„Ihr müsst alle Helden sein“

Gespräch mit Prof. Dr. Margit Şerban, Fachärztin für Hämatologie und Immunologie

Mittwoch, 24. Januar 2018

Prof. Dr. Margit Şerban in ihrem Büro im „Louis Ţurcanu“-Kinderkrankenhaus.
Foto: Raluca Nelepcu

„Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf“: Das Zitat von Hannelore Kohl, der Gattin des deutschen Altkanzlers, gehört zu den vielen, die unter der Glasscheibe am Schreibtisch von Prof. Dr. Margit Şerban (75) liegen. „Danach richte ich mich“, sagt die Ärztin am „Louis Ţurcanu“-Kinderkrankenhaus in Temeswar. Die inspirierenden Worte hat Dr.Şerban oft vor Augen. Sie braucht Kraft, um weiterzukämpfen, auch wenn der Kampf manchmal verloren zu sein scheint. In ihrer langjährigen Tätigkeit als Fachärztin für Onko-Hämatologie und Immunologie hat sie oft dazu beigetragen, dass ihre Patienten den Kampf gegen die Krankheit gewinnen. Die vielfach ausgezeichnete Vorreiterin für Knochenmark- und Stammzellentransplantation in Rumänien hat nach einem persönlichen Drama – ihr Sohn Cristian starb mit 10 Jahren an Hämophilie – beschlossen, weiterzumachen, weiterzukämpfen. Mit der deutschstämmigen Kinderärztin Prof. Dr. Margit Şerban sprach die ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu über die Schwierigkeiten in ihrem Beruf.

Sie sind seit vielen Jahren im Bereich der Kinderhämatologie, -onkologie und -immunologie tätig. Wieso haben Sie sich damals für diese Fachgebiete entschlossen?

Ich habe ursprünglich die Hämatologie gewählt, dazu kam dann die Onkologie. Auf einmal hatte ich aber das Gefühl, dass es zu belastend ist, so viel Schmerz zu sehen – ich meine den seelischen Schmerz. In dieser Zeit gab es keine Therapie und die Sterblichkeitsrate war sehr, sehr hoch. Ich erinnere mich, dass ich zu meinem Professor gegangen bin und ihm gesagt habe: „Herr Professor, es ist unmöglich, dass ich in der Onkologie weitermache, weil es zu belastend ist“. Ich hatte gerade das kleine Kind, den Cristian, und es war mir einfach zu schwer. Er hatte Verständnis und riet mir, jemanden zu suchen, der das übernehmen könnte. Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich bestrebt habe, jemanden zu finden, aber ich bin dann zum Schluss gekommen, dass jemand kämpfen muss. Die sind die Starken, die sich in schwierigen Situationen bemühen, und so bin ich in der Onkologie geblieben und ich habe mich auch bemüht. Gerade nach 1989 war das sehr wichtig. Dann bin ich mit der Medizin aus dem Ausland in Kontakt gekommen und die Überlebenschancen der Patienten stiegen. Dadurch ging es ein wenig leichter.
 

Was ist das Schwierigste an ihrem Beruf?

Alles ist schwer. Zum einen sind die Krankheiten sehr schwer – es sind lebensbedrohliche Krankheiten. Manche Krankheiten sind mit einer ganz großen Sterblichkeitsrate verbunden, in anderen Bereichen sind die Chancen verbessert und wir haben sie auch hier, in Rumänien, im Vergleich zu den Überlebensraten in Europa, verbessert. Immer muss man daran denken, dass das Kind in Todesgefahr schwebt. Gestern ist, mit 15, das einzige Kind einer Familie gestorben. Das ist nur ein Beispiel. Solche Fälle sind sehr schwer zu ertragen.

Dann ist es schwer, ein Team aufzubauen, das interessiert ist, in diesem Bereich zu arbeiten.

Drittens ist es schwer, alle Arten von Untersuchungsmöglichkeiten zu verschaffen. Viertens: Es sind die fehlenden und teuren Medikamente. Seit vorigem Jahr gibt es große Lücken im Ankaufen der Medikamente, auch im Bereich von Onkologie. Das bedeutet, dass wir die Therapie nicht nach den internationalen Protokollen durchführen können, so wie wir das seit 1990 gewohnt waren. Gleich nach 1989 war ich in Deutschland und ich habe die internationalen Protokolle herübergebracht – wir waren die ersten in ganz Rumänien, die danach gearbeitet haben.

