„Horizonte zu öffnen gelingt einer Gruppe meistens viel besser als Einzelkämpfern“

Gespräch mit Dr. Rolf Willaredt, Fachberater für Deutsch und deutschsprachigen Fachunterricht

Mittwoch, 24. Juli 2013

Dr. Rolf Willaredt war von 2005 bis 2013 als Fachberater für Deutsch und Deutschsprachigen Fachunterricht in Rumänien tätig. Anlässlich des Internationalen Banater Lehrertags kehrt Dr. Rolf Willaredt im Herbst dieses Jahres für kurze Zeit wieder nach Temeswar zurück.
Foto: privat

Wenn Dr. Rolf Willaredt nun Temeswar/Timişoara verlässt und nach Deutschland zurückkehrt, wird er sich im Bundesland Nordrhein-Westfalen dem Thema Bildungslandschaften annehmen. Sein neuer Auftrag in Deutschland wird unter anderem darin bestehen, Schulen miteinander zu vernetzen – das, was er seit 2005 ununterbrochen auch in Rumänien getan hat. Der Fachberater für Deutsch und deutschsprachigen Fachunterricht (DFU) seitens der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) beriet nämlich zusammen mit sechs entsandten Lehrkräften 21 Bildungseinrichtungen in der Schulentwicklung. Im Fach Deutsch verfasste er in Kooperation mit dem rumänischen Bildungsministerium in Teams aus Programm- und Ortslehrkräften Lehrbücher und Unterrichtskonzepte für den Deutschunterricht zu den Klassen 8 bis 12. Seine handlungsorientierten, fächerübergreifenden Unterrichtsvorhaben zielten im Bereich des deutschsprachigen Fachunterrichts auf die Verbesserung der Sprachförderung und des eigenverantwortlichen Lernens ab. Raluca Nelepcu traf Dr. Rolf Willaredt in Temeswar und unterhielt sich mit ihm über seine Rumänien-Tätigkeit.

Acht Jahre lang waren Sie als Fachberater für Deutsch und DFU seitens der ZfA in Temeswar tätig. Wenn Sie auf Ihre Zeit hier zurückblicken: Was waren denn Ihre größten Errungenschaften?

Ich versuche in dieser Woche, nach acht Jahren Fachberater-Tätigkeit eine Vollbremsung zu machen. Ich bin noch so in Bewegung, ich stehe noch intensiv in der Arbeit, dass ich, um im Bild zu bleiben, eigentlich aus dem fahrenden Zug abspringen müsste. Da dies aber ungesund wäre, bleibe ich einfach sitzen und setze die Reise noch als Urlauber einige Zeit fort. Meinen Urlaub widme ich dabei z. B. den Menschen, mit denen ich das Lehrbuch Deutsch Klasse 11/12 beenden möchte.

Wenn ich auf die Zeit zurückblicke, dann erscheinen mir diese Jahre sehr reichhaltig und ausgefüllt. Ich war bestrebt, neben dem administrativen Anteil der Fachberater-Tätigkeit mein Augenmerk auf die Themen der Unterrichts- und Schulentwicklung zu richten. Ich glaube, dass es dabei gelungen ist, viele, die an der deutschen Sprachförderung in Rumänien beteiligt sind, punktuell miteinander zu vernetzen. Besonders die Partner- und DSD-Schulen wollte ich mit themenorientierten Projekten all die Jahre hindurch miteinan-der in Verbindung bringen. Diese gemeinsamen Projekte waren für mich von Anfang an eine große einander fortbildende, soziale Plastik. Dies war es dann auch für meine Frau Monika Nienaber-Willaredt, die in den letzten drei Jahren als ZfA-Fachberaterin in Bukarest arbeitete. Diese Prozesse haben wir nachhaltig zusammen mit den Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sowie den Schulleitungen gestalten können. Es war eine erhebende und ist eine bleibende Erfahrung. Auch der Unterstützung von Dr. Alexandru Szepesi, Sorin Girumescu sowie lange Zeit von Christiane Cosmatu im rumänischen Bildungsministerium für diese Innovationen konnten wir sicher sein.

Welche Schwierigkeiten hatten Sie – vor allem am Anfang Ihrer Amtszeit?

Die Schwierigkeiten bestanden darin, die Fortbildungen so zu gestalten, dass Tradition und Innovation im Lehren und Lernen miteinander auskommen konnten. Es bedurfte einiger Zeit, bis neue Ideen und eine neue Praxis zusammenkamen. Hier waren Geduld und Ausdauer gefragt. Ich hoffe, ich habe diese Tugenden ausreichend einbringen können.

