Im Bummelflug durch Transsilvanien

In Elmar Schenkels Dorfschreiberbuch streckt die Zeit die Beine aus

Sonntag, 17. Juli 2016

Elmar Schenkel: „Mein Jahr hinter den Wäldern. Aufzeichnungen eines Dorfschreibers“ / Mit Fotografien von Hans U. Alder, Connewitzer Verlagsbuchhandlung Leipzig 2016, 256 Seiten, ISBN 978-3-937799-75-9

Ein Buch tanzt aus der Reihe. Ja, es tanzt nach deutschen, rumänischen und ungarischen Weisen, fügt sich aber auch russischer Schrittfolge, um letztendlich englischer Choreografie zu gehorchen. Denn der Autor ist Professor für englische Literatur in Leipzig, und es fällt ihm nicht leicht, sein überschäumendes Wissen beim Berichten von östlichen Menschen, Hunden und Katzen im Zaum zu halten. Nun ist er ein Jahr lang immer wieder in Siebenbürgen (rumänisch noch immer Transilvania) gewesen, nahm seine Berufung zum „Dorfschreiber von Katzendorf“ ernst und dokumentierte das Erlebte kunterbunt in Wort und Bild.

Hier schreibt einer nach Lust und Laune. Halbe Seiten lesen sich wie ein Gedicht. Dann wieder wird verrücktes Zeug gequatscht, verschrobene Bekanntschaften werden geschlossen, Zigeuner wollen eine Zigarette und keine „Romavignette“, auf der Straße lungern Zuspätgekommene, und setzt man sich zu ihnen, dann verhaspeln sich die Schicksale, im Bummelzug umarmen sich Geschichtenerzähler, Kirchenburgen werden auf den Kopf gestellt. Doch zu guter Letzt fügen sich alle Sätze zu einem entschlossenen Liebesbrief an die Adresse Siebenbürgens. Das wäre nicht neu, denn dieses Einst-Land wurde reichlich verwöhnt mit Lobeshymnen und nostalgischen Danksagungen, entsprungen meistens den Dichterneigungen ausgewanderter Siebenbürger Sachsen, die in der Ferne ihr Heimweh hätscheln, bis das Füllhorn der Erinnerungen überläuft und ein Büchlein bescheiden sich als Buch präsentiert. Sie lesen sich oft wie ein gedrucktes Ochsengespann, das schwer beladen daherkommt. Leider zu oft mit ausgedientem Vergangenheitskrempel überladen. Nun, Elmar Schenkel, der Autor des Buches „Mein Jahr hinter den Wäldern – Aufzeichnungen eines Dorfschreibers aus Siebenbürgen“ kam ohne diesen geerbten Gefühlskoffer ins heutige Rumänien und machte mit im „Schwarm von Spatzen, der sich auf Telegraphenmasten niederlässt zum großen Tratsch.“

Willkommen in Transsilvanien, es ist voller offener Türen in die fröhliche Unordnung des Daseins. Geschichten werden hier erlebt, gestohlen und weiter verscherbelt. Sonst leben Heimatbücher von der Verklärung: Häuser atmen Tradition, im Torbogen steht der stattliche Bauer, die Abendglocke verkündet Frieden und der Nachbar sitzt vor dem Türchen und nicht vor dem Fernseher. Anders bei Elmar Schenkel. Er lässt der Echtzeit Korken knallen. Er kommt, sieht und ist besiegt. Der unermüdliche Einflüsterer des Autors am Laptop ist ein Baron, weit verwandt mit dem Baron von Münchhausen, doch im siebenbürgischen Katzendorf gut vernetzt mit den Jahrhunderten, durch deren Rumpelkammer er den Dorfschreiber führt. Und dieser wird fündig. Viel hat er um die Ohren, wenn er das Gehörte, Gesehene oder Gelesene in seinem Buch festhalten will. Anekdoten entwischen dem glaubwürdigen Ende, Berichte kokettieren mit ihrer Unglaubwürdigkeit, Legenden von Lieb und Treu nehmen sich nicht mehr ernst, einzig der Schnaps scheint eine Konstante zu bleiben. Allerdings hilft er bei der Wahrheitsfindung auch nicht weiter und der Dorfschreiber schlussfolgert: „Das Diesseits ist nur ein Vogelnest, kurzes Vorspiel auf die andere Zeit, die Sakristei in der Kathedrale.“

„Ein Pferd grast vor dem Bahnhof, es könnte ihn eines Tages wegziehen wie eine Fuhre Heu“, trotzdem klettert der Dorfschreiber in den Schaukelzug, will wie Jonathan Harker im Dracula-Roman durch einsame Landschaften reisen, doch im Bahnabteil muss er sich mit einem Erfinder unterhalten, dem fliegenden Händler und der schlagfertigen Romanachbarin Rede und Antwort stehen. Er steigt aus und betritt geschichtsträchtigen Boden in den Städten Schäßburg oder Kronstadt, ist aber nie allein, denn wie ein Mückenschwarm umkreisen ihn die Grabinschriften der einmal hier Gewesenen, der hier berühmt Gewordenen oder der hier Gestrandeten.