Sehr schwer ist es – und ich hätte damit anfangen können – den Eltern die Diagnose mitzuteilen und gleich auch von der Prognose der Erkrankung zu sprechen. Für mich ist das sehr, sehr schwierig. Jetzt, da ich mich ein wenig zurückgezogen habe, setze ich mich mehr mit hämatologischen Erkrankungen und nicht mehr mit onkologischen Krankheiten auseinander. Ich habe nie einem Kind gesagt: „Du hast Krebs“. Oder: „Du hast Leukämie“. Das kommt nicht über meine Lippen. Das sage ich aber ganz ehrlich den Eltern, und wie die Prognose aussieht.
 

Wie sagen Sie es dann dem Kind?

Ich sage: „Es ist eine schwere Erkrankung. Aber wenn wir kämpfen, dann können wir auch gewinnen. Und das bedeutet, wir müssen diszipliniert sein. Du musst alles einhalten, was dir die Ärzte sagen. Nur diejenigen, die kämpfen, können zum Erfolg kommen. Nur diejenigen sind Helden, die schwierige Situationen überwinden. Und ihr müsst alle Helden sein“. Es ist sehr wichtig, dass sie verstehen, dass die Erkrankung schwer ist. Im Laufe der Zeit kann es trotzdem sein, dass die Patienten auch die Diagnose erfahren.
 

Sie haben erwähnt, dass die Heilungschancen im Laufe der Jahre gestiegen sind. Können Sie da Beispiele nennen?

Zu den schweren Krankheiten, die verstärkt in der Kindheit auftreten, gehört die Leukämie, der Blutkrebs. Lymphoblastische Leukämie ist die Haupterkrankung bei Kindern. In Westeuropa und Nordamerika sind die Heilungschancen höher als 80 Prozent. Den Eltern sagen wir alles Schlimme und letztendlich kommen wir zu dieser Schlussfolgerung. Ja, aber es sind immerhin 80 von 100, die gesund werden. Bei anderen Krankheiten sprechen wir, manchmal, von 20 Prozent. Aber es ist möglich, dass das Kind zu diesen 20 Prozent gehört, und deswegen müssen wir uns bemühen. Ich bin sehr kämpferisch und ich denke immer: Auch wenn die Chance sehr gering ist, müssen wir sie ausnutzen. Ich gebe nicht leicht auf. Bei uns sieht die Situation nicht so gut aus, was die lymphoblastische Leukämie angeht. Die Heilungschancen liegen bei über 65 Prozent. Aber im Allgemeinen, denke ich, sind die Heilungschancen bei zirka 65 -70 Prozent. Uns fehlen die epidemiologischen Studien. Auf Landes-ebene gab es mal eine epidemiologische Studie zu den Leukämien. Ich sah mir die Ergebnisse an und die waren sehr gut, sogar besser als in Westeuropa. Dann betrachtete ich alles kritisch, weil es mir schwer zu glauben schien. Ich merkte, dass nicht alle Daten eingeführt worden waren, und somit waren auch die Ergebnisse falsch. Diese Studie hat mich sehr geärgert. Jetzt, da Medikamente fehlen, könnte sich die Situation verschlechtern.
 

Was machen Sie, wenn keine Medikamente vorhanden sind?

Sie sehen an dieser Wand Bilder – in der Mitte ist das Foto von Herrn Jürgen Schweiger, unserem wunderbaren Freund. Er stand uns jahrelang solidarisch zur Seite, den Ärzten, aber auch den Patienten, die an Krebserkrankungen litten. Er brachte jährlich, zehn Jahre lang, zwei Mal pro Jahr, die Medikamente, die wir brauchten. Die entweder zu teuer waren oder die es hier gar nicht auf dem Markt gab. Das war eine Erleichterung für uns. Nach zehn Jahren haben wir uns verabschiedet, weil er selbst erkrankt und in ein paar Monaten gestorben ist. Wir haben aber weiterhin Unterstützer aus dem deutschsprachigen Raum. Wir haben eine überwältigende Hilfe bekommen und bekommen sie weiterhin. Dieses Gebäude, zum Beispiel, haben uns die Österreicher gebaut. Daneben stand ein Familienzentrum, das aber jetzt, wegen dem Neubau, abgerissen werden musste. Wir haben im Laufe der Jahre aus dem deutschsprachigen Ausland Medikamente in Höhe von Millionen von Euro bekommen, medizinische Geräte, die uns ermöglichten, dass wir eine Knochenmarktransplantation als erste in Rumänien durchführten. Mit dieser Hilfe aus Deutschland ist uns das gelungen. Alle Ärzte und Assistentinnen waren für eine längere Zeit im Sankt-Anna-Krankenhaus und Forschungsinstitut in Wien, in Hospitation, um dort zu arbeiten und zu erleben, wie die Diagnose und die Therapie vorgenommen werden.
 

