„Ich habe hier wieder gelernt, was Heimat bedeutet“

Gespräch mit Siegfried Geilhausen, dem Deutschen Vizekonsul in Temeswar

Mittwoch, 18. Mai 2016

Siegfried Geilhausen in seinem Büro in Temeswar

Der Vizekonsul (links) bei der Grundsteinlegung eines neuen Produktionsgebäudes der Firma Hella – die erste öffentliche Veranstaltung, die er vor vier Jahren im Banat wahrnahm.

Siegfried Geilhausen bei der Worschtkoschtprob 2016. Zusammen mit Gattin Geraldine (im Hintergrund) besuchte der Vizekonsul zahlreiche Veranstaltungen der Banater Minderheiten.
Fotos: Zoltán Pázmány

Man trifft ihn bei sehr vielen Veranstaltungen an, die mit der deutschen Minderheit in Verbindung stehen, aber nicht nur: Siegfried Geilhausen, seit Sommer 2012 Vizekonsul beim Konsulat der Bundesrepublik in Temeswar, nimmt gern alle Einladungen zu den verschiedensten Events an und kommt meist zusammen mit seiner Frau Geraldine. Sein Mandat kommt aber bald zu einem Ende. Schon Ende Juni müssen Geraldine und Siegfried Geilhausen ihre Zelte in Temeswar abbrechen, um erstmals wieder nach Deutschland zurückzukehren. Doch nur für kurze Zeit, denn Mitte August geht es weiter nach Tunis, in die Hauptstadt Tunesiens, wo der Diplomat seinen nächsten Dienst antritt. „Es ist eine neue Herausforderung und wir sind gespannt darauf“, sagt er. Dass ihm wohl auch dort irgendein Banater Schwabe über den Weg laufen wird, dass er gewiss auch Rumänen antreffen wird, davon ist Siegfried Geilhausen überzeugt. Über seine vierjährige Amtszeit in Temeswar, über seine Eindrücke und Erfahrungen in Westrumänien sprachen mit ihm Andreea Oance und Raluca Nelepcu.

 

Ihre vierjährige Amtszeit in Temewar endet bald. Mit welchen Gefühlen verlassen Sie Rumänien?

Geraldine und ich haben Rumänien, Temeswar und das Banat am ersten Tag unseres Besuches hier ins Herz geschlossen. Es fällt uns sehr schwer, von hier wegzugehen, aber ich muss immer wieder sagen, das ist mein Leben: alle drei, vier, fünf Jahre von einem Posten zum anderen zu wechseln. Es fällt uns aber wirklich sehr, sehr schwer, aus diesem wunderschönen Land und diesem wunderschönen Ort wegzugehen.

 

Als Sie vor vier Jahren hierher kamen: Was fanden Sie denn am gewöhnungsbedürftigsten im Banat, in Rumänien?

Ich fand hier gar nichts gewöhnungsbedürftig. Wir haben uns so schnell eingelebt, wie wir es an keinem anderen Posten gehabt haben. Es war eine Umstellung von Istanbul, wo ich vorher war, von einer 20-Millionen-Einwohner-Stadt auf eine 400.000-Einwohner-Stadt. Wir wussten vorher nicht, wie es sein würde, aber es ging von einem Tag auf den anderen. Die Menschen sind freundlich, hilfsbereit, vielsprachig und die Eingewöhnung war ruck-zuck da!

Würden Sie behaupten, das war eine positive Überraschung für Sie? Hätten Sie was anderes von Temeswar und Rumänien erwartet?

