Im Kaleidoskop von „Renascendis“

Herausforderungen und Lösungen zur Bewahrung deutscher Kultur in Rumänien

Dienstag, 14. Januar 2014

Erlesene Kostbarkeiten aus dem Alltag der Siebenbürger Sachsen

Radu Bârla bei der Eröffnung der Ausstellung „Reste und Sinn“ („Resturi şi rosturi“) im Bukarester Bauernmuseum
Fotos: George Dumitriu

Auf dem runden Tisch fallen Blicke auf feinst gehäkelte Babyjäckchen, filigranen Silberschmuck mit Halbedelsteinen, ein seltsames Saiteninstrument. Hier ein kostbarer Teekessel aus Zinn, dort ein Kopfputz, mit Münzen bestickt. Relikte aus dem früheren Leben der Siebenbürger Sachsen, zusammengetragen im Bukarester Bauernmuseum in der Ausstellung „Reste und Sinn“. In den Wandkästen zeugen Schwarzweißfotos und Objekte des Alltags von einer Kultur, in der Ordnung, Putz und Sauberkeit eine große Rolle spielten. Dann dreht sich das Kaleidoskop ... gibt Blicke frei auf schmutzige Viehwaggons, Menschen mit Säcken auf den Schultern. Im Inneren Stroh, ein Loch im Boden für die Notdurft. Wochen, oft einen Monat, dauerte die Reise der deportierten ethnischen Deutschen aus Rumänien nach Russland. Erzählt wird sie von denen, die noch in der Lage sind, sich an die Zeit um 1945 zu erinnern. Das Kaleidoskop dreht sich weiter... Von der Vergangenheit bewegt, spähen wir in die Zukunft. Passieren den Gegenwartspunkt. Statt perlendem Dorfleben vor schmucken Häusern in einem längst befreiten Land, nichts als verfallende Häuserzeilen. Einsame Kirchenburgen trotzen tapfer ihrem Niedergang in einer fast unberührten Landschaft, die es sonst nirgendwo mehr in Europa gibt. Ein verlassenes Paradies, das doch nie eines war. Was nun? Die Vergangenheit beklagen – oder verzeihen? In Nostalgie schwelgen – oder einfach weitergehen? Vergessen – oder bewahren? Das Kaleidoskop der Gefühle erfasst nicht nur jene, die betroffen sind.

Hoffnung für Felmern

Dass man kein Siebenbürger Sachse sein muss, um vom Schicksal der deutschen Minderheit ergriffen zu sein, zeigt die Initiative der rumänischen Vereinigung „Renascendis“, gegründet von Radu Bârla, der es sich hiermit zur Aufgaben gemacht hat, auf die Bedeutung dieses historischen Kapitels hinzuweisen.
Anlässlich des 95. Jahrestages der Anschlusserklärung der Siebenbürger Sachsen am 15. Dezember 1918 in Mediasch, mit der diese ihre Unterstützung der Vereinigung Siebenbürgens mit dem Altreich Rumänien bekannt gaben, lässt die NGO Erinnerungskultur aufleben, erweckt durch die Ausstellung, deren erlesene Exponate noch bis zum 2. Februar im Laolalta-Saal des Bauernmuseums bestaunt werden können. Aber auch mit einer Reihe von Vortragsveranstaltungen vor den Weihnachtsfeiertagen, von der Entstehung der deutschen Gemeinschaften in Siebenbürgen und im Banat, über das Schicksal der Russland-Deportierten, bis hin zu der Frage, wie man gefährdetes sächsisches Kulturerbe retten und in die moderne Welt integrieren kann.

