„Ich trage die Tracht gerne“

Der Brenndorfer Kurator Manfred Copony

Sonntag, 11. März 2012

Ein Sachsentreffen in Tracht: Manfred Copony (links) und Hans Lutsch am Kronstädter Honterushof

In der evangelischen Kirche in Brenndorf können zur Zeit keine Gottesdienste abgehalten werden.

Manfred Copony hält auch Hasen, was viele kleine Besucher sehr zu schätzen wissen.

Eines der Zimmer im ehemaligen Pfarrhaus ist als Bauernstube mit alten Möbeln, Wandbehängen und Volkstrachten eingerichtet.
Fotos: Ralf Sudrigian

So manches ist in den letzten zwanzig Jahren für die Brenndorfer Sachsen etwas zu groß geworden. Die knapp 60 zumeist älteren Gemeindemitglieder wollen aber ihre Kirche und, im weiteren Sinne, das Erbe ihrer Vorfahren auch stellvertretend für jene, die heute nicht mehr in dieser Burzenländer Gemeinde, sondern in Deutschland leben, so gut es geht pflegen und erhalten.

Seit fast drei Jahren hat sich auch einer ihrer Landsleute dieser verantwortungsvollen Aufgabe gewidmet. Er heißt Manfred Copony und ist seit 2009 mit seinen 49 Jahren einer der jüngeren Kirchenkuratoren der evangelischen Landeskirche.

Das Gästehaus als Begegnungsort

Im ehemaligen Pfarrhof in der Kirchengasse 135 ist es im Winter erwartungsgemäß etwas ruhiger als in der Sommerzeit. Die vier Gästezimmer sind noch unbelegt, im Stall sind nur zwei Hasen und ein Rammler anzutreffen. Die Schweine und hoffentlich der Kaninchen-Nachwuchs werden in den nächsten Monaten hinzukommen und dann wird Manfred Copony mehr zu tun haben.

Jetzt, im Winter, sind die neun Hennen, die zwei Hähne, die Ente mit dem ungewöhnlich Namen „Hitchcock“, Rex – der wachsame Hofhund und die zwei Kater (einer hat sich allerdings seit einigen Tagen abgemeldet) zu versorgen. Manfred füttert die Hühner und muss eine Entscheidung treffen – auf einen der beiden Hähne muss er verzichten.

Haustieren sollte man keine Namen geben, sagt er, weil man sonst zu stark an ihnen hängt. Vor allem Hasen und Ente sind nicht ausschließlich für den Kochtopf gedacht. Sie können von Kindern berührt und beobachtet werden. Kinder der Gäste, die da vor allem im Sommer untergebracht werden, oder die Schulkinder, die am traditionellen Gartenfest und beim Martinstag in den geräumigen Pfarrhof eingeladen sind.

Mit Eltern und Lehrern kommen dann bis an die 200 Leute zusammen – aus Brenndorf, von der „Kolonie“, wie auch heute noch der um die Zuckerfabrik gebaute Ortsteil genannt wird, und aus der Nachbargemeinde Petersberg. Seit fünf Jahren ist vor allem das Brenndorfer Martinsfest mit dem traditionellen Laternenumzug, den Wettbewerben um die sonderbarsten Kürbisse und die schönsten Laternen, den leckeren Kuchen sowie dem frisch gepressten Apfelsaft in der Gemeinde aber auch im 14 Kilometer entfernten Kronstadt bekannt und beliebt geworden.

Initiator dieser Veranstaltungen ist Manfred Copony der dafür als gleich doppelt qualifiziert gelten könnte. Zum einen ist er als Absolvent des Kronstädter Fachlyzeums für Gastgewerbe und Buchhaltung ausgebildeter Kellner und Koch, zum anderen hat er in Würzburg ein Studium im Bereich Sozialarbeit absolviert.

Vom Kellner zum Sozialpädagogen

1990, als der damals 26-jährige Manfred nach Deutschland auswanderte, hatte er eine fast zehnjährige Erfahrung als Kellner bei einem der besten Kronstädter Restaurants (jenes des Aro-Palace-Hotels), sowie mehrmonatige Einsätze an der Schwarzmeerküste vorzuweisen. In seiner neuen Heimat, in Leimen bei Heidelberg, arbeitete Copony zunächst als Kellner und bediente auch Mitglieder der Familie von Tennisstar Boris Becker, oder die Spielerin Anke Huber.

