Identität lohnt sich für die Gemeinschaft und für jeden Einzelnen

Zum 65. Mal Pfingsttreffen der Siebenbürger Sachsen aus Deutschland in Dinkelsbühl

Samstag, 06. Juni 2015

Weit über 3000 Trachtenträger nahmen am Festumzug teil, darunter 13 Brautpaare, hier jenes von der Heimatortsgemeinschaft Rode.
Foto: Petra Reiner

Kulturpreisträger Paul Philippi wurde mit stehendem Applaus gewürdigt.
Foto:Konrad Klein

Die Zahlen sind sprechend: Rund 26.000 Besucher nahmen vom 22. bis 25. Mai am 65. Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Deutschland teil, so viele wie noch nie seit dem ersten Pfingsttreffen 1951. Das Treffen stand in diesem Jahr unter dem Motto „Identität lohnt sich“. Rekordzahlen wurden auch beim Festumzug verzeichnet: 108 Gruppen mit weit über dreitausend siebenbürgisch-sächsischen Trachtenträgern.

Wie der Bundesvorsitzende und BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius, MdB, Bayerns Landtagspräsidentin Dr. Barbara Stamm, der Forumsvorsitzende Dr. Paul Jürgen Porr und andere Redner feststellten, sei die siebenbürgisch-sächsische Identität Voraussetzung für eine sich voll entfaltende Persönlichkeit. Es war ein Heimattag der gelebten Identität und der Jugend, die voller Stolz mitmachte. Ein attraktives, niveauvolles Kulturprogramm förderte das Geschichts- und Kulturbewusstsein, ein vielseitiges Angebot von Brauchtum, Tanz und Musik sprach die „sächsische Seele“ an, Reden und Diskussionen stellten Öffentlichkeit her, um Mitstreiter in der Politik zu gewinnen und die weltweite Vernetzung der Siebenbürger Sachsen zu festigen.

Der Heimattag in Dinkelsbühl stand im Zeichen des Erinnerns an die Russlanddeportation vor 70 Jahren sowie der 30-jährigen Partnerschaft zwischen Dinkelsbühl und dem Verband der Siebenbürger Sachsen. Diese beiden Schwerpunkte wurden in einer Gedenk- und Festveranstaltung in der St.-Pauls-Kirche am 23. Mai thematisiert.

Bei der Festkundgebung vor der Schranne begrüßte der Bundesvorsitzende Dr. Bernd Fabritius, MdB, zahlreiche Gäste, darunter Barbara Stamm, Präsidentin des Bayerischen Landtages, den Dinkelsbühler Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer, als Vertreter Rumäniens den Präsidialberater mit Ministerrang, Sergiu Nistor, sowie die Gesandte Rumäniens in Berlin, Adriana Stănescu, und den Generalkonsul in München, Anton Niculescu, den Vizeaußenminister Kanadas, Dr. Peter Boehm, den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Bukarest, Werner Hans Lauk, den Bundestagsabgeordneten Artur Auernhammer, den Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), Dr. Paul Jürgen Porr, und alle Vertreter des DFDR-Vorstandes, die fast vollzählig – das ist ein Novum – am Heimattag teilnahmen, den Bundesvorsitzenden aus Österreich, Magister Volker Petri, Dechant Dietrich Galter als Vertreter der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreisträger 2015, Prof. Dr. Paul Philippi, u.a.

Für eine Weiterentwicklung der Kultur und sozialen Identität sprach sich Dr. Bernd Fabritius in seiner Festansprache aus. Er bekundete seine Freude über die sehr vielen jungen Menschen, die am farbenprächtigen Festumzug teilgenommen haben. Identität lohne sich für die Gemeinschaft und für jeden Einzelnen, „weil jeder von uns tief in seinem Herzen einen siebenbürgischen Schatz trägt“. „Denn keiner unter uns lebt zufrieden und glücklich, wenn er diesem Teil seiner Persönlichkeit den Raum zur Entfaltung vorenthält“, betonte Fabritius. Er zeigte sich dankbar für die vielen Mitstreiter und Fürsprecher, die die Siebenbürger Sachsen in der Gesellschaft finden, stellte aber auch eine Reihe von Forderungen an Deutschland und Rumänien, um die Kultur zu fördern, Zwangsarbeiter zu entschädigen oder enteignetes Vermögen zurückzugeben.

