„Ich rede mit einem Kind genauso, wie ich mit einem Erwachsenen reden würde“

Interview mit der Kinderbuchautorin Alexandra Pintea Varnava

Sonntag, 28. Oktober 2018

Alexandra Pintea Varnava Foto: Zoltán Pázmány

Unter Kindern Foto: Călin Ilea

Dem Publikum des Deutschen Kulturzentrums Temeswar/Timișoara ist Alexandra Pintea Varnava als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bekannt. Die Eltern von Kleinkindern unter diesen wissen aber auch, dass sie gerne Geschichten verfasst. Über den Spaß am Schreiben, Bücher und Lesungen mit Kindern unterhielt sich mit ihr ADZ/BZ-Redakteurin Ștefana Ciortea-Neamțiu.

Alexandra, wie bist du zum Schreiben gekommen?
Acht Jahre lang lebte ich in Griechenland, mein Mann stammt von dort und ich habe als freiberufliche Autorin gearbeitet. Ich habe ein Kind und wir haben uns jeden Tag zusammen Geschichten erarbeitet: Es hat gesagt, okay, jetzt habe ich eine Puppe, was kann diese Puppe machen? Dann habe ich gesagt, die Puppe sollte jetzt essen gehen, dann haben wir uns Geschichten ausgedacht. Mein Sohn war ein bisschen schwierig, wenn es ums Essen ging, dann hab ich mir gedacht, ich muss ein paar Geschichten schreiben, damit er endlich Broccoli isst, damit er endlich Obst und Gemüse isst und damit er über gesunde Ernährung lernt. So habe ich ein Buch geschrieben mit zwölf Geschichten, „Povestiri pentru micuții pofticioși“ („Geschichten für Leckermäulchen“), es ist 2013 im Brumar-Verlag erschienen. Eine Freundin hat diese Geschichten auch ins Griechische übersetzt. Später habe ich mit der Zeitschrift „Fabulafia“ zusammengearbeitet und dort drei Geschichten veröffentlicht. Eine wurde von Livia Coloji und eine von Răzvan Cornici illustriert. Wir haben auch einen Workshop mit Kindern zu einer Geschichte im Kulturtreff „Ambasada“ im Dezember 2016 mit Livia Coloji organisiert. Es macht mir immer Spaß, ich gehe gerne in Schulen und wir lesen Geschichten und reden darüber. Kinder sind wirklich unglaublich, wenn es um Geschichten geht, sie haben immer Ideen und man kann eigentlich stundenlang darüber reden. Sie stellen Fragen. Wie wäre es, wenn…? Ich mag das sehr gern! Mein Plan ist, dass ich in zehn Jahren in Frührente gehe und wieder Zeit habe, Geschichten zu schreiben (lacht). Das war nicht mein Plan, als ich noch Studentin war, ich hätte nie gedacht, dass ich in Griechenland auf einer Insel leben und Geschichten schreiben würde, aber es gab eine Zeit in meinem Leben, wo das gut geklappt hat.

Somit war deine erste Inspirationsquelle dein Sohn…

Ja, und er ist es noch immer. Ich schreibe auf meinem Blog und seit fünf oder sechs Jahren handeln von drei Geschichten zweieinhalb von dem, was er gemacht oder gesagt hat. Er wird neun im März.

Welcher der Texte, die du verfasst hast, ist dir besonders ans Herz gewachsen?

Die Geschichte vom kleinen Broccoli. Darin kommt ein Kind vor, das alles hasst, was grün ist und das nichts Grünes essen will. Dann trifft es den kleinen Broccoli, der ganz traurig ist, denn er ist zwar grün, aber er ist lieb, und dann geht diese Geschichte weiter. Ich liebe auch die Geschichte mit Herrn Rechteck, die habe ich für „Fabulafia“ geschrieben. Herr Rechteck ist unzufrieden mit seiner Form, er denkt, vielleicht wäre es besser, wenn er rund wäre, dann überlegt er es sich besser, nein, wenn ich rund wäre, dann könnte ich vom Berg herunterkullern, das ist nicht gut. Vielleicht ist es besser, eine andere Form zu haben. Und so geht es weiter mit allen geometrischen Formen und das ist gut, weil die Kinder dabei die geometrischen Formen erlernen. Diese Geschichte habe ich auch für meinen Sohn geschrieben, weil er immer anders sein wollte.

