„Humanistische Bildung ist kein Finden, sondern ein Suchen“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Andrei Pleşu, Vorsitzender des Rumänisch-Deutschen Forums

Mittwoch, 13. Juli 2016

Andrei Pleşu bei dem Podiumsgespräch in Dinkelsbühl
Foto: Christine Chiriac

Einer der bedeutendsten Philosophen und Kunsthistoriker Rumäniens, Prof. Dr. Andrei Ple{u, ehemaliger rumänischer Außenminister, ist der Vorsitzende des Rumänisch-Deutschen Forums (Forumul de Cooperare Bilaterală Romano-Germană). In diesem Jahr nahm er beim Sachsentreffen in Dinkelsbühl u. a. an der Podiumsdiskussion „Deutsche Sprache und deutsche Schule in Rumänien“ teil und unterstrich dabei, dass „deutsche Anwesenheit“ in Rumänien nicht marginal, sondern konstitutiv sei. „Wir scheinen nicht mehr zu wissen, wie wichtig diese Präsenz ist – wir sind aber verpflichtet, das deutsche Erbe zu erhalten und zu pflegen“, so Pleşu. Der Philosoph hob hervor, dass eine ganze Reihe von namhaften Vertretern aus rumänischer Kultur und Politik des 19. und 20. Jahrhunderts – Mihai Eminescu, Titu Maiorescu, Nicolae Iorga, Stefan Luchian – deutsche Schulen und Universitäten besucht haben. Nicht zuletzt habe Pleşus Lehrer Constantin Noica die deutsche Philosophie besonders geschätzt und seinen Schülern stets empfohlen, neben Altgriechisch auch die deutsche Sprache zu lernen. „Außerdem hat die Moderne in Rumänien mit König Karl I. begonnen“, sagte Pleşu, bevor er auf den Stellenwert der deutschen Minderheit als „Modellgemeinschaft“ in Rumänien einging. Sein Plädoyer für das Deutsche in Rumänien schloss er mit der Bemerkung, dass man im Volksmund seine Bewunderung für Qualität und Gründlichkeit mit der Formel „e lucru nemţesc“ („das ist deutsche Arbeit“) ausdrücke. Mit Prof. Dr. Andrei Pleşu sprach ADZ-Korrespondentin Christine Chiriac.

Herr Professor Pleşu, wo sehen Sie die Prioritäten des Rumänisch-Deutschen Forums für die nächsten Monate?

Auf dem Heimattag in Dinkelsbühl war ich beeindruckt von der Rede des Oberbürgermeisters, Dr. Christoph Hammer, der auf das Kulturerbe in Rumänien aufmerksam machte. Er sagte, dass viele historische Bauten leer stehen und dem Verfall preisgegeben sind. Ich finde, dass Rumänen und Deutsche dringend zusammenarbeiten müssen, um Dörfer am Leben zu halten, die voller Charme sind, die aber ohne unsere Zuwendung früher oder später verschwinden werden. Meiner Ansicht nach hat dies oberste Priorität. Ein weiterer Fokus unserer Arbeit sind die rumänischen Staatsbürger in der Diaspora. Sie sind aus verschiedensten guten Gründen ausgewandert – um besser zu leben, um ihren Beruf unter vorteilhafteren Bedingungen auszuüben. Wir als Forum finden es wichtig, dass diese Bürger weiterhin mit ihrer Heimat in Kontakt bleiben, und wollen dazu beitragen, dass die entsprechenden Strukturen geschaffen werden. Viele der ausgewanderten Rumänen wollen helfen, sich im Land engagieren, Projekte ins Leben rufen, ihre Fähigkeiten einbringen. Wir wollen sie dabei unterstützen.

Wie schätzen Sie die Situation der Bildung in Rumänien ein?