Es folgte die Ausbildung zum Sozialpädagogen mit der insgeheimen Hoffnung, eines Tages in seiner Heimat, genauer gesagt in Wolkendorf, ein eigenes Erziehungsprojekt für junge Leute auf die Beine stellen zu können. Während des Praktikumsjahres hatte Manfred die Gelegenheit, in der Anstalt für chronische Nervenkrankheiten bei „Mina 1 Mai“ in der Nähe von Wolkendorf zu arbeiten.

Die damit verbundenen Erfahrungen sind ihm unvergesslich geblieben: der Begriff „Menschenwürde“ hatte für ihn konkrete, neue Dimensionen erhalten, so dass Kurator Copony heute vorsichtig ist, wenn er von „helfen“ spricht. Das setze voraus, sich über den Hilfsbedürftigen zu stellen, den Eindruck von Hochmut zu erwecken. Das Projekt Wolkendorf scheiterte, Copony wollte aber nicht weitere Umschulungen und Arbeitslosenunterstützung in Deutschland in Kauf nehmen oder sich auf den Kellnerberuf beschränken. Für ihn stand 2002 fest: er kehrt nach Siebenbürgen zurück.

Zunächst wohnte er in Neustadt im ehemaligen Pfarrhaus, das gerade als Gästehaus umfunktioniert wurde. In dieser Zeit lernte er auch seine Lebensgefährtin Corina und deren heute 13-jährigen Sohn Bogdan kennen. Heute pendelt Copony zwischen Brenndorf mit dem Gästehaus, das er als Benutzer von der Kirchengemeinde vermietet bekam, Neustadt als Wohnort von Corina und Bogdan, und Kronstadt, wo er inzwischen als Bezirksanwalt des Kronstädter Bezirkskonsistoriums arbeitet. So ist er viel mit seiner roten Dacia unterwegs und muss seine Zeit und seine Arbeit auf gleich mehrere Orte und Bereiche teilen, ohne dass dabei etwas zu kurz kommt.

Ein Kurator hat viel zu tun

Das ist nicht einfach. In Brenndorf hat der Kurator vieles zu tun. In der Kirche können seit Jahren aus Sicherheitsgründen keine Gottesdienste abgehalten werden. Von der Decke bröckelt der Putz ab, so dass das Gestühl zusammengerückt und die Kirche geschlossen werden musste. Ein Teil des Kircheninnenraums sieht wie eine Halle aus, deren Leere deprimierend wirkt.

Manche Pfeifen der Thois-Orgel wurden entfernt – eine Vorsichtsmaßnahme gegen mögliche Marderangriffe, sagt der Kurator. Täglich muss Copony da vorbeikommen, um das Turmuhrwerk aufzuziehen. Dieses ist, dank Zoltan Boer, funktionsfähig, sodass die Turmuhr die korrekte Uhrzeit anzeigt und die vollen Stunden, sowie jede Viertelstunde durch Glockenschläge ankündigt.

Ansonsten sind leider die Glocken verstummt. „Vorläufig“, unterstreicht Manfred Copony. Denn er hofft, dass ihr Klang bald erneut in der Gemeinde zu hören sein wird, wenn beim Bürgermeisteramt wieder Geld zur Verfügung steht, um den Teilzeitjob der Frau zu bezahlen, die bisher die Glocken zog und die das 1869 in Wien hergestellte Uhrwerk täglich aufzog. Das Uhrwerk durch einen elektrisch betriebenen Mechanismus zu ersetzen, wäre zwar möglich, aber dabei ginge etwas Einzigartiges verloren, sagt Copony.

Selbstverständlich läuten die Glocken noch an den großen Feiertagen, sowie vor den Gottesdiensten, die jeweils am letzten Sonntag im Monat Pfarrer Dr. Peter Klein in der sogenannten „Winterkirche“ im benachbarten ehemaligen Pfarrhaus gemeinsam mit den Brenndorfer und Petersberger Gemeindegliedern abhält. Der Klang der Glocken ist auch bei jedem evangelischen Begräbnis in Brenndorf zu hören, wie auch dann, wenn ein(e) ausgewanderte(r) Brenndorfer/in verstorben ist.

