„Ich gebe alles!“

Nachruf auf Mihaela Ursuleasa (27. September 1978 - 2. August 2012)

Freitag, 10. August 2012

Die Pianistin Mihaela Ursuleasa Foto: www.artsmg.com

Gewöhnlich werden Wunderkinder keine Wunder-Erwachsenen, aber Mihaela Ursuleasa war die Ausnahme. Sie spielte schon längst Konzertrepertoire und ging auf Auslandstournee als mein Jahrgang, sechs Jahre jünger, die erste Klasse der Kronstädter Musikschule besuchte und ‘mit zwei linken Händen’ etwa „Melc melc codobelc“ oder Ähnliches lernte. Mihaela Ursuleasa war damals unser aller Vorbild und ziemlich oft hörten wir von den Lehrerinnen „Wenn du fleißig übst, wirst du eines Tages so spielen wie sie!“ Selbstverständlich spielte nur sie so, auch später. Die Zeit verging und das Wunderkind entfaltete sich zu einer international gefeierten Pianistin mit allen Eigenschaften, die man sich nur wünschen kann: Temperament, Lyrik, Tiefsinn, Ehrlichkeit, Brillanz, Energie, ansteckende Freude am Musizieren. Zudem eine gesunde Abneigung für Routine und für (nicht nur musikalischen) Konformismus. 

Zu den Stationen ihres Lebens: Sie wurde 1978 in Kronstadt/Braşov geboren, laut Eigendefinition „in einer halben Zigeunerfamilie“. Ihr Vater war Jazz- und Folklore-Pianist, ihre Mutter Sängerin. Die kleine Mihaela wuchs wortwörtlich „mitten in der Musik“ auf, denn sie hatte sich unter dem Klavier ihres Vaters ein Zelt eingerichtet. 

Auf die Wunderkind-Epoche blickte sie später mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits hatte sie schon mit sieben Jahren debütiert, quasi „mit der Puppe auf dem Konzertflügel“, und besaß mit zwölf eine Erfahrung, die andere Pianisten erst mit dreißig machen. Doch was den Klavierunterricht bei ihrer ersten Lehrerin anbelangt, hatte sie eine gequälte Kindheit. Die „pädagogischen“ Methoden waren oft mitleidlos, brutal, die Karriere auf rapide Erfolge und oberflächliches Renommee ausgerichtet. „Dieser Beruf hat sehr viel mit Seele, Verstand, Psychologie zu tun“, sagte Mihaela Jahre danach. „Ich bin fest überzeugt, dass man Musik auch ohne Ohrfeigen, Minderwertigkeitskomplexe und Angst machen kann.“

Der Wendepunkt in ihrem Leben war das Jahr 1990, als sie Claudio Abbados Rat folgte und sich für einige Jahre aus dem Glamour des Konzertlebens zurückzog, um sich auf eine inhaltlich intensive musikalische Vorbereitung zu konzentrieren. Sie studierte in Wien, ihrer zweiten Heimatstadt, bei Prof. Heinz Medjimorec, gewann 1995 den Clara-Haskil-Wettbewerb und absolvierte 1999 das Studium mit einem Konzertdiplom „cum laude“. Es folgte eine reiche, erfüllte Zeit, mit Soloauftritten in den wichtigsten Konzerthäusern Europas und Nordamerikas, regelmäßig auch in Rumänien. Viel Lob erntete sie in der Musikwelt für ihre Alben „Piano & Forte“ (2009, preisgekrönt von „Echo Klassik“ als „solistische Einspielung des Jahres“) und „Romanian Rhapsody“ (2011).

Mihaela Ursuleasa hatte auch am gemeinsamen Musizieren großen Spaß und trat oft mit der Cellistin Sol Gabetta und der Violinistin Patricia Kopatchinskaja auf. Dazu sagte sie in einem Interview: „Über die Pianisten glaubt man, sie seien einsam, sedentär, mürrisch, pessimistisch... Es stimmt nicht immer. Ich mache sehr gerne Kammermusik, ich teile gerne die Bühne mit anderen Musikern.“ Ihre künstlerische Vision, im Ausgleich zwischen Flexibilität und Rückgrat, lautete „Ich bin ein Chamäleon, das sich selbst treu bleibt.“ Der Zugang zur Musik war für sie „mit Kopf und Seele und Körper. Ich gebe manchmal zu viel. Und so bin ich auch im Leben. Ich gebe alles.“
Mihaela Ursuleasa hinterlässt eine sechsjährige Tochter, Stefanie Felicia, die nun auf Unterstützung angewiesen ist (Einzelheiten unter www.ursuleasa.com).

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