„Im Rampenlicht“

Klausenburger haben die Möglichkeit, ihre Lebensgeschichte auf einer Theaterbühne zu erzählen

Sonntag, 12. April 2015

Die sieben Teilnehmer der ersten Auflage von „Sub Reflector“ („Im Rampenlicht“) im Mai 2014 Foto: Cătălin Grigoriu

Marina Muntoi hat ein ganzes Leben als Krankenschwester gearbeitet. Jetzt lebt sie mit ihren Katzen und schreibt Gedichte. Foto: Octavian Fedorovici

Reactor ist ein beliebter Treffpunkt für junge Leute.

Die Eintrittskarten für die Vorstellungen sind innerhalb weniger Tage ausverkauft. Fotos (2): Facebook Reactor

„Ich hatte einen guten Abschluss gemacht, hatte einen Job gefunden, der mir Spaß machte, hatte viele Freunde und eine Wohnung. Meine Eltern waren stolz auf mich. Trotzdem war ich nicht glücklich. Meine Therapeutin hat mir eines Tages von einem Mann erzählt, der jeden Tag acht Stunden am Fließband steht und trotzdem ein erfülltes Leben führt. Weil dieser Mann jeden Tag nach der Arbeit in sein kleines Atelier geht und malt. Nur eine Stunde lang. Aber diese Stunde gibt ihm genügend Energie, um den nächsten Tag am Fließband zu überstehen. Dann habe ich gedacht, dass ich auch so etwas brauche. Etwas, das nur für mich ist“.

Cristina, 23 Jahre alt, hat dieses „Etwas“ vor einem Jahr entdeckt, seitdem sie in Klausenburg/Cluj-Napoca einer Feuertanzgruppe beigetreten ist. „Jetzt erst bin ich glücklich. Mein neues Hobby ist zur Leidenschaft geworden, gibt mir Energie. Ich bin heute Abend hier, um allen von euch zu sagen: Sucht euch ein Hobby, das euch erfüllt.“

Die Rede von Cristina ist zu Ende. Die junge Frau jongliert anschließend mit lodernden Fackeln. Dann geht das Licht aus. Das Publikum klatscht begeistert. Es ist keine richtige Theateraufführung, die im kleinen Saal auf der Petöfi-Sandor-Straße in Klausenburg zu sehen ist. Die Leute auf der Bühne sind keine Schauspieler und das, was sie sagen, ist nicht erfunden. „Sub Reflector“ (Im Rampenlicht) ist ein Projekt des unabhängigen Theaters Reactor, das im Jahr 2014 in Klausenburg von den beiden jungen Schauspielern Oana Mardare und Doru Talo{  gegründet wurde. „Es gibt viele Absolventen der Schauspielhochschule, aber viel zu wenige Arbeitsplätze im Theaterbereich. Deshalb ist so ein Ort wichtig.  Reactor ist offen für alle Künstler, die etwas mitzuteilen haben. Hier kann ihre Stimme gehört werden“, sagte Oana Mardare vor einem Jahr.
Heute ist Reactor aus der jungen Künstlerszene in Klausenburg  kaum  wegzudenken.

Hier finden regelmäßig Veranstaltungen statt, darunter Theateraufführungen, (sowohl Gast- als auch Eigenproduktionen), Diskussionen, Workshops, Schauspielkurse und Vorstellungen für Kinder. Da Klausenburg in diesem Jahr Europäische Jugendhauptstadt ist, gibt es immer wieder neue Projekte, wie zum Beispiel eine Horror-Theateraufführung oder ein Festival für Jugendliche.

Das Projekt „Im Rampenlicht“ wird vom Theaterregisseur Cristian Ban koordiniert. Alle drei Monate werden dem Publikum je sieben Bewohner der Stadt Klausenburg mit einer interessanten Lebensgeschichte vorgestellt. Jede Aufführung findet nur ein einziges Mal statt. Bis jetzt gab es zwei Auflagen von „Im Rampenlicht“, die dritte folgt im Mai.

