Im Reich des Sternenprinzen Csaba

Auf den Spuren der Szekler, Armenier, Juden und Tschangos in Covasna und Harghita

Sonntag, 22. Oktober 2017

Tschango-Junge in Ghimeş

Prinz Csaba, mythischer Beschützer der Szekler und Tschangos

Im Szeklerland gibt es sehr gut gestaltete Museen, wie hier in Miercurea Ciuc.

Detail von Szeklertor in Satu Mare

Gheorgheni: jüdische Synagoge

Gheorgheni: Detail armenische Kirche
Fotos: George Dumitriu

Links die gelbe Sonne, rechts der blaue Mond. Darunter Berge, Wald, sanfte grüne Hügel. Auf einmal zerreisst ein fürchterliches Brausen die Luft! Ein Schwert wirbelt um die Feuerkrone, die das Gesicht des wilden Reiters umgibt. Sein Gewand scheint aus Sternenseide, sein Pferd ein schnaubender Thron, geschmückt mit roten Quasten, güldenen Glöckchen und Fahnen. So stellen sich die Szekler ihren mythischen Beschützer vor, den Prinzen Csaba, jüngster Sohn des Hunnenkönigs Attila.

Im Nationalen Szeklermuseum von Sfantul Gheorghe leuchtet seine Gestalt von einem Vitralienfenster - und läutet unsere spannende Reise durch das Szeklerland ein. Um seine Schützlinge muss der Prinz, dessen himmliche Herkunft die blau-goldene Szeklerfahne inspirierte, nicht bangen: Wir kommen in friedlicher Absicht. Es ist die vierteJournalistenreise auf der Suche nach dem touristischen Potenzial der Minderheiten, mit dem sich das Departement für Interethnische Beziehungen der rumänischen Regierung (DRI) im Rahmen der Donauraumstrategie befasst (in den ersten dreien ging es in die Dobrudscha, ins Kreischgebiet und ans Eiserne Tor). Sie führt ins Herz jenes siebenbürgischen Gebiets, in dem die Szekler die Mehrheit bilden: Covasna und Harghita. Dort streifen wir auch Spuren der Armenier, der jüdischen Gemeinschaft und der Tschangos.

Sonne, Mond und Tulpen

Wer sind eigentlich die Szekler? Einige Forscher vermuten die Hunnen oder Awaren als Vorfahren, andere halten sie für ein türkischstämmiges Volk, weil ihr Dialekt im Vergleich zu anderen ungarischen Dialekten wesentlich mehr turksprachige Begriffe enthält. Umstritten ist, ob sie ursprünglich eine eigenen Sprache hatten und sich erst in der Gefolgschaft der Magyaren sprachlich anpassten. Historische Quellen erwähnen die Szekler („Siculi“) erstmals 1116. Bis ins frühe 18. Jh. dienten sie dem ungarischen Königreich als Grenzwächter gegen Angriffe der Tataren, Türken, Kumanen und Mongolen, ihr Rechtsstatus war jedoch unabhängig. Als Söldner kämpften sie auch unter walachischen und moldauischen Fürsten, Stefan dem Großen oder Michael dem Tapferen.

Was ist typisch für die Szekler? Die hölzernen geschnitzten Gedenkstelen mit ihren spezifischen Symbolen, eine ganze Reihe kann man hinter der Ringmauer der Burg in Sfântul Gheorghe bewundern. Thront eine Blume an der Spitze, steht die Stele für eine verstorbene Frau. Aber auch die kunstvoll geschnitzten, bemalten Holztore, die auf den ersten Blick denen der Maramuresch ähneln. Wofür das Taubenhäuschen darauf tatsächlich verwendet wurde, erfahren wir im Szeklermuseum von Oderhellen/Odorheiu Secuiesc... An die Hundert solcher Tore kann man dort in einem Dorf namens Satu Mare bestaunen, elf davon sind geschützte Baudenkmäler, das älteste aus dem Jahr1858.

