„Ich wollte der Kirche beistehen, die mir so viel gegeben hat“

Der Mensch hinter der Kulisse seines Amtes: Bischofsvikar, Dechant und Stadtpfarrer Dr. Daniel Zikeli

Samstag, 08. Juni 2019

Reisen, Konferenzen und Sitzungen gehören zum Alltag des Bischofsvikars. Fotos: George Dumitriu

Auf dem ökumenischen deutsch-rumänischen theologischen Kolloquium 2018 in der Evangelischen Akademie Siebenbürgens (EAS), deren Gründung Zikeli während seines Vikariats, dem ersten Praxisjahr nach dem Studium, miterlebte.

Die evangelische Kirche Bukarest ist spiritueller und kultureller Treffpunkt der Deutschen, Gottesdienste werden auf Deutsch abgehalten – doch das Interesse der Rumänen steigt.

Hier eine Zeremonie zur Ehrung des Ritterordens

„‘Du meine Seele singe wohlauf und singe schön‘ - es ist mein Lieblingslied in unserem Gesangbuch, denn es entspricht meinem Lebensgefühl“, lächelt der Mann, der das zweithöchste Amt der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR) bekleidet. Erklärend fügt er an: „Ich bin manchmal sehr locker und auch sehr positiv.“ Wer kennt ihn nicht, den Bischofsvikar und Dechanten Dr. Daniel Zikeli? Sei es als Stadtpfarrer der Kirche in Bukarest, sei es als Redner auf Konferenzen oder von seinen Besuchen in den Gemeinden des Dekanats Kronstadt, einem der fünf Dekanate der EKR, dem er bereits im zweiten Mandat vorsteht. Wer aber kennt ihn wirklich - den Menschen hinter der Kulisse seines Amtes?

„Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Pfarrer zu werden?“, mag man sich als erstes fragen. „Es gab Historiker, Landwirte, Beamte, Sportlehrer, aber keinen Pfarrer unter meinen Vorfahren“, beginnt Daniel Zikeli seine Geschichte. 1972 in Schäßburg/Sighişoara geboren, wuchs er als Einzelkind hauptsächlich bei den Großeltern auf. Die Eltern waren im Finanzwesen tätig und - wie im Kommunismus üblich - von morgens bis abends beschäftigt; der Vater in der Maschinenbauindustrie, die Mutter als Buchhalterin der Baumwollfabrik. Amüsiert erinnert er sich an die Zeit zurück, als ihn sein Vater, der als ausgebildeter Fußballtrainer die Schäßburger Mannschaft trainierte, oft auf den Sportplatz mitnahm: „Ich war fasziniert von der Dynamik. Noch heute liebe ich Bewegung in der Natur, wie sie mir mein Vater vorgelebt hat, jogge in Bukarest und mache Sport. Doch damals fragte ich mich, was der Sinn sein soll, wenn 20 Leute einem Ball nachlaufen... Das war nicht meine Welt.“

Behütete Kindheit in Schäßburg

Nachhaltig geprägt hatte ihn das Leben bei den Großeltern: Die Großmutter sang viel und gerne, der Großvater spielte in der Band der freiwilligen Feuerwehr. Schmunzelnd erinnert er sich, wie ihm von klein an vorgelesen wurde, etwa aus Josef Haltrichs sächsischer Märchensammlung. „Es gab so eine grüne Decke, die wurde dann immer auf den Boden gelegt, da saß ich drauf und es wurde gelesen.“ Spannende Dinge erzählte manchmal der Großvater: Wie die Nazis nach Schäßburg kamen und es einmal eine Saalschlacht zwischen den rechtskonservativen und den linksliberalen Siebenbürger Sachsen gab. Streiflichter aus dem Krieg: „Er war 1943 von der Waffen-SS eingeholt worden.“ Oder von der Deportation in den Donbass, fünf Jahre im Bergwerk. Die Großmutter war verschont geblieben, weil sie von einer rumänischen Familie versteckt worden war. „Der Vater mahnte, er solle nicht so viel erzählen, damit es nicht hinausschwappt“, erinnert sich Daniel Zikeli.

Als Sieben- oder Achtjähriger entdeckte er einmal auf dem Dachboden ein altes Gesangbuch „für die deutsche Jugend“. Arglos schmetterte der singfreudige Junge die verbotenen Lieder, bis der Vater Einhalt gebot: „Gib das her, ich lande noch im Gefängnis...“. Was er damals nicht wissen konnte: Die Eltern standen wegen ihrer Schlüsselpositionen, aber auch, weil sie den Ausreiseantrag nach Deutschland gestellt hatten, im Blickfeld der Securitate.