Ich bin schon seit 30 Jahren im Ausland. Temeswar war mein achter Auslandsposten. Ich bin nicht voreingenommen, wenn ich in ein neues Land gehe, aber natürlich habe ich mir meine Gedanken dazu gemacht, was könnte uns in Rumänien erwarten. Wenn ich in Deutschland Freunde treffe und ich ihnen erzähle, dass ich in Temeswar bin, wissen die meisten erstmal gar nicht, wo das liegt. Wenn sie dann festgestellt haben, dass es in Rumänien ist, im Westen Rumäniens, dann schlagen die Leute beim Wort „Rumänien“ die Hände über dem Kopf zusammen. Ich muss dann immer wieder klarstellen, wie gut und schön es hier ist. Dass das Bild Rumäniens im Ausland völlig falsch ist, dass die Leute hierher kommen müssen, um zu sehen, wie schön es hier ist, wie wunderbar man leben kann, wie gut man zurecht kommt. Aber es liegt auch an Rumänien selbst, etwas fürs Bild nach außen zu tun. Vielleicht eine aggressivere Darstellung des Bildes, wie Rumänien wirklich ist.

Im Forbes-Ranking wird Temeswar als die beste rumänische Stadt, um Geschäfte abzuwickeln, aufgelistet. Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, der Region ein?

Ich kann und will der Forbes nicht widersprechen, ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen, dass hier wirklich ein Zentrum der Wirtschaft in Westrumänien besteht, wo es sich lohnt zu arbeiten und zu investieren. Erst neulich haben wir seitens des Wirtschaftsclubs, seitens Herrn Ovidiu Gan], seitens des Konsulats Gespräche mit der Deutschen Telekom geführt, die beabsichtigen, hier ein Zentrum für IT, einen Call-Center zu errichten. In dem Gespräch habe ich betont, dass gerade hier, im Westen Rumäniens, die beste Region besteht, um Geschäfte zu machen. Nicht umsonst sind hier Hunderte von ausländischen Firmen vertreten. Das liegt sicherlich zum Einen an den guten Rahmenbedingungen, an den niedrigen Lohnkosten. Es liegt aber auch daran, dass die Menschen, die in den Firmen arbeiten, sehr gut ausgebildet und motiviert sind.

Nur leider gehen sehr viele dieser gut ausgebildeten Leute ins Ausland. Finden die Firmen noch Arbeitskräfte hier? Die Arbeitslosenrate ist auch ziemlich gering... Was sagen denn die Unternehmer, mit denen Sie gesprochen haben?

Für die Politiker ist es natürlich schön, dass wir hier eine Arbeitslosenrate, die gegen Null zeigt. Neue Investoren und auch Firmen, die hier schon tätig sind, sind sich des Problems bewusst, dass es an ausgebildeten Fachkräften fehlt, dass ausgebildete Fachkräfte nach Deutschland, Österreich, England und andere europäische Länder auswandern, aber alle sind daran beteiligt und alle sind bestrebt - deutsche Firmen insbesondere - diesen Problemen zu begegnen. Das Programm des deutschen Wirtschaftsclubs hier im Banat – die duale Ausbildung nach deutschem Vorbild – ist eine wirklich gelungene Initiative, die bereits seit zwei Jahren wirklich Fuß gefasst hat. Ich glaube, die Situation verbessert sich, den Investoren ist das auch bekannt und es wird auch geschätzt. Auch neue Investoren wollen sich an diesem Projekt beteiligten. Wenn man den Menschen das Gefühl gibt, dass es sich lohnt, hier zu bleiben - auch wenn keine Gehälter wie im Ausland gezahlt werden – dann werden es sich die Leute zwei Mal überlegen, ins Ausland zu gehen.

 

In Ihrem Amt nehmen Sie an mehreren öffentlichen Veranstaltungen teil. Wie schätzen Sie das Kulturleben in Temeswar ein? Glauben Sie, dass die Stadt Chancen auf den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2021“ hat?

