„Ich will, dass die Fotografie etwas bewirkt“

Die Künstlerin Odeta Catană geht in ihren Bildern sehr persönliche Themen an

Sonntag, 24. September 2017

In der Fotoserie „Nonola“ fotografiert Odeta ihre Großmutter. „Der Moment, wenn ich den Auslöser drücke, ist sehr INTIM und INNIG für mich und ich genieße ihn total. Und sobald ich das Bild habe, das ich mir wünsche, könnte ich weinen vor Freude.“ (Nonola)

David. Heimliche Vorliebe: Leder und Pelz. Ich fühle mich schuldig, weil Tiere umgebracht werden, damit ich solche Kleider trage. (Guilty Pleasure)

Rebeca Roma – „Weil meine Eltern seit fünf Jahren hier sind. Berlin bietet mir eine bessere Zukunft“ (Berlin as Utopia)

Im Altenheim „Antim Ivireanu“ aus Călăraşi musste sich Odeta Catană lange Zeit mit den Senioren unterhalten. (Bed desks)

Odeta Catană lebt und arbeitet als Fotografin in Berlin. Sie fotografiert gerne Menschen, macht am liebsten Portraits. Die Themen, die sie in ihrer Kunst auswählt, sind divers und gehen immer von den eigenen Interessen aus, von dem, was sie bewegt und manchmal auch von dem, was sie empört.

Geheime Vorlieben, Roma wie auch Flüchtlinge in Berlin, die Bewohner eines Altenheims, rumänische Heime für behinderte Kinder oder die Lebensbedingungen sozial schwacher Familien u.a. wurden Fotoserien der 35-Jährigen. Bilder mit aus Rumänien ausgewanderten Frauen stellte die Künstlerin Anfang des Monats in Kronstadt, im Rahmen der Ausstellung „Die zeitgenössische Frau: Ein Portrait“ beim Festival für zeitgenössische Kunst „Amural“ vor.

Berlin als Utopie

Seit vier Jahren lebt die aus Călăraşi stammende Künstlerin Odeta Catană in Berlin, wo sie bei Festivals, Kunstausstellungen, Theateraufführungen aber auch für Gesellschaften, Privat-events, Kindergärten u.a. fotografiert. Das Leben in Berlin liebt sie und sie fühlt sich mittlerweile dort zu Hause. Den Grund, warum sie ausgerechnet diese Stadt als Wohnort ausgewählt hat, verfolgt sie allerdings seit Langem. Er wurde zur Inspiration für das Projekt „Berlin as Utopia“ („Berlin als Utopie“). So hat sich die kleine Frau an die Roma herangetraut, die aus dem rumänischen Dorf Fântânele nach Neukölln in Berlin gezogen sind. Sie wollte erfahren, warum auch sie in dieser Metropole leben und ob und wie sie sich integriert haben. „Es war unheimlich schwer, an sie heran zu kommen, ich konnte ihr Vertrauen nicht gewinnen. Die deutsche Presse hatte unschön über sie berichtet und sie dachten, ich werde dasselbe tun. Den Durchbruch schaffte ich mithilfe deren Sozialassistentin“ erzählt Catană. Gleich alle Familienmitglieder, die in einem Haus wohnen, lichtete sie ab, mit Hauptinteresse an den jüngeren Generationen, die sich in Deutschland angepasst haben. Zusätzlich zur Fotografie sollte jeder erklären, warum er in Berlin sei. Eine bessere Zukunft, Familienzusammenführung und eine Arbeitsstelle sind deren Hauptgründe.
Für die Rumänin aus Călăraşi war Berlin die beste Wahl, wegen ihrer Größe und der Bewegungsfreiheit, die sie ihr als Fotografin bietet.

Fototermin als Therapie

Der Alltag, das Umfeld, die Erfahrungen - das eigene Leben sind ständige Inspiration für Odeta Catană. Manchmal beschäftigt sie etwas jahrelang und irgendwann, wenn es reift, wird es dann zur Bilderreihe. „Ich fotografiere nur, wenn mich etwas bewegt, wenn ich etwas zu sagen habe.“
So hat ein Schild aus Călăraşi jahrelang ihre Aufmerksamkeit  erregt. „Es waren eigentlich drei Schilder in der Stadt, an verschiedenen Orten, die zum Altenheim wiesen, als wäre es eine Touristenattraktion“ erinnert sich die Frau. Anfangs habe sie dort nur die Nachttische fotografieren wollen, doch sie wurde bald zur persönlichen „Psychotherapeutin“ der Alten, die ihr erzählten, was  sie bedrückte. Die Bilderserie „Bed desks“ („Nachttische“) zeigt 28 Einzelportraits mit Nahaufnahmen der Senioren, darunter die Nahaufnahmen deren Nachttische. Einige versuchen zu lächeln, andere scheinen in ihren Sorgen versunken zu sein, bei anderen verraten die Augen, dass sie sich mit ihrer Situation abgefunden haben. Die Nachttische erzählen eine Geschichte für sich – auf dem einem stehen Medikamente, auf einem anderen drei Wasserflaschen, eine Tasse, ein Joghurt und eine Kerze, andere Senioren haben sogar ein Tischdeckchen und Ikonen, Plastikblumen oder Klopapier darauf, Familienfotos, ein Radio oder gar eine Lampe sind eine Rarität. Eine alte Frau hält absolut nichts auf ihrem Tisch. „Ich weiß nicht, was mich dazu gebracht hat. Ich werde wohl meine Ängste haben. Es war sehr schwierig, an diesem Projekt zu arbeiten. Beim Fototermin war ich lustig und fröhlich, aber danach weinte ich meistens“ erzählt sie. Die Einsamkeit der Alten sei erdrückend und ihr Vorbereiten und Warten auf den Tod.