In dieser Zeit sind auch einige Deutsch-Lehrbücher entstanden, die sich von den „alten“ Büchern erheblich unterscheiden. Welche Aspekte haben Sie beim Verfassen dieser Bücher immer wieder verfolgt?

Die Lehrbücher für Deutsch als Muttersprache der Klasse 9 und 10 sowie das Lehrbuch der Klasse 8, das bereits 2002 erschienen ist, bringen die neuen Vorstellungen von Unterricht zum Ausdruck. Die Aufgabenstellungen in diesen Büchern basieren zugleich auf dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen, auf den Vorgaben der ZfA zur Vorbereitung des Deutschen Sprachdiploms und auf den rumänischen Lehrplänen. In diesen sind aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse der Lehr- und Lernmethodik, der Deutschdidaktik und der Pädagogik eingearbeitet. Darin werden sie sich vielleicht von den „alten“ Lehrbüchern unterscheiden. Wir haben viel Wert auf die Buchgestaltung gelegt. Das Äußere soll vor allem den Schülerinnen und Schülern gefallen, nicht in erster Linie den Lehrkräften. Hier werde ich gerne auf die Abende füllenden intensiven Skype-Konferenzen mit Anselm Roth vom Hermannstädter Schiller-Verlag zurückblicken.

In den Lehrbüchern haben wir die Kapitelthemen mit den jugendlichen Interessen verbunden. Wo es ging, haben wir die Inhalte regional in Rumänien verankert. Sachtexte und problemorientierte Themen reizen zur Diskussion an. Alle Aufgaben sind handlungsorientiert. Die Schülerinnen und Schüler tun also eigenverantwortlich etwas, um zu Ergebnissen zu kommen. Allerdings finde ich gerade die Wertlegung auf Literatur, die ja auch in den älteren Lehrbüchern vorhanden ist, in unseren Lehrbüchern ebenfalls wichtig. Wir haben immer auch das ästhetische und künstlerische Lernen im Blick.

Sie haben versucht, durch Ihre Veranstaltungen die Lehrkräfte für den Projektunterricht zu begeistern. Inwiefern haben Sie dieses Ziel auch erreicht?

Ich habe vor allem versucht, auch die Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrkräften zusammen für die gemeinsame Projekt-Arbeit zu gewinnen. Horizonte zu öffnen, gelingt einer Gruppe meistens viel besser als Einzelkämpfern. Wir Lehrkräfte lernen bei der Erschließung neuer Inhalte genauso dazu wie die Schülerinnen und Schüler. Diese Erfahrung hat mich immer selbst motiviert und diese Motivation gebe ich gerne weiter. Der Seminaransatz, Schüler/-innen und Lehrkräfte zugleich in eine Fortbildung einzubinden, ist neu. Wir haben die neuen Methoden konsequent angewendet. Was ich in diesen acht Jahren bei 13 Jahresprojekten, wenn man die Produktionsseminare der Lehrbücher dazu nimmt, erleben durfte, hat meine Zielsetzungen nicht nur erreicht, sondern bei  Weitem übertroffen. 

Die Jahr für Jahr herausgegebenen Dokumentationsbücher zu den DSD-Projekten, die auch den deutschsprachigen Fachunterricht fächerübergreifend einbeziehen, erklären die Überlegungen zu den einzelnen Themengebieten und die angewandten Methoden. Sie erfassen den Ablauf eines in seinen Bestandteilen aufeinander abgestimmten Jahreszyklus, sodass man diese internationale Veranstaltung jederzeit auch mit der eigenen Klasse oder der eigenen Schule nachspielen kann. In der Entstehung dieser Dokumentationen und auch der Lehrbücher hat Mona Mateiu, Deutschlehrerin in Karansebesch, redaktionell große Verdienste. Das Zentrum für Lehrerfortbildung (ZfL) in Mediasch mit Radu Creţulescu und Marius Gosa an der Spitze war nach anfänglichen Bedenken schließlich solidarisch für diese Großveranstaltungen, die Mediasch zu einem Festivalort für viele Schüler machte.

