„Ich hörte Schüsse und plötzlich wusste ich, dass ich keine Eltern mehr hatte“

Vom Schicksal Holocaust-Überlebender, Teil 2: Henriette Kretz überlebte im jüdischen Ghetto die Zeit des NS-Terrors

Sonntag, 19. Februar 2012

Die Juden aus den Ghettos wurden in Konzentrationslager gesteckt. Hier mussten sie ihr ganzes Hab und Gut den Nazis überlassen, darunter auch zahlreiche Prothesen.

Die polnische Jüdin hat eine Mappe dabei, die Bruchstücke ihres Lebens enthält. Diese Sammlung nimmt sie überall mit.

Henriette Kretz’ Kindheit wurde durch den Krieg zerstört.
Fotos: Raluca Nelepcu

„Isch gehe nischt früh schlafen, wir können noch lange erzählen. Isch bin für jede Frage offen“, sagt Henriette Kretz (77) mit einem äußerst sympathischen französischen Akzent. Ihr weißgraues Haar hat sie zu einem Knoten zusammengebunden und ihre langen, silbernen Ohrringe mit Bernstein locken alle Blicke auf sich. Henriette Kretz trägt eine elegante braune Stoffhose, eine einfache braune Strickjacke und darunter einen hellblauen Rollkragenpullover in der Farbe ihrer Augen.

Ein verschmitzes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Die Französisch-Lehrerin mag es nicht, für die Wände zu sprechen. Sie liebt es, ihre Zuhörer in das Gespräch zu verwickeln und ihnen ab und zu Fragen zu stellen, um ihre Aufmerksamkeit zu prüfen.

Wahrscheinlich war Henriette Kretz schon immer eine offene, gesprächsfreudige Person gewesen. Allerdings gab es in ihrem Leben auch eine Zeit, in der sie schweigen musste. Es war ein langes und schmerzvolles Schweigen in einer Welt, in der die Kinder früh erwachsen wurden. Henriette Kretz hat als polnische Jüdin den Holocaust überlebt.

Mit acht ins Gefängnis

In den Händen hält sie ganz fest eine Mappe. Darin hat sie Dokumente, Zeitungsartikel und Fotos gesammelt. „Mein Buch“, das sie gern ihrem Auditorium zeigt, enthält viele Bruchstücke ihres Lebens. Geboren wurde Henriette Kretz in der polnischen Stadt Stanislawów, heute Iwano-Frankiwsk in der Ukraine. Ihre Eltern waren Juden, aber das nahm Henriette als Kind gar nicht wahr. Sie hatte keine Geschwister und ihre Eltern widmeten sich voll und ganz der Erziehung ihres einzigen Mädchens.

Ein Jahr nach ihrer Geburt siedelte die Familie nach Opatów im Heiligkreuzgebirge im südöstlichen Polen um. Ihr Vater, Arzt von Beruf, hatte hier eine Arbeitsstelle bekommen. Henriettes Leben verlief sorgenlos, denn von ihren Eltern bekam sie all die Liebe, die sich ein Kind nur wünschen konnte. Doch die Zeiten änderten sich.

1939 überfielen die Nationalsozialisten Polen. Die jüdische Familie floh – zuerst nach Lemberg, danach ins benachbarte Sombor. Hier wurde ihr Vater Direktor eines Sanatoriums für Tuberkulosekranke.

Doch auch hier holte sie der Krieg ein. 1941 mussten sie ihre Wohnung verlassen und in das jüdische Viertel, das sogenannte Ghetto, umziehen. „Im Ghetto hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich ein Untermensch bin“, erinnert sich Henriette, die damals sieben Jahre alt war. Ein deutscher Soldat kam mit seinem Mädchen und einem Schäferhund vorbei. Das deutsche Mädchen hatte „wunderschönes blondes, lockiges Haar“. „Sie sah zu mir hinüber und sah einfach durch mich hindurch“, sagt Henriette Kretz. „Ich dachte, es war nur eine Erscheinung“, fügt sie hinzu. Sie selbst war damals schmutzig, abgemagert und fühlte sich hässlich im Vergleich zu dem deutschen Kind, das ein sorgloses Leben führen durfte.