Der 27-jährige Valeriu erzählt von seiner Schulzeit in einer kleinen Industriestadt. Als Teenager hatte er kaum Freunde und verbrachte seine Zeit damit, Bücher aus dem Lateinischen zu übersetzen. Heute arbeitet er als Programmierer, tritt nebenbei als Jongleur auf und hat gerade seinen ersten Gedichtband fertig geschrieben. Er heißt „Die Schlaflosigkeit der Schnecke“. Niemand hat die Gedichte bisher gelesen. Valeriu bringt sie an diesem Abend zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.

Die Idee, mit Menschen zu arbeiten, die keine Schauspieler sind, hatte Cristian Ban schon während seiner Studienzeit fasziniert. Nur gab es bis letztes Jahr keine Möglichkeit, sie umzusetzen. „Als Reactor eröffnet wurde, gab es eine Sitzung. Dort habe ich meine Idee vorgestellt: Ganz normale Leute sollten zehn Minuten zur Verfügung haben, um ihre Lebensgeschichte auf der Bühne zu erzählen“, erklärt der Regisseur. Die Leute von Reactor waren von der Idee begeistert und haben angefangen, Teilnehmer zu suchen. „Es sollten Personen sein, die entweder eine interessante Lebensgeschichte oder eine außergewöhnliche Leidenschaft haben. Oder ein Talent, von dem sie bisher nicht gewagt haben, ihren Bekannten zu erzählen.“

Der 25-jährige Ingenieur Mircea fühlt sich einsam, weil alle seine Freunde nach Westeuropa oder Amerika ausgewandert sind. Seitdem er den japanischen Schwertkampf Kendo entdeckt hat, fühlt er, dass sein Leben einen Sinn bekommen hat. Seine Arbeitskollegen wissen nichts von seiner Leidenschaft. An diesem Abend  präsentiert Mircea vor ihnen einige Kendo-Figuren.

Auf den Straßen von Klausenburg  ist zurzeit ein gelbes Plakat zu sehen, auf dem mit großen schwarzen Buchstaben steht: „Wir bieten: eine Bühne, einen Scheinwerfer und zehn Minuten, in denen du uns zeigst, was du kannst. Hast du eine Leidenschaft, von der du unbedingt erzählen willst? Oder kennst du jemanden, der gut ins Rampenlicht passen würde?“. Die Annonce kursiert zur Zeit auch im Internet. „Das Projekt ist ein Treffpunkt für jene, die normalerweise im Publikum sitzen, doch einmal im Leben auf der Bühne stehen wollen. Aber auch für diejenigen, die entdecken möchten, welche Talente und Geschichten sich hinter scheinbar gewöhnlichen Leuten in ihrer Stadt verbergen“, erläutert Oana Mardare, die Leiterin des Theaters. „Es können Ingineure, Rentner oder Arbeitslose sein. Wir suchen keine Künstler.

Es können Sammler von interessanten Objekten sein. In der ersten Edition gab es zum Bespiel einen Mann, der ausgestopfte Vögel sammelte“, erzählt Cristian Ban. Nachdem sich genug Leute für das Projekt eingeschrieben haben, wählt der Regisseur die interessantesten sieben Kandidaten aus. „Es sind immer sieben, weil die Aufführung etwa 70 Minuten dauern sollte“, erklärt er. Nach der Auswahl beginnen die Proben, die etwa einen Monat lang dauern.

Der pensionierte Offizier Gheorge, 67, steht auf der Bühne, obwohl seine Frau ihn gewarnt hatte, dass sich die Leute über ihn lustig machen könnten. Trotzdem hat er keine Angst. Er erzählt von seiner Leidenschaft für rumänische Volksmusik und über seinen Auftritt bei der Sendung „Debut 50 plus“ auf TVR. Anschließend  singt er ein Lied und wird mit Applaus belohnt.

„Bei den Proben treffe ich mich mit allen sieben Leuten und erkläre ihnen im Detail, worum es geht. Dann sollen sie über sich selbst sprechen. Ich schreibe auf, was ich interessant finde und dann folgen individuelle Besprechungen mit jedem von ihnen. Sie selbst erarbeiten daraufhin eine Struktur, in der sie fünf bis sechs Minuten erzählen und in den restlichen fünf Minuten tanzen, singen oder lesen sie vor. Es ist wichtig, dass sie den Text nicht aufschreiben und dann  auswendig lernen. Ich bitte sie immer, frei zu sprechen, nur  sollten sie die Struktur im Kopf haben“, verrät Cristian.