Ansonsten gibt es wenig traumatische Erinnerungen an den Kommunismus. Irgendwie hatten es Eltern und Lehrer stets geschafft, Ideologie und Druck von den Kindern fernzuhalten. Freilich musste man stundenlang Spalier stehen, wenn ein Besuch Ceauşescus anstand und der Hubschrauber verspätet landete. Pflicht war auch die Mitgliedschaft im Kommunistischen Jugendverband, zum Geburtstag von Ceauşcescu musste Daniel Zikeli einmal eine Rede halten. „Da habe ich den großen Genossen gelobt“, scherzt er. Die Geschichtslehrerin hatte ihm die Rede geschickt zusammengestellt, er musste sie nur verlesen. Zum Chaos nach der Revolution 1989 fällt ihm eine charmante Anekdote ein: „Es war Weihnachten, die Großmutter sollte zu uns zum Essen kommen und ich hatte den Auftrag, sie abzuholen. Plötzlich hieß es, es kommen Helikopter und man wird auf uns schießen, alle sollten sich verstecken. Ich habe mich natürlich zurückgezogen, aber Großmutter sagte ganz resolut: ‘Weißt du was? Ich habe den Hitler, den Stalin und den Ceauşescu überlebt, jetzt werden mir diese Banditen ja nichts anhaben!‘ Ich werde das Bild nie vergessen, wie sie seelenruhig lächelnd die Kokel entlangspaziert kam...“

Starke Eindrücke hatte auch die sächsische Gemeinschaft hinterlassen: Man sprach Sächsisch, „so ist meine Liebe zum Dialekt entstanden“. Man engagierte sich in der Männer- und Frauennachbarschaft: „Die Großmutter war bis 1992 oder 93 Nachbarmutter“, eine Großtante, „die Marietant“, Austrägerin der Richttage. Dann wurden die Tische im Garten festlich geschmückt, es gab Kartoffelbrei mit Fleisch, Wein und Lebkuchen – „eine sächsische Tradition, ich bekam von der Großtante immer ein Herz umgehängt“, die Blaskapelle spielte und es wurde gesungen.

Auch die Kirche spielte eine große Rolle im Leben der Großeltern Zikeli. „Sie waren nicht fromm, aber sehr kirchlich.“ Zur Konfirmation schafften sie es – schwierig im Kommunismus – ihm eine deutsche Bibel und ein Gesangbuch zu beschaffen. „Singen tu ich leidenschaftlich gern“, gesteht der heutige Pfarrer, der als Junge auch im Kammerchor und im Kirchenchor Mitglied war, den Theo Halmen leitete, heute Organist in Schäßburg.

Die Kirche war immer wichtig

Lange bevor die Idee in ihm reifte, Theologie zu studieren – „eine Überraschung für alle“ - hatte sich Daniel Zikeli zur evangelischen Kirchgemeinschaft hingezogen gefühlt. Gern erinnert er sich an prägende Figuren: Theo Halmen, der den katechetische Kinderunterricht abhielt, „er hatte so eine lockere, freudige Art, uns biblische Geschichten beizubringen, es wurde gebetet und gebastelt, es war alles andere als steif, es gab einen Kirchenchor und eine Jugendgruppe, mit der man Ausflüge machte.“ Oder Stadtpfarrer August Schuller: „ein besonderer Seelsorger mit großem Einfluss auf die Gemeinde. Er hat mich konfirmiert und auch sonst prägende Spuren hinterlassen.“

Auch die drei Kirchen in Schäßburg faszinierten ihn bereits als Kind: „Die Bergkirche wurde im Sommer genutzt, von Pfingsten bis Erntedank, dazwischen die Klosterkirche unten, und in der Passions- und Adventszeit gab es Sondergottesdienste in der Siechhofkirche neben dem Bahnhof am Stadtrand.“ Letztere ist heute an die griechisch-katholische Gemeinde vermietet. Sie zeichnet sich aus durch eine Kanzel an der Außenwand, von wo aus den Leprakranken im Siechhof gepredigt wurde. Im Mittelalter bis ins 18. Jh. wurde dort ein „Leprosorium“ betrieben.