Museumsdirektor Virgil Niţulescu bekennt in der Eröffnungsrede: Das Kulturgut der deutschen Minderheit ist Teil des nationalen Kulturerbes und hat dieses „phänomenal bereichert“. Radu Bârla  begründet das Projekt von „Renascendis“: „Wir wissen immer weniger über die Siebenbürger Sachsen. Ihre Präsenz in den Dörfern schwindet zusehends, der Geist ihrer Gemeinschaft ist längst verloren“. Und ergänzt: „Die Sachsen müssen weiterhin eine Zukunft in Rumänien haben, wollen wir sie nicht irgendwann nur noch aus wissenschaftlichen Abhandlungen kennen.“ Sein Dank für die Unterstützung bei der Durchführung dieses Projekts richtet sich vor allem an die Deutsche Botschaft Bukarest und an Unterstaatssekretärin Christiane Cosmatu vom Departement für Interethnische Beziehungen.
Neben der Organisation von Ausstellungen und Vertragsreihen wie dieser hat sich „Renascendis“ das ehemals sächsische Bauerndorf Felmern/Felmer als Wirkungsort und Einsatzziel auserkoren. Mit dem Pfarrhaus als Sitz will die NGO Schule, Kirchenburg und das ehemalige Rathaus trotz teilweise fortgeschrittenen Verfallsstadiums durch Einbindung in kulturelle und wissenschaftliche Projekte zusammen mit der Universität Bukarest so weit wie möglich zu retten versuchen.

Rückblicke: Was es zu schützen gibt

Über die Ansiedlung der deutschen Einwanderer in Siebenbürgen im Laufe der Zeit und welche Objekte heute schützenswert sind, darüber berichtet Adriana Stroe vom Nationalen Institut für Kulturerbe anlässlich der im Haus des Architektenordens „Casa Mincu“ veranstalteten Konferenzdebatte „Nachhaltige Lösungen für gefährdete sächsische Baudenkmäler“. Die Dörfer wurden mit strategischer und wirtschaftlicher Logik erbaut und waren anfangs anderen Ethnien gegenüber verschlossen, verrät die Kunsthistorikerin. Bis zu dem vom Habsburger Kaiser Josef II. 1781 erlassenen Konzivilitätsedikt hatten diese dort kein Wohnrecht, danach entstanden ethnisch strikt getrennte Viertel. In diesen wurden dann auch Kirchen der anderen Konfessionen als der evangelischen, zu der sich die Siebenbürger Sachsen bekennen, gebaut. Für einen Kirchenbau mussten mindestens 100 Gläubige derselben Konfession vorhanden sein. Nichtsächsische Ethnien kopierten die Strukturen der Sachsen und organisierten sich ebenfalls in Nachbarschaften. Erst mit dem Beginn der Auswanderung der Sachsen in den 70er Jahren begann sich die ethnische Trennung der Viertel aufzulösen.

Sächsische Dörfer zeichnen sich dank der planmäßig vergebenen Parzellen und dank der Nachbarschaftshilfe durch sehr einheitliche Häuserzeilen aus. Form des Hofes und Größe der Parzellen in einem Viertel waren strikt geregelt. Die Gebäude nahmen meist rechtwinklige, seltener U-Form ein, mit Wohntrakt zur Straße und Wirtschaftsgebäuden nach hinten. Die stets gleichgroßen Parzellen eines Viertels – mit Ausnahme der etwa doppelt bemessenen Grundstücke für Pfarr- und Lehrerhaus – waren lang und schmal und durften nicht weiter unterteilt werden. Unterschiede in den Dörfern waren durch wirtschaftliche Gegebenheiten der Regionen bedingt: Riesige Weinkeller gab es in Weingebieten wie Reichesdorf/Richiş, große Scheunen in Gegenden mit Rinderzucht. Häufig anzutreffende Elemente sind Gründerinschriften auf Fassaden und Balken. Aus wissenschaftlicher Sicht, so Stroe, gehören vor allem die Residenzen der Adligen, Kirchen, Pfarrhäuser, Häuser und Anlagen mit Nutzen für die gesamte Gemeinde, welche die Organisation im Dorf widerspiegeln – also Brunnen, Mühle, Wäscheplatz und Gemeinschaftsscheunen – zum schützenswerten Kulturerbe. Aber auch Industriekerne und Banken, die im 19. Jahrhundert für die Kreditierung des Grundkaufs entstanden sind. Gefährdet ist dieses Kulturerbe heute nicht nur durch Verfall und mutwillige Zerstörung, sondern auch durch Abriss und Umbau mit modernen Materialien oder Dekor, losgelöst von der ursprünglichen Funktion und Tradition.