Temeswar hat nicht nur Chancen auf den Titel, sondern ich bin überzeugt, dass Temeswar den Titel erringen wird. Ich verfolge die Kampagne und den Wettbewerb seit meinem Dienstbeginn. Für mich war in erster Linie der Wettbewerb an sich wichtig. Es ist wichtig, dass auf diese Art und Weise ein anderes Bild von Rumänien nach Europa und in die ganze Welt transportiert werden kann. Was Temeswar besonders ausmacht, ist, dass die Stadt an der Bega für mich eine wahrhaft europäische Stadt ist, und das nicht erst seit heute oder seit zehn Jahren, sondern schon über Jahrhunderte wirklich die Werte, die für uns in Europa jetzt gelten, vorgezeigt hat. Das kulturelle Leben in Temeswar ist unheimlich vielseitig. Temeswar ist in jedem Themenbereich, das Kultur bietet, erfolgreich vertreten.

Was, glauben Sie, fehlt der Stadt, um diesen Titel wirklich zu erlangen?

Wenn Temeswar etwas fehlen sollte, dann ist es vielleicht das Verständnis dafür, was dieser Titel für Temeswar an sich und für das ganze Land bedeuten wird. Ich denke weniger an die vielen Einnahmen, die die Hotels durch die Tausenden von Touristen, die dann in die Stadt strömen, verzeichnen werden, sondern an die kulturelle Entwicklung der Stadt. Die kulturelle Entwicklung geht auch in gleichem Atemzug zusammen mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Es wird der Stadt wirklich gut tun, wenn Temeswar den Titel bekommt. Ich glaube, dass viele Menschen nicht begreifen, wie wichtig Kultur für das ganze Leben in einem Land ist.

Worauf sind Sie denn besonders stolz in diesen Jahren, aus Ihrer Funktion mitgewirkt zu haben?

Stolz möchte ich nicht sagen. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich zu einer Veranstaltung gehe und die Veranstalter und Gäste mir mit einem Lächeln begegnen. Wenn sie sich freuen, dass Geraldine und ich dort erscheinen, um diese Veranstaltungen wahrzunehmen.

Welchen Enttäuschungen sind Sie in diesen vier Jahren begegnet?

Ich kann nicht sagen, dass ich irgendeine negative Überraschung erlebt habe. Es sind alles positive Eindrücke, die ich gesammelt habe und die ich mitnehmen kann. Wenn ich etwas Negatives über Rumänien zu sagen hätte, dann vielleicht, dass auch 26 Jahre nach der Revolution, nach der Befreiung vom Kommunismus, die Infrastruktur immer noch so schlecht ist. Dass ich stundenlang fahren muss, um 100 Kilometer hinter mich zu bringen.

Ein weiterer Aspekt wäre, dass ich manchmal das Gefühl habe, – aber das mag wirklich ein eigenes Gefühl sein – dass die Rumänen meist nicht sehr stolz auf ihr Land sind und das finde ich Schade. Rumänien ist ein tolles Land, auf das man stolz sein kann!

 

Was wird Ihnen am meisten fehlen?

Wenn ich mich hinsetzen würde, um alles aufzuschreiben, was mir an Temeswar, am Banat und an ganz Rumänien fehlen würde, dann würde ein kleines Büchlein daraus entstehen. Besonders hervorzuheben sind unsere Zusammentreffen mit den Minderheiten. Wir haben, zum Beispiel, zusammen mit den Aromunen und mit den Roma gefeiert. Mir werden die Spaziergänge durch die Stadt fehlen, die Menschen, die ich unterwegs getroffen haben. Fehlen werden mir auch die Kirchweihen in den verschiedenen Ortschaften um Temeswar herum. Das war für mich ein völlig neues Erlebnis, zu sehen, wie hier deutsche Traditionen und nicht nur hochgehalten, gewahrt und gefeiert werden.

Was ich noch dazu sagen möchte, ist, dass ich hier wieder gelernt habe, was das Wort „Heimat“ für mich bedeutet. Heimat wird in Wort und Schrift beschrieben, es wird über Heimat gesungen. In Temeswar habe ich wieder gelernt, dass es das gibt.

 

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