Wie sich die Identität der Siebenbürger Sachsen im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat und doch im Wesen erhalten geblieben ist, zeigte Dr. Paul Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, auf. Überall in der Welt, ob in Siebenbürgen oder in anderen Ländern lebend, hätten sich die Siebenbürger Sachsen vielfach behauptet, integriert, ohne auf ihre Identität zu verzichten. Herausragendes Beispiel sei Klaus Johannis: „Wir sind Präsident“, Identität lohne sich, fügte Porr hinzu. Das europäische Gedankengut, das friedliche interkonfessionelle und interethnische Zusammenleben sei in Siebenbürgen seit dem Mittelalter gelebt worden. Auch heute setzten sich die Siebenbürger Sachsen im vereinten Europa nach Kräften für ein friedvolles Miteinander ein.

Zum niveauvollen Programm des Heimattages gehörten u. a. Ausstellungen, Konzerte, Tanzveranstaltungen, die Podiumsdiskussion zum Thema „Repräsentation und Interessenvertretung“ und – als kultureller Höhepunkt – die Preisverleihungen am Pfingstsonntag in der St.-Pauls-Kirche. Der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis 2015 ging an den Musiker Peter Maffay (in Abwesenheit) und den Theologen, Kulturhistoriker und Politiker Prof. Dr. Dres. h.c. Paul Philippi. Mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Jugendpreis wurde der Deutschsprachige Studentenverein Gutenberg Klausenburg ausgezeichnet.

Es war auch ein Heimattag der Versöhnung, als Paul Philippi mit dem Kulturpreis ausgezeichnet und von den Besuchern in der St.-Pauls-Kirche mit stehendem Beifall gewürdigt wurde. Der Hermannstädter Theologieprofessor stellte sich danach in einem halbstündigen Interview den Fragen der jungen Bettina Mai für Siebenbuerger.de, der Internetpräsenz des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Es klingt starke Heimatverbundenheit mit, wenn Philippi bedauert, wie wenige in Siebenbürgen geblieben sind, und seine Hoffnungen auch auf die stärkere Gemeinschaft in Deutschland richtet. Ebenso plädierte er in der Podiumsdiskussion am Pfingstmontag dafür, Schloss Horneck als Marke der Siebenbürger Sachsen so lange wie möglich hochzuhalten.

Ebenfalls im Gespräch für Siebenbuerger.de stellte der Bundesvorsitzende Dr. Bernd Fabritius fest: „Identität lohnt sich, wir sind wer! Es ist ein Beitrag gegen Vereinsamung in einer globalisierten Welt.“ Der Bundesvorsitzende war übrigens präsent an vielen Brennpunkten des Heimattages. So präsentierte er am Samstagmorgen das Buch „Primul pas“ (Der erste Schritt) von Staatspräsident Klaus Johannis – praktisch zeitgleich mit der Vorstellung des Buches auf der Bukarester Buchmesse. Die Michael Schmidt Stiftung setzte sich dafür ein, dass nicht nur dieses zweite Buch des Staatsoberhauptes in Dinkelsbühl vorgestellt und verkauft wurde, sondern dass auch 200 Exemplare des ersten Buches Johannis’ „Pas cu pas“ (2014) beim Empfang des Bürgermeisters verschenkt wurden. Erwähnenswert ist auch der Einsatz der Carl Wolff Gesellschaft (CWG), des Siebenbürgischen Wirtschaftsclubs in Deutschland, die am Samstag eine Vortragsreihe und eine Podiumsdiskussion über die wirtschaftlichen Perspektiven, die sich nach den neuen politischen Entwicklungen in Rumänien ergeben, veranstaltete. Die CWG und die Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland besiegelten beim Heimattag eine Kooperation. Geplant sind gemeinsame Seminare und Angebote für die SJD-Mitglieder, die eine wirtschaftliche Ausrichtung haben.

Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch, Vorsitzender des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrates, stellte im Katholischen Pfarrheim die Neuerscheinungen des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde und des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas vor. Es sind Bücher, die den vergänglichen Alltag überdauern und die sächsische Kultur dokumentieren. Ein legitimes und lobenswertes Anliegen, das von vielen Ehrenamtlichen getragen und mit staatlicher Förderung umgesetzt wird.