Nur einigen Geheimnissen kommen wir auf die Spur. Rätselhaft bleibt der Ursprung der terassierten Hügel, die uns auf der gesamten Strecke begleiten. Aufgelassene Weingärten? Viehwege? Nein, die würden sich kreuzen, diese aber sind stets parallel. Wer hat sie angelegt? Kein Experte kann uns dies erklären. Die Reise gleicht einer Tour de Force, ein Stakkato der Eindrücke für Augen, Ohren, Hirn. Es drängt sich der Wunsch auf, wiederzukommen - mit mehr Zeit und Muße. Und wie auch bei den letzten DRI-Reisen wird zu einzelnen Etappen ausführlich nachberichtet!

Sfântul Gheorghe

Ein Muss ist das Nationale Szeklermuseum (1875), eines der ältesten im Land, mit der größten Sammlung außerhalb Ungarns. Seine Helden: Gabor Aron (1814-1849), der aus 300 Kirchenglocken 64 Kanonen für die Szeklerarmee gegossen hat, eine davon, ausgegraben 1986 in Târgu Secuiesc. Neben dem prächtigen Vitralienfenster mit Prinz Csaba füllt ein Bild von Miklos Banffy - Politiker, Schriftsteller, Szenograf und Besitzer des Schlosses in Bon]ida - die Wand. Im Treppenhaus Skizzen des berühmten Architekten des Museumsbaus, Károly Kós. Bemerkenswert in der Ausstellung vom Neolithikum bis zur Antike sind die lokalen Funde aus der Erösd-Kultur (Kupferzeit; Teil der Arieş-Cucuteni-Tripolie-Kultur), sowie zu den Skythen und Dakern. In Covasna waren zwei römische Legionen stationiert. Reizvoll ist eine Ausstellung zur Kinderstube der Szekler: Babywiege, Holzbadewanne, hölzerne Miniaturen - Ziehbrunnen, Webstuhl, Waage, Leiterwagen – und ein bespannter Ochsenkarren aus geflochtenem Stroh als Spielzeuge. Im Handwerkersaal mit Werkstätten und Häusermodellen – Holz, weiß verputzt, mit Schindeln oder Stroh gedeckt - ist das Glanzstück die bemalte Kassettendecke der Kirche von Barátos (1760).

Anschließend geht es zur reformierten Kirche in der Burg. Die Kirche wurde 1332 erstmals erwähnt, dreimal von Erdbeben beschädigt (1728, 1738, 1802) und zweimal von Tataren verwüstet (1658, 1661). Zur Bauzeit war Sfântul Gheorghe bereits eine stattliche Siedlung an der Kreuzung bedeutender Handelswege zwischen dem Burzenland und den drei Szeklerstühlen. Die Kirchenburg ist der einzige aus dem Mittelalter erhaltene Bau der Stadt, die Kirche, ursprünglich katholisch, wurde im 16. Jh. lutherisch, 1570 unitarisch, 1622 calvinistisch.

Land der Schlösser, Burgen, Kirchen

Die Landschaft auf dem Weg nach Tălişoara besticht durch sanfte Hügel, Wälder und Wiesen, bedeckt von abertausenden Herbstzeitlosen. Dort steht die Besichtigung des zum Boutique-Hotel ausgebauten Schlosses der historischen Adelsfamilie Daniel an. Neubesitzerin Lilla Racs führt durch die zehn Zimmer. Rustikales und Edles geben sich die Hand, Geschichte grüßt aus allen Ecken: Schautafeln, restaurierte Fresken, eine begehbare Glasplatte mit Blick ins Kellergewölbe. Auch gastronomisch überzeugt das Konzept.

Weiter geht es nach Miercurea Ciuc, das seinen Namen einem mittwöchlichen Markt neben der Burg Miko verdankt. 1585-1635 erbaut, 1661 von türkisch-tatarischen Truppen abgebrannt, wurde sie 1714 wieder aufgebaut und 2010 restauriert. Seit 1930 befindet sich das städtische Szeklermuseum dort. Vier Dauerausstellungen informieren über Burggeschichte, Ethnografie, sakrale Kunst und franziskanische Druckerei. Betritt man den „Saal 1600“ mit Brunnen, dreht sich ein amüsanter Kurzfilm um die Geschichte der ausgestellten Gegenstände. Im „Saal 1700“, eine Küche mit Speckkammer und Ofen, belustigt ein weiterer Film über ein hektisch zubereitetes Festessen. Im Schwerter-Saal ziehen rote Militärröcke und dreieckige Hüte alle Blicke auf sich: Sie hängen an Stuhllehnen, als ob ihre Besitzer mal eben rausgegangen wären. „Hier dürfen sich die Kinder verkleiden“, so der Führer. Alsbald posieren Journalisten übermütig als Soldaten. Kameras blitzen.