Also haben deine Geschichten meist auch einen erzieherischen Hintergrund. Warum ist das wichtig?

Ich weiß es nicht. Als Kind war mein Traum, Lehrerin zu werden, und ich finde das noch immer schön. Mein Sohn sagt immer: „Alles, was du mir sagst, ist, ich muss etwas lernen, warum?“ Ich antworte ihm, ich weiß nicht warum - das kommt einfach so. Ich denke mir nicht, dass ich etwas schreiben muss, damit Kinder etwas lernen.

Was ist für einen Schriftsteller anders, wenn er sich an Kinder wendet, wenn er für Kinder schreibt?

Ich weiß nicht, ob es anders ist. Aber was ich mache - und ich mache es jeden Tag, in der Beziehung zu meinem Sohn oder seinen Freunden -, ich versuche, einfach Kinder wie jeden anderen Menschen, auch wie Erwachsene, zu behandeln. Ich rede mit einem Kind genauso, wie ich mit einem Erwachsenen reden würde. Ich bin nicht der Mensch, der sagen würde, „ich bin so klug und so erwachsen, ich weiß alles, du setzt dich dort hin und hörst mir zu“. Ich versuche, immer so zu reden, wie jetzt mit dir oder mit meinem Mann. Ich glaube, es ist ganz wichtig, authentisch zu sein, vor allem mit Kindern, weil sie spüren, wenn man etwas Falsches sagt. Oder auch, wenn das, was man sagt und das, was man denkt, zwei verschiedene Dinge sind, spüren sie es. Dann reden sie nicht mit dir oder es ist ihnen egal, was du ihnen sagst.

Das bedeutet, die Kinder einzubinden. Du sprachst vorhin, dass du gerne in Schulen gehst. Wo warst du zuletzt?

Ich gehe in die Schule, die mein Sohn besucht, es ist eine Privatschule und als ich in Griechenland war, war ich dort sehr oft im Kindergarten. Es war für alle Kinder so lustig, denn sie meinten, du kommst nicht aus Griechenland, aber du kannst Griechisch, wieso? Und wieso kann dein Sohn zwei oder sogar drei Sprachen? Es war sehr, sehr interessant. Wenn man dort einfach mit Kindern zusammensitzen und reden kann, dann hat man ein besonderes Gefühl.

Und sie kommen dann auch später zu den Lesungen…

Ja, ich habe auch in der Buchhandlug „La două bufnițe“ gelesen, hoffentlich laden sie mich wieder ein. Sonntagmorgens gibt es Lesungen für Kinder, das mache ich gern. Die Kinder stellen immer Fragen, sie sind neugierig, man kann sich stundenlang mit ihnen beschäftigen.

Was war das Lustigste, was sie dich gefragt haben – oder das Schönste?

Ob ich das jeden Tag mache und ob mein Kind glücklich ist, dass es jeden Tag neue Geschichten zu hören bekommt. Ich habe gesagt, nein (lacht). Und sie haben gefragt, ob eine der Personen aus dem Buch, Ionu], mein Sohn ist. Ich habe geantwortet: nein. Dann kam es: Aber wieso heißt die Person in dem Buch Ionu]? Das weiß ich nicht. Das war schon vor ihm. Sie stellen eben solche Fragen und manchmal weiß ich nicht, was ich antworten soll, man hat Angst, etwas Dummes zu sagen. Aber sie sind wirklich nett gewesen, ich habe nie unfreundliche oder gemeine Kinder getroffen. Wenn du Lust hast, ihnen zuzuhören, dann können sie stundenlang erzählen, man muss einfach Bock darauf haben. Denn sie spüren wirklich, wenn du keinen Bock hast oder müde bist oder gelangweilt.