Wie sind diese Kontakte zustande gekommen?

Krebs beim Kinde ist ein Thema, das die Leute, die sich karitativ einsetzen, beschäftigt. Sie sind an mich geraten und das war gut, denn ich habe diesen Fachbereich gut vertreten. Niemand von den Unterstützern hat mich oder uns im Laufe der Jahre verlassen. Wir sind jetzt in der EU und wir müssten auf derselben Ebene mit anderen europäischen Ländern sein und keiner Hilfe mehr bedürfen. Aber tatsächlich ist es so, dass wir die Unterstützung doch weiterhin brauchen. Andererseits: Diejenigen, die uns mit so viel Treue begleitet haben, sind in meinem Alter, einige sind gestorben, und dann haben sie auch nicht mehr diese Kraft, um weiterzuhelfen.
 

Eines Ihrer Herzensprojekte ist das Cristian-Şerban-Zentrum für an Hämophilie und Diabetes erkrankte Kinder in Busiasch. Wie wurde dieses Zentrum aufgebaut?

Das Zentrum in Busiasch ist eine öffentliche medizinische Institution. Es wurde mit Unterstützung von Frau Barbara Stamm und von Prof. Wolfgang Schramm aufgebaut. Es ist das einzige Zentrum dieser Art in Rumänien. Gleich nach dem Verlust meines Sohnes Cristian hat mein Mann, ein echter Rumäne, gesagt, dass wir etwas zum Andenken an Cristian machen müssen. Etwas für kranke Kinder. Ich war nicht derselben Meinung, weil ich dachte, dass wir so etwas nicht tragen können. Ein solches Projekt schien mir zu groß, die Folgekosten schienen mir zu groß. Wir haben dann eine Stiftung gegründet und dadurch Geld gesammelt. Mit Gottes Hilfe und mit Unterstützung von lieben Leuten ist dieses Zentrum für an Hämophilie und Diabetes erkrankte Kinder gegründet worden. In dieser Zeit gab es keine Therapie für Hämophilie und viel Hilfe habe ich von Prof. Schramm bekommen. Die Institution in Busiasch wurde tatsächlich 2007 eröffnet. Es ist sehr wichtig, den Patienten eine adaptierte Erziehung zu bieten, sie zu lehren, wie man die Therapie ändert, abhängig von vielen Faktoren. Die Institution hat Anerkennung auf internationaler Ebene, aber auch hierzulande, erworben. Wir verfügen über 50 Betten und immer sind diese belegt. Mein Mann ist sehr viel dort, er sorgt dafür, dass alles professionell abläuft. Das kann man auch sehen und bewundern.
 

Zurück nach Temeswar: Wie schwer ist es, Ärzte zu finden, die sich für diese medizinischen Fachbereiche entscheiden?

Ich denke, wir müssen uns die aktuelle Situation anschauen und ehrlich sein. Als Leiterin der Akademie-Filiale Temesch wurde ich vor Kurzem gebeten, ein Kapitel über die Pädiatrie im Banat und in Temeswar zu schreiben. Unter anderem ging es darin auch um das Personal. Vor 1989 sind sieben Ärzte – die meisten deutscher Ethnie – ausgewandert. Nach 1989 sind wenige mit deutschen Wurzeln geblieben, aber es waren trotzdem viele mit deutschen Kenntnissen. Nach der Wende haben uns zwölf verlassen und die meisten waren von hier. Was ich sehr geschätzt habe, war, dass jene Zentren, wo diese Mediziner geschult wurden, uns das Personal nie weggenommen haben. Aber mit einem verbesserten Lebenslauf, einem längeren Aufenthalt in Deutschland oder Österreich, konnten sie sehr leicht Arbeitsplätze im Ausland finden. Es ist nicht leicht, neue Arbeitskräfte heranzuziehen. Diejenigen, die weggegangen sind, waren hoch spezialisiert. Wir bemühen uns und hoffen, dass diese, die wir haben, nicht weggehen. Dass die Politik versteht, warum sie Rumänien verlassen, und präventiv agiert und reagiert. Es müssen richtige Maßnahmen getroffen werden. Auch in Busiasch ist die Situation schlimm, weil die Mediziner dorthin pendeln müssen. Nur mit Kampf können wir alles im Leben auf einem gewissen Niveau halten.
 

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?

Dass man Leben rettet und den Eltern das Kind wieder zurückgibt. Nach dem Tod von Cristian war es sehr schwer für mich, wieder mit Kindern zu arbeiten. Auf einmal habe ich das Gefühl gehabt, ja, ich muss etwas machen, dass andere Leute nicht in dieselbe Situation geraten wie ich. Und dann ging es auch.

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