„Ich empfand Deine Äußerungen als Echo meiner eigenen Stimme…”

Der Briefwechsel zwischen Hans Bergel und Manfred Winkler

Sonntag, 18. März 2012

Manfred Winkler / Hans Bergel: Wir setzen das Gespräch fort ... Briefwechsel eines Juden aus der Bukowina mit einem Deutschen aus Siebenbürgen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Renate Windisch-Middendorf. Berlin: Frank & Timme 2012, 358 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-86596-381-9, 28 Euro.

Der literarische Briefwechsel, der Austausch von Gedanken und Meinungen unter Schriftstellern mittels Briefen stellt ein faszinierendes Kapitel der Literaturgeschichte aller Völker dar. In der deutschen Literatur sei u.v.a. an Goethe, Thomas Mann, Rilke, Hofmannsthal, Schnitzler, Hesse erinnert.
Im Jahr 1956 trafen sich zwei Männer, die sich nur dem Namen nach kannten, in einem Bukarester Hotel. Der eine war Manfred Winkler, Sohn eines jüdischen Anwalts aus der Bukowina, geboren 1922 in Putila. Winkler ging in Czernowitz zur Schule. Mit der sowjetischen Besetzung der Nordbukowina 1940 wurden Eltern und Bruder nach Sibirien deportiert. Winkler kam davon, weil er sich nicht zu Hause aufhielt. 1941, als die rumänische Armee die Stadt besetzte, wurde er von der rumänischen Behörde deportiert. 1944 kehrte er nach Czernowitz zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er aus der erneut unter sowjetischer Besetzung geratenen Bukowina mit anderen Juden nach Rumänien zurückgeschickt. In den 50er-Jahren lebte er in Temeswar. Gleichzeitig schrieb er Gedichte in deutscher Sprache und wurde Mitglied des rumänischen Schriftstellerverbandes. 1959 wanderte er nach Israel aus, wo er sein Studium abschloss. Als Archivar brachte er in verantwortlicher Redaktionsstellung die Werke von Theodor Herzl heraus. Seit 1981 ist er freischaffender Schriftsteller, Mitglied des israelischen Schriftstellerverbandes und des PEN. 1999 erhielt er den Literaturpreis des Ministerpräsidenten Israels.

Hans Bergel, geboren 1925 in Rosenau bei Kronstadt, Sohn eines Lehrers, später Schulinspektors, und Bruder des Dirigenten Erich Bergel, verbrachte Kindheit und Jugend in mehreren siebenbürgischen Städten. Nach 1945 wurde er drei Mal verurteilt, 1959 zu 15 Jahren Zwangsarbeit. 1964 wurde er aus dem Kerker entlassen. 1968 wanderte er nach Deutschland aus und ließ sich in München nieder. 1970-1989 war er Chefredakteur der „Siebenbürgischen Zeitung“ und Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk, von 1989-2010 Mitherausgeber der „Südostdeutschen Vierteljahresblätter“ bzw. „Spiegelungen“.

Der jüdische Schriftsteller und Bildhauer Manfred Winkler war aus Temeswar, der siebenbürgisch-sächsische Autor Hans Bergel aus Kronstadt nach Bukarest gekommen, um an einem Schriftstellertreffen teilzunehmen. Sie verabschiedeten sich ohne zu ahnen, dass ihre Trennung fast vier Jahrzehnte dauern sollte. Obwohl die Beiden weit entfernt voneinander lebten, erwies sich ihre Freundschaft als langlebig. Bergel entdeckte 1994 in München durch Zufall „Die Stimme. Zeitung der deutschsprachigen Juden in Israel“, setzte sich mit dem Herausgeber in Verbindung und erhielt Auskunft über Winkler. Die Antworten, die er von Winkler bekam, lösten einen Briefwechsel aus, der bis heute geführt wird. Es ist eine Korrespondenz, die einen „einzigartigen Platz nicht nur in der Literatur deutschsprachiger aus Südosteuropa stammender Autoren“ einnimmt, wie es im Werbeprospekt des Verlags heißt, ein reger Meinungs- und Ideenaustausch über Literatur, Kultur, Religion, Politik, Gesellschaft. Kommentare zu Buchveröffentlichungen und Publikationen, Lektüreeindrücke, Stärken und Schwächen in den Schaffensphasen, Hintergründe der Entstehung eigener Werke, Anmerkungen zu politischen Ereignissen der Zeit sind in den Briefen nachzulesen. Über die Entstehung seiner beiden Romane „Wenn die Adler kommen“ (1996) und „Die Wiederkehr der Wölfe“ (2006), aber auch generell über seine Auffassung von der Erzählung schreibt Bergel: „Der Zwang, die Authentizität der Dinge zu respektieren, sie aber trotz sachbezogener Ausbreitung gleichzeitig dichterisch zu beschwören, ist ein Grundsatz meiner erzählenden Prosa.” (S. 146) Manfred Winkler hingegen schreibt über die Entstehung seiner Gedichte: „Sie bilden sich in mir oft auf unbegreifliche Weise aus einem Bereich heraus, in dem sich Dunkelheiten, Sprache und Musik treffen.“ (S. 107)
Obwohl verschiedenartige Persönlichkeiten, sind dem Briefwechsel die Geistesverwandtschaft zwischen den beiden Schreibenden und ihre Freundschaftsgefühle zu entnehmen. Camus ist der Autor, der beide Schriftsteller so sehr faszinierte, dass sie sich schon 1956 intensiv über den Roman „Die Pest“ austauschten. Winkler empfindet die Briefe seines Freundes Bergel als „ein Echo meiner selbst“ (S. 57).

