Im Dialog mit der Erde

Das UNESCO-Geopark-Netzwerk: Naturerbe, Kulturerbe, Entdecken und Vergnügen

Sonntag, 18. Juni 2017

Alexandru Andraşanu, Geologe an der Bukarester Universität und Direktor des Geoparks Haţeg, setzt sich für die Aufnahme des Geoparks Buzău in das globale UNESCO-Netzwerk ein.

Interdisziplinäre Ausstellung zum Geopark Buzău im Bauernmuseum: wo Naturwissenschaften, Ethnologie und Legenden verschmelzen.

Die Erde ist ein Wesen. Für Naturvölker eine Mutter, oft sogar Göttin. An ihrem felsigen Busen – in Aber-millionen Jahren aufgetürmten Bergen, in ihrem fruchtbaren Schoß – den Ozeanen, Ursuppe der Schöpfung, gebiert und nährt sie fortwährend Flora und Fauna. Ihre Muttermilch ist für uns Menschen zerfallenes Gestein, vermengt mit den Spuren vergangener Leben und Tode. Denen der Dinosaurier, der Ammoniten, der Urwälder, der Urtiere und Urmenschen, unserer Ahnen - Erde, eben! Aus Erde gewinnen wir Nahrung, aber auch Rohmaterialien für die Dinge, die unsere Kultur charakterisieren. Die Erde hat ein Gedächtnis. Es spricht zu den Wissenschaftlern, die den Fossilien, den Ablagerungen und geologischen Formationen ihre Geheimnisse zu entlocken verstehen. Munter plappert sie ihre Geschichte in vielen Sprachen: Geologie, Biologie, Physik, Geschichte, Archäologie. Will man in den Dialog mit der Erde treten, muss man eine dieser Sprache erlernen. Oder - einen Geopark besuchen!

„Was ist überhaupt ein Geopark?“, fragt Alexandru Andraşanu in die Runde. Wir sitzen im Tancred-Saal des Bukarester Bauernmuseums. Ringsum verteilen sich an Wänden oder sogar auf dem Boden Fotos von Häusern, Landschaften, Menschen und ihrem Handwerk, ausgelegte Webstoffe, angelehnte steinerne Wegkreuze, Mühlsteine, hübsch drapierte Trachtenblusen, in Salz steht geschrieben: SALZ - alles Beispiele aus der Region Buzău, die dem weltweit bestehenden Netzwerk von Geoparks, dazu zählt in Rumänien auch der Geopark in Haţeg, hinzugefügt werden soll. 2015 hatte man auf der 38. Generalkonferenz der UNESCO entschieden, dieses 2001 gegründete und über 33 Mitgliedsstaaten verteilte Netzwerk aus 120 Geoparks offiziell als „UNESCO-Geoparks“ unter die Fittiche zu nehmen. „Warum haben Geoparks Erfolg?”, fragt der Vortragende weiter. Und beantwortet seine Frage gleich selbst: Weil Menschen Geschichten und Abenteuer lieben. Geschichten, die Menschen und Orte, Kulturen und geographische Punkte, ihre Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen. Geschichten, die man mit allen Sinnen entdecken und erleben kann, wie in einem Vergnügungspark: als Abenteuer. „Ein Geopark ist kein Disneyland für Geologen” stellt er schmunzelnd klar: Das „geo“ kommt aus dem Griechischen und steht für die Erde. Es geht um den Dialog mit der Erde – darum, ihr Gedächtnis anzuzapfen.

Die Ammonitenplatte – oder wie man Identifikation schafft

Das Konzept der Geoparks wurde von Guy Martini, dem heutigen Generalsekretär des Globalen Geopark-Netzwerks der UNESCO und Direktor des Geoparks Haute Provence in Frankreich erdacht, erzählt Alexandru Andraşanu. Er selbst ist Geologe an der Universität Bukarest und mit der Verwaltung des Geoparks Ha]eg betraut. Von Martini hatte er gelernt, wie geologisches Naturerbe durch interdisziplinäre Verknüpfung ansprechend aufbereitet werden kann, so dass es ins Bewusstsein der Menschen dringt und als Wert empfunden wird. Warum dies wichtig ist, zeigt das Beispiel der sogenannten „Ammonitenplatte“ im Geopark Haute Provence: Anfangs war die 400 Quadratmeter große Fläche mit besonders hoher Fossiliendichte – Ammoniten, die zusammen mit den Dinosauriern ausgestorben sind, Belemniten und Nautilusse – ein Eldorado für Fossilienjäger und Sammler. Und ein Albtraum für die Bürgermeister der beiden Orte, zwischen denen die Ammonitenplatte  isoliert auf einsamer Flur lag: Wie sollte man ihn schützen? Eines Tages kam ein Fax aus Japan.

