„Ilonka“, ein erstes Temeswar-Musical

Historisches Musical des Banater Musikers Wilfried Michl/ Von Dr. Franz Metz

Mittwoch, 08. August 2012

ILONKA und die Macht der Karten: Das Programmheft ziert eines der bekannten Panoramafotos des Temeswarer Domplatzes des BZ-Fotografen Zoltán Pázmány

Premiere in München: Mitten auf der Bühne steht in ihrem ganzen Stolz die Temeswarer Pestsäule (fast schöner als ihr heutiges beschädigtes Original), rechts davon sieht man einige Prachtfassaden des Domplatzes, davor Temeswarer Bürger in ungarischen, rumänischen und banatschwäbischen Trachten. Dazu eine vor Temperament sprühende Musik mit allen Ethno-Elementen dieser multiethnischen Region, vom Taragot über das Cymbalo bis hin zur schwäbischen Blechmusik. Fast wie in einem Zigeunerbaron des 21. Jahrhunderts geht es hier auf der Bühne zu.

Und das Publikum tobt.

An der Fachakademie für Sozialpädagogik in München wurde heuer das 17. Musical aus der Feder des aus Orzydorf im Banat stammenden Musikers Wilfried Michl, in den letzten Jahren als Bariton gemeinsam mit Organist Franz Metz bei mehreren Konzertreisen im Banat zu hören, aufgeführt. Es wies heuer die Besonderheit auf, dass es im Banater Raum im Jahr 1867 spielt. Nachdem die bisherigen Stücke schon auf der ganzen Welt, von Mexiko bis Indien, angesiedelt waren- So u.a. 1996-2012 Das Gespenst von Canterville, Vampire, Dornröschen, Dalilah und die vierzig Räuber oder Tres Sombreros-, wollte der Komponist einmal die Kulturlandschaft seiner alten Heimat einbringen. Wilfried Michl hat die Stadt Temeswar, wo er die Lenauschule besucht hat, mit seinem bunten Völkergemisch noch gut in Erinnerung. Das Theaterteam, dem neben Michl dessen Frau Gudrun, der Regisseur Matthias Spengler und diesmal mit Franziska Katzamaier und Frank Braun zwei ehemalige Studierende der Fachakademie und jahrelange Mitwirkende der bisherigen Produktionen angehören, hat daraufhin eine Geschichte erfunden, die die historischen Gegebenheiten der Zeit berücksichtigt.

Es ist die Zeit nach der Revolution von 1848:Dem aufblühenden Wohlstand der Zeit setzt sich eine Gruppe Gesetzloser – die Betyaren – entgegen, die reisende Handelsleute überfallen und die Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzen. Sie werden von einer jungen Frau, Ilonka, aufgestachelt, deren Eltern nach dem Aufstand von 1849 von den Habsburgern umgebracht wurden, was sie veranlasste, auf blutige Rache zu sinnen. Ilonka manipuliert dabei die Betyaren mit ihren Karten. Alles, was diese vorhersagen, wird strikt befolgt. Die Bürger von Temeswar beschließen darum, nach Wien und Budapest zu schreiben, um sich von den Untaten zu distanzieren und um Hilfe in der Not zu bitten. Die Delegationen treffen in Temeswar ein, aber – durch Ilonkas Karten davon in Kenntnis gesetzt – sind auch die Betyaren verkleidet zur Stelle.

Ilonka sagt dem österreichischen Gesandten Friedrich Ferdinand von Auersperg zum Entsetzen aller Anwesenden eine schlimme Zukunft voraus, woraufhin dieser in einer Rede geschehenes Unrecht bedauert und den Wunsch äußert, dass alle Völkergruppen im ganzen Reich künftig friedlich miteinander leben sollten. Ohne es wahrhaben zu wollen, verliebt sich Ilonka in den Rittmeister. Des Nachts im Park (heute der Rosenpark in Temeswar) verlangen darauf Pista, der Anführer der Betyaren, und Ilonkas Freundin Marika, dass diese den Habsburger zu einem Treffen in den Park laden soll, wo sie ihn überwältigen wollen, um dadurch einen Trumpf gegen die österreichischen Besatzer zu haben. Der Plan wird aber von dem ungarischen Gesandten belauscht. Er beschließt, einzugreifen, die Betyaren gefangen nehmen zu lassen und so einen Vorteil für sich herauszuschlagen.

