„Im Herzen war ich schon immer Orgelbauer“

Ferdinand Stemmer feiert 65. Geburtstag in Kronstadt mit einem Konzert an vier Orgeln

Mittwoch, 24. April 2013

Orgelbaumeister Ferdinand Stemmer.
Foto: Christine Chiriac

Steffen Schlandt (l.) und Ferdinand Stemmer auf der Empore der Schwarzen Kirche, bei der Arbeit am ersten Projekt des Orgelbaumeisters in Kronstadt (1997).

Siebenbürgen besitzt mit mehr als 1500 historischen Instrumenten eine einmalige Orgellandschaft – einmalig ist jedoch auch die Tatsache, dass viele wertvolle Orgeln seit Jahren oder sogar Jahrzehnten ungespielt und unbeachtet in fast verlassenen Kirchen stehen. Der Orgelbaumeister Ferdinand Stemmer aus der Schweizer Gemeinde Zumikon hat schon bei seiner ersten Rumänienreise Anfang der neunziger Jahre die Situation überblickt. Die kritische Lage vieler Instrumente war für ihn ein Anlass, zunächst hierzulande Restaurierungsaufträge anzunehmen und schließlich seinen Beruf an junge Einheimische weiterzugeben. 1999 gründete er die Schweizerische Stiftung für Orgeln in Rumänien (SSOR; Webseite: www.ssor.ch), die nun in Honigberg/Hărman im Burzenland eine Einrichtung für gewerbliche Ausbildung und die GmbH Orgelbau und Schreinerei betreibt. Junge Menschen werden hier in den handwerklichen Berufen Orgelbau und Kunstschreinerei auf Kosten der Stiftung ausgebildet und tragen dazu bei, dass das Orgelerbe Siebenbürgens gepflegt und erhalten wird.

Ferdinand Stemmer ist trotz zahlreicher Hindernisse hierzulande mit seinen Ergebnissen zufrieden. Auch sonst blickt er auf eine ereignis- und erfolgreiche Karriere zurück. Sein Traumberuf hat ihm spannende Wanderjahre und ein mittlerweile 30 Jahre altes Eigenunternehmen in Zumikon geschenkt. Rund 70 neue Instrumente hat er selber gebaut und noch viele mehr restauriert, gereinigt, intoniert. Der Orgelbaumeister feiert am 27. April seinen 65. Geburtstag – nicht in der Schweiz, wie man es vielleicht erwarten würde, sondern in Kronstadt/Braşov, mit einem Konzert in der Schwarzen Kirche. Mit Ferdinand Stemmer sprach ADZ-Redakteurin Christine Chiriac.

Herr Stemmer, wie sind Sie auf diesen Beruf gekommen?

Ich bin katholisch aufgewachsen und war in meiner Kindheit Ministrant. In unserer Ortschaft wurde 1954 eine neue Orgel gebaut – ich war damals sechs Jahre alt. Bei der Einweihungsfeier habe ich gemerkt, dass während der Organist auf einem Manual spielt, auf dem anderen Manual Tasten bewegt werden, die er gar nicht drückt. Ich wollte wissen, warum das so ist. Der Organist hat mir damals erklärt, wie die Schaltungen, die Koppeln funktionieren – ich fand es sehr spannend, und diese Faszination hat mich bis heute nicht losgelassen. Später habe ich wunderschöne Orgeln mit fantastischen Prospekten kennengelernt, zum Beispiel im Kloster Einsiedeln. Es war und bleibt für mich erstaunlich, wie ein einziges Instrument und ein einziger Musiker ohne Klangverstärker den großen Kirchenraum füllen können. Im Herzen war ich also schon immer Orgelbauer. Ich habe zunächst Schreiner gelernt, und im vierten Lehrjahr habe ich jemanden kennengelernt, der mir den Weg zum Orgelbau gezeigt hat. Es war der richtige Weg, davon bin ich bis heute überzeugt.

Sie haben mit dem Orgelbau die Welt bereist...

Nach der Orgelbaulehre habe ich Wanderjahre gemacht. Ich habe den ganzen südlichen Teil von Afrika bereist, habe dort zweieinhalb Jahre lang für eine Firma gearbeitet, Instrumente gestimmt, neue Orgeln mit aufgebaut. Nachher bin ich nach Schweden aufgebrochen, weil ich auch den Norden kennenlernen wollte, und habe ganz zufällig eine Firma in Knivsta, einem Dorf bei Uppsala, besucht. Dort wurden händeringend Mitarbeiter gesucht, also habe ich mich spontan für die Stelle entschlossen und bin drei Monate lang geblieben. Es hat großen Spaß gemacht! Später habe ich bei der Schwedischen Botschaft in der Schweiz die Arbeitserlaubnis erhalten und war weitere fünf Jahre in Schweden tätig, von 1975 bis 1980. Anschließend habe ich eine Chance ergriffen, die mir angeboten wurde, und habe im französischen Teil der Schweiz eine Firma übernommen. Leider stellte es sich dort ganz anders heraus, als ich es mir erhofft hatte, also gründete ich 1983 meine eigene Firma im Bereich Restaurierung und Orgelbau – dort arbeite ich heute noch.  

