Im Palast der Farben, Formen und klingenden Wände

Das Brâncoveanu-Schloss in Mogoşoaia lockt auch im neuen Jahr mit vielfältigen kulturellen Veranstaltungen

Freitag, 13. Januar 2012

Festlich beleuchtetes Gebäude im Schlosspark

Museumsdirektorin Doina Mândru in den weitläufigen Ausstellungsräumen

Der „Pulsator“ von Constantin Flondor erzeugt den Eindruck einer Vibration

„Konvex-Konkav“ - ein Spiel mit räumlicher Illusion
Fotos: George Dumitriu

Wer hätte geahnt, dass man nur 15 Kilometer von Bukarest in  eine völlig andere Welt eintauchen und das hektische Stadtleben für ein paar schöne Stunden bei Musik- und Kunstgenuss ausblenden kann? Oder bei einem Spaziergang unter jahrhundertealten Bäumen, im ausgedehnten Park des Fürsten Brâncoveanu wandeln? Wie einst Prinzessin Martha Bibescu verliebt sich auch der heutige Besucher unweigerlich beim ersten magischen Schritt durch das geschwungene, schmiedeeiserne Turmtor in die weitläufige, schmucke Palastanlage.

Im Sommer ziert sie ein Blumenmeer und hinter den venezianischen Fenstern und kurzen Säulen, den erhabenen Bögen zwischen schlichtem Backstein glitzert geheimnisvoll der See. Weiter darf man nicht blicken, denn das gegenüberliegende Seeufer ist mit geschmacklosen Protzbauten übersät...

Doch selbst im Winter oder bei nasskaltem Wetter bietet das heute zum Museum umfunktionierte Schloss ein reichhaltiges Repertoire an Attraktionen. Neben wechselnden, meist zeitgenössischen Kunstausstellungen in mehreren Galerien gibt es über das ganze Jahr verteilt Konzerte, Festivals oder Workshops für Kulturbegeisterte. Aber auch das im Brâncoveanu-Stil errichtete und von venezianischen Baumeistern umgestaltete Schlösschen selbst ist ein sehenswertes architektonisches Kleinod.

Einst Zentrum des gesellschaftlichen Lebens

1688 von Fürst Brâncoveanu erbaut, der später von den Türken entmachtet wurde und ein dramatisches Ende durch Enthauptung fand, folgten für den Palast Phasen der Zerstörung, dazwischen jedoch von ungeahnter Blüte.
Zuletzt befand er sich im Besitz des Prinzen George Bibescu, dessen Ehefrau Martha sich der Renovierung annahm. Unter ihrer Hand avancierte der Palast schnell zum Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, wo Künstler, internationale Diplomaten, Politiker und auch die spätere Königin Maria, eine Freundin Martha Bibescus, ein und aus gingen.

Selbst als der Palast 1916 von der deutschen Luftwaffe bombardiert worden war, nahm Prinzessin Martha 1920 die Renovierungsarbeiten erneut auf sich, diesmal mit Hilfe venezianischer Architekten für die Innengestaltung. Alsbald stolzierten wieder Pfauen auf den dekorativen Wegen des italienischen Gartens, das gesellschaftliche Leben erwachte neu.

Selbst 1945, als Martha Bibescu von den Kommunisten enteignet wurde, galt ihr Gedanke dem Schicksal des Palastes. Bevor sie Rumänien für immer verließ, setzte sie durch, dass das Schloss zum nationalen Kulturerbe deklariert wurde. Nur so war es möglich, das in erbärmlichem Zustand befindliche  und leergeplünderte Gebäude nach dem Fall des Kommunismus erneut in eine blühende Stätte von Kunst und Kultur zu verwandeln. Die neue Martha Bibescu, der dies trotz vieler Anfangsschwierigkeiten gelungen ist, heißt Doina Mândru.

Im Reich von  Martha Bibescu

Stolz zeigt die Museumsdirektorin, die uns selbst durch die Palastanlage führt, auf die festliche winterliche Beleuchtung im einstigen Reich der Prinzessin. Die „Cuhnia“ – zu Zeiten Brâncoveanus eine Außenküche, heute separate Ausstellungsgalerie – zieren schlichte Kreuze, auf dem begehbaren Eingangsturm prangt unter der rumänischen Flagge eine Glocke, Die Säulen von Schloss und Restaurantkomplex säumen leuchtende Sterne und Kugeln.

Im weitläufigen Park baumelt ein Meer an schlichtweißen „Glühwürmchen“ von knorrigen Bäumen. Dahinter die kleine Kirche, mit der Constantin Brâncoveanu sein Bauwerk begonnen hatte. Votivbilder zeigen die ganze Fürstenfamilie. Den unseligen Lenin, der lange hinter der Schlossmauer lag, hat man mittlerweile entsorgt, meint Doina Mândru und verdreht die Augen. Dann treten wir in die Hallen des zweistöckigen Museumspalastes, der täglich außer Montag von 9-17.00 Uhr besichtigt werden kann.

Im Obergeschoss, das vor allem durch seine Marmorintarsien, geschwungene steinerne Türrahmen und einen goldenen Boden aus gläsernen venezianischen Mosaiksteinchen beeindruckt, ist standardmäßig die Ausstellung zu sehen – Teppiche, Bilder und Möbel aus der Stiftung von Dan Nasta zur Zeit der Gründung des Museums. In der unteren Etage gastiert seit letztem Oktober die Bilderausstellung „Sigma – Secvenţe şi interferenţe“.

