„Ich will die Tradition meiner Familie weiterführen“

Gespräch mit dem Temeswarer Musiker Emil Kindlein / Das Temeswarer Kunstmuseum zeigt die Uhrmacherwerkstatt seines Großvaters

Mittwoch, 07. März 2012

Emil Kindlein ist gelernter Musiker, macht aber gleichzeitig eine Ausbildung zum Juwelier.
Foto: Zoltán Pázmány

Die Geschichte einer Banater deutschen Familie ist seit Dienstag im Temeswarer Kunstmuseum zu sehen. Uhren aus längst vergangenen Zeiten, aber auch die Werkstatt eines berühmten Juweliers und Uhrmachers aus Lugosch/Lugoj wird in der Ausstellung „Geschichte eines Handwerks“ gezeigt. Peter Kindlein (1911–1992) war ein anerkannter Handwerker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Raluca Nelepcu sprach mit seinem Enkel Emil, Initiator der Ausstellung im Barockpalais am Domplatz.

Was ist das Besondere an der Ausstellung, die zurzeit im Temeswarer Kunstmuseum besichtigt werden kann?
Es ist eine Ausstellung über meinen Großvater Peter Kindlein. Ich habe immer gewusst, dass mein Großvater Uhrmacher ist, aber nachdem er starb, entdeckte ich sehr viele Dokumente, darunter auch sein erstes Zeugnis – als Gold- und Silberschmied. Mein Großvater wird als Juwelier und Uhrmacher in dieser Ausstellung vorgestellt. Peter Kindlein ist 1911 geboren und war schon sehr früh selbstständig. In dieser Ausstellung werden das Geschäft und die Werkstatt von Peter Kindlein wieder aufgebaut. Es gibt auch eine umfangreiche Uhrenausstellung.

Es handelt sich dabei um Ihre eigene Uhrensammlung...
 Ja, das ist meine Uhrensammlung, aber all diese Uhren habe ich im Haus, wo mein Großvater gelebt hat, gefunden. Ich habe keine Ausstellung geerbt, denn mein Großvater hat nicht Uhren gesammelt – er war ein Uhrmacher. 

Wie viele Uhren sind es insgesamt?
Mehr als tausend Uhren wurden ausgestellt.

Was für Exponate sind das?
Zuerst habe ich überlegt, ein Uhrenmuseum zu gründen, aber das ist nicht möglich. Ich kann keine Uhrengeschichte zeigen. Wenn du ein wissenschaftliches Uhrenmuseum gründen willst, musst du mit den ersten Uhren beginnen – der Weg führt von der Solaruhr über die Sanduhr und Turmuhr bis zu den modernen Uhren aus der heutigen Zeit. Was ich zeige, ist das Museum einer Werkstatt. Die ältesten Uhren, die in dieser Ausstellung zu sehen sind, sind die Schwarzwald-Uhren vom Ende des 19. Jahrhunderts.

Sie haben einen Teil dieser Exponate in Lugosch/Lugoj und in Schäßburg/Sighişoara vor einigen Jahren gezeigt. In Temeswar/Timişoara gibt es nun zum ersten Mal eine richtig große Ausstellung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese in die Wege zu leiten?
Ich habe diese Ausstellung nie machen wollen, aber ich war in der Schweiz und habe da ein Super-Museum gesehen. Das war kein langweiliges Museum, dort waren Kinder und Großeltern und es gab für einen jeden etwas. Eine solche Ausstellung wollte ich im Kunstmuseum aufbauen, denn ich möchte, dass sowohl Kinder, als auch Erwachsene und Spezialisten dort etwas Interessantes finden. Es ist auch ein bisschen Multimedia dabei.

Wer sollte sich diese Ausstellung anschauen?
Es ist eine Ausstellung für jedermann. Kleine Kinder werden erstaunt sein, und ich glaube, dass auch Leute, die an Geschichte interessiert sind, auf ihre Kosten kommen. Es gibt viele Dokumente, Stempel, Werbeplakate aus dem Jahr 1929, Uhren und Schmuck. Diese Ausstellung ist nicht nur für Fachleute gedacht.

