„Ich bin kein höflicher Mensch, ich bin ein Proletarier“

Gespräch mit dem deutschen Regisseur Armin Petras

Montag, 02. Juli 2012

Armin Petras

Szene aus „Prinz Friedrich von Homburg“ in der Regie von Armin Petras am Maxim-Gorki-Theater Berlin
Foto: Bettina Stöß

Beim Berliner Theatertreffen 2008 sah ich eine Aufführung nach einem Roman von Einar Schleef, „Gertrud“, bei der Sie die Regie führten. Sie beschäftigen sich immer wieder intensiv mit deutscher Vergangenheit – als Regisseur und auch als Autor (unter dem Pseudonym Fritz Kater): „Gertrud“ – das war deutsche Vergangenheit aus der Nazizeit und bis in die 70er  Jahre; im Falle Ihres Stücks „Heaven (zu Tristan)“ spielt wiederum deutsche Vergangenheit eine gewichtige Rolle, es geht jedoch um einen anderen Zeitabschnitt – das Stück spielt in unseren Jahren, aber die eingeblendete Rückschau handelt von DDR-Zeiten. Und in einem anderen Stück von Ihnen, „We are Camera / Jasonmaterial“, geht es wiederum um deutsche Geschichte, um eine deutsche Familiengeschichte...

Das hört sich für mich ein wenig befremdlich an, so als ob ich ein Historiker wäre, der nebenbei Theater macht; gleichzeitig muss ich sagen, dass Sie in einigen Punkten recht haben... Es handelt sich immer um deutsche Geschichte... sehr oft um nähere deutsche Geschichte, z. B. bei „Heaven“, wo es sich nicht unbedingt um DDR-Geschichte handelt, sondern mehr um die Geschichte der Region in den 90er Jahren, wo es früher einmal die DDR gab:

Das ist die eine Seite – das Material; und die andere Seite ist die Stellungnahme... bei mir ist es die des Abschiednehmens: Was kostet es uns, von Erfahrungen, von mitgelernten, von gewonnenen Lebensformen Abschied zu nehmen, wie schwer ist das und was macht das in uns – das war die Grundfrage bei „Heaven“. Und bei „We are Camera / Jasonmaterial“ war die Grundfrage die der Schuld, welche Schuld nimmt Jason auf sich? Konkret geht es ja darum, dass ein DDR-Spion, ein Agent, seiner Frau nicht sagt, dass er weggeht und damit Schuld auf sich lädt. Das ist für mich immer ein sehr interessantes Thema: Wie können wir ohne Schuld leben? Oder aber müssen wir mit Schuld leben...

Es geht in Ihren Stücken immer auch um Heimat... Und um Heimatverlust „vor Ort“, durch Verfall oder durch zu raschen sozialen Wandel, wie in „Heaven“ beschrieben.

Richtig, man kann Heimatverlust auch dann erleben, wenn man in einer Stadt, in einem Ort bleibt... ich hätte auch im Prenzlauer Berg bleiben können, in dem ich aufgewachsen bin und mit dem ich absolut nichts mehr zu tun habe, es ist mir völlig fremd... ich bin Ostberliner und erkenne hier nichts wieder... Und zum zweiten: Mich interessieren nur Stoffe, in denen es soziale Umbrüche gibt, also mich würde Botho Strauss, glaube ich, nicht interessieren – es wäre eben nicht mein Thema...  

Gibt es Leute, mit denen Sie bevorzugt zusammenarbeiten, die Sie anregen?

Ich habe wechselnde Partner, aber ich glaube, ich habe in den letzten 20 Jahren auch eine Gruppe, eine Familie von Leuten, mit denen ich immer wieder zusammenarbeite, und das ist auch sehr wichtig... z. B. arbeite ich jetzt zusammen mit Olaf Altmann an einem neuen Projekt, „Bahnwärter Thiel“, nach einer Erzählung von Gerhart Hauptmann und das wird im Dezember oder im November Premiere haben. Ich glaube, dass wir daran schon vor zwei Jahren zu arbeiten begonnen haben, wir haben gemeinsam das Bühnenbild entwickelt, das für mich immer sehr, sehr anregend ist. Gerade Olaf Altmann ist ein Künstler, der Hauptmann extrem auf den Grund gegangen ist. Das wirkt sich dann entscheidend auch auf die Art und Weise aus, wie mit dem Stoff umgegangen wird.

Sie scheinen eine Vorliebe auch für gewisse Autoren zu haben, z. B. für Kleist, den Sie mehrmals inszeniert haben...

Und es gibt auch Autoren, die ich nie gemacht habe, z. B. Molière... Nun, Kleists Stoffe – „Der Prinz von Homburg“, „Das Erdbeben in Chili“, „Das Käthchen von Heilbronn“ – sind gerade deshalb so unfassbar schön und großartig, weil sie meiner Meinung nach postmoderne Texte sind und auf verschiedenen Ebenen lesbar: als Märchen, als Rittergeschichte, als totale Liebespassion...

Und da Sie ihn zuvor erwähnten – warum nicht Molière?

Er ist mir zu lieblich. Ich bin kein höflicher Mensch, ich bin ein Proletarier.

Ist das der Grund, weshalb Sie in Ihren Aufführungen und auch in Ihren Texten, in „Heaven“, sozusagen eine Perspektive von unten auf die Zeitläufte einnehmen?

Ich kenne nur diese Seite... Aus meiner Biografie bin ich – heute würde man es so sagen – auf der Seite der Verlierer. Obwohl ich ja gar kein Verlierer bin, ich gehöre eher auf die Seite der Gewinner... aber von meiner Erziehung, von meiner Biografie her habe ich immer von der Seite der Unteren geschaut. Das interessiert mich einfach auch mehr.

Welche Beziehung haben Sie zu Fritz Kater – schreibt der Autor Fritz Kater seine Stücke extra für den Regisseur Armin Petras?

Nein. Fritz Kater schreibt für die Welt, er versucht Texte für die Bühne zu schreiben, die so gut wie möglich sind, aber eben nicht auch so kompatibel wie möglich dafür. Und ich versuche dann, die Texte kompatibel zu machen, und gehe mit ihnen viel radikaler um...

Den Autor finde ich auch viel nostalgischer und sentimentaler als den Regisseur...

Nun ja, als Regisseur halte ich Abstand und ironisiere.

Heiner Müller hat 1990 mit dem Schreiben von Theaterstücken aufgehört, während Sie, will sagen: Fritz Kater just dann zu schreiben begann...

Heiner Müller war ein großes Vorbild von mir... Ich habe mit dem Schreiben begonnen, weil Zuschauer mir gesagt haben: Zerstören Sie nicht unsere Klassiker, schreiben Sie doch lieber selber. Das habe ich dann ernst genommen. Ich war damals auch arbeitslos, da hab’ ich mir gesagt: Wenn ich schon ein schlechter Regisseur bin, dann versuch ich halt auch etwas anderes zu machen. Ich wollte eigentlich Romanschriftsteller werden und Arzt gleichzeitig und auf dem Lande leben... Je älter ich werde, desto mehr mache ich von den Dingen, die ich mir ausgedacht habe als Junge... Für den Roman habe ich noch keine Zeit...

Ab nächstem Jahr gehen Sie als Intendant nach Stuttgart. War das Ihre Entscheidung?

Ja, weil in Berlin das Geld immer knapper wird und da habe ich das Angebot aus Stuttgart angenommen.


Das Interview zeichnete Alexandru Al. Şahighian beim diesjährigen Internationalen Theaterfestival in Hermannstadt auf.

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