„Ich bin beeindruckt von der Ausdauer dieser Menschen“

Über Migranten und Flüchtlinge mit Flavius Ilioni-Loga von AIDRom

Mittwoch, 14. März 2018

Flavius Ilioni-Loga (rechts) hilft den Flüchtlingen, sich bei uns zu integrieren. Foto: Zoltán Pázmány

Migranten und Flüchtlinge sind spätestens seit den Migrationswellen infolge des Syrien-Kriegs vermehrt auch nach Temeswar gekommen. Für einige Zeit, bis sie weiterziehen, Richtung Westen oder für immer, diejenige, die sich hier niederlassen wollen. Wie leben wir mit ihnen? Wie erleben wir uns gegenseitig? AIDRom, der „Ökumenische Verein der Kirchen in Rumänien“, ist 1991 von der orthodoxen, der reformierten lutherischen sowie der evangelischen Kirche als eine informelle Plattform ins Leben gerufen, dann 1993 als eingetragener Verein gegründet worden. AIDRom befasst sich unter anderem mit den oben aufgezählten Risikogruppen. Mit Flavius Ilioni-Loga, dem „local manager“ von AIDRom Temeswar sprach die BZ-Redakteurin Ștefana Ciortea-Neamțiu.



Welches ist konkret der Tätigkeitsbereich von AID-Rom Temeswar?

In Temeswar existiert AIDRom seit 2012 und bietet Dienstleistungen im Sozialhilfebereich für gefährdete Personengruppen an wie Migranten, Asylbewerber, Flüchtlinge, legale Migranten wie Studenten, Familienangehörige, Personen, die über ein Arbeitsvisum verfügen, die von außerhalb der EU kommen, aber auch für Opfer des Menschenhandels. Bei Letzteren handelt es sich um Rumänen. Es geht dabei um erzwungene Prostitution, Ausbeutung durch Arbeit, erzwungene Bettelei. Etwas anderes ist der Menschenhandel innerhalb der Migrantengruppen, der Migrantenhandel also, ein noch unzulänglich erforschtes Thema. Es handelt sich um Personen, die mit Hilfe von Netzwerken von Schleusern und somit für eine gewisse Summe in ein anderes Land gelangen, eine illegale Dienstleistung sozusagen. Es kommt aber als Forschungsthema auf, da sich die Anzahl der Asylbewerbungen in Rumänien quasi verdreifacht hat, von 1800 im Jahr 2016 auf fast 5000 vergangenes Jahr.

In deutschen Medien ist erschienen, dass Temeswar so etwas wie ein Hub sein sollte für die Schleuser auf den Migrantenrouten. Stimmt diese Information?

Da müssten Sie die Polizei fragen. Es gibt viele Akten und es gibt auch viele Berichte in der Presse über „smugglers“ (Schmuggler), das englische Wort ist dabei viel expliziter für diese Aktion des Migrantenhandels. Viele Personen wurden verhaftet, angeklagt oder bereits verurteilt.

Wie viele Fälle sind es denn?

Ich verfüge über keine genauen Zahlen, soviel ich weiß, sind mehr als fünf Personen im Westen Rumäniens verurteilt worden. Die Migrantenroute Richtung Westen führt jetzt über Rumänien. Ich kenne keine Zahlen, aber viele dieser Menschen sind wahrscheinlich gar nicht in Rumänien geblieben. Und die Möglichkeit in den Westen zu gelangen, impliziert dann diese Schleuser. Vor kurzem habe ich einen Besuch im Norden Serbien abgestattet. 2-3000 Personen warten dort darauf, die Grenze passieren zu dürfen. Weil die traditionelle Route von Serbien nach Ungarn nicht mehr praktikabel ist, kommen diese Menschen nach Rumänien. Ich würde Temeswar aber nicht als Hub bezeichnen. Schließlich sind 5000 Personen pro Jahr keine beeindruckende Zahl im Vergleich zu 700.000 Menschen, die in Deutschland Asyl suchen.

