„Ich habe es mit dem Antrieb der Liebe zu meiner Stadt Temeswar geschafft“

Gespräch mit der Autorin Ondine Dietz

Donnerstag, 10. Mai 2012

Ondine Dietz: „Der Geist dieser Stadt ist bis heute da geblieben.“ Foto: Zoltán Pázmány

Die in Karlsruhe lebende Schriftstellerin Ondine Dietz wurde 1967 in Temeswar/Timişoara geboren. 1983 debütierte sie mit Lyrik in der Kulturzeitschrift „Orizont“ und kam drei Jahre später zum Deutschen Staatstheater Temeswar (DSTT). Anfang der 90er wanderte sie nach Deutschland aus, wo sie anfing, Prosa und Lyrik auf Deutsch zu schreiben. Seit 2004 beteiligt sie sich an Lesungen in Karlsruhe, Stuttgart und München. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Partnerschaft zwischen Temeswar und Karlsruhe kam Ondine Dietz nach Temeswar. Raluca Nelepcu führte mit ihr folgendes Interview.

Sie schreiben Gedichte, Prosa und Sie waren auch mal Schauspielerin am DSTT. In welcher dieser Rollen fühlen Sie sich am besten und warum?

Heute kann ich sagen, ich fühle mich in der Rolle der Schriftstellerin am besten, weil das die Möglichkeit ist, mit allen in Kontakt zu treten. Durch die Phantasie kann man alle Grenzen überwinden und man muss räumlich nicht beschränkt sein. Raum und Zeit spielen keine Rolle mehr, die Phantasie ist natürlich universell und sie dringt in alle Zeiten und räumliche Nischen ein. Für mich ist das das Absolute.


Vor der Wende haben Sie auf Rumänisch veröffentlicht. Nach Ihrer Auswanderung haben Sie in Deutschland begonnen, auf Deutsch zu schreiben. Wie haben Sie da den Durchbruch geschafft?


Ich habe es mit dem Antrieb der Liebe zu meiner Stadt Temeswar geschafft. Hätte ich diese Liebe und dieses Heimweh nicht gehabt, und den Wunsch, den dortigen, den Karlsruhern, den Westdeutschen, den Bundesdeutschen diese Kultur zu vermitteln, sie unbedingt für sie greifbar zu machen, wäre es mir wahrscheinlich nicht gelungen. Das hat mich motiviert, in deutscher Sprache über diese Welt zu berichten.


Wie schwer war es?
Es war notwendig. Die Kraft war da, aus der Notwendigkeit, den Deutschen unbedingt diese Schönheit, diese Vielschichtigkeit und diese Vielfalt zu vermitteln. So ist es mir gelungen. Ich weiß es nicht, aber vielleicht war auch ein Wunder dabei.


1986 kamen Sie zum Deutschen Staatstheater Temeswar. Wie geschah es?

Es gab immer eine Ausschreibung, so eine Art Wettbewerb, um in das Ensemble aufgenommen zu werden und in die damalige Schauspielschule, die ein Notbehelf war, denn es gab keine Akademie in deutscher Sprache in Rumänien. Dadurch, dass mich deutsche Dramatiker, Schriftsteller und Dichter inspiriert haben, habe ich natürlich die Chance ergriffen, in einen direkten Kontakt mit diesem Ausdruck zu treten. Aus diesem Grund bin ich zum DSTT gegangen.

Es ist jetzt sehr schwer, meine Identität für Sie verständlich zu machen, meine kulturelle Identität. Aber wie jeder Mensch in Temeswar ist man immer multikulturell gewesen. Auch ich habe deutschsprachige Verwandte und ich habe in dieser deutschsprachigen Welt gelebt und Deutsch gesprochen. Die Bühne suchte natürlich Deutschsprachige und so kam ich an das Deutsche Staatstheater Temeswar.

Es waren politisch schwere Zeiten vor 1989. Haben die Schauspieler den Druck der Securitate gespürt?

