„Ich liebe alle meine Rollen“

Gespräch mit Horia Savescu, Schauspieler am Deutschen Staatstheater Temeswar

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Horia Savescu ist unter anderen in der DSTT-Vorstellung „derdiedans“ zu sehen. Foto: privat

Horia Savescu, Schauspieler des Deutschen Staatstheaters Temeswar/Timisoara (DSTT), wurde mit dem Pro-Cultura-Förderpreis des Temescher Kreisrates ausgezeichnet. Wofür er diese Auszeichnung bekommen hat, das weiß der junge Schauspieler auch nicht so genau. Der 27-jährige Schauspieler ist in dieser Spielzeit des DSTT in zahlreichen Stücken zu sehen, unter anderen: „Die Möwe“, „Täter“, „Niederungen“, „Jugend ohne Gott“, „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und „derdiedans“. Über seinen Werdegang und seine Karriere als Schauspieler führte BZ-Redakteurin Andreea Oance ein Gespräch mit Horia Savescu.

 

Du hast neulich den Pro-Cultura Timisiensis-Preis bekommen, was bedeutet diese Auszeichnung für dich?

Ich bin in Temeswar geboren. Ich habe sehr lange gedacht, dass ich nicht in Rumänien bleiben werde, aber wegen dem Theater, an dem ich arbeite und weil ich immer beschäftigt war und immer mehr neue Leute kennenlernt habe - was ich total spannend finde - macht es mir Spaß, in Rumänien zu bleiben. Es ist wunderschön, von der Stadt, in der ich geboren bin und wo ich angefangen habe, Theater zu spielen, ausgezeichnet zu werden. Eigentlich weiß ich auch nicht so genau, ob ich für eine Rolle oder für eine Spielzeit ausgezeichnet wurde. Die Kategorie meines Preises heißt „Certitudini“ („Gewissheiten“). Was immer das auch heißen mag: Ob ich nun eine sichere Zukunft als Schauspieler habe ob ich mit Gewissheit gut bin. Keine Ahnung! In dem Kontext, in dem die Auszeichnungen vergeben wurden, hat man das auch nicht konkret gesagt. Es ist einfach ein Preis für Kultur. 

 

Du spielst Theater bereits seit deiner Zeit an der Lenauschule. Wie bist du eigentlich dazu gekommen, eine Karriere als Schauspieler zu wählen?

In der neunten Klasse wollte ich unbedingt nach Berlin. Während des Gymnasiums habe ich dann verschiedenes unternommen, wie Journalistik, ein bisschen Tanz, ein bisschen Theater, es ging aber mehr um die Leute, mit denen ich zusammen war, weil es Spaß machte und weil es schön war, Sachen zu erfahren und man konnte so tun, als wäre man erwachsen. Vor meinem Abschluss wusste ich aber überhaupt nicht, was ich machen wollte. Ich verschwendete oberflächliche Gedanken damit, Arzt zu werden, oder Anwalt, oder gar Psychologe. Ich fürchtete jedoch, ich würde Menschenleben verpfuschen, dass man mich als Anwalt wegen Korruption dran kriegt, oder dass ich als Psychologie vielleicht selber verrückt werde. So war Schauspiel die vierte Option. Das einzig Schlimme, was mir dabei eingefallen ist, war, dass ich vielleicht nur unbekannt bleibe und dass es nicht den Weltuntergang bedeuten würde, mittelmäßig zu sein. Das sehe ich nun anders. Als ich mich für Schauspiel entschied, habe ich mit Isolde Cobe], die Leiterin der NiL-Theatergruppe gesprochen. Sie meinte, am Deutschen Theater gäbe es nicht genug Nachwuchsschauspieler. Auch wenn ich nicht in Rumänien bleiben wollte, meinte sie, dass wenn die Hochschule oder die Stadt nicht mehr reizend für mich sind, ich aus dem Schauspielerjob heraus neue Menschen kennenlernen werde, die mich vielleicht weiterbringen könnten. Und das ist auch passiert. Ich habe meine erste Aufführung schon vor meiner Aufnahmeprüfung gehabt. Das war „Die Braut von Messina“ von Schiller. Das Stück hatte nicht besonders viel Erfolg. Prinzipiell war dies nur für mich ein Vorteil, weil ich als Neuer, viel daraus gelernt habe. Während meines Studiums wollte ich dann am Reinhardt-Seminar in Wien studieren. Dann war plötzlich auch das Studium vorbei. Ich wollte immer wieder mein Können unter Beweis stellen, so habe ich an verschiedenen Workshops und Castings teilgenommen. So entdeckte ich, dass ich in dem, was ich mache, etwas zu sagen habe. Und irgendwann habe ich nicht mehr daran gedacht, ob ich das sein lassen soll, sondern immer mehr neue Sachen versucht und es hat immer mehr Spaß gemacht. Jetzt bin ich hier. Temeswar ist meine Heimatstadt und auch wenn ich weit entfernt bin von den Menschen, die ich künstlerisch mag oder die für mich Vorbilder sind, ist das kein Problem mehr für mich.

 

Welche sind diese Vorbilder, die dich künstlerisch beeinflussen?

