Hut ab vor diesem Museum!

Warum die schlechte Straße schuld ist, dass man in Crişeni (Harghita) Strohhüte flicht

Sonntag, 12. November 2017

Ludovic Szöc hat das Strohhutmuseum 2001 gegründet.

Lajos Szöc an der Nähmaschine

Trara – der Hut ist fertig!

Hier wurde zusammengetragen, was die Natur geformt hat: Trovanten.

Eindrucksvoll: die Hutpresse mit hölzernen Hutblöcken

Ein Brauch, der sich nur in Crişeni gehalten hat: die üppige Hochzeitskrone aus Weizen-Ähren
Fotos: George Dumitriu

Lajos tritt in die Pedale und lacht. Schaut auf, und das Rattern der fußbetriebenen Nähmaschine hält inne: „Meine Großmutter sagte immer, als ich klein war: Pass gut auf, welchen Hut der Mensch trägt, der dir auf der Straße entgegen kommt. Wenn die Krempe nach oben gebogen ist, musst du ihn Respekt gebührend grüßen. Wenn sie nach unten zeigt, dann kannst du ihn duzen und einfach ‘Servus’ sagen!”

Mit Hüten kennt er sich aus - und auch mit dem Reden, denn Lajos Szöc ist eigentlich Baptisten-Pfarrer, verrät sein Vater Ludovic, der ein wenig abseits sitzt und dem Schauspiel lächelnd zusieht. „Doch jetzt kümmert er sich um Touristen”, versetzt der Mann, der das kuriose kleine Museum 2001 ins Leben gerufen hatte. Das eineinhalb Jahrhunderte alte Holzhaus, in dem die stolze Sammlung von 150 Hutmodellen und unzähligen Dekorobjekten aus Stroh untergebracht ist, hatte er extra für diesen Zweck gekauft. Das Konfektionieren von Strohhüten ist seit mindestens 250 Jahren Familientradition: „Schon meine Großeltern und Eltern haben Hüte geflochten, ich natürlich auch, und nun macht mein Sohn weiter.” Dieser sitzt zwei Meter weiter an dem ratternden Ungetüm, umringt von Langos mampfenden, Kaffee schlürfenden Touristen. Schlau, dass es im Museumsgarten auch eine Imbissbude gibt. Nachdem Lajos das soeben gefertige Mini-Demo-Hütchen der Delegationsleiterin verehrt hat, die damit lachend fürs Foto posiert, erzählt er über die Steinsammlung im Garten: Trovanten in den merkwürdigsten Formen, zusammengetragen seit 20 Jahren. Erstaunlich, was die Natur so alles geschaffen hat: Schnecken, Brote, Enten, passenderweise sogar ein Männchen mit Hut. Auch eine Wetterstation gibt es, sie funktioniert mit nur einem Stein: „Ist er nass, bedeutet es Regen, bewegt er sich, weht der Wind, ist er weiß, schneit es...“. Lajos Szöc versteht, zu unterhalten. Gerne gibt er Anekdoten und Geschichten zum Besten, auf Ungarisch,  Rumänisch oder Englisch. Auch der Hof ist eine Kuriosität, die erkundet werden will, bevor man überhaupt das Museum betritt. Hinweisschilder mit Orts- und Entfernungsangaben, 1370 an der Zahl, weisen in alle Himmelsrichtungen – ein Gag, der anzeigt, aus welch entlegenen Ecken Touristen aus aller Welt hierher gefunden haben.

Der Weg zum Ziel

Bereits der Weg nach Crişeni ist Teil des Erlebnisses: Gute vier Kilometer quälte sich unser Reisebus im Schritttempo über Stock und Stein, an einer wenig Vertrauen einflößenden Holzbrücke hielt der Fahrer an. Lieber einen Einheimischen fragen, ob man sie gefahrlos überqueren kann. „Ja, ja, da fahren auch die schweren Holztransporter drüber” winkt der alte Mann freundlich. Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Kameras werden in Schuss gebracht, Aufzeichnungsgeräte überprüft, Kugelschreiber gezückt. Die Fahrt nach Crişeni (Harghita) ist eine Etappe der vierten Journalistenreise auf der Suche nach dem touristischen Potenzial der Minderheiten in Rumänien (siehe auch ADZ/Tourismus, 22. Oktober), organisiert vom Departement für Interethnische Beziehungen an der rumänischen Regierung (DRI).

Die schlechte Straße scheint den Besucherandrang nicht wirklich zu bremsen: 10.000 Touristen soll es pro Jahr hier her verschlagen, brüstet sich Ludovic Szöc. „Mehr als ins Bukarester Bauernmuseum – die haben nur 8000”, fügt er mit stolz geschwellter Brust an. Allein am Gründungstag des Museums, dem 21. Juni, wenn sich das ganze Dorf zum Strohhut-Festival versammelt, sollen an die 1000 Gäste kommen. Doch wäre der Weg nicht so beschwerlich, gäbe es wahrscheinlich gar kein Strohhutmuseum, erklärt Lajos Szöc. Denn dann würden die Leute in die nahen Städte zur Arbeit pendeln, anstatt hier Strohbänder zu flechten. So aber arbeiten vor allem an langen Wintertagen 70 Prozent der Dorfbewohner – etwa 400 Leute - an der „materia prima”, dem Rohmaterial für die schmucken Hüte: Bänder aus Stroh, die anschließend von Hutmachern kunstvoll zu Kopfbedeckungen zusammengenäht werden. 70 Meter kann ein fleißiger Flechter an einem Tag zustande bringen. Die pedalbetriebene Dresdner Nähmaschine ist eigens für das Vernähen von Stroh geschaffen, ein elektrischer „Bruder” steht ebenfalls zur Verfügung. Eindrucksvoll auch die vorsintflutlich anmutende Presse, in der die Modelle mithilfe von verschiedenen hölzernen Hutblöcken in Form gebracht werden.

