Im Schnittpunkt von Wissenschaft, Kritik und Feuilleton

„Publizistische Germanistik“ von Paul Michael Lützeler bei de Gruyter erschienen

Samstag, 09. Januar 2016

Paul Michael Lützeler: „Publizistische Germanistik. Essays und Kritiken“, Walter de Gruyter: Berlin, Boston, 2015, 425 S., ISBN 978-3-11-042740-0, 49,95 Euro

Von dem 1943 in Deutschland geborenen und 1968 in die USA ausgewanderten germanistischen und komparatistischen Literaturwissenschaftler Paul Michael Lützeler ist jüngst im renommierten Verlag Walter de Gruyter (Berlin/Boston) ein umfangreicher Band von Essays und Kritiken erschienen, der an den Schnittpunkten von Wissenschaft und Journalismus, von kritischer und feuilletonistischer Beschäftigung mit Literatur angesiedelt ist.

Daher auch der Titel des Sammelwerkes „Publizistische Germanistik“, der zugleich den Fokus auf eine literarische Öffentlichkeit richtet, die zwar allgemein im Rückgang begriffen ist, sich aber in bestimmten bildungsbürgerlichen Kontexten noch behaupten kann: in speziellen Buchhandlungen, bei öffentlichen Lesungen und literarischen Diskussionen, in den Feuilletons ausgewählter Tages- und Wochenzeitungen, in TV-Literatursendungen und nicht zuletzt im Literaturstudium an den Universitäten und Hochschulen.

Dem germanistischen Fachpublikum ist der Autor Paul Michael Lützeler vor allem bekannt durch seine Studien zum Oeuvre des österreichischen Schriftstellers Hermann Broch und durch die von ihm zwischen 1974 und 1981 herausgegebene kommentierte Broch-Werkausgabe in 17 Bänden. Mit der Gründung des Max Kade-Zentrums für deutschsprachige Gegenwartsliteratur in St. Louis machte Lützeler den Elfenbeinturm der akademischen Literaturwissenschaft transparent auf eine literarische Öffentlichkeit, die er durch die Aktivitäten jenes transatlantischen Literaturzentrums entscheidend mitzubefördern wusste. Deutschsprachige Autoren, Kritiker und Wissenschaftler kamen in St. Louis im amerikanischen Bundesstaat Missouri zusammen und ihre Begegnungen und Diskussionen strahlten aus auf die nordamerikanische wie europäische Medienwelt, die sich nun ihrerseits an der weiteren Formung einer literaturinteressierten Öffentlichkeit mitbeteiligte.

Lützeler folgt in seinem Sammelband „Publizistische Germanistik“ der Tradition des europäischen Essayismus, der etwa im Schaffen Hermann Brochs – man denke zum Beispiel an dessen grandiose essayistische Studie „Hofmannsthal und seine Zeit“ – oder auch im Werk Robert Musils – man denke nur an dessen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ – eine bedeutende Rolle spielt. Für Musil errang der Essayismus als Form sogar den herausgehobenen Status einer Selbstreflexion der Moderne im Medium der Literatur.

Der von Paul Michael Lützeler vorgelegte Band versammelt Essays und Kritiken, die der Rosa May Distinguished University Professor in the Humanities an der Washington University in St. Louis – wie Lützelers Amtstitel vollständig lautet – in deutschsprachigen Wochen- und Tageszeitungen („DIE ZEIT“, „Neue Zürcher Zeitung“, „DIE WELT“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Tagesspiegel“ etc.) sowie in diversen Kulturzeitschriften (Neue Rundschau, Merkur etc.) während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte veröffentlicht hat.

Das Buch mit annähernd vierhundert Seiten reinem Text gliedert sich in die fünf Kapitel „Gegenwartsliteratur: Roman und Poetik“ (S. 23-133), „Exildichtung: Verbannung und Rückkehr“ (S. 135-225), „Klassik und Romantik: Von Goethe bis Heine“ (S. 227-272), „Europa-Diskurs: Literatur und Politik“ (S. 273-337) und „Zeitkritik: Nationale und globale Entwicklungen“ (S. 339-396). Eine editorische Notiz (S. 397), ein Verzeichnis der Quellen (S. 399-402) und ein umfangreiches Personenregister (S.403-417) beschließen den Band, der mit einer Widmung an die beiden verstorbenen Literaturkritiker Hansres Jacobi und Rolf Michaelis (S. V), einem Inhaltsverzeichnis (S. VIIf.) und einer substanziellen Einleitung (S. 1-21) eröffnet wird.

