„Ich war bloß fünf Stunden Revolutionsteilnehmer“

BZ-Gespräch mit Traian Orban, Vorsitzender des Temeswarer Vereins „Memorialul Revolutiei 16. - 22. Dezember 1989“ und Direktor des „Nationalen Dokumentations-, Forschungs- und Informationszentrums über die Revolution von 1989“

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Traian Orban im Temeswarer Orthopädie-Spital, nach seiner ersten OP, Dezember 1989.

Foto: Privat

Unser Gesprächspartner als Leiter des Temeswarer Memorials und Dokumentationszentrums der Revolution vom 16.-22. Dezember 1989

Traian Orban, Tierarzt, geboren am 20. Februar 1944 in Petroschen, besuchte Schulen in Temeswar und studierte in Klausenburg. Nach Abschluss der Hochschule 1973 arbeitete er als Tierarzt in verschiedenen Tierzuchtkomplexen, zuletzt, 1989, als Farmleiter in Cadar, Gemeinde Tormak, bei Gataja. In der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1989 hing er am Radio und hörte die Nachrichten von „Freies Europa“ über die Protestbewegungen, die am Nachmittag des 16. November in Temeswar rund um das Haus des reformierten Pastors László Tökes ausgebrochen waren.

Am 17. Dezember, sonntags, kommt von der Temeswarer Staatsanwaltschaft ein Telefonanruf auf dem einzigen Fernsprechgerät des Dorfes, das im Büro „seiner“ Farm installiert war: ein Staatsanwalt, der Schwiegersohn des vormaligen LPG-Vorsitzenden von Cadar (die hatten ein Schwein geschlachtet) soll sich dringend in Temeswar im Dienst melden. Fluchend wegen der Unterbrechung beim Sautanz setzt sich dieser in seinen „Dacia“. Orban bat ihn, ihn mitzunehmen nach Temeswar. Das geschah. „Ich wollte mich selber davon überzeugen, was dort los war“, sagt Orban heute. Dem Staatsanwalt sagte er damals, er hätte in Temeswar dringend etwas zu erledigen. Gegen 13 Uhr kommt er in Temeswar an und steigt in der Gegend des Continental-Hotels aus dem Fahrzeug des Staatsanwalts.

„Vor dem Continental-Hotel ein Cordon von Militärs, verdoppelt mit einem Cordon Miliz und dahinter ein Cordon bewaffneter Zivilisten. Gepanzerte Amphibienfahrzeuge. Panzer, Truppentransporter. Gegenüber eine Menschenmasse, die „Libertate“, Freiheit, rief. Ich mischte mich unter sie. Es war ein wunderbares Gefühl, aus ganzem Herzen gemeinsam „Freiheit!“ zu schreien. Die Cordons rückten vor, wir zogen uns in Richtung Libert²]ii-Platz, Freiheitsplatz, zurück. Im Raum zwischen Bega-Kaufhaus und Sankt-Georgs-Platz bemerkten wir Gruppen von Zivilisten, die Schaufensterscheiben einschlugen. Andere Gruppen – ich wurde den Eindruck nicht los, dass es auf Befehl lief... – plünderten die Läden. Einige unter uns versuchten, diese Gruppen zu stoppen, wurden aber sofort brutal zusammengeschlagen. Da war uns klar: Die Provokation war planmäßig. Als die Panzer und die gepanzerten Fahrzeuge vorrückten, wurden wir auf den Parade-/Freiheitsplatz abgedrängt. Gruppen von Halbwüchsigen und Jugendlichen sprangen auf die Militärfahrzeuge und versuchten, diese in Brand zu stecken. Dann stopften sie Lappen in deren Auspuffrohre und würgten die Motoren ab. Kinder hatten plötzlich mit leeren Händen Panzer gestoppt!

Aber die Cordons begannen zu schießen. Zuerst mit Blindmunition – keiner fiel, kein Putz rieselte von den Wänden. Dann scharf. Es waren etwa viereinhalb Stunden vergangen, seit ich dabei war. Als scharf geschossen wurde, wollten wir uns verstreuen. Da schrieen uns die Kinder und Jugendlichen zu: `Feiglinge! Wollt ihr keine Freiheit mehr?! Nur wenn wir bleiben, verdienen wir sie!.` Wir blieben. Das Gemetzel begann. Ich fiel plötzlich zwischen Tote und Verwundete zu Boden.

Diesen Moment erlebe ich immer wieder, wenn ich über den Freiheitsplatz gehe. Nachts träume ich davon. Mein Oberschenkelknochen war von einer Kugel zerfetzt worden. Damit war meine Revolutionsteilnahme beendet. Ich war bloß fünf Stunden Revolutionsteilnehmer. In Wien erfuhr ich später, dass eine Kalaschnikow-Kugel meinen Oberschenkelknochen zersplittert hatte. Die hiesige Militärstaatsanwaltschaft, der ich das Geschoss zur Untersuchung gab, `verlor` es...“

 

Wer brachte Sie in welches Krankenhaus?

„Für mich begann eine Reihe von Glücksfällen. Klingt paradox, ist aber wahr. Der erste: ein paar der Leute um mich herum schleppten mich in einen „Dacia“, dessen Besitzer sich angeboten hatte, Verwundete ins Kreiskrankenhaus zu transportieren. Es hatte sich inzwischen herumgeprochen, dass der Kommandant des Temeswarer Militärspitals, ganz in der Nähe, Oberst Augustin Pop, verboten hatte, dort Zivilisten, diese „Hooligans“, wie Ceausescu sie im Fernsehen nannte, zu behandeln – Eid des Hippocrates hin oder her! Pop ließ sogar Operationen unterbrechen und die Verwundeten rausschaffen!