Man hatte von der Ammonitenplatte gehört und wollte ihn erwerben, als Attraktion für eine neu entwickelte touristische Zone auf Hokkaido! Natürlich war das Naturdenkmal unverkäuflich – doch Martini hatte eine andere Idee: Er schlug den Japanern vor, statt dessen eine Nachbildung anfertigen zu lassen, was diese akzeptierten. 1992 reiste er mit einer Mannschaft aus Wissenschaftlern und Künstlern nach Japan, um an der Eröffnung teilzunehmen. Schlagartig wurde die Ammonitenplatte nun auch in Frankreich berühmt. Nicht nur, dass daraus eine langjährige Zusammenarbeit mit den Japanern entstand, die auch den touristischen Wert des französischen Geoparks stark erhöhte – die lokale Bevölkerung identifizierte sich plötzlich mit dem Fossilienfeld. Andraşanu erzählt, wie er 1994 zu Forschungen eingeladen wurde und mit seinem Team darauf herum kletterte. Es verging kein Tag, an dem er nicht von Spaziergängern ermahnt wurde, dies sei geschütztes Gebiet. Einmal kam die Polizei, nahm das Team fest und führte es zur Kontrolle von Genehmigungen ab, wonach die Wissenschaftler, weil alles in Ordnung war, zurückgebracht wurden. Weil die Lokalbevölkerung ihre Ammonitenplatte lieb gewonnen hatte und stolz auf ihn war, war der Schutz plötzlich kein Problem mehr.

Geopark Haţeg:  Auf den Spuren der Zwergdinosaurier

Der Muschelhügel ist ein gutes Beispiel, wie ansonsten nur für Experten interessante Phänomene für die Allgemeinheit an Wert gewinnen können. Längst gibt es ein Museum und einen Geopark, der ihn in eine Geschichte - dem Gedächtnis der Erde entlockt - integriert. Ein weiteres Mittel zur Aufbereitung von Attraktionen, die einzeln wenig Zugkraft haben, sind Themenpfade, die sie verbinden und einladen, die Geschichte eines Ortes zu entdecken. Im Geo-park Haţeg stand man anfangs vor der Frage, ein großes Besucherzentrum einzurichten oder lieber viele kleine Ausstellungen in separaten Häuschen. Man entschied sich für letzteres – ein Gewinn für die gesamte Region und außerdem kostengünstiger, denn die Häuschen wurden entweder mit Volontären erbaut oder entstanden in aufgelassenen Dorfschulen und Läden, von der Gemeinde meist für einen Appel und ein Ei zur Verfügung gestellt. Essentiell, so Andraşanu, ist die Einbindung der lokalen Verwaltung und der Bevölkerung. Letztere entdeckt das Besondere ihrer Region oft erst durch den Tourismus. Der Tourist fragt nach Sehenswürdigkeiten, der Pensionswirt führt ihn persönlich hin, lernt selbst etwas darüber - und spürt die Begeisterung des Besuchers!

In Haţeg führen Themenpfade durch verschiedene Erdzeitalter (Projekte und Sehenswürdigkeiten siehe www.hateggeoparc.ro). Die Hintergrundgeschichte liefert das Thetys-Meer, dessen Spuren man noch erkennt: Fossilien, Muscheln, Konglomerate. Zwergdinosaurier, aber auch der Flugsaurier Archäopteryx bevölkerten diese Urwelt. An der Stelle, wo die ersten Mini-Dinos ausgegraben wurden, erzählt das „Haus der Zwergdinosaurier“ aus ihrem Leben. Es ist aus einer für knapp 10.000 Euro umgebauten Kneipe entstanden und wurde bereits von über 20.000 Touristen besucht. Das runde „Vulkanhaus“, aus Strohlehm erbaut, klärt über Vulkanismus auf. Dessen Maskottchen, „Andi Andezit“, reist derzeit durch die Geoparks der Welt und postet seine Abenteuer auf Facebook. Es gibt ein Haus der Steine und eines der Traditionen. Der lokale Zeitpfeil führt zu den Dakern oder in alte Bauerngärten mit angegliederter Samenbank, vorbei an der Steinkirche von Densuş, zum „Garten der Sinne“, in dem alles betastet werden darf.

Lokale NGOs – z.B. die Vereinigung „Drag de Haţeg“ - bieten Touristen verschiedenste Aktivitäten im Geopark an. Im Dinosaurier-Museum können Kinder in Workshops lernen, wie man Modelldinos bastelt. Jährlich wird ein Dinosaurier-Festival gefeiert und natürlich darf ein lebensgroßes Exemplar der Urechse nicht fehlen: Der sechs Meter lange, pflanzenfressende „Magyarosaurus dacus“ wurde in Kanada nachgebildet und vom Künstler Brian Cooley quer durch Europa begleitet, festgehalten in einem Film, erzählt aus der Sicht des mitreisenden Kindes. Der Erfolg des Geoparks Ha]eg, den mittlerweile auch ausländische Touristen gezielt bereisen, ist nicht zuletzt einem Netzwerk an Botschaftern zu verdanken: Anfangs waren es drei, mittlerweile gibt es über 200 Kinder und Jugendliche, die sich als Freiwillige regelmäßig an Aktionen beteiligen, an Austauschprogrammen mit anderen Geoparks teilnehmen und in Schulen darüber erzählen. „Ich habe mit Erwachsenen als Freiwillige begonnen“, erzählt Andraşanu, doch das habe sich nicht bewährt: „Sie kommen einmal und haben dann keine Zeit mehr.“ Für die Kinder ist es eine Win-Win-Situation: Sie werden gefordert und gefördert - und hatten überhaupt keine Schwierigkeiten, für eine Studienreise zu einem ungarischen Geopark Sponsoren in lokalen Unternehmen zu finden. „Wenn wir nicht immer gleich an Geld, sondern erst an Ideen denken, dann kommen auch die Projekte und ihre Finanzierung zustande“, frohlockt Andraşanu.