Reinhold Kraus, Vorsitzender der Sektion Karpaten des Deutschen Alpenvereins, leitete über zur Ausstellung „Von der Schönheit dieser Welt“ mit Fotoimpressionen, die Karin Scheiner auf ihren beiden Weltreisen mit ihrem Mann Egin Scheiner eingefangen hat. Diese äußeren Eindrücke haben sie zugleich innerlich bereichert: „Der kürzeste Weg zu dir selbst führt um die Welt“, stellte Karin Scheiner fest.

In die Ausstellung „Die deutsche Minderheit in Rumänien – Geschichte und Gegenwart im vereinigten Europa“ führte anschließend Dr. Paul Jürgen Porr ein. Es sollte keine Nabelschau sein, auch wenn die Ausstellung vom DFDR und der Deutschen Botschaft in Bukarest konzipiert wurde. Vielmehr sollte die Wanderausstellung dem andersnationalen Umfeld in Rumänien und dem Publikum in Deutschland vermitteln, was die deutsche Minderheit in Rumänien bewirkt habe, sagte Porr. „Unsere Minderheit ist auf weniger als 40.000 Personen geschrumpft, sodass wir nur eine Katalysatoren-Funktion übernehmen können. Diese Aufgabe nehmen wir tatsächlich wahr und ebenso füllen wir die Brückenfunktion in den deutsch-rumänischen Beziehungen mit Leben.“ Die Wanderausstellung wurde im März aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien in Hermannstadt eröffnet und wird nach Dinkelsbühl auch in Wiesbaden, München und Berlin Station machen.

Die Ausstellung „Einblicke ins Zwischenkokelgebiet“ (Einführung: Martin Rill) zeigte in einem ersten Teil das dingliche Kulturgut der Region, Gebrauchsgegenstände des Alltags, Trachten und vor allem Exponate des Weinbaus sowie alte Aufnahmen, die mitwirkende Gemeinden zur Verfügung gestellt hatten und die unter Anleitung von Sunhild Walzer ausgestellt wurden. Im zweiten Teil wurden hervorragende Denkmäler in ihrer regionalen und ethnischen Umwelt auf Rollups präsentiert. Zum Abschluss der Ausstellung hielt Helmut Gaber einen Vortrag zum Thema Weinbau im Gebiet zwischen der Kleinen und Großen Kokel.

Hofrat Dipl.-Ing. Walter Schuller hielt einen Vortrag zum Thema „Die Dreizehn Dörfer. 100 Jahre Rechts- und Kampfgemeinschaft gegen Adelswillkür“. Neben den freien sächsischen Städten und Gemeinden auf dem Königsboden gab es u. a. die sogenannten „Dreizehn Dörfer“ des Zwischenkokelgebietes auf Komitatsboden: Felldorf, Irmesch, Johannisdorf, Kleinalisch, Kleinlasseln, Maldorf, Maniersch, Marienburg, Nadesch, Reußdorf, Rode, Zendersch und Zuckmantel. Deren halbfreie Bewohner waren Willkür, Folter und Fronarbeit ausgesetzt und wehrten sich mit Prozessen und Rebellion. Am Ende seines sehr informativen Vortrages stellte Walter Schuller fest: „Nach einem hundertjährigen Kampf der Notgemeinschaft der Dreizehn Dörfer, der den geknechteten Bauernstand viel Schweiß, Blut und Tränen gekostet hatte, gelang es ihm endlich, das Joch des madjarischen Adels abzuwerfen und Freibauern zu werden.“

Dass Freiheit ein kostbares Gut ist, das immer wieder neu errungen werden muss, zeigte der Film „Freiheit in Kinderschuhen“ von Uwe Pelger und Joachim Stall. Ziel des Dokumentarfilmes, der die innere Zerrissenheit und Freiheitssuche der Siebenbürger Sachsen während des Kommunismus veranschaulicht, ist es, den Dialog mit Jung und Alt über Werte wie Demokratie und Freiheit zu fördern. Die Wortmeldungen nach der Filmvorführung zeigten, wie stark dieses Thema die Siebenbürger Sachsen auch heute bewegt. Unter der Moderation von Hildegard Kijek standen Dr. Bernd Fabritius, MdB, und Uwe Pelger Rede und Antwort.