Allgemein stelle ich fest, dass Naturwissenschaften den Vorrang genießen, insbeson-dere wenn es um Förderungen geht, während Geisteswissenschaften als „nicht mehr finanzierbar“ gelten. Es ist sicherlich interessant zu erforschen, warum Zebras Streifen haben – aber genauso wertvoll ist es, einen unbekannten Text aus dem vierten Jahrhundert in einer kommentierten Ausgabe herauszubringen. Dafür findet man leider nur sehr schwer eine Finanzierung. Diese generelle Schwerpunktverschiebung weg von den Geisteswissenschaften und der Kultur betrachte ich als Gefahr für die Welt von morgen. Das gilt natürlich nicht nur für Rumänien. Selbstverständlich ist dies auch ein spezifisches Problem der Bildung. Alle traditionellen Institutionen der Bildung erleben meines Erachtens eine Krise. Selbst die Lektüre wird leider immer weniger geschätzt und praktiziert – Google scheint sie langsam aber sicher zu ersetzen. Das Internet nutze ich schon seit Jahren, es hat meine Arbeit um ein Vielfaches vereinfacht.

Ich betrachte es aber als Risiko, wenn man alles, was man wissen möchte, nur noch über Google erfährt. Die humanistische Bildung ist nicht ein sofortiges Finden, sondern vor allem ein Weg des Suchens. Wenn man alles auf Knopfdruck erfährt, fällt dieser Weg von vornherein aus und der Gewinn ist minimal. Zudem gibt es aktuell im Bereich der Bildung eine Strömung, die eine extreme Vereinfachung des Lernprozesses verfolgt. Die Kinder sollen sich angeblich so wenig wie möglich gestresst, frustriert oder überfordert fühlen und werden deshalb so behandelt, als seien sie Opfer einer Psychose, die man nur verstärken kann, wenn man eine schlechte Note erteilt. Ich halte dies für eine Grundsatzkrise des pädagogischen Denkens und frage mich, wohin diese Haltung führen wird.

Vor Kurzem schrieben Sie in einem Ihrer Artikel: „Patriot zu sein bedeutet nicht, einen Schlafanzug in den Nationalfarben zu tragen“. Was verstehen Sie unter Patriotismus?

Ich lehne nachdrücklich Formeln ab, die Nationalstolz bekunden – etwa „Ich bin stolz, Rumäne zu sein“. Man kann nicht auf etwas stolz sein, das man nicht selber gewählt und zu dem man nicht beigetragen hat. Es ist, als würde ich sagen: Ich bin stolz, dass ich eine Stupsnase habe. Daran habe ich aber keinerlei Verdienst. Dass wir an einem gewissen Ort geboren wurden, liegt nicht in unserer Macht und kann kein Anlass zu Stolz sein. Vielmehr sind wir mit unserer Heimat durch gewisse Verbindlichkeiten und Pflichten, durch ein Gefühl von Schicksalsgemeinschaft verbunden. Ich bin überzeugt, dass ich nicht zufällig in Rumänien geboren wurde. Deshalb möchte ich diese Heimat ehren, mit dem Ort solidarisch sein, an dem ich zur Welt kam. In Rumänien praktiziert man leider oftmals einen sehr oberflächlichen, pompösen Patriotismus: Die Tränen rollen, wenn man an Stefan den Großen und an die rumänischen Bauern denkt, außerdem ist der Eindruck weit verbreitet, man sei ein Opfer der Geschichte, man genieße aber eine Art Schutz des Schicksals und werde schließlich siegen. Das ist, wie wenn man einem Kind einreden würde, es sei hyperintelligent, statt es zu erziehen.

Wo sehen Sie den Stellenwert der deutschen Minderheit in der heutigen rumänischen Gesellschaft?

Der Stellenwert ist meiner Meinung nach seit Jahrhunderten unverändert und ich hoffe, dass die deutsche Minderheit ihn noch lange behalten wird. Die Deutschen in Rumänien legen Wert auf ehrliche Leistung, Stabilität und Planbarkeit – und das sind inzwischen sehr seltene Tugenden. Ich schätze die Deutschen sehr, daran ist nichts zu ändern.

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