„Ich habe es mir bewiesen, dass es geht“

ADZ-Gespräch mit Ramona Olasz, Gründungsintendantin des TLB

Montag, 28. August 2017

Das TLB zieht nun weiter – nach Berlin. Ramona Olasz, Gründungsintendantin des deutschsprachigen Theaterlaboratoriums

„Stück ohne Juden“ von Julya Rabinowich (Regie: Marius Schiener) mit Vlad Nemes, Ramona Olasz, Geoarge Bîrsan und Ioana Predescu feierte 2015 Premiere.

Eine weitere Produktion des TLB: „Der Froschkönig“
Fotos: Aida Ivan

Vier Jahre mit neun Premieren, noch mehreren Leseperformances, Gastspielen in Schulen und Kindergärten, Teilnahmen an Festivals und Theaterwerkstätten für Kinder: So lässt sich die Aktivität des deutschsprachigen Theaterlaboratoriums Bukarest (TLB) zusammenfassen, dessen Intendantin Ramona Olasz ist. Das TLB zieht nun weiter – nach Berlin. ADZ-Redakteurin Aida  Ivan führte ein Gespräch mit Ramona Olasz über die Erfahrungen und die Herausforderungen in der rumänischen Hauptstadt.

Sie haben vor mehreren Jahren eine Theaterfirma in Temeswar gegründet und haben diese  nach Bukarest gebracht. Welches waren Ihre Erwartungen und Pläne bei Ihrer Ankunft in Bukarest?

Im Allgemeinen mache ich mir keine Pläne und Erwartungen habe ich auch nicht, ich lass mich überraschen. In Bukarest war ich schon, ich kannte es relativ gut, aber ich hatte schon gehofft, dass die Leute hier ein bisschen – ich würde nicht sagen interessierter – sondern ein bisschen strukturierter sind. Interesse gibt es schon, nur es ist immer so willkürlich, ob die Leute kommen oder nicht. Wenn es sonnig ist, dann rennen alle in den Park, zum Strand oder irgendwo anders hin. Wenn es regnet, dann bleiben sie zu Hause, weil man kein Taxi findet.

Hatte das TLB eine bestimmte Zielgruppe?

Es war erstmal gut, dass wir so eine Zielgruppe hatten, wir haben mit Kinderstücken angefangen. Weil die für Erwachsene – da muss man länger proben. Die dauern auch länger, sind komplizierter vom Text her, wir haben immer nur mit Texten mit Autorenrechten gearbeitet und das dauert. Man muss mit den Autoren sprechen und mit dem Verlag. Die Besetzungen sind größer und hier in Bukarest hat niemand Zeit, weil alle irgendwie 1000 Sachen auf einmal machen. Wir wollten mit „Frau Müller“ anfangen, wir haben angefangen zu proben und mussten das doch zurückstellen. Wir haben dann zwei andere Kinderstücke herausgebracht.

Wie lange dauerten die Proben im Durchschnitt?

Unterschiedlich. Bei „Am Ziel“ hat es acht Monate gedauert. Es ist schwierig, erstens wegen des Ensembles – man muss sich abstimmen, weil die Leute arbeiten, und wir  nicht ganztägig proben können. Zwei-tens müssen die Bühnenbilder gemacht werden – Requisiten und Kostüme.

Das haben Sie selber gemacht.

Ja, nicht bei allen Stücken, bei den meisten. Jeder macht, was er kann und wie er kann. Auch wenn man einen Schneider oder einen Schreiner beauftragt, dann braucht er auch Zeit –  dehnt sich alles sehr lange. Für ein staatliches Theater, das Werkstätten und Angestellte hat – das geht natürlich schneller. Ich muss sagen, dass diese lange Probezeit einem Stück gut tut. So hat man Zeit, den Text gründlich zu lernen.

Gab es besondere Herausforderungen in der Hauptstadt, mit denen Sie in Temeswar nicht konfrontiert wurden?

In der Hauptstadt ist es eine Herausforderung, einen Nagel in die Wand zu schlagen. Erstmal muss man den Nagel besorgen. Bis man nach Băneasa fährt und zurück, dauert es unendlich. Man kommt vollgeladen, man ist ein Nervenbündel, nur zur Probe hat man keine Lust. Es war wirklich alles – grundsätzlich alles – eine Herausforderung, weil die Stadt so chaotisch ist. Man kann sich auf manche Leute nicht verlassen. Wenn wir ein Problem mit dem Licht oder mit dem Wasser hatten – bis man einen Klempner findet, bis er kommt, dauert es unendlich.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Theaterstücke ausgewählt?

Erstens sollten sie für die hiesigen Verhältnisse, für die Gesellschaft relevant sein. Sie sollten etwas sagen – über ein Problem sprechen, das man auch im Alltag hat. Zweitens: Man sollte sie besetzen können, die Schauspieler sollten auch dazu passen und drittens – sie sollten von der Sprache her nicht sehr schwierig sein. So einen Kleist, Goethe könnte man nicht machen. Die meisten Zuschauer sind  Leute, die Deutsch lernen – sie sind der Sprache nicht so mächtig.

Und bei den Kindertheaterstücken gibt es einen erzieherischen Zweck.