In der kommenden Nacht treffen sich Ilonka und Friedrich Freiherr von Auersperg. Ilonka bereut im Laufe des Treffens zu spät, dass sie ihn in die Falle gelockt hat. Sie merkt, dass sie ihn liebt, will ihn noch warnen und beschützen, doch es ist bereits zu spät. Die Betyaren überfallen die beiden und nehmen von Auersperg gefangen. Ihre Siegesfreude währt allerdings nicht lange, denn auch die ungarischen Jäger sind zur Stelle. Die Widerstandskämpfer werden überwältigt und gefangengenommen. Die hinzukommende Bevölkerung von Temeswar ist froh und glücklich. Endlich wird Frieden und Wohlstand gesichert sein. Da kommt der Bote, der beim Kaiser in Wien war, zur Versammlung und teilt mit, dass es neue Entwicklungen gibt. Es kommt zu großen Zugeständnissen Österreichs an Ungarn. Die Doppelmonarchie wird gegründet. Es wird ein gemeinsames Reich geben und somit umfassenden Frieden.

Da ist der Jubel noch viel größer, außer natürlich bei den Betyaren. Von der allgemeinen Freude bewegt, macht der Präfekt von Temeswar den Vorschlag, den Betyaren – auf Grund der neueren historischen Entwicklungen – eine Amnestie zu gewähren. Schließlich war die Bande nicht besonders erfolgreich. Nach kurzem Zögern stimmen die Parteien zu, und einer allumfassenden Feier steht nichts mehr im Wege.

Die Musik will durch deutsche, rumänische und ungarische Motive das Multiethnische besonders in den Volksszenen einbringen. Man hat auch versucht, durch ungarische, rumänische, „temeswarerische“ und schwäbische Sätze das Lokalkolorit einzufangen. Zwei der Darsteller sind gebürtige Ungarn und konnten die ungarischen Elemente einbringen.

Eine Studierende ist in Hatzfeld geboren und hat die rumänischen Textstellen übernommen. Wilfried Michl selber, der in Orzydorf aufgewachsen ist, hat versucht, die schwäbischen Texte möglichst akzentfrei zu vermitteln. Die schlimmen Taten der Betyaren werden zu einer Drehorgel singend erzählt, für die eigens eine Stanze mit der dazu komponierten Musik angefertigt worden ist. Dazu tanzt ein Bär. Als musikalischer Höhepunkt ist, um ein harmonisches Miteinander der Völkergruppen zu versinnbildlichen, je ein ungarisches, ein deutsches und ein rumänisches Motiv, polyphon übereinandergelegt. Das heißt, sie erklingen zur gleichen Zeit, wie auch das Stück versöhnlich endet, quasi als Vorbild für das friedliche Zusammenleben in der späteren EU.

Zwei Allegorien – der Hass und die Zwietracht – unterbrechen allerdings immer wieder die Szene und singen mit einer süßlichen Walzermelodie von ihrer Gewissheit, dass die Welt sich immer gleich dreht und es bald wieder Streit geben wird.

Das Musicalprojekt vereint jedes Jahr verschiedene Fächer an der Fachakademie. Neben der musikalischen Arbeit mit der Einstudierung der Gesangsstimmen, der Chorstellen, des Orchesters (heuer wieder in Kooperation mit der Städtischen Sing- und Musikschule, die von Karl Wilhelm Agatsy – einem gebürtigen Temeswarer – vor einigen Jahren angeregt wurde und der auch die Streicher betreut), gestaltet die Werkabteilung das Bühnenbild und die Requisiten. Als Vorlage wurden Ansichten Temeswars aus jener Zeit verwendet. In den szenischen Proben wird das Stück auf die Bühne gebracht. Eine wichtige Rolle hat die Tontechnik, die dafür zuständig ist, dass die Darsteller verständlich sind und gut klingen, dass das Orchester angemessen eingemischt wird und die Lautstärkeverhältnisse stimmen. Andere Studierende kümmern sich um die Kostüme, die Maske, die Öffentlichkeitsarbeit oder nehmen Platzreservierungen entgegen. Alles entsteht als eine große Teamarbeit an der Schule. Schade nur, dass dieses Musical nicht auch in Temeswar selbst aufgeführt werden konnte. Vielleicht hätte man dadurch bei den heutigen Bürgern Temeswars ein wenig mehr Selbstbewusstsein und Interesse für eigene kulturelle Werte geweckt. Was nicht ist, kann jedoch noch werden.

 

Das Musical ist in einem Livemitschnitt auch als DVD und CD erhältlich (E-Mail für Bestellungen: w.michl@mnet-mail.de). Die zwölf Vorstellungen waren gut besucht, erfreulicherweise auch von vielen gebürtigen Banatern.

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