Der erste Name, der mir einfällt, ist Florin Fieroiu, weil wir an mehreren Stücken zusammen gearbeitet haben und diese Zusammenarbeit ist von einer Produktion zur anderen reicher an Erfahrungen geworden. Außerdem ist er für mich als Künstler genial. Zur gleichen Zeit habe ich von ihm sehr viel zu lernen: Aus unserer Arbeit, aus unseren Proben und Improvisationen finde ich, dass sehr viel Wertvolles herauskommt. Es gibt natürlich Künstler, die ich nie kennengelernt habe, aber die für mich sehr wichtig sind, weil sie mir  eine vollkommen neue Welt zeigen, wie zum Beispiel Ostermeier, der Intendant der Schaubühne Berlin, oder Bob Wilson, ein US-amerikanischer Regisseur, den ich unglaublich spannend finde. Die Liste ist natürlich sehr lang. Ich will jetzt nicht unbedingt alle Namen erwähnen, mit denen ich gearbeitet habe und die ich total gut finde.

 

Du wolltest im Laufe der Jahre immer wieder ins Ausland gehen, um zu studieren oder Theater zu spielen. Wieso zog es dich immer wieder nach Temeswar zurück? Wieso bist du nicht im Ausland geblieben?

Ich finde das Deutsche Staatstheater Temeswar ein sehr spannendes Haus. Ich finde auch meine Kollegen sehr spannend. Ich kann mit ihnen gut arbeiten. Diese jahrelange Erfahrung, die wir zusammen haben, wird immer fruchtbarer und das ist für mich sehr wichtig. Ich war in Wien und Berlin, dort habe ich am Maxim Gorki-Theater als Regiehospitant gearbeitet. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich fand auch dort die Schauspieler unglaublich gut und das Theaterhaus spannend, aber Temeswar fühlt sich wie Zuhause an.

 

Was hast du denn aus deinen Erfahrungen im Ausland mit nach Hause gebracht?

Eine Tatsache ist, dass ich mich schnell langweile und ich immer neue Sachen brauche. Wien war 2008 und Berlin war 2010 und das ist alles schon sehr lange her. Ich kann mich an gewisse Sachen erinnern, aber ich kann nicht genau sagen, wieso sie sich damals gut angefühlt haben. Als großes Thema kann ich sagen, dass Berlin viel offener ist als Temeswar oder Rumänien. Das ist was Menschliches und das will ich weiterführen. Ich habe des Öfteren den Eindruck, dass viele Sachen in Rumänien nicht funktionieren, weil Menschen nicht offen sind. Wenn man sich öffnet, riskiert man viel mehr, man kann sehr leicht verletzt werden, aber das, denke ich, muss ich als Künstler hinnehmen.

 

In der jetzigen Spielzeit bis du in mehreren Theaterstücken zu sehen. Die Rollen sind unterschiedlich. Was spielst du am liebsten?

Ich kann nicht sagen, dass mir eine Rolle besser gefällt als die andere. Natürlich weiß ich für mich selber, was qualitativer ist. Ich mag alle meine Rollen. Ich versuche, egal, woran ich arbeite – von tiefsten Tragödien bis zu sehr leichten, ich würde sagen billige Komödien, das Beste aus meinen Rollen zu machen, etwas worauf ich stolz bin - was mir persönlich gefällt als Kunst. Natürlich kommt es auch bei gewissen Rollen, die ich nach einigen Jahren wieder spiele, vor, dass ich ab und zu mal oberflächlich gewesen bin und ich hie und da noch was ändern könnte. Das passiert nur weil die Jahre vergangen sind und weil ich nun die Welt anders sehe. Wenn ich auf der Bühne stehe, sage ich zu den verschiedenen Themen der Stücke was aus: über mich, über meine Umwelt, über die Sachen, die ich mag oder nicht mag, Sachen, mit denen ich nicht einverstanden bin.

 

Gibt es irgendeine Rolle, an der du dich sehr gern erinnerst?

Ich weiß nicht warum, aber ich kann Rollen nicht von Stücken trennen. Ich kann nicht sagen, dass ich eine Rolle mehr mag, ich kann sagen, ich mag Stücke mehr und meine Arbeit auf der Bühne ist das ganze Stück. Ich bin selber dafür verantwortlich, nicht nur, wie meine Rolle aussieht, sondern wie das ganze Stück aussieht. Ich kann natürlich Theaterstücke nennen: „Der Hässliche“, der nun wieder aufgenommen wird, oder „Das Mädchen im Goldfischglas“ von Radu Afrim oder „Die Möwe“. Ich denke, ich erinnere mich mehr an diese Rollen, weil sie mich über eine gewisse Grenze gebracht haben, sodass, wenn ich mit diesen Leuten nicht gearbeitet hätte, ich diese Grenzen nicht überschritten hätte. Aber wie gesagt, ich liebe alle meine Rollen.

 

Wonach strebst du in deiner Karriere? Wie soll deine Zukunft als Schauspieler aussehen?

Als ganz großen Gedanken, der sehr abstrakt ist: Ich würde gerne etwas hinterlassen, Menschen - im guten Sinne - beeinflussen. Für meine unmittelbare Zukunft würde ich sehr gerne von anderen Theaterrichtungen mehr erfahren. Ich würde gerne reisen und aus unseren psychologischen Theatern in Europa herrauskommen und etwas Asiatisches sehen, wo Theater ganz was anderes ist, als wir es hier kennen. Ich würde gerne an einem Workshop außerhalb Europas teilnehmen. Egal, wo es ist: Thailand, San Francisco oder Buenos Aires. Ich möchte neue Leute kennenlernen und Erfahrungen sammeln, neue Sachen sehen, die mich weiter bringen.

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