Mein zweiter Glücksfall war, dass mich auf dem Korridor des Kreiskrankenhauses, nackt und notdürftig verbunden, ein Krankenträger erkannte, der aus dem Cadar benachbarten [ipet stammte. Der nutzte die Umstände und ließ mich im Chaos des Kreiskrankenhauses ins Orthopädiespital schaffen. Das war meine eigentliche Rettung. Dort wurde ich zum ersten Mal operiert. Am 18. Dezember kam ein Zivilist vorbei und fragte – höflich, aber einschüchternd – jeden nach persönlichen Angaben und wie er da gelandet sei. Legte Listen an. Natürlich waren alle „zufällig“ dort gewesen, wo gerade geschossen wurde und es hatte sie „zufällig“ erwischt. Mein dritter Glücksfall war ein medizinischer Hilfskonvoi aus Österreich. Ich war der erste OP-Fall von Professor Poigenfürst – der selbe, der später die Klinik „Casa Austria“ initiiert und zum Funktionieren gebracht hat, zusammen mit der Caritas. Der nahm mich, zusammen mit einer großen Gruppe Verwundeter, die Nachbehandlungen und Reha benötigten, nach Wien mit. Dort wurde ich noch zweimal operiert und schließlich – bis April 1990 - so weit auf die Beine gestellt, dass ich heute zwar ein Krüppel bin, mich aber selbstständig relativ unbeschwert bewegen kann.“

 

Erinnern Sie sich an Offiziere, die Schießbefehle gaben?

Neben unseren Erinnerungen und Nachforschungen des Dokumentationsarchivs gibt es auch die Untersuchungen der Militärstaatsanwaltschaft. Leider sind nach dem „Prozess von Temeswar“, wo die Generäle St²nculescu und Chi]ac zu Haftstrafen verurteilt wurden – General Gu{e war zwischendurch gestorben – viele Dossiers unter Verschluss gekommen. Aber der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat entschieden, dass die Taten der uniformierten Verbrecher vom Dezember 1989 nicht verjähren und ich hoffe immer noch auf Gerechtigkeit. Auch auf einen entschiedenen Gerechtigkeitsimpuls von neuen Präsidenten Klaus Werner Johannis. Zum Beispiel im Fall Paul Vasile, damals ein eifriger Ausführer krimineller Befehle, Major, heute Brigadegeneral im NATO-Mitgliedsland Rumänien. Er ist der Schlächter von der heutigen Calea Martirilor, der Märtyrerstraße. Und einer der vielen Offiziere, die nach 1989 befördert, nicht verurteilt wurden.

 

Haben Sie auch Beispiele von Befehlsverweigerern?

Natürlich gab es die. Oberst Durac, der sofort nach den Ereignissen vom Dezember `89 an die Öffentlichkeit gegangen war und Interna der Armee bekanntmachte. Er hatte die Annahme von Kriegsmunition für seine Einheit verweigert: `Gegen sein eigenes, unbewaffnetes Volk schießt kein würdiger Offizier! Befehle dürfen nicht blind ausgeführt werden!` Oder der damalige Oberst Gheorgheoiu, heute General, der sich weigerte, mit der Militärmusik durchs Temeswarer Stadtzentrum zu marschieren, um `patriotische Gefühle´ zu wecken. Er hat sich anschließend auch geweigert, die Truppen an der Decebal-Brücke zu befehligen, an einem der nachher blutigsten Orte der Temeswarer Revolution. Befehlsverweigerungen, die ihn das Leben hätten kosten können. Ihn hat die Heeresleitung durchs gesamte Land herumkommandiert, bis wir seitens des Memorials der Revolution beim Verteidigungsministerium interveniert haben und dem braven Mann zum Generalsrang und zu Ruhe verhelfen konnten.

 

Haben Sie so viel Macht?

Macht kommt von der Achtung, die man genießt. Achtung genießen wir. Wir verstehen uns als Institution gegen das Vergessen. Die Denkmäler, die Dokumentarfilme, die Ausstellungen, unsere regelmäßigen Veröffentlichungen, unser Revolutionsmuseum und das Dokumentationszentrum, die ökumenische Heldenkapelle sind Einrichtungen gegen das Vergessen. Jedes einzelne Opfer, die Gefallenen und Verwundeten der Revolution, verdienen es, erwähnt, geehrt, geachtet zu werden. Jener Aufstand aller gegen ein System, das wir insgeheim für ewig hielten, aber uns trotzdem dagegen auflehnten, das dürfte das bisher Wichtigste im Leben dieses Volkes sein. Mit seinen Folgen müssen wir noch ins Reine kommen. Unsere Generation und die nächste.

Aus heutiger Sicht: deshalb konnten die uns nicht vertreiben, als wir protestierten, deshalb schrien alle „Wir gehen von hier nicht weg!“ Obwohl scharf geschossen wurde. Natürlich ist es kein Verdienst, in jenen Tagen verwundet worden zu sein. Wie in meinem Fall: nach fünf Stunden Teilnahme an den Protesten. Aber es ist eine Pflicht mehr, gegen das Vergessen vorzugehen. Das tun wir hier, im Memorial der Revolution und im Dokumentationszentrum. Deshalb hat sich der rumänische Staat, in einem seiner erleuchteten Augenblicke, dafür entschieden, diese Einrichtung der Zivilgesellschaft aus dem Staatshaushalt zu finanzieren. Wir aber sind noch Antworten auf Fragen schuldig. U.a.: Wer waren die `Terroristen`, bei deren „Bekämpfung“, nach Weihnachten ´89 und dem Tod der Ceausescus, die meisten zivilen Opfer zu beklagen waren...?

 

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