Ich bin „progeografisch“

Oder von der Notwendigkeit einer gründlicheren Ausbildung der Politiker

Donnerstag, 02. Mai 2013

Die Bombenanschläge beim Bostoner Marathon stellten nicht nur die nach dem 11. September 2001 eindeutig sinnlos übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen in den Vereinigten Staaten von Amerika in Frage, sondern zeigten zum wiederholten Mal die enormen Wissenslücken eines beträchtlichen Teils der amerikanischen Bevölkerung. Die durch das Attentat erschütterten US-Bürger verlangen insbesondere im Internet nach Vergeltung und zwar mittels Angriff bzw. den Einmarsch in die Tschechische Republik (sic!). Eine Zusammenfassung der Twitter-, Facebook- und Blogeinträge, die ebenfalls im Internet kursiert, in denen die zu Recht betroffenen Amerikaner ihrer Wut Ausdruck verleihen, beweist, dass ihre geografischen Kenntnisse milde gesagt dürftig sind.

Man kann von den amerikanischen „Normalverbrauchern“ nicht verlangen, dass sie einen europäischen Staat kennen, der kleiner als South Carolina ist. Von den Politikern aber darf man es schon erwarten. Wenige Tage nach dem Bombenanschlag in Boston äußerte sich die gewesene Gouverneurin von Alaska und ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin in einem Interview mit dem Sender „Fox News“ zur momentanen „Lage der Nation“. In wenigen Sätzen schaffte es die Politikerin, die auch als politische Kommentatorin tätig ist, die ganze Begrenztheit ihres Wissens über Europa und den Rest der Welt preiszugeben. Wörtlich sagte sie: „Lassen Sie uns ein paar Atombomben auf Islamabad werfen, Prag abbrennen und dann zum Teufel Teheran bombardieren.“ Das alles, weil die Attentäter von Boston „Muslime aus der Tschechischen Republik“ seien (sic!). „Die Araber sollen lernen, dass sie nicht einfach hierher kommen und die Sachen sprengen können“, wetterte Palin.

Verzeihen Sie mir meine Direktheit, aber wie blöd kann man sein? Dass die meisten Amerikaner keinen Schimmer vom Rest der Welt haben, ist eigentlich seit Langem kein Geheimnis. Für viele Amerikaner endet die „Zivilisation“ irgendwo an der West- oder Ostküste des US-Festlandes oder im besten Fall an der Küste von Hawaii, vorausgesetzt man weiß, wo dieser US-Bundesstaat liegt. Europa stellt man sich als einen Staat vor. Man erinnere sich nur an eine Fernsehshow, in der die Kandidatin auf die letzte Frage des Moderators, „Budapest is the capital of which European country?“ (Budapest ist die Hauptstadt welches europäisches Staates), mit „I thought Europe is a country“ (Ich dachte, Europa ist ein Staat) antwortete. Und dann sehr überrascht war, als die Antwort „Hungary“ lautete, das in der Aussprache stark dem Wort „hungry“ (hungrig) ähnelte. Andererseits habe die Kandidatin schon von einem Land namens „Turkey“ („Türkei“ oder „Truthahn“) gehört.

Von den Politikern in den führenden Positionen sollte man mehr erwarten. Oder? Nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme in New York sagte die damalige nationale Sicherheitsberaterin und spätere Außenministerin der USA, Condoleezza Rice, im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Krieg in Afghanistan in einem Interview: „Wir holten die Karten raus und suchten, wo Afghanistan liegt. So stellten wir fest, dass man es mit den Kriegsschiffen nicht angreifen kann, weil es dort kein Meer gibt.“

Wegen der großen Verwechslungsgefahr fühlte sich der tschechische Botschafter in den USA zu einem Statement verpflichtet: „Die Tschechische Republik und Tschetschenien sind zwei verschiedene Entitäten – Tschechien ist ein zentraleuropäischer Staat und Tschetschenien ist Teil von Russland“. Dasselbe versuchten auch die Moderatoren der Sendung „Fox and Friends“ Sarah Palin zu erklären. „Wo liegt der Unterschied? Ist Russland nicht ein Teil der Tschechischen Republik?“, erwiderte Palin. In einer späteren Erklärung beschuldigte die Politikerin den Sender einer „proislamischen“ und „progeografischen“ (sic!) Haltung. „Das ist nur ein weiterer Fall, in dem politisch korrekte liberale Medien die Wahrheit über den radikalen Islam verbergen“, meinte sie.

Es ist also egal, wo man lebt. Man kann nur hoffen, dass die US-amerikanischen Machthaber entweder bessere geografische Kenntnisse oder Berater haben. Sonst würde es wirklich keine Rolle spielen, ob man in der Hauptstadt eines mit den USA alliierten Staates lebt oder in einem Dorf in Pakistan. Gebombt wird aufs Geratewohl, wenn es die Amis so wollen.

Kommentare zu diesem Artikel

Rainer Beel, 04.05 2013, 15:15
So, so: der Anti-Amerikanismus ist nun endlich auch in der ADZ angekommen. Cool, dann schwimmt sie ja jetzt im Mainstream. Weiß der werte Herr K. denn, dass India und Indiana zwei sehr verschiedene Staaten sind? Den Unterschied zwischen Satire und Realität kennt er jedenfalls nicht. -- Oder ist die ADZ nun ein Satireblatt geworden?
Sadarji, 03.05 2013, 11:05
Das genannte Interview mit Frau Palin srammt aus einer Satirezeitung im Web, es wurde nur dort veröffentlicht und hat nie stattgefunden.

