„Ich war immer ziemlich kämpferisch“

ADZ-Reihe: Der Mensch hinter der Kulisse des Deutschen Forums – Unterstaatssekretärin Christiane Gertrud Cosmatu

Sonntag, 17. Juni 2018

Christiane Gertrud Cosmatu: „Nie den Kopf hängen lassen oder sagen, das kann ich nicht. Man kann, wenn man anpackt!“

„Wir sind dicke Freundinnen“, sagt Christiane Cosmatu über ihre Berufskollegin Ida Alexandrescu. Beide sind oft, wie hier, im deutschen Kulturhaus „Friedrich Schiller“ anzutreffen.
Fotos: George Dumitriu

In ihrem kühlen Büro in der baumbeschatteten Strada Paris Nr. 65 unterhalten wir uns seit gut einer Stunde: deutsche Schule, deutsches Forum, das Bildungsministerium... Mal milde lächelnd, mal freudestrahlend, erzählt sie von den Etappen ihrer Karriere, den großen und kleinen Herausforderungen. Nennt Namen früherer Kollegen, es klingt wie Erinnerungen an liebe Freunde. Man hat den Eindruck, als wären all ihre Jahre als Deutschlehrerin, Ministerialinspektorin, dann Direktorin im Bildungsministerium und schließlich als Unterstaatssekretärin im Departement für interethnische Beziehungen an der Rumänischen Regierung (DRI) - hinzu kommen auch noch ihre Funktionen im Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) als Vorsitzende des Bukarester Forums, Vorstandsmitglied des Regionalforums Altreich und gewähltes Mitglied des Landesforums – ein lieblicher Spaziergang über eine duftende Blumenwiese gewesen...

„Sie wirken so ruhig - kann Sie überhaupt nichts ärgern?“ unterbreche ich sie irgendwann. Ihr Lächeln vertieft sich, ein Schatten gleitet unmerklich kurz über ihr Gesicht. „Doch – aber das bleibt dann hier“, fasst sie sich leicht ans Herz. Unterstaatssekretärin Christiane Gertrud Cosmatu zeigt meist ihre sanfte Seite. Wenn sie erzählt, spürt man, dass sie auf Menschen baut, auf Unterstützung, Teamwork und Zusammenhalt. Dass sie einen Schritt nach dem anderen tut, beharrlich ein Problem nach dem anderen löst, mit der gleichen Hingabe und Leidenschaft, die sie schon für ihren Beruf als Deutschlehrerin empfand. „Ich war immer ziemlich kämpferisch, und das hat auch gewirkt“, sagt sie über ihre Zeit im Ministerium, und ihre Stimme erhält plötzlich einen anderen Ton. Aufmüpfiger. Forscher. Aber sie lächelt immer noch. Ist das ihr Erfolgsgeheimnis?


Zuhause in der deutschen Schule


Ins Bildungsministerium wollte sie eigentlich gar nicht, gesteht Christiane Cosmatu. Nach 17 Jahren als Deutschlehrerin erschien ihr der Alltag in einer lebhaften Schulklasse viel spannender. Im Unterricht konnte sie kreativ sein, selbst in der kommunistischen Zeit, als es nur vorgegebene Lehrmittel gab, „dieselben Lehrbücher für alle Sprachen, in grün und blau“, und wenig Freiraum in der Unterrichtsgestaltung. Mit Durchschlagpapier bastelte sie ihr eigenes Material. Schüler malten Schautafeln und konnten mit dieser Freiwilligenarbeit ihren Notenschnitt ein wenig aufbessern, erzählt Cosmatu, die zuerst an einer rumänischen Schule Deutsch als Fremdsprache und später Deutsch als Muttersprache am heutigen Goethe-Kollegs lehrte, zeitweise auch noch parallel an der französischen Schule. Die rumänischen Schüler, die in der deutschen Schule in Bukarest damals bereits gut vertreten waren, zeigten sich sehr motiviert. „Die waren von klein auf getrimmt, man merkte gar keinen Unterschied zwischen Kindern, die zuhause Deutsch gesprochen haben oder nicht“, erinnert sich Cosmatu. Damals wurden allerdings noch mehrere Fächer auf Deutsch unterrichtet, fügt sie an. „Das macht einen großen Unterschied im Wortschatz.“ 

„Schon damals habe ich Dinge eingeführt, die im heutigen Unterricht gang und gäbe sind“ erinnert sich die Gymnasiallehrerin, „etwa, dass die Schüler ein Buch lesen und es vor der Klasse vorstellen – das haben sie gerne gemacht und so konnte ich sie zum Lesen verleiten.“

Mit Freude denkt sie auch an so manchen Schüler, der nach Deutschland ausgewandert war und später als Kulturträger zurückkam. Etwa an Dieter Müller, den ehemaligen Vertreter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). „Als Schüler war er sehr lebendig und nicht alle Lehrer konnten ihn beschäftigen. Er wurde mein Mini-Assistent und das hat ihn angespornt, weil er eine Rolle hatte!“ Oder an den Deutsch-Kurs, den sie im Fernsehen moderierte. „Es fiel mir von Anfang an so leicht, vor der Kamera zu sprechen, in der Gewissheit, da sind Leute dahinter.“ Wenn sie im Land unterwegs war, rief so mancher überrascht aus: „Sie kenne ich doch - aus dem Deutsch-Kurs im TV!“ „Es gab sehr viele schöne Momente“, schwärmt sie von dieser Zeit.