Naturgesetze künstlerisch interpretiert

Sie zeigt vor allem frühe Werke einer Bewegung, die sich in den 60er Jahren am Kunstlyzeum Temeswar/Timişoara formierte und in den 70ern die Ausbildung dort durch Integration des deutschen Bauhaus-Stils radikal reformierte. Die zunächst als „Gruppe 111“ bekannten Kunstrebellen restrukturierten sich 1969-1980 in der bekannten „Sigma“-Gruppe, die die Experimente der Vorgänger fortsetzte.

Im Mittelpunkt des Interesses standen vor allem Studien, die sich an den damaligen Grenzen der Naturwissenschaft – Mathematik, Physik, Bionik und Kybernetik, Biologie und sogar Psychologie  – orientierten. Zeit, Raum und energetische Schwingung sind nur einige der Lieblingsthemen von Constantin Flondor, Ştefan Bertalan und Roman Cotoşman. Alsbald eroberten die Werke der Freidenker die Ausstellungen in ganz Europa. Gottfried Sello schreibt am 25. April 1969 über die Ausstellung „Elemente und Prinzipien“ in Nürnberg in der „Zeit“: „Zum ersten Mal sind in einer internationalen Ausstellung Künstler aus dem Osten gleichermaßen stark wie aus dem Westen. Am Ende werden die Künstler aus dem Ostblock nicht mehr wie die armen Verwandten angesehen.“

In den Brâncoveanu-Räumen wirkungsvoll arrangiert, bestaunen wir Studien über energetische Felder (Flondor), die Fadenplastik „Kommunikation der Räume“ (Bertalan), oder die Illusion eines pulsierenden metallischen Bildes (Flondor), die tatsächlich durch geometrische Muster hinter einer geriffelten Glasplatte hervorgerufen wird. Im zweiten Raum zieht die effektvoll beleuchtete Plastik eines dreidimensionalen Metallknoten (Flondor) den Blick auf sich. Beeindruckend auch die Fotoserie „Konvex-Konkav“ vom selben Artisten, der mit dem Abdruck eines Balls in einer Mehlfläche demonstrierte, dass die Wahrnehmung der Mulde als erhabene Kugel oder als konkave Struktur nur vom Lichteinfall abhängt.

Keine Mühe scheute Flondor in seinen „Solarogrammen“, künstlerisch inspirierten Aufzeichnungen des Schattenwurfs, den ein über zwei Berggipfel gespanntes Seil im Zuge der Veränderung des Sonnenlaufs erzeugt. Die Ausstellung wird ergänzt durch Filme aus der Zeit des Lyzeums, die zum Beispiel zeigen, wie Studenten die Geometrie der Winkel zwischen den Seifenblasenmembranen von Schaum auf einer Glasplatte vermessen.

Variationsreiches Programm lockt auch 2012

Neben den ständig wechselnden Kunstausstellungen bietet das ehrgeizige Veranstaltungsprogramm auch 2012 zahlreiche Konzerte, Festivals, Workshops, Kurse oder Sonderführungen, sowie Spezialprogramme für Kinder. Mit Diversität und ständiger Variation des Angebots schaffte es Doina Mândru, das Museum seit seiner Gründung 2001 in ein attraktives Veranstaltungszentrum zu verwandeln, das stets unterschiedliche Besucherkreise anzieht. Der Palast in Mogo{oaia ist heute Förderplattform moderner rumänischer Artisten, aber auch Begegnungsort der internationalen Kunstszene.

Für die folgenden Wintermonate stehen mehrere Ausstellungen auf dem Programm:

15.1.-4.3., Palastmuseum: Ausstellung „Outdoor“ von Francisc Chiuariu. Zwölf Monate lang knipste der aus der Biennale Moskau 2011 bekannte Künstler überraschend Menschen auf der Piaţa Unirii, die er anschließend mit einer Räumlichkeit suggerierenden Technik auf Leinwand malte.

26.2.-10.4., Galerie „Casa artelor“: Keramikausstellung „Gedächtnis der Erde, Gedächtnis der Menschheit“  von George Tiutin, von der Antike bis Art Nouveau.

11.3.-6.5., Galerie „Cuhnia“: Ausstellung „Symbolische Geometrien von Gemälden“ von Onisim Colta, Marin Gherasim und Silvia Oraviţan.

Folgende Musikveranstaltungen sind für die ersten drei Monate geplant:

21.1. und 18.2., 11.00-13.00 Uhr, Palast: Musikwettbewerb „Weg zur Berühmtheit“ mit Übertragung durch Radio România, erste beiden Veranstaltungen von insgesamt elf im Laufe des Jahres, zum Thema Violine und Gitarre. Anschließend Führung durch den Palast. Gesangs- oder instrumentalbegleitete Klavierkonzerte finden jeweils um 17.00 Uhr am 12.2. (Jules Massenet, George Enescu), am 26.2. (Beethoven)und am 11.3. (Bach, Paganini etc.) und 25.3.(Beethoven)statt.

Weitere Highlights des Jahres sind Ausstellungen wie „Porträts aus Brot“, Demonstrationen und Anleitungen zur  Kinderbuchillustration oder die „Karawane des Handwerks“, bei der den Besuchern Töpferkunst, Schmiede- und  Weberhandwerk in Form von mobilen Ateliers vorgestellt werden. Des weiteren soll 2012 ein orientalisches Musikfest stattfinden, sowie eine Neuauflage der im letzten Sommer sehr beliebten wöchentlichen Veranstaltung „Jazz und Poesie“.

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