Der Dorfschreiber durchläuft die Gassen der siebenbürgischen Städte, sein auf Neugier programmiertes Navi hetzt ihn links zum Romancier Wittstock, rechts zum Religionswissenschaftler Eliade, geradeaus zum Märchensammler Haltrich, hinauf zu Hermann Oberths Raketen, um fünf Ecken zum Orientalisten Martin Honigberger, nachts zum Fotografen Brassai und immer wieder im Direktflug zu Oscar Wilde, Joseph Conrad und Gilbert Chesterton. Elmar Schenkel urteilt liebevoller über die Siebenbürger Sachsen als Dr. Svend, der nach Siebenbürgen verschlagene Hauptheld des 1907 erschienenen Romans „Leonore“ von Adolf Meschendörfer: „Wenn man diese paar Sachsen, die noch leben, alle ausstopfen und in ihren Kostümen in diesen Häusern aufstellen könnte, so wäre diese Stadt ein ideales Museum.“ Doch auch Schenkel bleibt nichts verborgen: „wer genauer hinsieht, entdeckt die Risse in der siebenbürgischen Geschichte“. Als Lesevergnügen sprühen die Erlebnisbesuche bei zeitgenössischen Hirtenkönigen, Pfarrherrlichkeiten, Dichtermatadoren, Damengebilden und deutschen Alleswissern. Der Autor schlendert von einer menschlichen Station zur anderen. Der Leipziger Professor, Weltkind in der Schriftstellerei und jetzt Chronist aus Katzendorfer Sicht, führt die Wahrheit an langer Leine zur Wahrscheinlichkeit. „Es ist ja keine Fälschung der Wirklichkeit, nur ein leichtes Anstoßen, damit sie wieder zurückfalle in das, was einmal war, nur ein kleiner Tritt, das hat noch niemandem geschadet“.

Also flunkert der Autor, dass sich die Balken biegen. Die erzählte Realität stellt sich frischfröhlich in Frage und darin liegt die Schwere dieses Buches über die unverlorene Leichtigkeit des siebenbürgischen Seins. Nimm dich und deine Sonntagsheimat nicht so ernst, die auslanddeutschen Nöte vor Ort spielen Willkommen und Abschied, das Leben glüht in dunklen Kinderaugen, das Gras auf dem evangelischen Dorffriedhof wird von orthodoxen Schafen gefressen und wenn es im bekanntesten Siebenbürgengedicht auch heißt „Ach schon ist es September“, so neigt sich dortzulande noch lange nicht der Jahre Lauf. Schenkels Buch ist ein Kaleidoskop der Begegnungen, man kommt und geht, und ...“die Schritte verlieren sich in der Finsternis wie Münzen, die in einen Brunnen fallen“.

Mensch, Pferd, Wald und Straße verleugnen niemals ihre rumänische Mentalität, ja selbst „die Häuser nehmen ihre Hirtenstäbe und wandern in den Schlaf“. Informationen der umtriebigsten Art jagen wie Zigeunerpferde durch das Buch, kaum haben wir von Paracelsus erfahren, dass Hexen für ihren Zaubertrank Igel verkochen, winkt uns schon Samuel Hahnemann mit homöopathischer Geste zum Baron von Brukenthal, der in seinem Hermannstadt eigentlich kein Adliger sein darf. Und alles in Siebenbürgen.

Mit heute mehr als zwei Millionen zur Westarbeit gereisten Rumänen wird das Land entgegenhalten, wenn im Dorfschreiberbuch zu lesen ist, „Rumänien wird zum Rückzugsgebiet, nachdem die Häfen der Moderne verbrannt sind, ein Ort im Süden, den man aufsucht, um die Burnouts des Nordens zu heilen“. Wer dies in Siebenbürgen finden will, kann es mit Elmar Schenkels „Mein Jahr hinter den Wäldern“, nicht als Reiseführer, aber als poetisches Nachschlagewerk. Nach einem Jahr packte der Autor seine Siebensachen, denn der Abschied lässt seine Zunge hängen wie ein Hund. Ja, was soll man als Mitbringsel in Leipzig vorzeigen? „Wo die Zeit manchmal minutenlang anhält, erfuhr ich von diesem anderen Land am Rande der Gegenwart...“

Kommentare zu diesem Artikel

Monika, 18.07 2016, 21:55
Hergott, ich las die Besprechung dreimal, so wunderbar sind die Sprachbilder. Und der feine Spott, das tut uns Sachsen richtig gut. Ich kaufe dies Buch des Dorfschreibers und stürze mich ins Lesevergnügen.
Paul, 18.07 2016, 21:33
Diese Buchrezension ist endlich einmal ein Lesegenuss. Wenn das Buch auch so ist, dann freue ich mich für unser Siebenbürgen
gabrielle, 18.07 2016, 17:42
sehr gut getroffen, es ist fundamental alles zusammengetragen, was Elmar Schenkels umfassende Stärke ist und ein Volk zugänglich macht, das man nicht kennt.
So kommen wir der Wahrheit viel näher als ewige Diskriminierungen und Kriegen. Wir Menschen müssen uns nur öffnen.
Danke!

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