„Ich will keinen Fisch bekommen, ich will fischen lernen“

Als Flüchtling in Rumänien leben – Was nun?

Sonntag, 19. Mai 2013

Frühstück mit Mitbewohnern im Zentrum für Flüchtlinge aus Temeswar.

Brennendster Wunsch der meisten Asylbewerber ist, möglichst schnell im Adoptivland ein normales Leben zu führen.

Kinder besuchen Kurse im Zentrum für Flüchtlinge in Galaţi Fotos: UNHCR, A. Anca

Vom Fußballspieler in Roşiorii de Vede zum Obstverkäufer im Bukarester Amzei-Markt, vom Wächter in Frumuşani (Kreis Călăraşi) zum Kellner eines erstklassigen Klubs im Zentrum der Hauptstadt. Auf seinem kurvenreichen Entwicklungsweg vermied der aus Kongo stammende Aime Lema keine Art von Arbeit, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Erst nachdem er Flyer zu Werbezwecken verteilte, konnte er eine feste Arbeitsstelle finden. Vom Verkaufen von Möbeln wechselte er dann in den Bereich der Medien, anschließend gründete er seine eigene Baufirma. Im Momemt konzentriert er sich auf den Erfolg seines Geschäfts: Auf Messen versucht er exotische Produkte zu verkaufen, seien es afrikanische Trommeln oder Geldbeutel aus Kamelleder. Außerdem sehen seine zukünftigen Pläne das Wiederbeleben der Gruppe für afrikanische Musik „Gloria“ vor. Aime Lema war ununterbrochen auf der Suche nach Alternativen. Beweis dafür sind seine zahlreichen beruflichen Neuorientierungen. Fließend  erzählt er in seiner Adoptivsprache über die Erfahrung, die er in Rumänien in verschiedenen Bereichen gesammelt hat.

Aime Lema hat Anfang der 90er Jahre am Bukarester Polytechnikum Industriechemie studiert, um in seiner Heimat, der Demokratischen Republik Kongo, eine gute Arbeitsstelle bei einer großen Raffinerie zu erhalten. Damals standen ihm für sein Studium drei Länder zur Auswahl: Irak, Belgien oder Rumänien. Da er dachte, dass er sich in Rumänien besser auf seine beruflichen Pläne  konzentrieren könne, hat sich für Letzteres entschieden. Aime Lema ist der Sohn eines ehemaligen Diplomaten.

Damals war Kongos Präsident Mobutu Sese Seko einer der reichsten Menschen, der über eines der ärmsten Länder der Welt diktatorisch herrschte. Die Entmachtung des Staatchefs 1997 war eine klare Ankündigung, dass Aime Lemas 10-köpfige Familie dort nicht mehr in Sicherheit war. Diejenigen, die die ehemalige politische Klasse unterstützt haben, standen unter Lebensgefahr. Auf keinen Fall konnte man bleiben, jeder wusste, was passieren würde: Der Kongo wurde zu einem Schlachtfeld. „Nachdem Mobutu ausmanövriert worden war, wurde die politische Klasse aufgeräumt – Menschen schossen aufeinander“, erklärt Aime Lema den Augenblick, in dem er und seine Familie die Heimat verließen. „In Kongo wird das Missfallen nicht durch Buhrufe bekundet, wie in Rumänien, sondern Menschen werden einfach getötet“, sagt Lema.

So zerstreuten sich die Familienmitglieder überall in Europa. Lema blieb weiter in Rumänien. Er hoffte, dass sich die Situation im Kongo verbessern würde. „Wir haben darauf gewartet, zurück nach Hause zu fahren, aber die Situation ist zu instabil, Kämpfe werden auch heute noch geführt,“ verdeutlicht er. Inzwischen hat er eine eigene Familie zusammen mit einer Rumänin gegründet, ihre Kinder gelten jetzt als Priorität. Auch zum orthodoxen Glauben ist er übergetreten.

UNHCR- Die ersten Schritte in Rumänien

„Flüchtlinge sind Menschen, die ihre Heimat verlassen, da sie aus verschiedenen Gründen zu Hause nicht in Sicherheit sind“, verdeutlicht Gabriela Leu seitens des UNHCR (UN-Hochkommissar für Flüchtlingsfragen) die Situation, in der sich einst auch Aime Lema befunden hat. „Sie sind meistens Überlebende, die bei dem Versuch, ihr Leben zu retten, traumatische  Erlebnisse durchgemacht haben“, erklärt sie.

Die Anzahl aller Asylbewerber in Rumänien beträgt seit der Gründung des UNHCR 1992 über 22.400. Mehr als 3700 davon wurden im Laufe der Zeit als Flüchtlinge anerkannt. Für den Schutz und die Unterstützung der Flüchtlinge ist hauptsächlich die rumänische Regierung verantwortlich, denn Rumänien zählt zu den ungefähr 150 Ländern, die das Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge aus dem Jahre 1951 unterzeichnet haben.