Prägende Kindheit


Aber auch an ihre eigene Schulzeit in Bukarest erinnert sich Christiane Cosmatu gern. Obwohl katholisch – ihre deutschen Vorfahren stammen aus dem Banater Bergland und der Bukowina, die Eltern waren jedoch in Br˛ila geboren und zogen in die Hauptstadt, nachdem der Vater einen Posten bei der Nationalbank bekommen hatte – besuchte sie den deutschen Kindergarten der evangelischen Kirche. „Die Konfession spielte keine Rolle – es gab auch jüdische Kinder dort“, erklärt sie und erinnert sich, wie beeindruckt sie davon war, dass das Jiddische dem Deutschen so stark ähnelt. „Ich hatte früh engeren Kontakt zu einer jüdischen Familie – und das hat mich bezaubert, von Anfang an. Das war so ein kleines Erlebnis, das mir den Blick für Verschiedenheit öffnete!“ Es folgte die deutsche Schule, damals Lyzeum 21, das heutige Goethe-Kolleg, das sie jedoch in der neunten Klasse verließ, denn es wurde kein humanistischer Zweig angeboten. Schweren Herzens, weil sich dort eine heute seltene Form der Klassengemeinschaft entwickelt hatte. „Es waren immer die gleichen Schüler, von der ersten Klasse an, und die Lehrer haben sich sehr um ein soziales Leben bemüht. Vieles hat uns zusammengeschweißt – Tanzabende, Ausflüge, Skilager, wir haben Geburtstage gefeiert...“ Noch heute hält sie Verbindung zu ehemaligen Mitschülerinnen, besucht Klassentreffen. „Das war sogar bei meiner Tochter noch so, die die gleiche Schule besuchte! Wenn geheiratet wird oder es eine Taufe gibt, kommen sie von überall her zusammen.“


„Ich bleibe nur sechs Monate“


Kein Wunder, dass ein solches Umfeld prägt. Als Mensch, doch vor allem als Lehrer. Kein Wunder, dass ihr die Schreibtischarbeit im Ministerium zunächst unvorstellbar schien. „Doch meine Vorgängerin Ilse Müller hatte das Land verlassen, irgendjemand musste ran“, erinnert sie sich an den Anfang ihrer Karriere als Deutsch-als-Muttersprache-Inspektorin 1992. „Es war nicht unbedingt mein Traum.“ „Die Ida hat mich vorgeschoben“, ergänzt sie lachend, „sie hat mich bearbeitet! Ida Alexandrescu war damals Schulinspektorin, wir haben sehr gut zusammengearbeitet.“ Doch nach drei bis vier Wochen stellte Cosmatu plötzlich fest, wie viel man im Ministerium bewegen konnte. Der ungeliebte Schreibtischjob wurde zur Herausforderung. 1997 vom Ministerialinspektor zum Ministerialdirektor befördert, hielt sie dem Bildungsministerium bis 2011 die Treue – fast 20 Jahre. Schmunzelnd erinnert sie sich: „Als ich dort antanzte, war Nikolaus Kleininger Staatssekretär. Der hat mir später jahrelang vorgehalten: ‘Du bist reingekommen und hast gesagt, ich bleibe nur sechs Monate. Das war eine Unverschämtheit!’“

Am Reformprozess des rumänischen Schulwesens hat sie entscheidend mitgewirkt. Hierfür war der gleich nach der Wende gegründete Deutschlehrerverband sehr wichtig, erzählt Christiane Cosmatu, erste Vorsitzende des Verbands. Auch hier hatte Ida Alexandrescu eine treibende Rolle, betont sie: „Sie war der Motor, der die Leute motivierte, aber auch andere haben sich stark eingebracht. Drei Jahre später wurde die Hanns Seidel Stiftung unser Partner.“ Großer Wert wurde damals darauf gelegt, Leute zu motivieren, Deutsch zu lernen, auch um damit demokratische Werte in einer friedlichen Welt zu propagieren. Über das DFDR kam 1990 auch das Lehrerentsendeprogramm aus Deutschland zustande, das das rumänische Schulsystem enorm befruchtete und durch Fachberatung unterstützte. Auch Deutschlehrer aus Rumänien wurden in Deutschland fortgebildet und fungierten fortan als Multiplikatoren. Enorm wichtig war zudem die Gründung des Lehrerfortbildungszentrums in Mediasch. „Darum beneiden uns die anderen Minderheiten“, räumt Cosmatu ein.

