„Ich erteile den Segen, der Weihbischof macht die Arbeit“

Der älteste amtierende Bischof der Welt wird bald 99 Jahre alt und wirkt in Rumänien

Sonntag, 21. Juli 2013

„Sie sind sehr jung“ – mit diesem Satz auf Deutsch begrüßt der hochbetagte Hausherr mit dem weißen Patriarchenbart und den immer noch hellwachen Augen den Gast aus Deutschland. Er selbst ist es beileibe nicht mehr: Erzbischof Gherasim von Râmnic ist mit bald 99 Jahren wohl der älteste amtierende Bischof der Welt. Im November 1914 geboren, ist er seit 1970 Bischof. Seine 43 Dienstjahre als Bischof sind zwar durchaus zu toppen, aber sicher nicht sein Alter als amtierender Bischof. Das dürfte weltweit einmalig sein.

Erzbischof Gherasim freut sich über Besuch aus Deutschland. „Die deutsche Ordnung und Disziplin, das ist schon etwas Besonderes. Und die Städte in Deutschland sind wunderschön“, sagt er. Er erinnert sich gerne an Regensburg, München und Köln, Städte, die er 1969 als erster rumänischer Stipendiat des Ostkirchlichen Instituts (OKI) in Regensburg persönlich kennengelernt hat. „Ich spreche gerne Deutsch. Aber jetzt fehlt mir die Übung, hier sprechen nur wenige Deutsch“, ergänzt er augenzwinkernd. In seiner kirchlichen Laufbahn hat der heutige Erzbischof viel erlebt. Er wurde zum Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, in dem die Kirchen in Rumänien unter Diktator Ceauşescu besonders heftiger Verfolgung ausgesetzt waren, auch wenn die orthodoxe und die evangelische Kirche immerhin staatlich anerkannt waren. Seine Kirche hat viele Märtyrer hervorgebracht, Tausende von Priestern und Mönchen kamen in den kommunistischen Gulags des Regimes in Haft, viele ums Leben.

Neben dem bei den Gläubigen besonders beliebten früheren Kirchenoberhaupt der Rumänischen Orthodoxen Kirche, Patriarch Teoctist (1914-2007), und dem nicht weniger charismatischen Mönchsvater Arsenie Papacioc (1914-2011) zählt Gherasim Cristea zu den Großen des Jahrgangs 1914 in seiner Kirche. Alle drei scheinen extra lange den Kommunismus überlebt zu haben, um das neue Aufblühen der Kirche selbst noch möglichst viele Jahre mitzuerleben. Geboren in einem Dorf im Buzău-Gebirge tritt Gheorghe Cristea mit 20 Jahren in das berühmte Kloster Cernica bei Bukarest ein. Nach drei Jahren wird er zum Mönch geweiht und erhält den Mönchsnamen Gherasim. Er studiert an der renommierten Orthodoxen Fakultät von Bukarest Theologie und wird 1940 zum Mönchspriester geweiht. 1943 bis 1952 wirkt er als Mönchspriester im Bukarester Kloster Antim, dann wird er Abt in Căldăruşani. Bis 1970 bleibt er dort und versucht, unter den schwierigen Bedingungen der Zeit das klösterliche Leben aufrechtzuerhalten. Die Klöster bieten in jener Zeit für viele Menschen Halt und Orientierung. Deswegen hatten die Kommunisten auch 1959 in einem Dekret die Auflösung der meisten katholischen und orthodoxen Klöster verfügt. Nur 114 orthodoxe Klöster blieben in Rumänien bis 1989 übrig, heute sind es wieder über 600.  

Im Jahr 1970 ereilt Gherasim Cristea der Ruf ins Bischofsamt. Er wird zunächst Weihbischof des Bistums von Tomis (Konstanza) am Schwarzen Meer, 1975 dann Weihbischof von Râmnic und 1984 dort Bischof. 2009 wird das Bistum südlich von Hermannstadt/Sibiu zum Erzbistum erhoben, er selbst dadurch zum Erzbischof. Dazwischen liegt ein Vierteljahrhundert rumänischer Geschichte: die starre Phase des späten Kommunismus in Rumänien, der Sturz des Ceauşescu-Regimes 1989, der Wiederaufbau der Kirchen, der Beitritt des Landes zur NATO 2004 und zur EU 2007. 1999 erlebte der Bischof den Papstbesuch  in Rumänien, 2007 die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung/EÖV 3 im siebenbürgischen Hermannstadt.  

Das Bistum Râmnic zählt zu den traditionsreichsten der Kirche mit einer beeindruckenden Klosterlandschaft. Klöster wie Cozia oder Turnu im malerischen Alttal gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück und ziehen bis heute Touristen wie Pilger in Scharen an. Der Erzbischof selbst besucht trotz seines hohen Alters bis heute gerne Klöster, nimmt an den stundenlangen orthodoxen Gottesdiensten teil und gilt als graue Eminenz im rumänischen Episkopat. Akten finden sich auf dem Schreibtisch des Erzbischofs nur wenige, dafür viele Bücher in mehreren Sprachen in den Regalen. Seit 2009 hat der 98-Jährige einen Weihbischof. Er selbst umschreibt die Arbeitsteilung schmunzelnd mit den Worten: „Ich erteile den Segen, der Weihbischof macht die Arbeit.“ Nun freut sich Erzbischof Gherasim schon auf seinen 99. Geburtstag im November, „wenn Gott mir die Tage schenkt, denn ich bin nicht mehr ganz jung“, wie er mit verschmitztem Lächeln sagt.

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