Der Friedhof wird gepflegt, wobei dem Kurator direkt diese Aufgabe für ein Viertel der Fläche zukommt. Dass der Friedhof eher wie ein Park aussieht, ist der Pflege der langen Hecken und Stege zu verdanken, wie auch der Tatsache, dass es am Brenndorfer Ort der Ruhe keine Gruften und so gut wie keine Gräber mit Betonplatten gibt. Entscheidend ist auch die finanzielle Unterstützung seitens der „Dorfgemeinschaft der Brenndörfer“, wie die Heimatortsgemeinschaft Brenndorf in Deutschland offiziell heißt.

Ohne die konstante und konsistente Hilfe, die von den ausgewanderten Brenndorfern für ihr Heimatdorf kommt, wäre Vieles nicht denkbar. Das gilt nicht nur für den Friedhof, sondern auch für die 2005 beendeten Ausbesserungen am Kirchdach, für die vorbereitenden Arbeiten und Planungen betreffend weiterer Kirchensanierung.

Bei der Finanzierung der Außenarbeiten am Gästehaus waren hauptsächlich die ausgewanderten Brenndorfer mitbeteiligt. Für all dieses ist es selbstverständlich, dass neben dem Pfarrer auch der Kurator das uneingeschränkte Vertrauen der Spender haben muss. Hinzu kommt, dass in Brenndorf ehemaliges Kircheneigentum (z. B. das Vereinshaus in der Schulgasse, eine Lehrerwohnung) rückerstattet wurde oder, wie im Falle des jetzt leerstehenden alten Schulgebäudes, im Begriff ist, rückerstattet zu werden. Das heißt für den Kurator zusätzliche Verantwortung, neue Aufgaben und nicht wenige Sorgen.

„Man kann nicht einfach weglaufen“

Weil es um Rückgabe und Verwaltung des Kircheneigentums ging, um informiert zu sein und den Standpunkt der evangelischen Kirchengemeinde zu vertreten und zu verteidigen, hat Manfred Copony im Wahljahr 2008 sich entschlossen, auf der Liste des Demokratischen Forums der Deutschen im Kreis Kronstadt für einen Platz im Gemeinderat Brenndorf zu kandidieren.

Der Versuch blieb erfolglos, nicht zuletzt weil der gesamte Wahlkampf damals im Zeichen der Abwahl des alten Bürgermeisters stand und anscheinend selbst Brenndorfer Sachsen meinten, ihre Stimme strikt nach diesen Überlegungen abgeben zu müssen. Leider sind inzwischen die Probleme, die der neue Bürgermeister Claudiu Liliac nun den Brenndorfern bereitet, weit größer und schwerwiegender als der Ärger mit seinem Vorgänger.

So sitzt Copony nicht im Gemeinderat … und hat wahrscheinlich etwas mehr Zeit zur Verfügung, um auch anderen Verpflichtungen nachzugehen, zum Beispiel der nachbarschaftlichen Hilfe. Die Gemeindeglieder sind nicht nur weniger geworden, sondern auch älter. Gesundheitliche Probleme tauchen öfter auf, die sächsische Nachbarin, der alte Bekannte, die Verwandten, in den letzten Jahren auch die Hilfe seitens der Diakonie-Dienststelle, sind nicht mehr da. So ist manchmal auch Kurator Copony gefragt, sei es um Hilfe bei einem Arztbesuch, sei es lediglich um einen Ratschlag oder ein Gespräch. „Da kann man nicht einfach weglaufen“, sagt Copony, selbst wenn im Garten oder im Stall viel zu tun ist, die Familie zu kurz kommt oder man gern etwas mehr Freizeit hätte.

Manfred Copony sieht man bei passenden Anlässen auch in sächsischer Tracht. Er trage sie gern, weil sie schön sei und weil es schade sei, sie zu vergessen. Copony bereut es nicht, zurückgekehrt zu sein, selbst wenn er sich hier manchmal ärgern muss, zum Beispiel mit den Zuständen bei manchen Behörden. Nach Deutschland zu seinem Vater und seinem Bruder fährt er gern – aber als Besucher. In Brenndorf hat er neue Aufgaben gesucht, gefunden und übernommen. Sie sind groß, wie auch die geografische Entfernung nach Deutschland.

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