In dieser Einleitung versucht Paul Michael Lützeler den garstig breiten „Graben, der Kritik und Wissenschaft trennt“ (S. 4), auszuleuchten und zugleich Wege aufzuzeigen, wie Literaturkritik im „Dreieck von Journalismus, Wissenschaft und Literatur“ (S. 5) zukunftsträchtig weiterbestehen kann, insbesondere angesichts der Herausforderungen des heutigen Literatur- und Medienbetriebs, den Lützeler übrigens äußerst skeptisch beurteilt.

Dennoch sieht Lützeler in diesem Kontext eine Chance für die Germanistik, insbesondere für eine Germanistik, die von sich aus Brücken zur Gegenwartsliteratur und zur zeitgenössischen Literaturkritik schlägt. „Wenn die Germanistik einen Weg findet, ihre Ergebnisse sprachlich so zu vermitteln, dass sie von den unterschiedlichen Medien aufgenommen werden können, mag sie an Terrain wiedergewinnen, was ihr im Feuilleton der Zeitungen verlorengegangen ist. Ob es im Fernsehen, dem buchfernsten Medium, geschehen kann, ist eher fraglich (wenn auch keineswegs hoffnungslos), aber in den verbliebenen Sparten der Printmedien (etwa den Literaturmagazinen und Kulturzeitschriften) sowie den Online-Versionen der Presse bestehen Chancen.“ (S. 10f.)

Lützelers Essay- und Kritikenband zeugt nicht nur von großer Fachgelehrsamkeit, von einer enormen Weite des literaturwissenschaftlichen Horizonts, der literarhistorisch betrachtet Klassik und Romantik, aber auch die zeitgenössische Gegenwart umfasst. Lützeler berührt zudem in diesem Band eine Vielfalt von Themen, beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Autorinnen und Autoren, mit zahlreichen Einzelwerken, mit Fragen der Ästhetik und Poetik, mit Reflexionen zu Politik und Exil, mit Problemen der Postmoderne und natürlich auch mit Hermann Broch (vgl. S. 189-225).

Besonders lesenswert sind die Essays, die europäische Themen beleuchten, sei es nun aus literarischer, sei es aus politischer oder historischer Perspektive, nicht zuletzt, weil sie von einem Zeitgenossen stammen, der die Verhältnisse in Amerika wie auch die in Europa sehr gut kennt und gleichzeitig einen transatlantischen wie intrakontinentalen Blick auf die Zeitläufte zu werfen in der Lage ist. Insbesondere die 2011 und 2008 im „Merkur“ erschienenen Essays „Die Schriftsteller und das europäische Projekt“ (S. 278-289) und „Der europäische und der amerikanische Traum“ (S. 289-294) verdienen in diesem Band besondere Beachtung.

Aber auch globale Entwicklungen (vgl. den Essay „Zeigt sich die Neue Welt in China?“, S. 343-350), postkoloniale Fragestellungen, bildungspolitische Neuerungen wie die Bologna-Reform oder internationale Wissenschaftsbeziehungen nimmt Lützeler in den Blick und unterstreicht damit die an jeden Wissenschaftler herangetragene Erwartung, über die Grenzen des eigenen Fachs hinauszublicken und den eigenen Horizont im Sinne einer gelebten Zeitgenossenschaft zu vergrößern und zu erweitern.

Lützelers Buch wendet sich an Germanisten, Publizisten, Literaturkritiker und Literaturliebhaber, in einem weiteren Sinne an alle Zeitgenossen, die – wie einst Hegel der Philosophie – nun der publizistischen Germanistik zutrauen und zuschreiben, sie sei „ihre Zeit in Gedanken erfasst“. Nicht zuletzt stellt der Band eine Ermutigung für den germanistischen Nachwuchs dar, den Aspekt der publizistischen Vermittlung nicht aus den Augen zu verlieren, ganz im Sinne jenes mahnenden Satzes auf dem Rückdeckel des Lützelerschen Buches: „Wenn die Forschung die Öffentlichkeit vergisst, vergisst auch die Öffentlichkeit die Forschung.“

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