Im Alter von acht Jahren kam Henriette Kretz ins Gefängnis, getrennt von ihren Eltern. Eines Tages ging plötzlich die Tür der Zelle auf und man warf ein neugeborenes Kind hinein. Henriette Kretz fing es auf, noch bevor es auf den Boden knallte, und wickelte es in ihren Mantel ein. „Wenn ich da raus komme, nehme ich das Baby mit“, hatte sich das Mädchen damals geschworen. Doch alles kam anders, denn Henriette wurde befreit, weil ihr Vater einen Gestapo-Mann bestochen hatte. Sie gingen zurück in den jüdischen Wohnbezirk.

„Ich lebte nicht mehr in der Wirklichkeit“

Das Ghetto wurde mit der Zeit immer leerer. Die Menschen wurden ins Unbekannte abgeführt. Man sprach auch über die Liquidierung des Ghettos. Ein ukrainischer Arzt, der gut mit ihrem Vater befreundet war, half der Familie während ihrer Zeit im Ghetto. Da fragte ihn Henriettes Vater, ob er ihnen helfen könnte, ein Versteck für sie in der Stadt zu finden. „Wer einem Juden half, konnte sogar mit dem eigenen Leben dafür bezahlen“, sagt Henriette Kretz.

Doch der ukrainische Arzt, der Henriettes Vater sein Leben verdankte, half der jüdischen Familie, ein Versteck zu finden. Bei dem Ukrainer Patralski, einem Feuerwehrmann, fand die jüdische Familie Unterkunft. Hier blieben sie monatelang in einer Kohlengrube. „Dort war kein Licht, nur ein bisschen Stroh. Einen ganzen Winter lang saßen wir da im Dunkeln“, erinnert sich die Frau. Man konnte  nur stehen, sitzen oder liegen.

„Meine Eltern haben mir die ganze Zeit Märchen erzählt. Das hat mir geholfen, denn ich lebte nicht mehr in der Wirklichkeit, sondern nur in meiner selbst geschaffenen Traumwelt“, sagt Henriette Kretz. Ein anderer Jude kam eines Tages dazu. Allerdings nur für ein paar Tage, danach verließ er den Unterschlupf. Wohin er ging, wusste keiner.

Im Frühling durften sie auf den Dachboden. Da gab es mindestens Licht. „Mein Vater war damals 42 und war ganz bleich im Gesicht. Meine Mutter sah vielleicht älter aus als ich jetzt, und sie war nur 36“, erinnert sich Henriette Kretz an die abgemagerten Silhouetten ihrer Eltern. Damals bekamen sie mit, dass die Deutschen schon im Rückzug waren. Das gab ihnen Hoffnung. Doch eines Abends hörte man Schritte auf der Leiter.

Es war nicht ihr Retter, Herr Patralski, sondern zwei deutsche Soldaten. Die erste Frage war: „Jude?“ Da stellte sich der Familienvater und antwortete entschlossen: „Ja, Jude!”. Unten stand die Familie, die ihnen geholfen hatte. „Die zwei Soldaten führten uns auf die Straße. Es war ein schöner Sommerabend mit einem klaren Himmel voller Sterne“, erinnert sich Henriette Kretz. Die Worte des deutschen Soldaten, „Ein Jude hat euch verraten“, kann sie bis heute nicht vergessen...

Der Familienvater wollte aber nicht mitgehen. „Er begann zu mir zu schreien: ´Jetzt lauf´!“ erzählt Henriette Kretz. Ich lief, ohne nach hinten zu blicken. „Dann hörte ich Schüsse und meine Mutter schreien, dann wieder Schüsse, und dann gar nichts mehr. In dem Augenblick wusste ich, dass ich keine Eltern mehr hatte“, sagt Henriette Kretz. Auch wenn Jahre seitdem vergangen sind und sie die Geschichte vielleicht schon tausendmal erzählt hat, bricht ihre Stimme und Henriette Kretz senkt ihren Blick.