Der Rest stimmt leider.
Andrey, 02.05 2013, 14:40
Werte/r Emil,
wenn Sie eine Frau wären/sind, wäre der einzige Unterschied in meinem vorherigen Beitrag die Ansprache mit "meine Dame" gewesen.
Ihre vermutete Unterstellung, ich sei frauenfeindlich, trifft nicht im Geringsten zu.
Ich erlaube mir, Ihnen das eigenständige Denken zu verwenden, statt den etablierten Massmedien alles aufs Wort zu glauben.
Hochachtungsvoll, unabhängig von Ihrem tatsächlichen Geschlecht.
Ottmar, 02.05 2013, 14:17
Lieber Emil
Dein geogradisches Wissen ist schon beachtlich und du beeindruckst in dem du ein paar Wikipedia infos hier als dein Super Wissen beiträgst. Nur hinkt dein Vergleich ein bischen. Die tschechische Republik kennt zum Beispiel jeder bayerische oder siebenbürgische Bauer. Tschechien hat in Euopa als auch Weltweit eine grosse historische Bedeutung. Siehe zum Beispiel Prager Fenstersturze 1419 = Beginn Hussitenkriege und 1618 Beginn des 30-jährigen Krieges als auch der Einmarsch der gesamten sozialistischen Gemeinschaft nach dem Prager Frühling 1968. Du kannst die historische Bedeutung Tschechiens vielleicht mit der Kanadas vergleichen. War einmal grösste Kolonie Englands und ist ein sehr grosses Land nördlich der USA. dieses nun kennen aber sicher auch der bayerische und der siebenbürgische Bauer sowie Du und auch fast alle Amerikaner. Im übrigen entnehme ich deiner rassistischen Argumentation dass du bayerische Bauern und siebenbürgische Bauern für so dumm hälst dass du annimmst diese Mitbürger wissen nicht wo z.B. Ceuta liegt. Finde ich schon krass
Emil, 02.05 2013, 12:57
Werter Herr Kolobov, Ihre "Hoffnung", dass ich tatsächlich ein "Herr" bzw. Mann bin, ist hochamüsant und unterstreicht einmal mehr Ihr klischeenbehaftetes Denken. Was wäre denn so schlimm, wenn ich eine Frau wäre? Und was für eine Rolle spielt das Geschlecht überhaupt in dieser Debatte - wäre ich als Frau etwa für Sie ein "Untermensch"? Sie empfehlen mir Fox News - ich empfehle Ihnen eine langfristige, gründliche Lektüre auslandspolitischer Beiträge in Spiegel, FAZ, Welt, Zeit und Cicero, um noch Einiges hinzuzulernen. Schließlich lernt ein Mensch ja nie aus - auch ein Journalist nicht.
Christian, 02.05 2013, 11:42
Lieber Autor,

Sie verheimlichen leider das es in den USA auch eine sehr große Menge überaus gebildeter Menschen gibt. Politiker (und andere) mit großen Bildungslücken oder sehr extremen Ansichten gibt es auch in Europa zuhauf.
Jeder sollte vor seiner eigenen Tür kehren..
Wahrsager, 02.05 2013, 11:21
Werter Herr Kolobov, sie sind damit leider das Opfer einer Satire geworden. Auch wenn die Aussage der Frau Palin zutrauen könnte, hatte sie diesen Satz nie gesagt.
Quelle: http://tinyurl.com/bv7dc32
Andrey, 02.05 2013, 11:18
Mit Verlaub, mein Herr (hoffe ich), brachten die Sicherheitsmaßnahmen nach dem 9/11 und insbesondere diese beim Bostoner Marathon irgendwelche Vorteile für di Bevölkerung? Natürlich abgesehen von der Verletzung der allgemeinen Menschenrechte.
Ein siebenbürgischer Bauer muss genau so wenig wissen, ob Ceuta nun zu Spanien oder zu Marokko gehört, weil Siebenbürgen meines Wissens über keine eigene Streitkräfte verfügt, die der Bauernpartei unterstehen würden.
Ich bedanke mich ebenfalls für das Kompliment im Bezug auf die "Stimme Russlands". Hoffe ebenfalls, dass Ihre werte Meinung von solch progressiven Sendern wie z.B. "Fox News" nicht übersehen wird.
Manfred, 02.05 2013, 11:06
Dürftiger Beitrag!Emil hat da absolut recht-nicht adz-würdig.
Emil, 02.05 2013, 10:27
Die Beurteilung des Autors über "eindeutig sinnlos übertriebene Sicherheitsmaßnahmen" in den USA seit dem 11. September finde ich, mit Verlaub, mindestens ebenso "blöd" wie die Aussagen Sarah Palins. Herr Kolobov, Ihr Beitrag ist eine einzige Pauschalisierung, Sie machen sich nicht einmal die Mühe, die benutzten Klischees eingermaßen mit Fakten zu unternauern. Es stimmt zwar, dass ein guter Teil der US-Bevölkerung wenig oder gar nicht über Europa Bescheid weiß - genauso wenig, wie ein siebenbürgischer oder bayrischer Bauer weiß, wo Puntland oder Ceuta, Kabardino-Balkarien oder Bonaire liegen. Im Übrigen meine ich mich zu erinnern, dass auch eine rumänische Politikerin vor gar nicht allzu langer Zeit nicht wusste, dass Norwegen keine Republik, sondern ein Königreich ist - ungebildete Leute gibt es eben überall. Ihr unargumentierter, pauschalisierender Beitrag passt daher mehr in eine Sendung der "Stimme Russlands" als in die Seiten der ADZ ...

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