Sie waren auch im Internet im Bereich der deutschen Sprachförderung aktiv, oder, besser gesagt, „interaktiv“…

Ja, die Internetplattform deutsch-portal.ro ist ein Vernetzungsprogramm im wahrsten Sinne des Wortes. Mit dieser Initiative habe ich über Jahre versucht, die spezifischen Aspekte für die rumänische Schul- und Fortbildungslandschaft jeder interessierten Person zugänglich zu machen. Darunter sind Unterrichtsskizzen und Buchanhänge genauso zu verstehen wie Lehr- und Lernmittel. Ziel war, dass sich dieses Portal durch seine Besucher selbst weiterentwickeln soll, eine Wikipedia für deutsche Sprachförderung und Lehrerfortbildung. Ich hoffe, dass dies nach meiner Fachberater-Zeit mithilfe der Physik-Lehrerin und Software-Expertin Rodica Moise aus dem Johann-Ettinger-Lyzeum in Sathmar immer intensiver möglich wird.

Was haben Sie während Ihrer Zeit in Rumänien gelernt?

Ich dachte zuvor, dass ich einigermaßen flexibel sei. Nach der Zeit in Rumänien habe ich das Gefühl, flexibel im eigentlichen Sinne geworden zu sein. Was ich immer wieder erlebt habe, war Freundlichkeit in besonderem Maße, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit. Natürlich kann man in Rumänien vor allem auch immer das Gegenteil erleben; aber ich habe aus vielen Begegnungen gelernt, dass das Glas immer halb voll ist und nicht halb leer.

Wenn Sie Bildungsminister in Rumänien wären: Was würden Sie am jetzigen Bildungssystem verändern wollen?

Ich würde alles daran setzen, dass die pädagogischen Berufe aufgewertet werden. Das hätte sich alsbald auch in der Bezahlung auszuwirken. Vom Lehrberuf muss man leben können, sonst kann kein Unterricht gut geplant und richtig nachbereitet werden. Die Zukunft einer Gesellschaft ist nicht gesichert, wenn die hellen Köpfe abwandern, weil sie zu Hause keine ideelle und materielle Wertschätzung erfahren. Dies würde ich ändern wollen; ich könnte es aber nicht, wenn sich die Zahlungsmoral bei den Steuern nicht ändern würde. Auch eine Drehtürpolitik bei den Schulleitungen bringt wenig Kontinuität in die Bildung. Eine Schulleitung muss erstens aufgrund von pädagogischen und fachlichen Kompetenzen ausgewählt werden und dürfte zweitens nicht vom kurzfristigen parlamentarischen Wahlausgang abhängen. In diesem Sinne habe ich bei meiner „Heimatschule“ als Fachberater, dem Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar, mit Schulleiterin Helene Wolf sowie ihren Stellvertreterinnen Astrid Otiman und Diana Popoviciu und zuvor mit Magdalena Balogh-Szabo nebst mit der Schulinspektorin Vio Rosu sehr verlässliche und kompetente Personen vorgefunden, auf die ich mich fachlich, administrativ und menschlich immer verlassen konnte. Ansonsten wäre ich gerne Bildungsminister unter einem Premierminister Klaus Johannis, der Rumänien insgesamt sehr gut tun würde, und mit Ovidiu Ganţ als Außenminister.

Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie jetzt nach Deutschland zurückkehren?

Ich werde viele Menschen vermissen, die mit mir gelebt, nachgedacht, gelacht und gearbeitet haben. Dazu gehören Menschen wie mein Freund, der Schriftsteller und Gefängnispfarrer Eginald Schlattner, der einer ungerechten und falschen Kampagne gegenüber steht, die zeigt, wie wenig die Securitate-Vergangenheit bisher aufgearbeitet ist. Er und seine Romane, die ich zur Weltliteratur zähle, repräsentieren für mich das multikulturelle, mehrsprachige und tolerante Rumänien, das in der Europäischen Union noch kaum bekannt ist. Für dieses Rumänien werde ich in Deutschland zum Abbau von unberechtigten Vorurteilen gerne werben.  
Ich werde die Fußball-Abende mit meinen zum Freund gewordenen Fachschaftsberater Thilo Herberholz vermissen. Ich werde die Gespräche mit dem Schulleiter des Brukenthal-Lyzeums in Hermannstadt Gerold Hermann und die Begegnungen mit dem langjährigen Schulleiter des Adam Müller-Guttenbrunn-Lyzeums Michael Szellner samt der familiären Atmosphäre dort vermissen, aber ich werde sie in guter Erinnerung behalten.

Ich werde auch die Zusammenarbeit mit den jungen Redakteurinnen und Redakteuren der Allgemeinen Deutschen Zeitung und von Radio Temeswar vermissen, die zu meiner Arbeit als fachkundige und kritische Multiplikatoren gezählt haben.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich noch eines sehr vermissen werde in Deutschland, was mich häufig froh gemacht hat im Banat, in Siebenbürgen, in der Oberwischau oder in Bukarest: die Sonne.

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