Das kann man wohl sagen. Dadurch, dass Johann Lippet Mitglied der ersten Stunde der Aktionsgruppe Banat war und ein tragisches Securitate-Schicksal zu erleben hatte, drehten sich die Gespräche im Ensemble um diese Mythologie des Widerstandes von offen denkenden Intellektuellen. Die damalige Leitung und auch die Tatsache, dass Johann Lippet Dramaturg am DSTT war, haben unsichtbar an der Zensur und auch an der Aktivität der Securitate vorbei in einer verschlüsselten Form eine Art Widerstand im kulturellen Bereich geleistet.

Man hat als Schauspieler natürlich gewusst, dass in diesem Kulturbetrieb informelle Mitarbeiter an jeder Ecke sind und es herrschte eine Atmosphäre der Depression und des Misstrauens. Die künstlerische Arbeit war natürlich nicht frei und wir wussten, wir üben eine Selbstzensur in allem, was wir tun, aus. Es war wie ein Instinkt. Wir haben aber auch eine eigene Zeichensprache entwickelt, um mit dem Publikum über verschlüsselte Botschaften in Kontakt zu treten. Das haben wir irgendwie kultiviert und gepflegt. Heute müssten wir darüber schreiben, wie dieser Kodex war, was für Zeichen wir gaben und wie wir an der Zensur vorbei, ohne unbedingt Dissidenten zu sein, aber auf unserer Art und Weise doch eine Art Widerstand leisteten.

Sie haben auch Regie geführt. Wie ist es dazu gekommen?

Es war sehr spannend. Meine Kollegin Ida Jarcsek-Gaza wollte ein Rezital, so eine Art One-Woman-Show am Theater inszenieren. Sie hat das Stück der bundesdeutschen Autorin Christine Brückner gewählt, in dem verschiedene Frauen aus verschiedenen Epochen der Geschichte sozusagen feministische Ansätze vortragen. In der kommunistischen Diktatur war Feminismus etwas komplett Exotisches und Ungewöhnliches. Da wir sehr gut zusammengearbeitet haben, hat sie mich gebeten, dieses Stück zu inszenieren, und so kam es dazu. Das Stück hieß „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“. Ich erinnere mich, dass der Titel schon sehr symptomatisch für die damalige Zeit war. „Ungehaltene Frauen“ gehörte nicht in den Titel einer Vorstellung, also mussten wir das Stück umbenennen und es hieß dann „Liebe hat einen neuen Namen“. Ungehaltene Frauen sollte es im kommunistischen Rumänien nicht geben.


Sie haben von Heimweh gesprochen. Haben Sie Ihre Entscheidung, auszuwandern, schon mal bereut?

Jeden Tag. Ich habe sie bereut und sie doch nicht bereut. Wäre ich in Temeswar geblieben, wäre diese Leidenschaft, diese Emotion vielleicht nicht mehr da gewesen. Ich würde auch die Schönheit Rumäniens, die Schönheit dieser Stadt nicht mit diesen Augen sehen, mit verliebten, schwärmerischen Augen. Ich habe sie verloren und ich habe sie doch wieder gewonnen.


Wie sehen Sie die Entwicklung von Temeswar?

Es gibt sehr viele kritische Stimmen, die sagen, dass es das alte Temeswar nicht mehr gibt. Aber das sind die Menschen, die Temeswar nicht richtig sehen. Temeswar war immer eine innovative Stadt gewesen. Der Geist dieser Stadt ist bis heute da geblieben. Ich sehe Temewar in einem Aufschwung, in einem Aufbruch, mit sehr viel Energie und vor allem junger Energie. Temeswar ist zu einer jüngeren Stadt geworden, als sie noch zu meiner Zeit war, zu einer lebendigeren Stadt und trotzdem ist sie in dieser Zeit immer noch die gleiche Stadt geblieben.


Wie sehen Sie die Chancen Temeswars auf den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2020“?


Ich frage mich, wie wir das hinbekommen sollen, dass es keine Frage mehr ist. Wir haben noch ein bisschen Zeit und ich werde von Deutschland aus alles mobilisieren, um ein bisschen dazu beizutragen. Temeswar sollte eine Kulturhauptstadt Europas sein, durch ihre Multikulturalität, die auch einzigartig in Europa ist.

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