Im Kino leben und sterben

Die 11. Ausgabe des Transilvania International Film Festival

Freitag, 15. Juni 2012

Romantische Kulisse im Schloss Bánffy bei „La voyage dans la lune”
Foto: Chris Nemeş

„TIFF cu filme m-o hrănit, le-am mancat pân-am murit / When at TIFF films I was fed, ate them all till I dropped dead“. Der diesjährige Werbeslogan des Festivals übertreibt nur ein bisschen: Das sehr umfangreiche Filmprogramm wurde von einer beeindruckenden Anzahl an Nebenevents, Konzerten, Ausstellungen, Diskussionen, Vorträgen, Workshops, Panels und den berühmten Partys ergänzt. Jeden Tag stand man vor unzähligen neuen Wahlen und vierundzwanzig Stunden reichten kaum aus.

Der offizielle Wettbewerb war mit zwölf Beiträgen nur eine kleine Sektion im gesamten Programm, die aber durch seine (auch wenn nicht immer explizite) Fokussierung auf die aktuelle Thematik der Krise die Ausrichtung vieler weiteren Sektionen widerspiegelte.

Der Gewinnerfilm „Oslo, 31. August“ des norwegischen Regisseurs Joachim Trier erzählt in einem melancholischen Ton von der Lebenskrise eines jungen Mannes, der nach Jahren in einer Drogenanstalt einen Tagesausflug nach Oslo unternimmt, um an einem Bewerbungsgespräch teilzunehmen. Davor und danach trifft er alte Freunde und versucht, sich seiner Familie wieder anzunähern. Wundervoll gespielt und gefilmt ist „Oslo” ein herzensbrechendes Bild über Erwachsenwerden und existenzielle Entscheidungen.

Der Gewinner des Regie- und Publikumspreises, die russische Produktion „Chapiteau Show“ ist eine strukturell spielerische und inhaltlich absurde Komödie über mehrere Freundeskreise, die auf der Krim ebenfalls ihre eigenen Lebens- und Liebeskrisen durchmachen. Als bester Hauptdarsteller wurde der Däne Kim Kold für seine Rolle im Film „Teddy Bear” ausgezeichnet: Er spielt einen zurückgezogenen Bodybuilder, der ausgerechnet in Thailand nach der Liebe sucht.

Der Regiepreis ging an den provokativen „Klip“ der serbischen Regisseurin Maja Miloš, in dem eine Jugendliche hemmungslos mit Beziehungen und Sex experimentiert. Der FIPRESCI-Preis belohnte das britische Familien- und Gewaltdrama „Tyrannosaur” des Erstlingsregisseurs Paddy Considine. Der Film ist einer der verstörendsten im diesjährigen Programm mit seiner schonungslosen Darstellung häuslicher Gewalt. Die beste Kamera ging ebenfalls an einen Familienfilm, das chilenische Drama „De jueves a domingo” (Kamera: Bárbara Álvarez), das sehr subtil die Scheidung eines Paares mit zwei Kindern schildert.

Was das TIFF besonders für die immer wieder von der Krise getroffene (ob produktions- oder vertriebsmäßig) Filmlandschaft leistet, ist die Vorführung rumänischer Kurz- und Langproduktionen des letzten Jahres, sowohl von erfahrenen als auch von jungen Regisseuren. Somit konnte man schon die letztes Jahr in Locarno ausgezeichnete Tragikomödie „Din dragoste cu cele mai bune intenţii“ auch auf einem rumänischen Filmfest sehen und gleichzeitig auch Erstlingsfilme, wie das interaktive Experiment „Kiddo“, das die Zuschauer einlädt, das Ende selbst zu bestimmen. Die Kurzfilmblocks präsentierten löblicher Weise mit Cecilia Felméris „Minute infinitie” sowie Iulia Ruginăs, Eva Pervolovicis und Stanca Radus „30-40-50” mehr feminine Perspektiven in einem Kino, das immer noch stark männlich geprägt ist, und das nicht nur in Osteuropa.

Die rumänische Kunstszene ist von der Krise ebenfalls nicht verschont, was leider dazu führt, dass viele Künstler im Ausland bekannter sind als hier. Diesen Aspekt hat das TIFF ebenfalls aufgegriffen und eine Werkschau des im Ausland hochgepriesenen Multimediakünstlers Mircea Cantor projiziert.

Das Festival scheut nie vor Provokationen zurück: Besonders die Sektion „Fără limită“ („Grenzenlos”) zeigt all das, was man lieber nicht an- und ausspricht. Sexuelle Gewalt, körperlicher Zerfall, psychische Belastungen und soziale Probleme werden hier von subtil bis schockierend behandelt und Tabus werden gerne gebrochen. Ebenso hartnäckig besteht das Festival auf experimentellen Filmen, die das Publikum dazu zwingen, sich auf neue Sichterfahrungen einzulassen: Der exzellente Dokumentarfilm „Bestiaire“ des Kanadiers Denis Côté zeigt mit minimalen Mitteln unsere Faszination für Tiergärten. Was anfangs wie eine Zoo-Dokumentation aussieht, entfaltet sich zu einer intelligenten sprachlosen Studie über Freiheit, Gefangensein und Voyeurismus. Stummfilme gehören ebenfalls einer Gattung an, die viele Zuschauer nicht gewohnt sind, und auch hier bleibt das Festival seiner Liebe für dieses Genre treu mit den Screenings von Ernst Lubitschs Komödie „Die Puppe“ (1919), Georges Méliès’ „La voyage dans la lune” (1902) und Carl Theodor Dreyers Klassiker von 1932, „Vampyr“.

Strukturell ist das Festival im Vergleich zu den vorigen Jahren sichtlich gewachsen, indem es sich wie die großen Festspiele mehr auf die Teilnehmer aus der Filmindustrie konzentriert. So werden Screenings von rumänischen Filmen in der Postproduktionsphase nur für Industry-Akkreditierte organisiert. Dadurch steigt ihre Chance, von ausländischen Produzenten, Verleihern und Festivalbetreibern gefördert zu werden, indem sie für Festivals aufgenommen oder in den Kinos vertrieben werden. Die Anzahl der internationalen Gäste ist ebenfalls enorm gestiegen, sowie die dafür auch vorgesehenen Events und Empfänge.

Die Sorge dabei ist, dass dadurch das Festival an Charme und Lockerheit verliert und langsam zu einer Riesenmaschinerie wird, die weniger familiär ist. Wenn es allerdings in den nächsten Jahren den bestehenden Rahmen nicht weiterhin erweitert, sondern perfektioniert, wird es sicherlich die ideale Balance zwischen einem Publikums- und einem Branchenfestival erreichen, auf dem alle in Kinofoyers, Cafés und bei der traditionellen Gulasch-Feier leidenschaftlich über Leben und Film plaudern können. 

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