Wir bemühen uns, diesen Leuten klar zu machen, welche Rechte sie haben, was geschieht, wenn sie sich um Asyl in Rumänien bewerben, was dies bedeutet, wenn sie weiterfahren möchten. Es gilt der Vertrag von Dublin, der es untersagt, in zwei Ländern den Asylantrag zu stellen. Sie müssen im ersten sicheren Land, das sie erreichen, den Asylantrag stellen. Das ist die juristische Perspektive. Schaut man aus der menschlichen Perspektive, dann gibt es eine gewisse Empathie mit diesen Menschen, denn der Migrationsfluss hat bereits vor sechs oder sieben Jahren in Syrien angefangen. Diese Menschen haben Angehörige, die sich in Deutschland oder in nordischen Staaten aufhalten und die dort in einem Integrationsprogramm eingebunden sind, die Sprache erlernt und vielleicht auch schon Arbeit gefunden haben. Aus diesem Grund – der Nähe – ist es verständlich, dass sie dorthin wollen.

Andererseits verfügt Rumänien über Instrumente für die soziale Inklusion, es gibt dieselben Integrationsprinzipien wie in Deutschland, aber praktisch sind andere Provokationen, jedoch die sind dieselben für alle gefährdeten Kategorien, nicht nur für die Migranten.

Welches sind die Ursprungsländer der Migranten, die nach Temeswar kommen?

Die Asylbewerbungen, die eingehen, sind seit einigen Jahren von Menschen, die aus Syrien und dem Irak, auch aus dem Afghanistan kommen. Aus afrikanischen Ländern weniger, diese Leute fahren nach Italien, auch nach Spanien. Auch die Zahl der Asylanträge aus dem Pakistan war ziemlich hoch in den vergangenen Jahren, sie ist aber in der letzten Zeit zurückgegangen, weil die Pakistani nicht die Voraussetzungen für den Status eines Flüchtlings haben.

Wie kommen diese Migranten hierher, wie sieht konkret die Reise aus?

Das ist nicht das Erste, was wir aus den Gesprächen mit den Asylbewerbern erfahren. Sie passieren die Grenze zwischen Serbien und Rumänien in der grünen Zone, weiter nach Europa gelangen manche von ihnen mit Hilfe der Netzwerke von Schleusern. Sobald sie aber in Rumänien ankommen, können sie an der Grenzpolizei den Antrag auf Asyl stellen. Sie müssten also hierbleiben und auf die Lösung ihres Antrags warten. Wir ermutigen sie dazu. Wir haben Sozialberater und juristische Berater.

Welches sind die Kriterien für eine erfolgreiche Asylbewerbung in Rumänien?

Die Menschen, die den Antrag stellen, müssen beweisen, dass ihr Leben in Gefahr ist.

Wie kann man das nachprüfen?

Diese Menschen, die zu den Interviews zum Generalinspektorat für Immigrationen gehen, bringen Dokumente mit, die ihren Geburtsort angeben, Medienberichte, Berichte des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen, Berichte von Menschenrechtsorganisationen. Sie müssen beweisen, dass sie zu einer Kategorie Menschen gehören, die verfolgt werden und deren Leben in Gefahr ist. Im Falle Syriens, wo ein ziviler Konflikt besteht, müssen die Menschen beweisen, dass sie aus einer gewissen Region kommen. Aber es gibt auch individuelle Fälle, zum Beispiel von Menschen, die als sexuelle Minderheit verfolgt werden. Die meisten Asylanträge stammen von Menschen, die aus Konfliktregionen kommen, zweitens von Menschen, die zu sexuellen Minderheiten gehören. Von Asylanträgen aufgrund politischer Überzeugungen habe ich in letzter Zeit im Westen Rumäniens nicht gehört.

Sie haben sicherlich viele Lebensgeschichten gehört. Welche hat Sie am meisten beeindruckt?

Ich bin beeindruckt von der Ausdauer dieser Menschen, die so viel durchgemacht haben. Kinder haben uns erzählt, dass sie Enthauptungen in Syrien beigewohnt haben. Es sind groteske Bilder, aber diese Menschen haben die Ausdauer und die Kraft, weiterzumachen und in manchen Situationen sieht man sie wieder lachen. Sie machen mit, wir kochen zusammen, machen interkulturelle Partys.

