„Ich wurde nicht für den Beruf erzogen, ich bin darin hineingewachsen“.

Interview mit Anton Braun, dem Flötenhersteller aus dem Banat

Mittwoch, 13. Mai 2015

Der Holzblasinstrumentemacher Anton Johannes Braun

Die Flötisten Vlad Alecsandru Colar (links) Ion Bogdan Stefănescu während des Konzerts.

Die Temeswarer Philharmoniker unter dem Stab von Michael Hasel.

Das außerordentliche Konzert fand im Rahmen des Festivals „Musikalisches Temeswar“ statt.
Fotos: Zoltán Pázmány

Anton Johannes Braun kann in seinem Stammbaum auf Generationen von Instrumentenbauern schauen: Urgroßvater Anton (Antal) Braun war Geigenbauer zunächst in Szeged, dann in Belgrad, wo er den Titel eines „Königlichen Serbischen Hofinstrumentenbauers“ erhielt. Es war noch im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Österreich-Ungarischen Monarchie. Großvater Anton Braun Senior war Geigenbauer, gründete eine Firma in Temeswar. Der Vater, Anton Michael Braun, wurde Holzblasinstrumentenmacher. Heute betreibt Anton Johannes Braun eine Holzblasinstrumentenmanufaktur in Egelsbach (Deutschland) und hat seine Flöten patentiert. Seine Tochter, Antonia, steht ihm zur Seite. Vor kurzem hat Anton Braun der Temeswarer Philharmonie „Banatul“ eine Piccoloflöte geschenkt, die aus seinen Händen stammt. Diese ertönte schon bei einem Konzert der Philharmoniker unter dem Stab des deutschen Dirigenten Michael Hasel, der auch Flötist ist. Anton Braun wurde auch als Botschafter für das Projekt „Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021“ angesprochen. Das Interview führte ADZ/BZ-Redakteurin Stefana Ciortea-Neamtiu.

 

Sie kommen aus einer Instrumentenherstellerfamilie, sozusagen den lokalen Stradivari. Warum war es Ihnen wichtig, das Metier Ihrer Familie weiterzuführen?

Das war überhaupt nicht wichtig. Ich habe Elektromechanik studiert. Die Kommunisten haben die Handwerker in sogenannten Genossenschaften zusammengebracht, sie kamen ihnen zu selbstständig vor. Das war die Gleichmacherei. Der Kommunismus hat vieles kaputt gemacht. Wie ich mir Temeswar anschaue, ist vieles kaputt gegangen, weil kein Wert auf Pflege und Ordnung gelegt wurde, es dauert noch Jahrzehnte, bis alles wieder gut wird. Aber zurück zu Ihrer Frage, ich habe das Bauen von Instrumenten nicht gelernt, ich habe meinem Vater geholfen, habe gebastelt, ihm einiges abgeguckt. Er hat überprüft, was ich gemacht habe, sachlich gesagt, was zu dünn oder zu dick war und ob ich ein neues Objekt anzufertigen hatte. Ich wurde nicht für den Beruf erzogen, ich bin darin hineingewachsen. Erziehung hätte bedeutet, ungeduldig immer auf die negativen Aspekte aufmerksam gemacht zu werden. Es ist nicht gut, immer die Fehler suchen, so etwa wie in der Schule. Wie sollte ein Gärtner, ungeduldig an der Pflanze ziehen, damit sie schneller wächst? Das ist so eine kopflose Sache auch in der Erziehung.

Ich war schon 17 oder 18, da hat sich mein Vater vom Direktor der „Guban“-Fabrik helfen lassen. Dieser genoss noch Privilegien, weil er die kommunistische Partei auch während des alten Regimes unterstützt hatte. Der Befehl war gekommen, alle Handwerker in Genossenschaften zusammenzuschließen. Mein Vater hat gesagt, „um Gottes Willen, alles in einen Topf geschmissen und ein kleines Gehalt! Das geht nicht!“ Er ist zu Guban gegangen, dieser hat dann in den Ministerien Fäden gezogen und wir haben eine Abteilung in seinem Unternehmen gegründet und dort Saxofone hergestellt. Ich habe meinen Vater gefragt, ob ich ein Saxofon basteln darf. Er war einverstanden. Ich habe es verkauft und Taschengeld verdient.

Wie sind Sie dann zu den Ingenieurwissenschaften gekommen?

Ich hatte schon bei Guban gearbeitet, von 6 Uhr morgens bis 14 Uhr, bin dann nach Hause gegangen und ab 17 Uhr war ich bis 22 Uhr auf der Hochschule, wo ich Elektromechanik studiert habe. Ich habe ein Anfängergehalt gehabt. Am Ende habe ich die Werkstatt meines Vaters übernommen, dort waren 75 Leute, da habe ich noch 25 Leute von anderen Abteilungen bekommen, ich war somit für 100 Leute zuständig, und mein Gehalt war vielleicht um 20 Prozent größer als das der Arbeiter. Da habe ich mir gesagt, da mache ich nicht mehr lange mit. Die Volksmusiker haben mich dann gesucht, weil die Reparaturen, die von den Genossenschaften durchgeführt wurden, katastrophal waren. Die Musiker sind ständig in den Betrieb gekommen, haben mich an der Pforte herausrufen lassen und ich habe dann für sie gearbeitet. Ich hatte meine Wohnung in eine Werkstatt verwandelt. Meine Erfahrung mit den Volksmusikern war sehr gut und sehr wichtig. Hier sind Roma-Familien, die von Generation zu Generation die Tradition weitergeben, sie haben ein phantastisches musikalisches Gehör, es ist einmalig. Im Westen ist diese Tradition ausgestorben. Obwohl die klassische Musik sich an der Volksmusik inspiriert.