Sie arbeiten zugleich auch in Rumänien. Wie kam es dazu?

1993 erhielt ich aus unserer Nachbargemeinde in der Schweiz die Anfrage, ob ich nicht einen Orgelmotor in Chendu, Kreis Muresch, reparieren könnte. So bin ich zum ersten Mal nach Rumänien gefahren. 1995 haben wir den Motor eingebaut und die Orgel gereinigt. Und wie Orgelbauer so sind, waren wir natürlich neugierig und wollten die siebenbürgischen Orgeln ein wenig besser kennenlernen. Also haben wir eine kurze Reise nach Kronstadt unternommen, wo uns Steffen Schlandt die große Buchholz-Orgel der Schwarzen Kirche vorgeführt hat. Wir waren beeindruckt. Nebenbei haben wir erfahren, dass die Hesse-Orgel schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gespielt werden kann – das Gehäuse stand zwar noch, aber die Pfeifen lagen alle auf der Empore. Ich dachte: „Das wäre doch ein Projekt!“ Als ich wiederkam, untersuchte ich die Orgel gründlich, und weil sie in so schlechtem Zustand war und wir hier keine Werkstatt hatten, packten wir sie in Kisten ein und brachten sie mit in die Schweiz. Es war Mai. Im Oktober konnten wir schon die Einweihung feiern.

Ein wichtiger Schritt in Richtung Kronstadt war für Sie die Arbeit an der Buchholz-Orgel...

Der Organist Eckart Schlandt sagte mir, dass man auch die große Orgel stimmen müsste. Ich stellte fest, dass so viel Schmutz in den Pfeifen gesammelt war, dass sie kaum noch klingen konnten, und machte einen Projektvorschlag für mehrere Jahre, und zwar, dass wir jedes Jahr ein Manual auseinandernehmen, reinigen, nachintonieren, stimmen. 1998 haben wir mit der Arbeit begonnen. Bald wurde mir auch die Frage gestellt, ob man bei mir nicht den Beruf lernen könne. Als ausländischer Handwerker bekam man aber damals keine Aufenthaltsgenehmigung in der Schweiz. Also brachten wir die Schweiz hierher, durch die Gründung der SSOR. Es gab eine Besprechung mit Organisten und Orgelbauern aus Rumänien, wo ich die Idee einer Orgelbau-Lehrwerkstatt vorstellte, und alle waren einverstanden.

Doch um eine staatlich anerkannte Stiftung zu gründen, braucht man Geld – das hatten wir nicht. Meine Stiftungsräte und ich haben Hunderte – heute sind es Tausende – „Bettelbriefe“ geschrieben. Meine Freunde haben Benefizkonzerte gespielt. Wir haben sogar jeden ersten Samstag im Monat auf dem Dorfmarkt Crêpes verkauft – die teuerste war die Crêpe „Braşov“. Und so haben wir das Geld gesammelt, das notwendig war. Für den Gemeinderat Zumikon war es anfangs schwer zu verstehen, wieso man in den neunziger Jahren nicht für rumänische Waisenkinder, sondern für Orgelbau sammelt. Aber meiner Meinung nach ist Kultur genauso wichtig, sie gehört einfach zu unserem Leben. Schließlich haben die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und der Gemeinderat mitgemacht und so konnten wir den Bau der Werkstatt in Honigberg finanzieren. 2003, genau vor zehn Jahren, haben wir mit zwei großen Lastzügen die Maschinen und die Hobelbänke hierher gebracht und eingerichtet. Eins möchte ich dabei betonen: Ohne die unentgeltliche Mitarbeit des ganzen Stiftungsrats wäre ein derartiges Projekt nie möglich gewesen. Jeder Brief, jede Besprechung waren unbezahlt. Für dieses Engagement bin ich sehr dankbar.

Welches waren die Schwierigkeiten, denen sie hier begegnet sind? 

Es ist allgemein nicht so einfach, einen Betrieb in Rumänien zu führen, vor allem wegen der Bürokratie. Man merkt auf Schritt und Tritt, dass der Staat an unserem Beruf kein Interesse hat. Wir bezahlen sogar die Professoren und die Theorie-Kurse an unserer Schule selbst, was nach zehn Jahren ein Frust bleibt. Auch die Konkurrenz, die wir einheimischen Betrieben machen, wird nicht mit guten Augen betrachtet – wobei Konkurrenz eigentlich positiv ist, und es genug Arbeit für alle gibt. Andererseits haben wir hier einige schöne Ergebnisse erreicht und das macht uns Freude.