Ines Wenzel, die den Festumzug zusammen mit Helge Krempels sachkundig und informativ moderierte, hob als Besonderheit des diesjährigen Umzuges die 13 Brautpaare hervor, die von den Heimatortsgemeinschaften, vor allem jenen aus dem Zwischenkokelgebiet, gestellt wurden. Gekrönt wurde das Ganze von den stilechten Hochzeitszügen aus Rode und Großau. Als neue Trachtengruppen wurden in diesem Jahr Bogeschdorf, Nadesch, Rauthal, Großlasseln, Malmkrog und Denndorf begrüßt. Erwähnenswert seien auch der Schönauer Rinnenwagen sowie die drei Gastgruppen aus Österreich (Mattigtal, Wels, Traun), erklärte Ines Wenzel.

Die Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland gestaltete in bewährter Weise die Volkstanzveranstaltung „Aus Tradition und Liebe zum Tanz“, präsentierte den Nachwuchs in der Schranne und zeichnete verantwortlich für die Sportturniere, beste Partystimmung im Festzelt und vieles mehr.

Kommentare zu diesem Artikel

Don Emilio, 09.06 2015, 01:27
genau so ist es. Es vorbei mit dem Sachsentum, mit dem Banatertum und wie man es nennen mag, es ist vorbei. Da nützen all die schönen Veranstaltungen nichts. Dreihundert Leute, Aufschrift auf dem T-Shirt: "Ich bin ein Banater Schwabe". Blasmusik vom Feinsten! Ich habe sie gefragt: "Wollen Sie nicht wieder herkommen?" "Naa, dees grad ned, aber es ist immer wieder scheen"
Neulich habe ich ja schon mal geschrieben: Den Kofferaum voll mit Schweinefleisch und Sarmale, und ab nach Deutschland. "War mal wieder scheen in der Heimat"!
Das ist ja in Ordnung, aber sie sollen nicht so weinen über die verlorene Heimat.
Die hätten mal in Polen geboren worden sein!
Zur Erleuterung: Da ist nichts mit Blasmusik und scheen! Da darf keiner zurückkommen. Hier würde es sich lohnen. Aber lieber Harz4 in Deutschland. Man kann sich schon aufregen.
Nix für ungut, Don Emilio.
Tourist, 08.06 2015, 21:48
so lange nicht wenigsten ein paar Sachsen zurückkommen nach Siebenbürgen, ist es mit dem Sachsentum aus und vorbei. Die paar wenigen die noch ihr Haus daheim in der Gemeinde haben, werden älter, können nicht mehr kommen, verkaufen das Haus, weil es die jungen nicht mehr interessiert. Dabei wäre Rumänien ein Land mit sehr vielen Chancen, vor allem wenn man mit ein wenig Startkapital aus dem Westen kommt. Dafür tut der Verband aber nichts, mittlerweile gibt es zahlreiche junge Deutsche, Österreicher und Schweizer, die hier ein soziales Jahr machen, auch ein paar Aussteiger und nicht wenige Geschäftsleute, nur sind das alles keine Sachsen. Wieso machen nicht auch ein paar Sachsenkinder ein freiwilliges soziales Jahr in der alten Heimat, so zwischen Abi und Uni. Das sollte massiv gefördert werden vom Verband.
dan, 07.06 2015, 17:49
Ein Bericht, wie er gut in den vormaligen "Neuer Weg" bis 1990 reingepasst hätte. Herr Bruss, als Auftragsschreiber von Dr. Fabritius geübt, spult die Fakten ab..
Was tatsächlich erzielt wurde, bleibt verborgen.
Über den Grund der Abwesenheit von Maffay kein Wort... der ja letztes Jahr als "großer Freund"von Fabritius präsentiert wurde.
Dito fehlt jedes Wort über Philippi...
Hauptsache, es wird über die Vergangenheit geschrieben (Kmapfgemeinschaft gegen Adeslwillkür passt gut rein... bei den PSDlern, Sozis und auch Nazis), und es kommt ein langer Artikel zustande.

Brückenfunktion der Deutschen in Rumänien??
Worin denn? Wer denn?
Da gibt es leider keine Nachfolger für Philippi und Co...

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