Fotografien, die etwas bewirken

Für die Künstlerin ist es eine Freude und Erfüllung, zu fotografieren, doch ist es ihr wichtig, dass Bilder auch etwas bewirken, wie jene aus Heimen für geistig behinderte Kinder. Die Fotos, die sie im Rahmen des Projekts des Zentrums für Juristische Ressourcen (Centrul de Resurse Juridice – CRJ), „Die Lager neben dir“, machte und die 2015 in zahlreichen rumänischen Städten die unmenschlichen Lebensbedingungen in den psychiatrischen Einrichtungen zeigten, haben dazu beigetragen, dass ein unabhängiger Überwachungsmechanismus zur Verhinderung der Rechtsverletzungen von Menschen mit geistigen Behinderungen eingeführt wurde. Das Gesetz 8/2016 erlaubt u.a.  unangemeldete Besuche in derartigen Institutionen und hilft somit, Menschenrechtsverletzungen vorzubeugen. Im Jahr 2015 lebten rund 25.000 Kinder und Erwachsene in mehr als 700 derartigen Sozialeinrichtungen. Verrostete Rohre im verfallenen Bad, kaputte, schmutzige Matratzen, ausgehungerte Kinder, die alleingelassen in Metallbetten liegen, abgebröckelte Wände oder Puppen mit abgebrochenen Beinen haben die Betrachter sicher nicht kalt gelassen. Dabei schafft es Catană, durch abgelichtete Details die furchterregenden Bedingungen in den Institutionen zu porträtieren, ohne Gesichter zu zeigen, und aus einem anderen Blickwinkel als wohl die Bilder aus Kinderheimen, die Anfang der 90er Jahre die Welt in Schrecken versetzte.
„Irgendwie arbeite ich immer auf ‘struggle mode’, das heißt, die Themen, an denen ich arbeite, bewegen mich sehr, lassen mir keine Ruhe. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ein Projekt nicht gut wird, wenn es nicht mit einem inneren Kampf, einer Anstrengung verbunden ist“, erklärt die Fotografin über ihre Arbeit. 

Heimliche Vorlieben

Jeder kennt das. Jeder hat das. Heimliche Vorlieben. Einerseits bereiten sie Vergnügen, andererseits rufen sie Schuld- und Schamgefühle hervor; verbunden mit der Angst, jemand anderes könne davon erfahren. Der Umfang dieser Vorlieben ist unermesslich  und geht von Gewohnheiten wie das Kauen von Fingernägeln oder den Kauf von Schuhen über die Vorliebe für bestimmte Nahrungsmittel, wie beispielsweise Schokolade, oder sogar für Milch, die man als Erwachsener aus einer Babyflasche verzehrt,  bis zur Vorliebe für Hautmalerei, für die man sich schuldig fühlt.
Die Fotografin Odeta Catană zeigt anhand ihrer Bild-strecke „Guilty Pleasure“ („Geheime Vorlieben“) verborgene Schwächen der Menschen. Der Franzose Baptiste liebt es, Frauenkleidung und Schminke zu tragen, fühlt sich aber schuldig für seine Feminität. Liviu hat Schuldgefühle, weil er manchmal mit den von ihm heißgeliebten Drogenkonsum übertreibt. Ilinca nimmt liebend gerne ihre Mahlzeiten in der Badewanne ein, fühlt sich dabei aber auch unwohl, weil sie erzogen wurde, bei Tisch zu essen. Jeder der Protagonisten öffnet Odeta Catană Haus und Herz und lässt sie die geheime Neigung ablichten; viele der Protagonisten blicken beim Fototermin direkt in die Kamera, manch einer ist theatralisch, manch anderer scheu oder kühn – jeder so natürlich wie er mag, sichtlich ungestört durch die Anwesenheit der Fotografin. Das Projekt wurde in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften publiziert, sowie in unterschiedlichen Ländern ausgestellt.

Die Absolventin der Fakultät für Kunstgeschichte und -theorie an der Universität der Künste, Bukarest, hat einen Masterstudiengang in Dokumentarfotografie (Universität Newport, Wales, Großbritannien) absolviert und zahlreiche Auszeichnungen im Rahmen von Fotowettbewerben in Großbritannien erhalten, wie z.B. Photofusion Annual Members’ Photography Show 2013, 6th Annual Westphoto Photography Prize oder Shoot the Face 2012. Ihre Bilder wurden in zahlreichen Städten in Rumänien, sowie in Deutschland, Großbritannien, Belgien, Serbien ausgestellt und in Zeitungen und Zeitschriften – in Deutschland (Süddeutsche Zeitung, Stern, Huffington Post Deutschland), in Großbritannien, Italien (Repubblica, Il Post) und in den USA (Cosmopolitan) abgedruckt.




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