Doch was nun? Plötzlich war das Kind allein und wusste nicht, wohin. „Das war der einsamste Moment meines Lebens“, erinnert sie sich. Jeder Mensch, der an ihr vorbeiging, hatte Macht über ihr Leben. Sie wusste nicht, wer gut und wer schlecht war. Vetrauen konnte sie keinem.

Es gab Feiglinge  und Helden

Henriette Kretz kam durch einen glücklichen Zufall ins Kinderheim. „Ich habe viele feige Menschen gesehen, aber ich habe auch Helden gesehen. Schwester Selina war eine dieser Helden. Sie hat Menschen gerettet und ihr eigenes Leben dafür aufs Spiel gesetzt“, erinnert sich Henriette Kretz an die Leiterin des Waisenhauses. In dem Waisenhaus waren jüdische Kinder, Zigeunerkinder, Bauernkinder. Alle waren Freunde und unter dem Einsatz ihres Lebens versteckten die Schwestern all diese Kinder. Bald darauf war der Krieg vorbei.

Nach Kriegsende fand Henriette Kretz ihren Onkel wieder. Besser gesagt, er fand sie. Ein russischer Soldat hatte ihrem Onkel Heinrich gesagt, dass in dem Waisenhaus auch seine Nichte Henriette lebt. „Der russische Soldat nahm mich mit in die Stadt und kaufte mir ein Kleid“, erinnert sich das Mädchen. Nachdem sie auch mit Süßigkeiten bestochen wurde, ging sie mit ihm nach Polen. Sie fuhr nach Krakau mit einem Konvoi russischer Soldaten. Der Onkel hätte beinahe Herzinfarkt erlitten, als vor seiner Tür plötzlich ein Konvoi russischer Soldaten stand. „Das war nur ich“, sagt Henriette Kretz lächelnd.

Der Onkel wollte nach Palästina oder in die USA umsiedeln, doch das war damals nicht möglich. Er bekam eine Genehmigung, mit dem Schiff nach Kuba zu fahren. Unterwegs hielten sie in Antwerpen, wo es bereits eine jüdische Gemeinde gab. Sie entschlossen sich, dort zu bleiben und ein neues Leben zu beginnen.

50 Jahre später fand Henriette Kretz „ihr Baby“ wieder. Sie traf im Zug den jungen Ingenieur Georg und sie kamen ins Gespräch. Da erzählte Georg, dass er im Gefängnis geboren wurde. Vom Alter her konnte es genau damals passiert sein, als auch Henriette in der Zelle war. „Was glauben Sie, wie viele Kinder wurden damals im Gefängnis geboren?“ fragt die Frau rhetorisch. Unter den Gefängniswärtern gab es bestimmt auch gute Menschen, glaubt Henriette Kretz heute, denn der Säugling Georg kam irgendwie in das Waisenhaus. Es war wieder mal ein glücklicher Moment.

Kampf gegen das Vergessen

Henriette Kretz studierte nach dem Krieg Kunstgeschichte und wurde Lehrerin für Französisch in Israel, wo sie 13 Jahre lang lebte (1956-1969). 1969 kehrte sie nach Antwerpen zurück. Henriette Kretz ist verheiratet, hat zwei Söhne und drei Enkel. Sie ist Mitglied des polnischen Vereins „Kinder des Holocaust“, dem Juden angehören, die als Kinder den NS-Terror meist in Verstecken überlebt haben.

Heute reist Henriette Kretz durch Polen und Deutschland und erzählt ihre Geschichte. Sie geht vor allem in Schulen und spricht mit jungen Leuten über die Zeit des NS-Terrors. Dadurch kämpft sie gegen das Vergessen an. „Was für eine Entschädigung soll ich für Menschenleben verlangen?“ fragt sich Henriette Kretz heute. Vom deutschen Staat hat sie bisher keine Entschädigung beantragt, denn kein Geld der Welt könnte ihr das zurückgeben, was ihr die Nationalsozialisten damals wegnahmen: ihre  Eltern und ihre gesamte Kindheit.

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