Nördliches Buzău soll UNESCO-Geopark werden

Was braucht ein Geopark, damit attraktive Geschichten entstehen? Betrachten wir die nördliche Region des Kreises Buzău, wo 18 Gemeinden und die Wege, die einst Muntenien, die Moldau und Siebenbürgen verbanden, für den Geopark ausgesucht wurden: Da gibt es die Schlammvulkane von Berca, die lebenden Feuer von Lopătari - selbstentzündende Gase, die als Flammen auf dem Boden züngeln, Herrenhäuser, das Bernsteinmuseum in Colţi und Lokalbewohner, die wissen, wie man Bernstein findet oder sogar bearbeitet, einen Salzberg und eine Salzmine, die Felsenkirchen von Aluniş oder uralte steinerne Kreuze an den Weggabelungen. Legenden ranken sich um die Bodenschätze in der Erdölregion, um Quellen und geologische Formationen, um die sie bewachenden Riesen und Drachen. Ein Beispiel ist die „Mauer der Riesen“, eine vertikal aufgeworfene Kalkstein-Schicht mit maritimen Muscheleinlagerungen, entstanden vor 12 Millionen Jahren. Wegen ihrer Längs- und Querrisse sieht sie aus wie eine Mauer, daher der Name. Ein anderes betrifft eine Vielzahl von Quellen, mineral- oder salzhaltig, die von den Lokalbewohnern für die Zubereitung bestimmter Speisen verwendet wurden, sodass es eine große Rezeptsammlung gibt.

Das Handwerk umfasst Holzkunst, Steinmetzarbeiten oder die Bearbeitung von Bernstein, auch „Stein der Sonne“ genannt, Töpferei, Weberei und die Kunst des Eier-Dekorierens mit lokaltypischen Motiven. Ein Dorfbewohner stellt traditionelle Instrumente ähnlich dem Dudelsack her. Am Tag des heiligen Georg spielt man auf Bucium und Flöte, um den bösen Milchzauber abzuwenden. Nicht alle Bräuche, von Lokalbewohnern gepriesen, eignen sich für Tourismus: Enttäuscht berichtete Andraşanu vom Brauch der „Căluşari“ – in dieser Region nur noch ein Zug von Haus zu Haus zum allgemeinen Besäufnis. An Gaumenfreuden gibt es spezielle, in salzhaltigem Quellwasser eingelegte Gemüse, Marmeladen aus Rosenblüten, Holunder, Sauerkirschen und Erdbeeren, oder die berühmten Pleşcoi-Würste. Im „Muzeul Timpul Omului“ (Museum der Zeit des Menschen) in Mînzăleşti vermittelt ein von Dorflehrern, Geologen und Museologen erdachtes Konzept die komplexen Verbindungen zwischen Mensch und Erde. In Lopătari informiert ein 2016 entstandenes Besucherzentrum über die Attraktionen der Region.

„Die Zusammenarbeit mit Guy Martini hat meine Herangehensweise an die Geologie total verändert“, bekennt Alexandru Andraşanu. „Ich habe damals nicht nur das Thema meiner Doktorarbeit geändert, sondern sämtliche Aktivitäten und Projekte.“ Für ihn steht seither stets die Frage im Vordergrund: Wie kann man aus Wissenschaft ein Erlebnis machen? Wie die Dinge zueinander in Kontext bringen? Wie sie zu Geschichten verflechten und für Lokalbewohner eine Einkommensquelle schaffen. Neue Wurzeln finden für altes, bedrohtes oder verlorengegangenes Handwerk. „Wir werden unser Dossier für die Aufnahme als UNESCO-Geopark nächstes Jahr einreichen“, erklärt Andraşanu. „Wenn sich die Experten des internationalen Geopark-Netzes dann 2020 in Haţeg treffen, ist der Geopark Buzău hoffentlich schon offiziell vertreten.”

Der Geopark Buzău ist seit 11. Mai Gegenstand einer Ausstellung im Bukarester Bauernmuseum (Tancred Saal). Am 10. Juni fand dort  eine Demonstration im Schleifen von Bernstein durch Meister Ciprian Chiriac aus Colţi statt, anschließend wurde im Studio Horia Bernea der Film „Lemnul“ (Holz) gezeigt. Der von DigiWorlds produzierte Dokumentarstreifen handelt von der Rolle des Holzes als Basis für Alltag, Kunst und Spiritualität im Norden Buzăus.

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