Welche Erinnerungen an Ihren Großvater haben Sie?
Mein Großvater hat immer gearbeitet. Er hat sogar in seiner letzten Lebenswoche Uhren repariert. In den letzten Monaten hat er in der Küche gearbeitet, denn es war wärmer und da hatte er mehr Licht. Ich glaube, er hatte einen Arbeitskult – so etwas gibt es heute gar nicht mehr. Heute arbeitet man fürs Geld. Geld und nur Geld. Ich glaube, er wollte etwas Beständiges, etwas Dauerhaftes schaffen. Ich habe mit ihm auch viel gespielt. Und wenn er keine Uhren reparierte, ging er in den Garten und schnitt Hecke und Bäume. Er fuhr in die Stadt mit seinem Fahrrad, um alle Rechnungen zu begleichen – das war immer sein Auftrag. Sowohl die Oma, als auch der Opa saßen nicht vor dem Fernseher oder auf der Bank vor dem Haus. Sie hatten immer alle Hände voll zu tun.

Der Großvater war ja Goldschmied. Wieso wurde das früher nicht erwähnt?
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat mein Großvater sein Geschäft wieder eröffnet. Ich habe einen Stempel, dort steht „Petru Kindlein, bijutier şi ceasornicar“. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Goldschmied-Sein sehr schwer. Nach einer Zeit wurde diese Bezeichnung von dem Stempel herausgeschnitten. Ich habe meinen Großvater nur als Uhrmacher gekannt. Nachdem er gestorben ist, habe ich alle Dokumente angeschaut und alle Werkzeuge betrachtet und bemerkt, dass es Juwelierwerkzeuge waren.

Wie wollen Sie die Tradition der Familie weiterführen?
Ich arbeite jetzt als Juwelier, ich bin ein Lehrling. Nachdem ich die ganze Geschichte meiner Familie entdeckt habe, fand ich, dass ich diese Tradition weitertragen muss. Eine neue Firma zu gründen, ist sehr einfach, aber wenn ich etwas mit meinen eigenen Händen machen werde, kann ich zum Beispiel darauf schreiben: „Kindlein – seit 1929“. Diese Tradition kann man nicht kaufen. Ich glaube, dass sich Leute, die sehr viel Geld haben, eine solche Ausstellung kaufen können. Aber die Geschichte und den Namen kann man nicht kaufen. Vor zwei Jahren habe ich begonnen, als Juwelier zu arbeiten – das tue ich für mich. Ich arbeite zurzeit an einer besonderen Schmuckkollektion. Es wird etwas sein, das mit Musik in Verbindung steht.

Von Ihrer Bildung her sind Sie Musiker. Gibt es eine Verbindung zwischen Musik und Uhren?
Es gibt eine Verbindung zwischen Musik und einer deutschen Familie. Denn in meiner Familie hatte die Musik eine große Bedeutung. Im Haus war ein Klavier, eine Zither und ein Akkordeon. Mein Vater hat Akkordeon und Klavier gespielt, mein Onkel hat Geige und Klavier gespielt, Musik war immer ein Teil meiner Familie. Ich bin heute ein Musiker, weil Musik in der Familie war.

Wie sehen Sie die Zukunft des Uhrmacher-Berufs? Er wird ja als aussterbender Beruf bezeichnet.
Viele Berufe, bei denen man seine Hände gebraucht, werden als „aussterbend“ bezeichnet. Es gibt aber eine Chance für die, die diesen Beruf als Kunst ausüben wollen. Die Maschinen machen heutzutage alles: Schmuck und Uhren werden maschinell hergestellt, man repariert keine Uhren mehr. Trotzdem gibt es immer noch Leute, die an Gegenstände glauben, die nicht mit Hilfe der Maschinen hergestellt werden. Es ist genau so wie in der Fotografie. Wir schießen heute Tausende Bilder, aber wir haben gar keine Bilder. In der Vergangenheit meiner Familie gab es unzählige gute Bilder. Dasselbe gilt für Schmuck oder Uhren.

Warum haben Sie keine Uhr?
Ein Uhrmacher hat keine Uhr. Mein Großvater hat immer zehn Uhren getragen. Wenn die Uhr repariert ist, dann muss man sie auf der Hand tragen, weil es ja eine Handuhr ist. Mein Großvater hat immer fünf bis zehn Uhren an der Hand getragen, denn er hat alle pünktlich einstellen wollen. Jetzt repariere ich keine Uhr, also habe ich diese fünf Uhren nicht an meiner Hand. (lächelt)

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