Im, auf dem und um das Auto herum: „Im Traum“

Atemberaubende Choreografie und Inszenierung von Pál Frenak

Montag, 14. Dezember 2015

„Im Traum“ am Nationaltheater Temeswar: Die Texte stammen von Mátyás Varga, für die eingesetzten Videos zeichnet Philippe Martini, für den Sound Gilles Gauvin.
Foto: Adrian Pîclişan / TNTm

In Krimis ist dies die Anfangsszene, doch mit der blutverschmierten jungen Frau, die im Seidennegligé über die Bühne hinkt, hat Pál Frenak seine neueste Inszenierung am Nationaltheater Temeswar beendet. Dies wird der stärkste Eindruck bleiben und selbst wenn man an „Twin Peaks“ und Ähnliches erinnert wird, kann man in diesem Fall nur an einen Unfall denken, denn alles, was sich „Im Traum“ bewegt, dreht sich um ein Auto. Kein gewöhnliches, sondern eine Limousine, ein Cabrio, ein in drei Teile zerlegtes Auto, wenn es der Effekt verlangt. Ein Auto, das fast die ganze Bühne einnimmt und drum herum und auch darin verrenken sich konvulsiv oder mechanisch Gestalten: Männer, Frauen, ein Mann, eine Frau, ein Mann und eine Frau, ein Mann und ein weiterer Mann, die Szenen wechseln sich ab, die Themen sind: Liebe, Aggressivität, Sex, Tod. Und der Traum, um den es geht? Eher eine ganze Palette von Träumen: Traum von Luxus und Eleganz, feuchter Traum, Albtraum.

Sechs Schauspieler hat der in Budapest geborene und seit 1988 in Frankreich lebende Choreograf Pál Frenak in ein verkehrtes „road movie“ eingewoben, in eine schnelle Abfolge von Szenen mit Cătălin Ursu, Alina Ilea, Mara Opriş, Laura Avarvari, Colin Buzoianu, Daniela Bostan, Luminiţa Tulgara, Călin Stanciu jr., Raul Lăzărescu und Ionuţ Iova.

Das Auto als Statussymbol: Eine blonde Schönheit in weißem Kleid und roten Stöckelschuhen, die besonders viel klappern, lässt sich auf die abenteuerliche Fahrt im Cabrio ein – Luft, Freiheit und ein bisschen französischer Film der 1960-er Jahre – und verursacht einen Unfall. Eiskalt ist die blonde Schönheit, lässt sich von der Leiche nicht aus der Stimmung bringen.

Als nächstes: Marilyn Monroe im Doppelpack – Zwillinge, die die Hollywood-Ikone mit Perücke und legendärem weißen Neckholder-Kleid (dasselbe, das in einer berühmten Filmszene über einem Belüftungsschacht nach oben geweht wird) nachahmen, setzen sich ins Auto, eine ans Lenkrad, die andere auf den Beifahrersitz, fahren, beginnen sich zu kneifen, zu stoßen, bis alles entartet.

Dann: Das Auto als Liebesnest oder besser gesagt: wilder Sex an (nicht mehr ganz so) ungewöhnlichen Orten.
Ein Mann im Ballkleid, Gezwitscher als Tonuntermalung, verrenkter Körper, Sich-Betasten.
Ein Mann im Sonnenblumenumhang stolziert auf der Bühne und öffnet diesen – nichts darunter, fast nichts, nur das Wichtigste bedeckt, lächelt dem Publikum zu: Was habt ihr denn erwartet?
Die Presse kommt, Mikros, Interviews. Alles gemimt.
Und ein Star singt – wieder aus dem Wagen. Alles dreht sich darum.
Ein Mann mit Krücken, ein seltsamer, verzerrter Tanz. Und wieder das Auto.
Ein Spiel mit Lichtstrahlen, die gezielt nur bestimmte Teile der Bühne beleuchten. Opernmusik. Jazz. Viel Akustik. Auch Hähnekrähen. „It’s a wonderful life“.

Und ab und zu steht die Limousine zersägt auf der Bühne, die Teile werden schnell und geschickt von den Interpreten zusammengefügt. Diese tragen schwarze Bustier, schwarze Pants und schwarzen Frack. Und unbedingt Knieschoner, denn die Verrenkungen verlangen ab und zu, dass sie sich auf den Boden werfen.
Als die junge, blutüberströmte Frau über die Bühne torkelt, reißt plötzlich die Musik ab, wie bei einer kaputten LP.

Einige Zuschauer haben den Saal vor dem Ende der Vorstellung verlassen, die, die geblieben sind, haben reichlich Beifall gespendet. „Standing ovations“. Auch der Zuschauer braucht Übung.

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