Was Hüte über ihre Träger verraten...

Ein Hut ist viel mehr als nur Schutz vor Sonne, Regen oder Wind, weit mehr als nur Zierde für ein kahles, kurzgeschorenes oder bezopftes Haupt. Zeig mir deinen Hut, und ich sage dir wer du bist - nach diesem Motto wurden Kopfbedeckungen früher getragen. Lajos setzt sich demonstrativ den für Crişeni typischen Strohhut mit Krempe auf, den ein einseitig gerolltes Band ziert: „Trage ich die Spirale links, bin ich als Ungar zu erkennen, dann grüßen die Leute auf der Straße automatisch mit ‘jo napot’. Trage ich sie rechts, bin ich Rumäne und man sagt ‘bună ziua’.” Früher verrieten Hüte nicht nur ethnische Zugehörigkeit, Alter und Familienstand, sondern auch die regionale Herkunft. All dies jedoch nur zwischen dem 23. April, dem Tag des hl. Georg, und dem 29. September, denn nur in diesem Zeitraum „arbeitet“ der Hut auf dem Kopf, danach hält er „Winterruhe“ am Nagel. „Triffst du nach dem 29.  noch einen Mann mit Hut, so frage ihn besser nicht um Rat“, pflegten die Alten zu sagen. Nur der „Maisbrei-Hut“ ist dann noch in Gebrauch: Er verhindert, dass die Speise im Topf zu schnell auskühlt.

An die 150 Hutmodelle aus allen Landesteilen und sogar aus dem Ausland kann man hier bestaunen. Eine besondere Kuriosität: der elegante Bräutigamshut aus Sâmbriaşi (Muresch), den die Braut für ihren Verlobten zu flechten beginnt, sobald sie den Verlobungsring erhält. Vier Tage braucht man für dieses spezielle Modell. Ja, sogar eine Hochzeitskrone aus Stroh – ungeflochten, aus Ähren – gibt es zu bestaunen. „Diese Tradition hat sich nur hier bei uns erhalten“, erklärt Lajos. Eine Kuriosität, mit der man sich auch fotografieren lassen kann, ist der Riesenhut mit Durchmesser von zwei Metern. 2004 hatte der Fernsehsender TVR1 angefragt, ob man für eine Sendung  ein Exemplar, so groß wie möglich, anfertigen könne. „Es ging um das Guinness Buch der Rekorde, und sie wollten zeigen, dass es auch bei uns interessante Dinge gibt“. 12 Tage wurde an dem 2,65 Kilogramm schweren Hut gearbeitet, 500 Meter Strohbänder verbraucht, 22.555 Strohhalme und 1799 Meter Faden. „Das war eine tolle Werbung, denn wer die Töpfereien in Corund, die Saline in Praid oder das Kurbad in Sovata besucht, kommt seither auch zu uns“, freut sich Lajos Szöc. Ihn aufzusetzen, ohne dass das Gesicht unter der ausladenden Krempe verschwindet, ist nicht ganz einfach.

Vom Weizenkorn zum Langos

Freilich braucht man etwas Phantasie, um den Leuten ein Museum mit einem so speziellen Thema schmackhaft zu machen. Ludovic Szöc erzählt, eine wichtige Zielgruppe seien Kindergruppen, die entweder als Schulausflug oder im Rahmen eines Sommerlagers nach Crişeni kommen: „2003 hatten wir Ferienlager mit Kindergruppen aus der Slowakei, Serbien und Polen“. In einer Mühle mit Backofen, die ebenfalls zum Komplex gehört, demonstriert man ihnen den Weg eines Weizenkorns vom Mehl bis zum Brot – oder Langos. Das dabei anfallende Stroh findet vielerlei Verwendung: Man braucht es zum Entborsten eines geschlachteten Schweins, zum Flechten natürlich, und früher wurden auch die Hausdächer mit Stroh gedeckt. Kinder wie Erwachsene können zudem in Kursen das Strohflechten lernen. Wer seinen Urlaub in Crişeni verbringen möchte, kann sich für ca. 70 Lei Vollpension im dazugehörigen Gästehaus einmieten. „Palinca inbegriffen?“ fragt ein vorwitziger Besucher. „Mit Palinca!“ bekräftigt Lajos lachend. Es ist wohl das Rundumkonzept, das dem Museum Erfolg verleiht: Geschichte, Geschichten, Spaß, Interaktivität - und ringsum märchenhafte Natur.

In einem Verkaufspavillon kann man Flechtprodukte als Souvenirs erwerben: 25 Lei kostet der lokaltypische Sonnenhut; es gibt Brotkörbchen, umflochtene Flaschen, Weihnachtsdekorationen und mehr. 2015 bestellten 300 Pfadfinder aus Ungarn speziell für ihre Uniform angefertigte Hüte, die sie zum großen Pfadfindertreffen in Japan tragen wollten, gibt Lajos Szöc stolz zum Besten. Sie hatten in ganz Budapest niemanden gefunden, der ihnen diesen Wunsch erfüllen konnte.

Hüte sind in Crişeni lange noch nicht aus der Mode, die Kopfbedeckung aus Stroh kein alter Hut. Der Herrgott möge diesen Ort und seine kreativen Gestalter weiterhin behüten!

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