Dann sind Sie in den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen.

Ich bin über die Grenze geflüchtet, in großer Lebensgefahr, ich bin mit einem selbst gebastelten Taucheranzug die Bega über die Grenze geschwommen und bin schließlich in Deutschland angekommen.

„Wie ein Kind nie müde vom Spielen wird…“

Sie haben in Deutschland eine Manufaktur errichtet. Wie ist das gekommen?

Das war mein Wunsch, weil ich gesehen habe, dass es mir nicht liegt, nur m Schreibtisch zu sitzen. Da habe ich mir gesagt, ich fange ein neues Leben an, ich gehe meinen Begabungen nach. Ich schaue danach, was mir Freude macht. Wie ein Kind nie müde vom Spielen wird, so wird ein Erwachsener nie müde von der Arbeit, wenn er Freude daran findet. Ich arbeite, habe aber kein Burnout. Das ist eine Kulturkrankheit, bei der die Menschen sich bei der Arbeit erschöpfen, die ihnen nicht liegt. Sie arbeiten nur aus Eitelkeit oder für einen gewissen Status. Arbeiten und gehen daran zugrunde.

„Mich muss man bremsen, ich habe so viele Ideen!“

Man muss seinen Spaß daran haben, seine Freude…

Ja, dann wird man nicht müde. Ich bin jetzt 74, ich stehe auf und fange an zu arbeiten, es kann um 9 Uhr losgehen und abends um 9 Uhr sage ich mir, ich höre jetzt leider auf, aber ich kann das leider nicht mehr fertig machen, es ist schon zu spät, ich habe Hunger, ich will noch Sport schauen und da höre ich auf. Aber mich muss man bremsen, weil ich so viele Ideen habe, das möchte ich noch machen. Diese kleinen Freuden machen den Menschen glücklich, nicht das Streben nach Glück. Das ist so eine große Illusion!

Wie lange dauert es, bis eine Flöte fertig ist, mit der Sie zufrieden sind. Wie lange arbeiten Sie daran?

Das muss man sich so vorstellen: Ich beziehe Holz aus Afrika, das muss erst roh bearbeitet, dann gelagert werden, mindestens 5-6 Jahre lang. Dann kommt die nächste Arbeitsphase, dann wieder lagern. Man kann schon so rechnen, es dauert ungefähr so lange wie bei einer Geige. Ich arbeite nur mit meiner Tochter zusammen, wir machen ungefähr 50 Instrumente pro Jahr.

Welches Gefühl haben Sie, wenn die fertige Flöte in Ihren Händen liegt?

Sie muss mir gefallen. Das habe ich auch meiner Tochter gesagt. Sie ist zu mir gekommen und hat gesagt, sie wünsche, diesen Beruf auszuüben. Ich habe vor Jahren einen Goldschmied gesucht, weil die Klappen der Flöten aus Silber sind. Aber er hat das nicht hingekriegt, was ich wollte. Meine Tochter war aus der Schule gekommen - sie war 12-13 Jahre alt – und ich habe sie gebeten, das für mich zu machen. Sie hat sich hingesetzt und hat alles problemlos gemacht. Aber das ist auch kein Wunder, denn schon als Kleinkind hat sie sich auf meine Knie gesetzt und mir bei der Arbeit zugeschaut. So kam das auf eine natürliche Weise.

Ein Angebot – „wie ein Lottogewinn“

Sie arbeiten jetzt mit Flötisten und Universitätsprofessoren zusammen, mit denen Sie auch Instrumenten entworfen haben, die patentiert wurden. Wie läuft diese Zusammenarbeit?

In Deutschland hat man mich zuerst herabsetzend behandelt. Durch Zufall habe ich doch Reparaturen bekommen, denn ich habe schon vom ersten Tag an Werkzeuge gesammelt. Michael Hasel hat mich dann angesprochen, der damals als sehr junger Mann - er war etwa 25 Jahre alt - bei den Berliner Philharmonikern aufgenommen wurde. Er ist zu mir gekommen und hat gesagt, welche Ansprüche Herbert von Karajan, der die Philharmoniker leitete, hat und ob ich ein besseres Instrument bauen könnte. Das ist meine riesige Chance gewesen. So etwas passiert einmal im Leben. Es ist wie ein Lottogewinn! Und ich habe es gewagt. Ich sollte etwas nach seinem Muster bauen und verbessern. Beim Bau sind mir einige Sachen unlogisch vorgekommen und ich habe sie geändert. So ist meine erste Piccoloflöte entstanden. Davor hatte ich vielleicht dreimal eine Piccoloflöte in der Hand gehalten, die war hierzulande nicht so verbreitet. Danach sind alle seine Kollegen und Bekannten gekommen, um sich solche Flöten bauen zu lassen. Auf einmal habe ich so viele Bestellungen bekommen, dass ich überlegen musste, was ich machen sollte. Der Bankdirektor, mit dem ich den Kredit für die Werkstatt ausgehandelt habe, hat mich überredet, das Instrument zum Patent anzumelden. Mein Ziel war nicht der Erfolg, nicht, ein Patent zu machen, sondern ein gutes Instrument zu bauen.

 

 

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*