Schließlich beeindruckte ihn auch die „schlichte Jesusfrömmigkeit“ im Hause eines Nachbarjungen, dessen Familie zu einer Freikirche, den Evangeliumschristen, gehörte. Dort hatte er erstmals Zugang zu theologischer Lieratur, die diese regelmäßig aus Deutschland erhielt. „Da hab ich gemerkt, ich wollte diese Welt der Religion besser kennenlernen“, bekennt Daniel Zikeli. „Doch das war damals nur eine Parallelwahrnehmung“, fügt er an und outet sich überraschend als Fan von Science Fiction Literatur und Hermann Oberth. „Eigentlich wollte ich Kosmonaut werden!“

Entscheidung gegen den Wind

Irgendwann fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen: Die Liebe zum Gesang, das Talent zum Reden, der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn, den seine Mutter an ihm bemerkte, die ihn schon als zukünftigen Anwalt sah, das in der Schule erwachte Interesse an Geschichte, die Freude am Lesen und an der deutschen Sprache, an der Kirchengemeinschaft und der Arbeit mit Menschen – all dies lässt sich in einem Beruf vereinen: Pfarrer!

1990 überraschte Daniel Zikeli alle mit dem Wunsch, Theologie zu studieren. „Es war eine Entscheidung gegen den Wind“, erklärt er, denn das Jahr war von der Auswanderung der Siebenbürger Sachsen geprägt. Dies sei nicht der richtige Schritt, warnte der Schäßburger Stadtpfarrer. Die evangelische Kirche in Rumänien habe keine Zukunft. Innerhalb von zwei Jahren hatte sie 80 Prozent ihrer Mitglieder verloren. „Der Sommer 1990 war geprägt vom Weg zum Bahnhof, immer wieder zum Bahnhof“, erinnert sich Zikeli. Zwei Klassen des Josef- Haltrich-Gymnasiums waren bereits geschlossen ausgewandert: „Ich war der letzte Mohikaner.“ Bleiben oder gehen? Diese Frage stellte sich auch ihm. Er wollte sie im Laufe des Studiums entscheiden.

Im Dialog mit berühmten Theologen

Das Studium eröffnete ihm zwei völlig verschiedene theologische Welten. Die Jahre an der Fakultät in Hermannstadt waren geprägt von der Einheit Katheder und Kanzel. „Ich hatte hochrangige Professoren, eine hervorragende Lehrergeneration – Paul Philippi, der dann aber immer mehr ins Forum reingewachsen ist und den Lehrstuhl aufgeben musste, Altbischof Christoph Klein, Hermann Pitters, damals Dekan – doch man bereitete sich mehr auf die Praxis vor.“ Die Studienjahre in Basel hingegen machten ihn mit der Theologie als hochakademische Wissenschaft bekannt. Dort hatte er das Privileg, mit den bedeutendsten Theologen Basels zu diskutieren - darunter bekannte Namen wie Oscar Cullmann, Ernst Jenni, Karl Barth… „Sie waren hochbetagt, unterrichteten nicht mehr“, erzählt Zikeli, doch weilten sie häufig als Gast im Haus der Stiftung, wo auch er wohnte.

Unerwartete Herausforderung

Nach der Promotion in Basel fällt der Theologe die lang aufgeschobene Entscheidung: „Ich gehe nach Rumänien zurück. Ich wollte der Kirche beistehen, die mir so viel gegeben hat.“
Zuhause in Schässburg ereilt ihn dann ein Schock: Laut Beschluss des Landeskonsistoriums wird er der Kirchengemeinde Bukarest zugewiesen! Das Einleben in der anonymen Großstadt fällt den jung verheirateten Zikelis zunächst recht schwer: „Meine Frau kommt aus Weißkirch, ist Ungarin und eine eingefleischte Siebenbürgerin“. Auch ist die Bukarester Gemeinde – mit 975 eingetragenen Mitgliedern die größte des Landes - anders als in Siebenbürgen: sekulärer, inhomogen, vor allem fehlt der Gemeinschaftssinn, dies aus historischen Gründen.

Längst ist es gelungen, Fuß zu fassen, zu erkennen, die Großstadt bietet auch Vorteile. Die in Bukarest geborenen Töchter (12 und 16) fühlen sich hier zuhause. Auf die Frage nach seinem Lebensmotto antwortet Daniel Zikeli: „Sei dankbar“. Das Lied Nr. 216 aus dem evangelischen Gesangbuch kennt man schließlich auch in der Hauptstadt: „Du meine Seele singe wohlauf und singe schön.“

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