Hatten Sie einen „Kulturschock“ bei Ihrem ersten Rumänienbesuch?

1993 konnte ich es nicht verstehen, dass ein Land mit so viel deutsch geprägter Kultur dermaßen arm sein kann. Vielleicht hat mir gerade das die Energie gegeben, etwas zu unternehmen. Die Menschen waren großteils so gebrochen, dass ich dachte, man könne ihnen nur helfen, wenn man es ihnen vorlebt. Teilweise besteht diese demoralisierte Mentalität auch heute, aber viel hat sich bereits ins Positive gewandelt.

Deshalb eine Geburtstagsfeier in Rumänien?

Hier in Siebenbürgen habe ich so viele wunderbare Menschen kennengelernt, dass ich mich entschlossen habe, mit ihnen zu feiern. Zufällig stehen zurzeit in der Schwarzen Kirche vier Instrumente, an deren Wiederbelebung ich beteiligt bin. Das sind die Buchholz- und die Hesse-Orgel sowie die Instrumente aus Bodendorf/Buneşti und Reps/Rupea. Man wird diese schönen Orgeln nicht immer alle in dieser Kirche hören können, also ist es ein einmaliger Abend, und ich freue mich besonders darauf.

Wie sehen Sie die Zukunft der Werkstatt in Honigberg?

Die Grundidee der Stiftung heißt „Hilfe zur Selbsthilfe“, und deshalb wird sich Ferdinand Stemmer Ende 2014 zurückziehen. Die jungen Leute, die wir in Honigberg ausgebildet haben, werden die Werkstatt weiterführen. Sicherlich kann man nicht in die Zukunft schauen, aber die Jungs sind motiviert und ich bin überzeugt, dass sie das gut machen werden. Wenn sie um Rat bitten werden, dann stehe ich ihnen zur Verfügung, aber andererseits möchte ich mir auch Zeit lassen, um das Land zu bereisen, denn vorläufig kenne ich nur die Orte, in denen ich gearbeitet habe.
Es gibt bis dann noch einen ganz schönen Moment: den Orgelbauerkongress im September nächsten Jahres, den wir für den Internationalen Orgelbauerverband organisieren. Mindestens einhundert Orgelbauer aus der ganzen Welt bereisen eine Woche lang Rumänien und schauen sich Land und Orgeln an.

Wie schätzen Sie die Orgellandschaft in Siebenbürgen ein?

Die internationalen Orgelbauer werden staunen, wenn sie den Schatz sehen, den es hier auf so kleinem Raum gibt. Leider handelt es sich nicht nur um Instrumente, die funktionieren. Das ist in Westeuropa, in Nordamerika, in Australien oder Neuseeland undenkbar. Als ich die hiesigen Orgeln gesehen habe, habe ich mich gefragt, warum ich noch neue Instrumente in der Schweiz baue, wenn es hier so wertvolle Instrumente gibt, die erhalten werden müssen. Ein neues Instrument mehr oder weniger spielt keine Rolle, aber die Pflege dieser Orgeln ist unheimlich wichtig. Man kann es kaum glauben, dass man diesen Schatz einfach verlassen kann und verlassen hat. Was mich freut, ist, dass Kronstadt schon immer hervorragende Orgelbauer hatte: Prause, Thoiss, Schneider, Nagy, Einschenk. Wir haben somit hier eine Lücke geschlossen, wir führen eine Tradition weiter.

Gibt es eine ideale Orgel?

Nein. Es gibt nur ideale Orgeln für gewisse historische Zeitabschnitte, und sie hängen immer mit den Organisten und der Musik zusammen. Auf der Repser Orgel spielt man komplett andere Literatur als auf der Buchholz-Orgel. „Ideal“ ist das, was es zurzeit in der Schwarzen Kirche gibt, und zwar mehrere spielbare Orgeln. Dabei ist die Buchholz-Orgel schon etwas Einmaliges, sie hat einzigartige Klangfarben, ein wunderbares Handwerk und bietet umfassende Ausdrucksmöglichkeiten.

Sie haben die neue Orgel im Konzertsaal der Bukarester Musikuniversität nach dem Modell der Kronstädter Buchholz-Orgel gebaut. Ist Buchholz ein Vorbild für Sie?

Ja. Und ich bin überzeugt, dass auch Heinrich Maywald oder Carl Schneider von ihrem Meister fasziniert waren. Er inspiriert.

Schönen Dank für das Gespräch und unseren herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

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