Nachdem sie sich 1999 in Israel zum vierten Mal wiedersahen, notiert Bergel nach einer Reise durch Jordanien beim Anblick des Jordantals: „Als wir beide nebeneinander auf der Felsenkuppe über dem Flusstal in der heißen Wüstensonne standen, dachten wir das Gleiche. Und ich denke heute: Hier liegt die gemeinsame Wurzel des Juden- und des Christentums – im Mosesereignis. Du hast das durchaus richtig erfühlt, als du mir den Arm um die Schultern legtest und sagtest: .“ (S. 133)
Die Ankunft Winklers in Israel stimmte mit der dritten Inhaftierung Bergels überein. Als dessen Rehabilitierung 1968 ausgesprochen wurde, lebte er bereits in München. In Deutschland angekommen, war das dortige politische Klima für ihn nicht günstig. Die westlichen Länder bewunderten Ceauşescu. Bergel widersprach diesen Meinungen mit der Absicht, den Enthusiasmus des Westens für den rumänischen Diktator zu dämpfen. Damit erregte er öffentlichen Unwillen. Er unternahm zahlreiche Reisen nach Amerika, Afrika, Neuseeland, Australien, Skandinavien, die als Abenteuer gedeutet werden können, aber im Grunde die Suche nach Heimat waren.

Im Unterschied zu Winkler fühlte er sich nicht wohl im Land seiner Vorväter. Auf der Suche nach Heimat gelangte er zur Einsicht, dass er sich eigentlich in der weiten Welt zu Hause fühlt. Aus dem Briefwechsel erfahren wir Näheres über seinen Einsatz für die Menschenrechte, seine Leidenschaft zu Kunstgeschichte, Philosophie und Kultur, ebenso über Winklers literarische Tätigkeit in Israel und seine politischen Meinungen.

Gegenstand des Briefwechsels sind auch Gespräche über Dichterpersönlichkeiten aus der Bukowina wie z. B. A. M. Sperber, A. Kittner, I. Weissglas, M. Rosenkranz, G. v. Rezzori als die Traditionellen, P. Celan, R. Ausländer, A. Gong als die Modernen, es wird intensiv auch über Schriftsteller aus Siebenbürgen oder Bukarest wie A. Meschendörfer, E. Wittstock, D. Schlesak, G. Scherg, O. W. Cisek, W. v. Aichelburg u. a. diskutiert. Winklers Ausführungen über Celan und Bergels israelische Reisenotizen gehören zu den Glanzstücken des Briefwechsels.

Die Briefe enthalten wichtige Ausführungen über Freiheit und Demokratie, die unterschiedlich aufgefasst und angewendet werden. Der „Kommunazismus“ – so Winkler – als Mischform von Kommunismus und Nazismus ist die größte Gefahr im „Jahrhundert der Raubtiere“, wie die beiden Schriftsteller das 20. Jahrhundert bezeichnen.
Originelle poetologische Gedanken machen einen großen Teil des Briefwechsels aus. Winkler meint, dass ihn in seinen Gedichten ständig „das Paradox und der Glaube“ (S. 79) beschäftigen, während Bergel wie kaum einem anderen Schriftsteller das Wechselspiel von „Realität und Fantasie“ eigen sei.

Das Buch stellt nicht nur eine reichhaltige Informationsquelle und ein wertvolles literaturgeschichtliches Dokument dar, sondern bietet dem Lesenden einen aufschlussreichen Einblick in die Werkstatt zweier Dichterfreunde. Zu beachten ist auch das ideenreiche Nachwort von Renate Windisch-Middendorf, in dem Daten zu Leben und Werk der beiden Schriftsteller enthalten sind. Fotos, Zeitdokumente, handschriftliche Proben und ein Anhang mit bibliografischen Daten ergänzen den äußerst lesenswerten Band.

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