Vor Kurzem habe ich mit einer Familie aus dem Irak gearbeitet. Das Ehepaar ist kurdischer Herkunft, es sind Jesiden, die von dem Islamischen Staat als Heiden angesehen werden. Diese Menschen haben uns erzählt, wie sie vor zwei-drei Jahren davongelaufen sind. Nachts haben die Menschen begonnen, sich anzurufen, weil Konvoys des IS auf sie zu kamen. Die Frauen und Kinder sind in Autos geflüchtet, die Männer sind geblieben, um zu Fuß zu laufen, oder sich zu verstecken. Dieses Ehepaar ist davongekommen. Dann hat es in einem Flüchtlingslager in der Türkei gearbeitet, wo es anderen Menschen geholfen hat. Die Frau meinte, sie hätten das Lager auch früher verlassen können, Richtung Europa, aber sie hatten sich entschlossen, dort zu bleiben, um die Jesiden-Frauen, die sexuelle Sklavinnen gewesen waren und denen es gelungen war, zu fliehen, zu beraten und ihnen zu helfen. Sie fühlten sich verantwortlich. Vor der Ausdauer dieser Menschen müssten wir uns alle beugen. Wir müssten diese Geschichten kennen und keine Angst vor diesen Menschen haben.

Nur zur Präzision: Unter den Flüchtlingen gibt es immer Unterschiede, es gibt die eigentlichen Flüchtlinge, aber es gibt auch Wirtschaftsmigranten. Wir müssen den Staatsinstitutionen vertrauen, dass sie den Unterschied zwischen den beiden Kategorien machen.

Daher auch der Unterschied zwischen der Anzahl der Migranten, die gekommen sind und der Anzahl der gelösten Bewerbungen für ein Asyl?

5000 Migranten kamen, es wurden 1300 Asylbewerbungen gelöst, diesen Menschen wurde der Status als Flüchtling anerkannt, 72 davon in Temeswar. In Temeswar ist die Anzahl gering, weil hier eine Transitstelle ist, die nur 150 aufnehmen kann. Viele von den 3000 Antragstellern in Temeswar wurden in andere Zentren in Rumänien geschickt.

Wie sieht der Alltag der Menschen aus, bei denen das Asylverfahren begonnen hat oder abgeschlossen wurde? Ich beziehe mich auf Arbeit, Schule usw.

Den Asylbewerbern, die die Aufenthaltserlaubnis bekommen haben, wurde der Flüchtlingsstatus anerkannt. Das ist die maximale Form des Schutzes, den eine Person bekommen kann, deren Leben in Gefahr ist. Diese Menschen genießen alle Rechte, die auch die rumänischen Bürger haben, außer dem Stimmrecht oder der freien Reise in den europäischen Raum. Sie können gleich arbeiten, es gibt Rumänisch-Kurse, die von den Kreisschulinspektoraten angeboten werden. Praktisch wäre es, zuerst die Sprache zu erlernen, aber wegen der wirtschaftlichen Situation fangen die Leute zuerst zu arbeiten an. Die Sprachkurse in Rumänien dauern nur vier Stunden pro Woche, gewöhnlich nachmittags. Viele Menschen beginnen früh zu arbeiten. Da in Temeswar die Arbeitslosenzahl gering ist, haben die Flüchtlinge Glück. Ein Beispiel: Vor kurzem hat uns ein Hotel angerufen, ob wir nicht zehn Leute vermitteln können. Andererseits gibt es in Temeswar auch eine große Gemeinschaft an Personen, die arabischer Herkunft sind, und die verschiedene Geschäfte haben z. B. im Bereich Fast Food. Dort sprechen sie Arabisch. Wir empfehlen das nicht immer, denn Inklusion bedeutet, dass sie sich regelmäßig in einem direkten Austausch mit der lokalen Gemeinschaft befinden sollten. Die Kinder lernen schneller die Sprache, ich kenne einen Fall, da hat die 12jährige Tochter ihre Mutter beim Interview für die Anstellung in einer Druckerei begleitet, sie hat ihr gedolmetscht. Wir organisieren auch Jobmessen.

Was erzählen sie über die Integration bei uns, über den Kontakt mit den Rumänen?

Ich frage sie immer, ob sie eine direkte Diskriminierung erlebt haben, denn die indirekte kommt oft vor. Das ist dann der Fall, wenn die Leute sich im Bus oder im Café nicht neben einen setzen sollen. Oder wenn sie einen Rumänen als Mieter bevorzugen. Ich frage sie also danach, ob jemand ihnen direkt etwas gesagt oder getan hätte. Alle antworten, nein. In Temeswar ist es schon anders als in anderen Landesteilen, wo man Flüchtlingslager aufbauen wollte und die Bewohner auf die Straße gegangen sind, um dagegen zu protestieren. Ich kann ein Beispiel aus Temeswar nennen: Einige Asylbewerber, die in einer Druckerei arbeiten, sind nach kurzer Zeit mit den anderen Arbeitskollegen auf ein Glas ausgegangen, und die Männer haben gemeinsam Fußball gespielt.

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