Die Situation, die geschildert wird, ist  betrüblich: Jede Minute werden weltweit acht Menschen dazu gezwungen, ihr Haus zu verlassen. „Die Asylbewerber werden immer zahlreicher – es ist die direkte Wirkung der Konflikte in Nordafrika“, erläutert Frau Leu. Prozentual ausgedrückt geraten nur wenige Flüchtlinge nach Europa, die meisten fliehen in die Nachbarländer der betroffenen Staaten. Noch weniger sind diejenigen, die nach Rumänien gelangen. Die Ursprungsländer der meisten hiesigen Asylanten waren im letzten Jahr Irak, Bangladesch, Afghanistan, Pakistan, Algerien, Indien und Somalia.

Der Prozess der Anerkennung eines Asylanten sieht mehrere Etappen vor, deshalb arbeitet UNHCR  zusammen mit rumänischen Institutionen und NGOs. Das Verfahren beginnt mit dem Asylantrag und besteht in Rumänien aus zwei Etappen –  die verwaltungstechnische und die gerichtliche. Erstens wird jeder Asylantrag individuell von Behörden analysiert: Der Asylbewerber wird befragt, seine Dokumente geprüft, Informationen aus seinem Herkunftsland verifiziert. In der zweiten Etappe kann die Situation der Asylbewerber, deren Anträge abgelehnt wurden, vom Gericht analysiert werden.

Miteinbezogen sind viele Mitwirkende, darunter auch Richter und Anwälte, dabei muss jeder Teilnehmer am Prozess seine Aufgabe makellos durchführen. Es gibt ein ganzes Netzwerk von Teilnehmern, von Entscheidungsträgern bis zu Übersetzern. „Jeder Fehler kann schwerwiegende Folgen haben und das Leben eines Menschen zerstören“, findet Leu. Alle müssen sehr gut vorbereitet sein, sich der kulturellen Unterschiede bewusst sein, man muss ein Gespür für den Umgang mit leicht verwundbaren Menschen haben. UNHCR beschäftigt sich mit dem Training von Richtern, Anwälten oder Assistenten, die mit Asylbewerbern zu tun haben. Die Rolle der Organisation ist, ihnen ein korrektes und effizientes Asylverfahren zu sichern. Der Weg, der von einem Fremden begangen werden muss, um als Flüchtling in Rumänien anerkannt zu werden, sei ein langwieriger Prozess und die Erfolgschancen nicht die größten, so die Statistiken.

3 Lei pro Tag zum Überleben

Weit über Berichte und Projekte hinaus, die im Rahmen des Asylvervahrens durchgeführt werden, erstreckt sich das vage umrissene Leben des anerkannten Flüchtlings in einem fremden Land. Was passiert eigentlich nach dem Ende dieses komplizierten Verfahrens mit denjenigen, die es geschafft haben? Es gibt keine Statistiken, die zeigen könnten, was mit den Flüchtlingen geschieht oder wie viele von ihnen sich noch in Rumänien aufhalten. Aime Lema ist der Meinung, dass die Situation der Asylbewerber in Rumänien seinerzeit besser war und dass es früher mehr Finanzierung für Flüchtlinge gab.

„Ein Asylant bekommt vom rumänischen Staat 3 Lei pro Tag. Er darf arbeiten, aber die Sprache kann er gar nicht oder nicht so gut und seine akademischen Zeugnisse werden auch nicht anerkannt“, macht der Afrikaner auf Probleme der Flüchtlinge in Rumänien aufmerksam. Er fürchtet, die Flüchtlinge bekommen keine Chance, ihre Kompetenzen unter Beweis zu stellen, damit sie eine Arbeitsstelle bekommen, die zu ihren Fähigkeiten passt. Die meisten Flüchtlinge, meint Aime, möchten nicht bevorzugt werden, sie wollen einfach zeigen, was sie können. „Jemand, der in Kongo als Arzt arbeiten könnte, betätigt sich beispielsweise in Rumänien als Wächter“, fügt er hinzu.

Für dieselbe Arbeitsstelle würde diese Person in fast jedem anderen EU-Land viel besser bezahlt werden, folglich gebe es wenige Gründe, nach der Asylbestätigung in Rumänien zu bleiben. Er hält es für unvorteilhaft, dass Flüchtlinge in Rumänien nicht langfristig unterstützt werden: „Ich will keinen Fisch bekommen, ich will fischen lernen“, behauptet er mit Überzeugung.

Aime Lema schlägt vor, dass die Flüchtlinge wenigstens eine Art Prüfung ablegen sollen. So würden ihre Kompetenzen durch eine Urkunde anerkannt. Auf diese Weise hätten sie wenigstens einen Ausgangspunkt bei der Jobsuche.

Aime Lema ist einer der wenigen, die das Asylverfahren durchgemacht haben und danach in Rumänien geblieben sind. Rumänien werde eher als Transitland betrachtet. Die meisten Flüchtlinge würden versuchen, ihr Leben woanders zu gestalten, wo nicht nur der Status als Flüchtling, sondern auch ihr Potenzial anerkannt wird und ihnen mehrere Möglichkeiten angeboten werden. „Wären wir mehrere gewesen, dann wären wir zu einem Problem geworden und jemand hätte vielleicht gehandelt. So aber kann man kaum spüren, dass wir hier sind“.

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