Um den Deutschunterricht attraktiv zu machen, müssen auch moderne Lehrmittel existieren. Christiane Cosmatu hatte sich bereits vor der Wende als Lehrbuchautorin einen Namen gemacht. In einem Projekt des Goethe-Instituts zur Vermittlung von Kenntnissen, wie man ein modernes Schulbuch gestaltet, konnte sie ihre Kenntnisse vertiefen. „Wir haben enorm viel gelernt – auch über Layout oder wie viele Bilder und Schriftzeichen auf eine Seite müssen.“ Zusammen mit einem Fachberater und einem Lehrer schrieb sie auch im Ministerium Lehrbücher, bis eine Order der damaligen Ministerin, Mitarbeiter des eigenen Hauses dürften keine Schulbücher schreiben, dieser Aktivität ein Ende setzte. „Verständlich, wenn es um große Kontingente an Büchern geht“, räumt Cosmatu ein, „doch für Minderheiten total verkehrt! Da muss man froh sein, wenn sich überhaupt jemand findet.“

Inzwischen gibt es Gruppen in Hermannstadt und Temeswar, die in diesem Bereich tätig sind, sowie zahlreiche Ausschreibungen für neue Buchprojekte. „Erfreulich, dass dies alles so schnell passierte“, meint Cosmatu.

Bleibende Spuren konnte sie auch in der Gestaltung von Deutsch-Olympiaden hinterlassen: „Bei uns sind sie sehr kreativ. In anderen Fächern hatte es gedauert, bis es ein wenig Lockerung gab, es war lange Zeit einfach nur Stoff.“ Viele der ehemaligen Teilnehmer sind heute schriftstellerisch tätig, freut sich Cosmatu und nennt als Beispiel die international bekannte Autorin Dana Grigorcea, ehemalige Schülerin des Goethe-Kollegs, die damals auch ein Jahr als Austauschschülerin in der Schweiz war, wo sie heute schreibt und lebt.


Forum und Jugend zusammenbringen


In ihrer Zeit im Ministerium war die Kooperation mit dem DFDR enorm wichtig. „Das Forum war immer sehr eingebunden – ich war dort ja im Grunde sein verlängerter Arm“, betont die Unterstaatssekretärin. Sie selbst hatte sich bereits 1990 – gleich nach der Gründung in Bukarest in der evangelischen Kirche – eingeschrieben. „Vorsitzende für das Bukarester Forum wurde ich erst 2010, gleichzeitig kam ich auch in den Vorstand des Altreichforums.“ Was das wichtigste Thema im Bu-karester Forum sei? „Die deutsche Schule!“, kommt es ohne zu zögern wie aus der Pistole geschossen.

Ihre Aufgabe beim DRI sieht Cosmatu als gelungene Fortsetzung der im Ministerium begonnenen Tätigkeit. „Schon damals habe ich eng mit dem DRI zusammengearbeitet. Weil ich sowieso in Bukarest war, war es für das Forum praktischer, mich dort hin zu schicken, als jemanden aus Hermannstadt.“ Freilich hätten die Umstände des Wechsels weniger dramatisch sein können: Nachdem ihr Vorgänger Helge Dirk Fleischer 2011 viel zu jung verstorben war, wurde sie als Nachfolgerin vorgeschlagen. Verstohlen schluckt sie eine Träne hinunter:„Ich kann darüber kaum sprechen.“ Fleischer kennt sie schon aus dessen Schulzeit. „Als ich ihn zum ersten Mal traf, hat er mit einem Mitschüler zusammengesessen und Pausenradio gemacht...“

Heute wünscht sich die ehemalige Lehrerin stärkere Bande zwischen Forum und deutschsprachiger Jugend. Mehr Kontakt etwa zu den Schülern des Goethe-Kollegs oder zum deutschsprachigen Studentenverein Gutenberg, der auch in Bukarest Veranstaltungen organisiert. „Wir vom Forum würden uns freuen, ab und zu mal eine Einladung zu bekommen – vielleicht würde der ein oder andere manchmal gerne vorbeischauen“, regt Cosmatu an. „Die Jugend hat so viel Potenzial“, schwärmt sie begeistert. „Junge Leute sind erfrischend - sie brauchen interaktiven Austausch, es ist quatsch, wenn sich die Senioren immer dagegen stemmen. Sie sprühen vor Begeisterung und haben oft ganz tolle Ideen!“

Kommentare zu diesem Artikel

Adalbert, 18.06 2018, 09:07
Ein besonders guter Mensch, den ich sehr schätzen kann. Vielen Dank, Frau Cosmatu, für alles, was Sie für den Deutschunterricht und für unsere deutsche Minderheit unternommen haben!
Adalbert Csaszar, DaF-Lehrer am Nationalkolleg Kölcsey Ferenc Sathmar

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