Manchmal gibt es auch Probleme - eben weil es sich um Leute handelt, die keine Schauspieler sind. „Da waren zwei ältere Damen, die sehr witzig erzählen konnten. Vor der Vorstellung hatten sie jedoch so großes Lampenfieber, dass sie nicht mehr auftreten wollten. Oder es gab diese Frau aus Afrika, deren Eltern nach Klausenburg zu Besuch gekommen sind. Sie hatte dann keine Zeit mehr für Proben.“ Wenn solche Zwischenfälle auftreten, muss die Vorstellung abgesagt werden.
„Ich glaube, dass die Leute aus ganz verschiedenen Gründen akzeptieren, am Projekt teilzunehmen. Viele wollen auf der Bühne gesehen werden. Es ist der Star in ihnen, der entdeckt werden will. Vielleicht war es ein Kindheitstraum, den sie nie verwirklichen konnten. Andere wollen vor dem Publikum ihr künstlerisches Können testen. Bei der nächsten Auflage werden wir einen jungen Mann aus der Republik Moldau dabei haben, der im IT-Bereich arbeitet und zwei Songs komponiert hat, die niemand bisher gehört hat. Er will sehen, ob die Songs beim Publikum ankommen.

Dann gibt es noch eine junge Frau, die ihren Job in einem großen Unternehmen kündigen möchte, um ein Schokoladengeschäft zu öffnen. Sie wird im  Publikum selbstgemachte Schokolade verteilen“. Der Regisseur hat während der Arbeit an den drei Auflagen des Projekts eine Tendenz bemerkt: Bei den Personen, die „ins Rampenlicht“ wollen, handelt es sich oft um junge Leute, die in großen Konzernen arbeiten und ihren Job kündigen wollen, um etwas ganz Neues mit ihrem Leben anzufangen. Es sind Menschen, die vielleicht schon immer einen Traum hatten, aber bisher nicht den Mut, ihn zu verwirklichen.

Sowohl beim Publikum, als auch bei den Teilnehmern kommt „Im Rampenlicht“ stets gut an. „Für mich ist das Publikum sehr wichtig, aber bei diesem Projekt sind mir die Teilnehmer noch wichtiger. Ich fühle mich verantwortlich für sie. Ich weiß, dass viel Mut erforderlich ist, um vor einem Publikum aufzutreten und einfach über sich zu erzählen.“
Der Abend geht weiter mit einer 25-jährigen Hausfrau, die eine Karriere im Wirtschaftsbereich aufgegeben hat, um mit ihrem Mann aufs Land zu ziehen. Es folgt eine Studentin, die ihr Taschengeld verdient, indem sie auf der Straße Gitarre spielt. Die junge Frau wundert sich, dass in der Hektik des Alltags so viele Leute stehen bleiben und ihr zuhören. Vom Restaurant, vor dem sie singt, bekommt sie jeden Tag einen warmen Kaffee geschenkt.

Mehr Informationen über Reactor und das Projekt „Sub Reflector“ gibt es unter www.reactor-cluj.com. Wer eine interessante Lebensgeschichte präsentieren oder jemanden mit einem ausgefallenen Hobby empfehlen möchte, der in Klausenburg oder Umgebung wohnt, kann sich per Mail an subreflector@gmail.com wenden.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 12.04 2015, 07:55
Sehr guter Artikel, Gratulation!
Durch dieses Projekt wird Sinn gegeben, oft Menschen, die anscheinend ansonsten unglücklich waren.
Dadurch erhalten Menschen Bestätigung, Unterstützung, Anerkennung, neue sinnvolle Kontakte...

Solche Initiativen vermisse ich leider im südlichen Siebenbürgen in Kronstadt, Hermannstadt, Medisch z.B...
Und auch bei den wenigen noch vorhandenen Sb. Sachsen.
Die ziehen es meist vor, sich zu verstecken... den Eindruck habe ich.

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