„Ich bin gern in Weidenbach“

Sonja Kunz hat da ihre Aufgabe gefunden: Verlassenen Kindern zu helfen

Freitag, 30. November 2012

Sonja Kunz mit einer der beiden Zwillingsschwestern von „Prichindel“. Foto: Ralf Sudrigian

Die Weidenbacher Kirchenburg war auch Treffpunkt der nach Deutschland ausgesiedelten Weidenbacher Sachsen.
Foto: Hans Butmaloiu

Die Schweizerin Sonja Kunz sieht sich heute als halbe, ja vielleicht sogar als dreiviertel Weidenbacherin. In der Burzenländer Kleinstadt ist sie seit Mai 1995 als pädagogische Leiterin des in Basel gegründeten Vereins „Pentru copii abandonaţi“ tätig. Sie konnte miterleben, wie Weidenbach/Ghimbav sich in dieser Zeit verändert hat, wie die ehemalige Gemeinde immer mehr ihren ländlichen Charakter verloren hat. Die Ortschaft ist gewachsen, neue Wohngebiete entstanden, z.B. dort wo der ehemalige sächsische Obstgarten war.

Wie Weidenbach aussah und wie man da lebte als der Großteil der Weidenbacher Sachsen noch nicht nach Deutschland aussiedelten, kennt Sonja nicht. Aber sie freut sich, dass sie noch die siebenbürgisch-sächsische Mundart hören kann, die sie recht gut versteht weil dieser Dialekt vom Schweizer Deutsch her nicht total fremd klingt. „Ich finde es sehr schön, dass die paar älteren Leute noch da sind, dass sie ihr Kränzchen haben“, sagt die ausgebildete Psychopädagogin.

Rosa-Tante ist von Anfang an eine der Köchinnen beim Kinderhaus „Prichindel“; von Elsa-Tante werden die Eier gekauft und mit Anni-Tantes Presse wird der Saft hergestellt. Auch die beiden benachbarten Häuser des Vereins in der Marktgasse waren ursprünglich sächsische Bauernhöfe. Heute ist „Prichindel“ das Zuhause für fast zwei Dutzend Kinder und Jugendliche. Die jüngsten sind Zwillinge, knapp zweijährige Schwestern – die ältesten sind hier groß geworden und sind bereits 19 Jahre alt.

Alle stammen sie aus sozial schwachen Familien, die meisten wurden von ihren Eltern verlassen. In ihrem Elternhaus hätten sie ein Leben voller Entbehrungen gehabt und keine echten Zukunftschancen. Bei „Prichindel“ und bei „Casa Livezii“ (der Name kommt vom einstigen Obstgarten) haben diese Kinder, oft sind es Geschwister oder nahe Verwandte, ein gesichertes Zuhause, eine Ausbildung, familienähnliche Verhältnisse. Sie werden rund um die Uhr betreut aber dabei auch für ein selbständiges Leben vorbereitet.

Der Verein der zu rund 80 Prozent mit Spenden aus der Schweiz seine Kosten deckt, tut alles was hier und heute unternommen werden kann, um Begriffe wie Erziehung, Verantwortung, Respekt, Fürsorge, Chancengleichheit, Einsatz für ihre Schützlinge mit Leben zu füllen. (Mehr über diese vielfältige Tätigkeit und über jenen, die sie zugute kommt, können Sie auf der Webseite www.aban-donati.ch erfahren). Beeindruckend ist auch, dass die zu Jugendlichen herangewachsenen ehemaligen „Prichindel“-Kinder weiterhin begleitet werden, sei es indem sie weiter im Haus Teil der Großfamilie bleiben, sei es durch „begleitetes Wohnen“ (z.B. in einer vom Verein in Zeiden gekauften Wohnung), sei es durch nicht abgebrochenen Kontakt mit den Jugendlichen, die einen Arbeitsplatz finden konnten.

Sonja Kunz ist froh, dass in Weidenbach nun eine gewisse Akzeptanz seitens der Behörden und der Bevölkerung für den Verein existiert. „Zumindest werden uns keine Steine in den Weg geworfen“, sagt sie. Manche Anträge zwecks Unterstützung der Vereinstätigkeit kommen auch durch; die evangelische Kirchengemeinde schließt die Kinder ein, wenn die Weihnachtspäckchen verteilt werden. Nicht so oft umziehen, wenn es um das „Aufgabenhilfe-Projekt“ geht, wünscht sich Sonja allerdings.

Bei diesem Projekt werden rund 20 Weidenbacher Schüler und, über Schulrequisiten, Jausen, Beratung, auch deren Familien betreut, indem eine vom Verein angestellte Fachkraft ihnen nach dem Unterricht beim Lösen der Hausaufgaben zur Seite steht. Der Raum, wo diese Aufgabenhilfe stattfindet, befindet sich zur Zeit im neuen Rathaus. So werde man auch von den Behörden wahrgenommen und zeige, was man konkret gegen den Schulabbruch tun könne, meint Sonja.

Sie, Verwaltungsleiterin Maria Gavriliu, die anderen Mitarbeiter zu denen Volontäre aus der Schweiz und Deutschland hinzukommen, haben viel zu tun. „Salix“ (lat. = Weide) heißt Prichindels Nachbarhaus das der Verein gekauft hat. Es hat ein neues Dach bekommen und wird nun eingerichtet. Sonja hat da ihr Büro, ihre Wohnung, hält Besprechungen. Zwei Jugendliche wohnen am Hof, eine Werkstatt könnte noch hinzukommen, wo die Kinder ihre handwerklichen Fertigkeiten aber auch ihre Kreativität fördern können.

Zusammen mit einem andern Weidenbacher Hilfsverein für Kinder („Der barmherzige Samariter“, rum. „Samariteanul Milos“) wird Familien aus der Roma-Siedlung in der rund 15km entfernten Gemeinde Dumbrăviţa geholfen unter der Voraussetzung, dass sie ihre Kinder regelmäßig in den Kindergarten und zur Schule schicken. In Weidenbach selbst gibt es kaum Roma, dafür spielt sich das Leben der vielen kinderreichen Roma-Familien in Dumbrăviţa deutlich und schmerzhaft unter der Armutsgrenze ab.

Verlassene Kinder als ein Symptom dieser Armut die die überforderte staatliche soziale Fürsorge vernachlässigt, sind eine große Herausforderung nicht nur für Rumänien oder Weidenbach, sondern auch für Sonja Kunz als Ausländerin. Sie, die Spender und Freunde des Vereins haben sie aber akzeptiert und sind wohl durch das punktuelle Weidenbacher Erfolgsmodell mit Prichindel – Casa Livezii – Salix dafür belohnt und in ihren Bestrebungen bestätigt worden. Das ist wohl der Hauptgrund, der Sonja Kunz an Weidenbach bindet. Dass es ihr da auch gefällt, macht alles noch schöner.

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