Das versuchten wir. Wir haben zwei Publikumsschichten. Es sind die rumänischen Kinder, die in rumänische Staatsschulen gehen und Deutsch lernen – als Muttersprache oder als Fremdsprache – und es sind Kinder in deutschen Schulen – Kinder von Expats, Kinder, die in Deutschland oder anderswo aufgewachsen sind, die zurzeit in Rumänien leben und in die hiesigen Privatschulen gehen. Ich hab bemerkt, es gibt einen ganz großen Unterschied zwischen den zwei Kategorien. Die, die in den staatlichen Schulen lernen, sind sehr eingeschüchtert, sie trauen sich nicht. Die anderen – sie haben eine eigene Meinung und vertreten die. So sollte es sein – die Meinungsfreiheit und Selbstbewusstsein sollte man schon haben. Deswegen versuchten wir, auch den Kindern freie Bühne zu geben, damit sie sagen, was sie denken – über das Stück, über die Handlung, wie sie es anders machen wollten oder gemacht hätten, das haben wir versucht, manchmal mit Erfolg, manchmal haben sie „ja“ oder „nein“ gesagt.

Welche Stücke sind in den vier Jahren beim Publikum am besten angekommen?

„Frau Müller muss weg“ war ein Renner, wir waren auf Tour. Das Goethe-Institut hat das Stück gekauft und uns auf Tournee geschickt.

In welchen Städten wurde das Stück gezeigt?

Wir haben erstmals in Bukarest gespielt und dann in Städten, wo es deutsche Schulen gibt. Nicht überall, das Budget reichte nicht für das ganze Land – nur in Bukarest, Kronstadt, Hermannstadt, Reschitza, Arad, Sathmar, Temeswar. Und in Bukarest sehr oft, es war immer ein volles Haus. Bei den Kindern war der Renner „Max und Moritz“, was mich, ehrlich gesagt, ein bisschen gekränkt hat. „Max und Moritz“ ist schon toll, aber ich finde, dass es auch andere Stücke gibt und neue Literatur, die überwältigend gut ist. „An der Arche um acht“ ist eine tolle Geschichte, aber das, was die Leute nicht kennen, wollen sie nicht probieren. Die, die das probiert haben, waren überwältigt. Die Eltern wollten das Buch haben.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ja, „Am Ziel“ von Thomas Bernhard.

Warum?

Es ist so gut, eine Drei-Stunden-Schimpfkanonade rauszulassen. Ich finde, wenn Thomas Bernhard Rumänien gekannt hätte, hätte er nicht auf Österreich geschimpft. Da trifft er so genau die sozialen Verhältnisse, die Denkensart in Rumänien. Nora Iuga weinte am Ende des Stückes. Ich weiß, dass viele Angst vor Thomas Bernhard haben. Ich glaube, besser als er kann man es nicht sagen und deswegen war es mir so wichtig, dass dieses Projekt rauskommt. Und es ist rausgekommen und wir wollen weiterhin auf Festivals spielen.

Wenn wir uns auf das TLB in der Hauptstadt konzentrieren: Auf welche Leistung sind Sie besonders stolz?

Meine Familie sagt zu mir, ich bin schwer zu kauen wie eine Schuhsohle. Ich bin sehr zäh. Wenn einer „Nein“ sagt, dann geht es nicht – da sitze ich Tag und Nacht und arbeite daran, bis es geht. Es muss gehen. Alle haben gesagt, warum und wofür und für wen sollte es ein deutsches Theater geben. Es gibt ja kein Publikum. So allein Theater zu machen, ohne Geld – das geht doch nicht. Die staatlichen Institutionen haben Millionen. Ich wollte es wissen, ob es geht oder nicht geht. Und darauf bin ich besonders stolz, dass ich durch diese vier Jahre lebendig durchgekommen bin, und es geht. Ich habe es mir bewiesen, dass es geht.

Können Sie eine Bilanz ziehen? Wie viele Leute haben das Theaterlaboratorium Bukarest besucht?

5026 Tickets wurden verkauft. Für ein Nationaltheater ist es nicht viel, aber wir hatten 25-35 Plätze im Saal. Das ist wirklich viel. Ich war immer überrascht, wenn der Buchhalter am Ende des Jahres die Buchhaltung abgeschlossen hat und die Steuern kamen – und ich dachte, jetzt bekomme ich einen Herzinfarkt! Ich selber war nicht reich. Was überflüssig war, ging auf Miete, die Schauspieler und man hat immer investiert, für mich selber habe ich nichts gesehen. Aber auf dem Papier sah es nicht schlecht aus.

Gibt es Pläne für die Zukunft?

Pläne mache ich nicht gern. Ich möchte sehr gerne ein Theaterstück von Eugen Ionescu in Deutschland machen. Es soll auch politisch bissig sein – ich würde „Die Stühle “ oder „Die Unterrichtsstunde“ machen.

Was für eine Wirkung hatte Bukarest auf Sie?

In Bukarest lernt man viel. Ehe man einen Klempner ruft, bohrt man selber. Man hat keine andere Wahl. Es ist besser, selber etwas zu pfuschen, als dass ein anderer kommt, und man ihn noch bezahlen muss. Man macht das pünktlich, gründlich und gratis. Man wird zum guten Pfuscher in Bukarest. Das hat mir sehr gut getan. Und noch eine Sache: Ich brauchte eine Beruhigungstherapie. Ich habe mich sehr engagiert und ich bin ein sehr temperamentvoller Mensch – ich kann nachts nicht schlafen. Ich denke, wie mache ich das, wie schaffe ich das? Ich habe eine Nähschule besucht. Ich habe richtig gut schneidern gelernt. Das gefällt mir.

Also Bukarest hilft einem, sich weiterzuentwickeln.

Und so lernt man flexibel zu sein – wenn es nicht so geht, dann geht es anders, aber es muss gehen.
Man lernt zu improvisieren. Im Banat improvisiert man nicht so viel. Hier muss man das lernen. Sogar eine Straßenüberquerung – das ist wirklich eine improvisatorische Herausforderung. Wie springe ich über diese Autos? Oder über die Pfütze?

Vielen Dank für das Gespräch!

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