Ich habe in einer Statistik, die von der EU erstellt wurde, gelesen, dass Familien in Rumänien im Durchschnitt im Haushalt zehn bis 15 Kinder- und Jugendbücher haben, der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 80 bis 90 Kinder- und Jugendbüchern…

Wir haben 350 Kinderbücher. Ich habe immer Bücher gekauft. Als ich in Griechenland war, habe ich immer Bücher online bestellt und meine Mutter hat sie mir mit dem Bus nach Griechenland geschickt und jetzt haben wir über 350 Bücher.

Wenn du aber solche Statistiken liest, was geht dir dann durch den Kopf, was würdest du den Eltern sagen?

Es ist sehr traurig. Glücklicherweise sind in meinem Kreis viele Eltern, die Bücher kaufen - und viele Bücher - und wir reden darüber. Und ich bin auf Facebook-Gruppen, wo es Leute gibt, die nur über Kinderbücher schreiben. Und jetzt, in den letzten zehn Jahren, gibt es auch wirklich wunderschöne Bücher. Wir haben Bücher auf Griechisch, Deutsch, Englisch und Rumänisch. Ich kaufe auch gern Second-Hand-Bücher, jedes Mal, wenn ich in Wien bin, kaufe ich welche. Wir besuchen ganz gerne unsere Bibliothek im Kulturzentrum, aber auch die Stadtbücherei. Aber man kann nicht erwarten, dass ein Kind liest oder Bücher liebt, wenn die Eltern das nicht tun. Es sollte bei den Eltern anfangen, dann dürfen wir unseren Kindern sagen, jetzt musst du lesen. Mein Sohn sieht mich jeden Tag lesen, ich lese immer, wenn ich zu Hause bin, okay, ich bin auch auf Facebook und er sagt, bei mir gibt es keine Pause. Ich versuche wirklich, wenn ich zu Hause bin, dass er sieht, dass ich Bücher lese und wir lesen auch gern zusammen. Bereits als er ein Baby war, zwei-drei Tage alt, habe ich ihm vorgelesen.

Deine Meinung ist also, dass das gute Beispiel hilft…

Ja, so wie mit allem. Man kann nicht Chips essen und dem Kind sagen, Broccoli ist sehr wichtig. Wir sind Beispiele für unsere Kinder. Was wir tun, ist wichtiger als das, was wir sagen.

Könnte es in Rumänien auch an der mangelnden Vermarktung liegen, dass Kinderliteratur den jungen Lesern nicht ausreichend nahe gebracht wird? 

Ich glaube, das geschieht schon. In Temeswar zum Beispiel, in der Buchhandlung „La două bufnițe“, organisieren sie immer ein Kinderprogramm, bei uns in der Bibliothek ebenfalls, wir versuchen, den Kindern Bücher näherzubringen.

Aber ist das ausreichend?

Ausreichend ist es nicht, es sollte auch mehr in den Schulen getan werden, dort sollte mehr Werbung gemacht werden, die Kinder sollten in die Bibliothek geschickt werden. Aber ich denke, wir gehen schon in eine gute Richtung, langsam, man kann nicht alles auf einmal machen.

Eine letzte Frage: Was verkauft sich überhaupt? Kann man von einem Erfolgsrezept sprechen, was Kinderliteratur betrifft?

Das kann ich noch nicht beurteilen. Ich weiß, ich sollte eigentlich mehr arbeiten, um erfolgreich zu sein, aber derzeit geht es nicht. Wenn man das Schreiben als Job haben möchte, dann muss man auch wirklich hart arbeiten, eigentlich jeden Tag schreiben, jeden Tag Zeit mit Kindern verbringen – mehr Zeit. Dann merkt man, was für Kinder heutzutage interessant ist. Denn was für uns als Kinder interessant war ist vielleicht für Kinder heute überhaupt nicht mehr interessant. Aber es gibt schon ein paar Dinge, die interessant geblieben sind: Als ich meinem Sohn „Capra cu trei iezi“ („Die Geiß mit den drei Geißlein“ – ähnlich wie „Der Wolf und die sieben Geißlein“) vorgelesen habe, fragte er mich, wieso das Zicklein alleine zu Hause geblieben sei und kein Handy hatte. Man muss sich updaten, sozusagen.

Werden deine Geschichten auch ins Deutsche übersetzt?

Meine Kollegin Karina hat angefangen, die Geschichten ins Deutsche zu übersetzen.

 

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