Das als katholischer Wallfahrtsort berühmte Fransziskanerkloster in Şumuleu Ciuc erreichen wir bei Sonnenuntergang. 1443 wurde die zweitürmige Kirche von Johann Hunyadi für den missionierenden Orden gestiftet. Größter Schatz: die 2,27 Meter hohe, wundertätige Marienstatue, 1510-1515 aus Lindenholz geschnitzt, angeblich größte Gnadenstatue der Welt. Dankestafeln links und rechts bezeugen ihre Kraft. Die 1835 im neoklassischen Stil mit barockem Einfluss rekonstruierte Kirche beeindruckt durch eine Fülle an kostbaren Details.

Einst Hochburg von Armeniern und Juden

Gheorgheni, auf den ersten Blick unaufällig, entpuppt sich als interessante Überraschung: Als die Juden 1824 einwanderten, fanden sie sich mit zwei Problemen konfrontiert:Der Handel war bereits fest in armenischer Hand und der Markt fand ausgerechnet am Samstag statt, dem jüdischen Schabbat. So orientierte man sich am fliegenden Handel und dem Aufbau der Industrie. Die Armenier waren Anfang des 17. Jh. nach Gheorgheni, ein bedeutender Knotenpunkt der Handelswege zwischen Siebenbürgen und der Moldau, eingewandert. Nach einer Massenkolonisierung 1672 erwarben sie 1680 eine Holzkapelle, die zur katholischen Kirche ausgebaut und 1748 befestigt wurde. Hauptfigur darin ist der hl. Grigore, der Armenien 301 christianisierte. In der künstlerisch reizvollen Kirche finden noch Gottesdienste statt. Die armenische Sprache wird nicht mehr gesprochen, doch sind alte Kirchenlieder erhalten. Ganz anders die Situation der jüdischen Gemeinschaft: Bis Ende der 1930er Jahre florierte das jüdische Leben, dem der Holocaust ein brutales Ende setzte: 986 Juden wurden nach Auschwitz und Birkenau deportiert, 92 überlebten. 45 kehrten zurück, fast alle wanderten später nach Israel aus. Die Synagoge ist schlicht, doch wegen einiger Besonderheiten sehenswert, immerhin die einzige im Szeklerland.

Tschango-Rhythmen im Ghimeş-Tal

Über Oderhellen geht es weiter nach Crişeni in das charmante Strohhutmuseum, zur Wehrkirche nach Dârjiu (UNESCO-Welterbe) und schließlich ins Ghimeş-Tal. Wieder säumen Wiesen voller Herbstzeitlosen den Weg, oder Felder mit Kürbissen, manche so groß wie ein kleines Schwein.

Im Pensionskomplex Borospanzio, aus alten Holzhäusern der Region entstanden, führt in einer ausgebauten Scheune eine Tänzergruppe der Tschangos ihre traditionellen Tänze vor. Typisch sind rhythmisches Stampfen und Drehelemente, die Musik wird auf der fünfsaitigen Tschango-Violine und dem Ghordun, einem gitarreähnlichen Holzkasten, der sowohl geklopft als auch gezupft wird, gespielt. 40 Tänze, angeblich hunderte Jahre alt, sind noch erhalten. Die Ghimeşer Tschangos sind katholisch, leben von Viehzucht und sprechen einen ungarischen Dialekt. Tschangos gibt es auch in der Moldau, doch dort wird ein archaisches Ungarisch gesprochen. Der Ursprung der Tschangos ist nebulös: Teils wird angenommen, dass sich Gruppen aus dem Verband der Szekler herausgelöst hatten („csáng“ heißt ungarisch „herumstreifen“). Sie könnten aber auch eine magyarisierte Urbevölkerung sein. Der Sage nach begleiteten sie einst den Hunnenkönig Attila. Ihr mythischer Beschützer - Csaba, der Sternenprinz.

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