masse der Schulen konzentriert sich darauf, Kinder in einen bereits vorgeplanten Rahmen hineinzuzwingen. Sie erlauben die Freiheiten nicht, nach denen alle Kinder, mehr oder weniger bewusst, streben, und die sie letzlich motivieren. Ich nehme an, es ist mehr als reiner Zufall, dass Montessori-Alumni einige der innovativsten Unternehmen gegründet haben, wie zum Beispiel Google, Amazon oder Wikipedia. Ich frage mich, wieso die anderen nicht bemerkt haben, dass Kinder imstande sind, alleine ihren Weg zu finden. Wenn man sie nur lässt...

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