„Monumentum“ zeigt, wie es geht: konkreter Einsatz und Aufklärung

Auch Eugen Vaida von der Stiftung „Monumentum“ hat sich der Rettung schützenswerter Architektur verschrieben. Nach 20 Jahren Bukarest war der rumänische Architekt in sein Heimatdorf Alzen/Alţina zurückgekehrt und gründete dort die NGO, die sich heute der Finanzierung durch den Global Heritage Fund erfreut, hinter der sich der wohl größte Siebenbürgenfan verbirgt: seine königliche Hoheit Prinz Charles. „Monumentum“ erarbeitet nachhaltige Lösungen zur Bewahrung historischer Bauwerke, betreibt konkrete Aktionen überall im Land, „missioniert“ mit Fachwissen und hat sich darüber hinaus zur Aufgabe gemacht, die spezifische Rechtslage entsprechend zu beeinflussen.
Als Anlass für die Sorge um bauliches Kulturerbe identifiziert der Architekt sechs Faktoren:

1. Desinteresse: Von den Besitzern verlassene Häuser sind oft seit 20 Jahren unbewohnt.
2. Unpassende Reparaturen: z.B. ein modernes Dach
3. Diebstahl historischer Bausubstanz: organisierte Baumaterialjäger – darunter oft auch Ausländer – geben konkrete Beschaffungsaufträge an lokale Mannschaften, die die Gegend nach alten Balken und anderen Kostbarkeiten absuchen.
4. Aus dem Kontext gerissene Bauwerke, durch benachbarte Konstruktionen in völlig anderem Stil.
5. Geologische Prospektionen: Die dabei erzeugten Beben in Stärke 2-3 bewirken gefährliche Risse in der Bausubstanz.
6. Statuslosigkeit: Mit wem soll man über die Rettung eines Monuments verhandeln, wenn es keinen Besitzer hat?

Wie man sich seine Arbeit konkret vorstellen kann, schildert Vaida anhand einiger Projekte. In einem Fall geht es um die fotografische Dokumentation zur Erstellung einer historischen Datenbasis in Kooperation mit dem Nationalen Institut für Kulturerbe. Wenn man schon nicht alles retten kann, so Vaida, sollen zumindest Archivbilder zusammengeführt und erhalten werden. Hierfür wurden 15.000 Häuser in 65 Orten in den Landkreisen Hermannstadt/Sibiu, Kronstadt/Braşov und Mureş sowie 1000 Häuser in 35 Orten in Gorj abgelichtet und archiviert. Bei der Dokumentation der Inschriften wird die NGO von Friedrich Philippi (ADZ vom 15.12.2013: „Kurator, Storchenzähler, Sprüchesammler“) unterstützt. Die gesamte Aktion soll demnächst auch auf die Bukowina und den Landkreis Temesch/Timiş ausgedehnt werden.

Ein weiteres Projekt ist für die mittlerweile vieler-orts bekannten Tafeln in den siebenbürgischen Dörfern verantwortlich, die anhand von Fotos als Positiv- und Negativbeispiele aufzeigen, wie man renovieren soll, um ein einheitliches, authentisches Bild zu bewahren. In Haus-zu-Haus-Aufklärungskampagnen wurden die Einwohner auf Unterschriftbasis informiert. Eine Sisyphus-Arbeit, bekennt Vaida. Die Menschen – darunter auch zahlreiche Architekten – verstehen oft nicht, warum man sich dem „Fortschritt“ entgegenstellen soll. „Modern sein, ist auf dem Dorf ein Statussymbol. Man muss zeigen, dass man sich Neues und Teures leisten kann“, erklärt der Architekt. „Oder die Leute haben im Ausland unter miserablen Bedingungen gearbeitet und wollen dann zu Hause Paläste.“ Argument zum Belassen des althergebrachten Stils zu finden, ist oft schwierig. „Fensterkreuze zum Beispiel“, lacht Vaida auf einmal auf. Erst als ihm der geniale Einfall kam, es als christliches Symbol zu preisen, hatte er auf einmal Erfolg...

Zeigen, dass Kulturerbe profitabel ist

Weil all dies Zeit und positive Vorbilder braucht, befasst sich ein weiteres Projekt der NGO mit der kulturellen Erziehung der Besitzer traditioneller Häuser, die zum Beispiel eine Pension aufbauen wollen. In diesem Rahmen sollen nach und nach 3000 Leute für zwei Wochen in das Vorzeigedorf Deutsch-Weißkirch/Viscri eingeladen werden, wo ihnen vorgemacht wird, wie Kulturtourismus Gewinn abwerfen kann. Den Wert einer alten Scheune etwa verdeutlicht die Pension „Viscri 125“ (ADZ vom 20.10.2013: „Hier weißt du, wer du bist“): Mit einem Holzofen im Zentrum und Glasfenstern bildet sie nun als lichtdurchflutetes Restaurant den Mittelpunkt der Anlage. Erstaunt waren die Teilnehmer auch über kreative Lösungen für moderne Bäder in alten Bauernhäusern. „Man muss nicht wie im vorigen Jahrhundert leben, nur weil man Authentisches beibehält“, überzeugt Vaida. Zum Aufklärungsprojekt gehört auch ein ganzheitlicher Blick: integrierter Tourismus, bei dem lokale Gastronomie, Kultur und Natur im Mittelpunkt stehen und durch den Gegebenheiten durch angepasste Aktivitäten ergänzt werden. Wie im Falle von Holzmengen/Hosman durch den Betrieb einer Draisine auf alten, ungenutzten Bahnschienen.

Bei der Beratung zur Renovierung alter Gebäude wird auch der Vorteil traditioneller Techniken anschaulich erläutert. „Thermoisolation ist ganz schlecht, denn alte Häuser müssen atmen“, erklärt Vaida den Teilnehmern. Moderne Dachziegel haben eine Garantie von nur 33 Jahren, gibt er weiters zu bedenken, handgemachte hingegen von 153 Jahren. Die Hersteller findet man heute in den Dörfern Klosdorf/Cloaşterf und Denndorf/Daia. Hinzu kommt, dass industrielle Dachziegel optisch nicht altern. Ein unerwünschter Effekt, wenn es um die Restaurierung historischer Gemäuer geht! Wie leider an einigen im Rahmen des Projektes zur Restaurierung von 18 Kirchenburgen erkennbar, die nun mit strahlend neuen, einheitlich orangen Dächern dastehen. „Ein Desaster...“, kommentiert er kopfschüttelnd. Auch aus diesem Grund hat „Monumentum“ einen „Kleinen Führer der Architektur“ herausgebracht, der Tipps und Tricks für eine korrekte Renovierung zusammenfasst und vor fatalen Fehlern warnt. Weil aber auch die Aufklärung der lokalen Verwaltung eine wichtige Rolle spielt, hat die NGO bereits 30 Bürgermeistereien besucht und für diese Seminare zur Änderung des lokalen Flächennutzungsplans (PUG) organisiert. Gemeinsam soll auf der Basis ein Regelrahmen erarbeitet werden, um das passende Umfeld für Kulturdenkmäler auch langfristig zu gewährleisten. Hierzu wurden 50 Infopanels gemeinsam mit dem Kulturministerium erarbeitet und aufgestellt, bezahlt von „Monumentum“.

Unterdrückte Facette des Leids: Deportation nach Russland

Mit der Konferenz „Deportation ethnischer Deutscher aus Siebenbürgen und dem Banat in die UdSSR“ im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ dreht sich das Kaleidoskop aber-mals in die Vergangenheit zurück. Basis ist ein Buch, das neben wissenschaftlichen Daten auch 41 konkrete Schicksale als Fallstudien bietet. In „Langer Weg nach Nirgendwo“ von Lavinia Betea, Cristina Deac, Florin-Răzvan Mihai und Ilarion Ţiu befassen sich die Forscher nicht nur mit detaillierten Aspekten dieser Geschichte, sondern auch mit der Frage, wie man das Thema für nachfolgende Generationen in der Schule aufbereiten soll. Mit Unrecht und der Schuldfrage, Durchführung und Konsequenzen der Deportation befassen wir uns im Folgeartikel „Unterdrückte Facette des Leids: Deportation der ethnischen Deutschen nach Russland“, der Donnerstag erscheinen wird.

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